19.03.2026
PAYMENT-SOUVERÄNITÄT

„Unsere Hoffnung ist ein europäisches Zahlungssystem mit mehr Händlern als Visa“

Es dauert kaum eine Sekunde: Karte oder Smartphone ans Terminal halten, ein Ton, ein Häkchen, erledigt. Bezahlen entscheidet darüber, ob Handel funktioniert, ob Dienstleistungen erbracht werden, ob Geld überhaupt zirkuliert – und diese Infrastruktur ist in Europa zu einem großen Teil nicht europäisch. Der österreichische Payment-Unternehmer Christian Pirkner versucht mit seinem System Bluecode seit Jahren, daran etwas zu ändern.
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Bluecode-CEO Christian Pirkner | (c) Bluecode International AG
Bluecode-CEO Christian Pirkner | (c) Bluecode International AG

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2026 “Kraftakt” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Solange alles stabil ist, fällt Europas Abhängigkeit kaum auf – das gilt bei Cloud-Anbietern wie bei Kreditkarten. Erst wenn geopolitische Konflikte, Sanktionen oder regulatorische Probleme auftauchen, wird sichtbar, wie stark der Zahlungsverkehr von internationalen Regelwerken abhängt. 2025 mussten brasilianische Banken nach US-Sanktionen gegen einen Höchstrichter klären, welche Auswirkungen das auf Karten und Zahlungswege haben kann, und sperrten dem Richter schließlich seine Kreditkarten. In Brasilien sorgen eigene Kartenbetreiber jedoch für eine gewisse infrastrukturelle Unabhängigkeit – ein Punkt, an dem Europa deutlich schwächer aufgestellt ist. Jedenfalls sind Zahlungssysteme längst Teil geopolitischer Macht geworden.

Europa diskutiert seit Jahren über Cloud, Chips und Datenräume. Beim Payment ist die Debatte erstaunlich leise, obwohl die Zahlen eine klare Richtung zeigen: In der Eurozone waren Ende des ersten Halbjahrs 2025 rund 879 Millionen Zahlungskarten im Umlauf, das entspricht etwa 2,5 Karten pro Einwohner:in. Gleichzeitig existieren 24,7 Millionen POS-Terminals, 93 Prozent davon kontaktlosfähig. Karten dominieren damit den bargeldlosen Zahlungsverkehr nach der Anzahl der Transaktionen mit einem Anteil von 57 Prozent. Überweisungen kommen auf 22 Prozent, Lastschriften auf 14 Prozent und E-Geld auf sechs Prozent.

Österreich bleibt ein Bargeldland, doch die Infrastruktur verschiebt sich: Kontaktloszahlen ist längst Standard, die Zahl mobiler Wallets steigt. In Österreich nahm der Anteil der Kartenzahlungen im Handel, die über mobile Endgeräte (z. B. Smartphone/Smartwatch) ausgelöst werden, laut PSA Payment Services Austria von rund 20 Prozent im Jahr 2023 auf rund ein Drittel im Jahr 2025 zu. Die Richtung ist eindeutig: Bargeld verschwindet nicht, aber der Alltag wird digital.

Viele Banken, viele Systeme, wenig Einheit

Bankenseitig ist Europa dicht besiedelt – 2024 gab es in der EU 4.834 Kreditinstitute. Parallel dazu stehen über hundert systemrelevante Bankengruppen unter direkter Aufsicht der EZB. Diese Fragmentierung spiegelt sich im Zahlungsverkehr wider.

Europa hat keine einheitliche Zahlungslandschaft, sondern nationale Inseln. In Deutschland dominiert die girocard, in Frankreich Cartes Bancaires, in Belgien Bancontact, in den Niederlanden iDEAL, in Portugal Multibanco, in den Nordics Swish oder MobilePay, in der Schweiz TWINT. Jedes System funktioniert national hervorragend, grenzüberschreitend aber oft nur eingeschränkt. Genau dort füllen internationale Schemes und Wallets die Lücke.

An diesem Punkt setzt auch Christian Pirkner an. Auf die Technologie hinter Bluecode wurde er vor vielen Jahren bei einem Startup-Pitch aufmerksam. Mit dem wachsenden Einfluss der US-Payment-Player im Hinterkopf stieg er kurz darauf ein und treibt das Unternehmen seit 2015 maßgeblich voran. So überzeugt er von der eigenen Lösung ist, so klar formuliert er auch die strukturelle Schwäche Europas: Gute Ansätze gebe es viele, sagt er, es fehle weniger an Technologie als an einem Schulterschluss. „Europa hat viele gute nationale Lösungen, aber sie enden an der Grenze. Ein Zahlungssystem funktioniert allerdings nur, wenn es überall funktioniert – sonst bleibt es ein Feature.“

Die europäische Bankenaufsicht warnt seit Jahren, dass in vielen Ländern nationale Kartensysteme verschwunden sind und internationale Anbieter dominieren. Rund zwei Drittel der Kartenzahlungen im Euroraum laufen über US-Player. Das ist kein ideologisches Problem, sondern ein Resilienzproblem: Wer keine eigenen Schienen hat, hat im Ernstfall keine Ausweichroute.

Payment ist nicht Banking

Der Unterschied zwischen Konto und Zahlungssystem wird oft unterschätzt. Das Konto gehört der Bank, die Zahlung läuft über ein Netzwerk aus Rollen und Garantien: Händlerbank, Scheme, Issuer, Clearing, Dispute-Regeln, Sanktionslisten. Wer diese Logik kontrolliert, kontrolliert auch den Zugang.

„Eine Zahlung ist eine Garantie zwischen zwei Parteien, die einander nie gesehen haben. Das ist juristisch faszinierend – und genau deshalb so mächtig“, sagt Pirkner im Gespräch mit brutkasten.

Diese Garantie entsteht nicht aus Vertrauen, sondern aus Regelwerken. Genau deshalb greifen Sanktionen und Compliance über Payment-Netzwerke so effektiv: Banken halten sich nicht aus politischer Überzeugung daran, sondern weil sie sonst vom System ausgeschlossen werden.

Die neue Macht der Wallets

Neben den Schemes sind Wallets zu Gatekeepern geworden. Wer heute mit dem Smartphone zahlt, nutzt nicht nur eine Karte in digitaler Form, sondern ein Plattform-Ökosystem. Der Zugang zu zentralen Schnittstellen, etwa dem NFC-Chip im iPhone, war lange exklusiv. Erst regulatorischer Druck hat ihn geöffnet.

Für europäische Alternativen ist das entscheidend: Ohne Zugang zu den Endgeräten bleiben sie Nischenprodukte, egal wie gut die Infrastruktur dahinter ist. Selbst mit offenen Schnittstellen bleibt die Herausforderung, dass Nutzerinnen und Nutzer das bequemste System wählen.

Ein österreichischer Versuch, das System umzudrehen

Seit mehr als einem Jahrzehnt arbeitet Unternehmer Christian Pirkner daran, genau an dieser Stelle anzusetzen. Mit Bluecode verfolgt er einen kontobasierten Ansatz, der ohne internationale Kartenschemes auskommen soll. Die Zahlung läuft direkt vom Konto, der Kunde generiert einen Code, der Händler scannt ihn oder umgekehrt.

Der Ansatz ist weniger technisch spektakulär als strukturell: Wenn die Zahlung nicht über ein Scheme läuft, entfallen Interchange-Gebühren – und ein Teil der Abhängigkeit. Gleichzeitig verschiebt sich die Logik von der Karte zum Konto.

Die größte Hürde sei nicht die Technik, sondern die Akzeptanz. Nationale Lösungen sind in Europa stark, aber enden eben oft an der Grenze. Genau dort setzt die Idee an, die Pirkner seit Jahren verfolgt und die er als „Payment-Roaming“ beschreibt.

Roaming statt Inseln

Das Prinzip ist aus der Telekommunikation bekannt – nationale Systeme bleiben bestehen, werden aber interoperabel. Ein Nutzer aus Österreich zahlt in Deutschland mit seiner Bank-App, ohne eine internationale Karte oder das System des lokalen Anbieters zu benötigen. Technisch basiert das auf Konto-zu-Konto-Zahlungen, gemeinsamen Schnittstellen und Clearing-Logiken. „Unser Ziel ist, dass ein europäischer Nutzer mit seiner Bank-App in jedem europäischen Land zahlen kann – ohne internationale Schemes im Hintergrund“, sagt Pirkner.

Quelle: Eccompay

In Asien existieren solche Verbindungen bereits: Systeme wie PromptPay, PayNow oder Alipay sind bilateral gekoppelt. Eine Wallet funktioniert im Ausland, ohne dass ein globales Scheme im Hintergrund steht. Für Europa wäre das ein Weg, nationale Stärken zu verbinden, statt sie gegeneinander laufen zu lassen.

Bluecode versucht, solche Brücken aufzubauen. Erste Verbindungen bestehen bereits zwischen europäischen und asiatischen Systemen. Die Vision ist ein Netzwerk, in dem verschiedene nationale Lösungen miteinander sprechen und gegenseitig akzeptiert werden. „Ich war wohl der erste Europäer, der in Hongkong ohne Visa oder Mastercard bezahlt hat“, erzählt Pirkner und verweist auf eine direkte Verbindung zwischen Bluecode und einem asiatischen System. Seine Zukunftsvision ist jedenfalls klar: „Unsere Hoffnung ist ein europäisches Zahlungssystem mit mehr Händlern als Visa.“

Der nächste Schritt: NFC statt QR

Bisher war Bluecode vor allem über QR- und Barcode-Logik sichtbar. Das hat zwei Nachteile: Erstens ist QR in Österreich weniger verbreitet als in Asien. Zweitens wirkt das Nutzererlebnis langsamer als kontaktloses Zahlen.

Noch im Frühjahr soll sich das nun ändern. Die Lösung wird NFC-fähig und kann an bestehenden Terminals genutzt werden, ähnlich wie eine kontaktlose Kartenzahlung. Das ist strategisch entscheidend, weil damit die bestehende Terminal-Infrastruktur genutzt wird. Rund 93 Prozent der europäischen Terminals sind kontaktlosfähig – wer dort andocken kann, ist nicht mehr auf separate Akzeptanzpunkte angewiesen.

Pirker: „Wenn wir an den bestehenden Terminals über NFC andocken, verschwindet die Hürde für den Nutzer. Dann ist es einfach eine Zahlung.“ Die Zahlung soll im Hintergrund laufen, während der Vorgang an der Kassa gleich bleibt. Für Händler:innen bedeutet das, dass keine zusätzliche Hardware nötig ist, sondern die bestehende Infrastruktur verwendet wird.

Instant Payments als Fundament

Parallel dazu baut Europa mit Instant Payments eine Infrastruktur auf, die für solche Modelle notwendig ist. Echtzeitüberweisungen sollen flächendeckend Standard werden. Damit entsteht die technische Basis für Konto-zu-Konto-Zahlungen im Handel.

Pirkner warnt jedoch davor, diese beiden Konzepte gleichzusetzen – es gebe grundlegende Unterschiede. Er sieht in Europa die Gefahr eines Trugschlusses: Einfache, direkte Zahlungswege ohne teure Zusatzsysteme wirken auf den ersten Blick attraktiv. Da ihnen jedoch wesentliche Garantien fehlen, könnten sie das Angebot an sicheren Zahlungsmöglichkeiten im Handel letztlich sogar einschränken. „Eine Überweisung ist nur ein Geldtransfer. Eine Händlerzahlung ist ein Garantiesystem mit Risiko- und Rückabwicklungslogik“, so Pirker.

Neben Bluecode versuchen auch andere europäische Initiativen, diese Lücke zu schließen – etwa die European Payments Initiative (EPI), die mit Wero eine kontobasierte Wallet aufbaut. Auf einer anderen Ebene wird zudem der digitale Euro als mögliches europäisches Ergänzungsprojekt diskutiert – auch mit dem Anspruch, Europas Zahlungsverkehr resilienter zu machen.

Die Kosten der Souveränität

Europa hat die technischen Voraussetzungen, eigene Zahlungsschienen aufzubauen – was fehlt, ist Skalierung. Händler:innen wechseln nicht freiwillig, wenn ein bestehendes System funktioniert, Banken investieren nur, wenn ein Markt entsteht; Nutzerinnen und Nutzer bleiben bei der bequemsten Lösung.

Die Zahlen zeigen, wie groß der Hebel ist: Hunderte Millionen Karten, Millionen Terminals, Tausende Banken, Dutzende nationale Systeme. Europa hat die Bausteine, aber kein gemeinsames Netzwerk.

Der Alltag an der Kassa wird sich dadurch nicht dramatisch verändern. Karte oder Smartphone werden weiterhin kurz an das Terminal gehalten. Der Unterschied liegt darunter – entweder läuft die Zahlung über fremde Schienen oder Europa baut eigene. Gesucht wird also ein europäisches Zahlungssystem, das nicht nur existiert, sondern im Alltag konkurrenzfähig ist.

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Der neue Bauteil 4 des XISTA Science Parks © XISTA

Mit dem extra eingerichteten Shuttlebus kommt man von Wien recht gemütlich bis nach Maria Gugging, dem Teil von Klosterneuburg, in dem der Campus des Institute of Science and Technology Austria (ISTA) zu Hause ist. Wo sich sonst Wohnhäuser und landwirtschaftliche Flächen abwechseln, ist ein moderner Science-Hub gewachsen, der 2024 auch von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besucht wurde. Nun wurde der dazugehörige XISTA Science Park offiziell um einen neuen Bauteil erweitert.

v.l. LAbg. Bürgermeister Christoph Kaufmann, Uli Grabenwarter (Equity Investments at European Investment Fund), ISTA-Präsident Martin Hetzer, Geschäftsführerin tecnet equity Doris Agneter, Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner, Hwst. Prälat Anton W. Höslinger, (Can.Reg, Propst des Stiftes Klosterneuburg), ecoplus Geschäftsführer Helmut Miernicki, Markus Wanko, XISTA und Superintendent Michael Simmer (Evangelische Kirche A.B. in Niederösterreich) © NLK Pfeiffer

3.000 Quadratmeter Forschungsfläche

Der von der Wirtschaftsagentur ecoplus unter der Leitung von Bernadette Schabbauer „on time und in budget“ errichtete Neubau erweitert die vermietbare Fläche um rund 3.000 Quadratmeter für Biotech- und Deep-Tech-Unternehmen. Rund 22 Millionen Euro soll die Errichtung des neuen Bauteils gekostet haben, wie auf Nachfrage von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner erwähnt wird. Damit möchte der Standort auf die steigende Nachfrage nach spezialisierten Chemie-, Zellkultur- und Mikrobiologielabors reagieren. Ein Großteil der neuen Flächen wird vorerst vom ISTA selbst beansprucht, mit dem Ziel, dort künftig bis zu vier Spinoffs unterzubringen.

„Im Kern steht die Entwicklung neuer Unternehmen aus der Forschung heraus“, erklärte Markus Wanko, Geschäftsführer von XISTA. Während das ISTA die naturwissenschaftliche Grundlagenforschung mit rund 90 Forschungsgruppen und 1.400 Mitarbeitenden abdeckt, übersetzt XISTA diese Erkenntnisse über den Science Park und den Venture-Arm XISTA Science Ventures in die Praxis.

Biotech-Startup Solgate zieht ein

Als erstes Unternehmen nutzt das Biotech-Startup Solgate die neu geschaffenen Laborflächen. Die Ausgründung des ISTA und des CeMM (Forschungszentrum für Molekulare Medizin) fokussiert sich auf die Entwicklung neuartiger Therapeutika, die gezielt auf Membran-Transportproteine wirken. Mit der Laborinfrastruktur vor Ort möchte das internationale Team unter der wissenschaftlichen Leitung von Enrico Girardi, der durch die neu bezogenen Räumlichkeiten führte, seine Pharma-Forschung direkt am Standort fortsetzen.

Laborflächen am ISTA-Gelände © ISTA

30. Investment von XISTA-Fund

Die Erweiterung fällt mit Fortschritten auf der Finanzierungsseite zusammen. Erst vor wenigen Tagen besiegelte der XISTA-Science-Venture-Fonds sein mittlerweile 30. Investment, wie Geschäftsführer Markus Wanko verrät. Genauere Details über den Deal möchte man aktuell noch nicht verraten.

Was man hingegen deutlich hervorheben möchte, ist der wirtschaftliche Hebel des Standorts. Bisher wurden laut eigenen Angaben über XISTA etwas mehr als 30 Millionen Euro in Startups investiert. „Die Unternehmen selbst haben das genutzt, um 300 Millionen Euro selbst einzuwerben. Also ich glaube, wir haben es geschafft, da ein System aufzubauen. Das funktioniert“, so Wanko über den Hebeleffekt von 1:10.

Die europäische Komponente

Unterstützt wird das Modell auch von europäischer Seite. Uli Grabenwarter vom European Investment Fund (EIF), der als Ankerinvestor bei XISTA Science Ventures Funds II fungiert, betonte: „Das Engagement des EIF spiegelt unser Vertrauen in die enge Anbindung von XISTA an führende Forschungseinrichtungen sowie in seinen langfristigen Ansatz im Deep-Tech-Bereich wider. Genau das, was Europas Innovationsökosystem braucht“.

Für das ISTA ist der Neubau ein zentraler Baustein der eigenen Translation. „Dieses Gebäude ist ein ganz essentieller Teil, dass wir eine Wirkung, die über die Forschung und die Labors hinausgeht, in die Gesellschaft hineinbringen“, hielt ISTA-Präsident Martin Hetzer fest.

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