20.03.2025
FINANZIERUNG

Turn-Motion: Wiener Startup für Orthesen erhält 1,2 Mio. Euro FFG-Förderung

Turn-Motion möchte mithilfe von künstlicher Intelligenz und 3D-Druck die Versorgung von Patient:innen, die auf Orthesen angewiesen sind, verbessern. Gründer Georg Popp hat uns erzählt, warum er sich diesem Thema angenommen hat und welche Entwicklungsschritte mit einer 1,2-Millionen-Euro-FFG-Förderung umgesetzt werden sollen.
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Georg Popp mit seinem Co-Founder Chien-hua Huang (v.r.n.l.) | Foto: Turn-Motion

Als Kind an Polio erkrankt, hörte Georg Popp immer wieder dieselbe Prognose: Er werde den Rollstuhl kaum verlassen können. Doch der heute 33-Jährige ließ sich nicht beirren. „Mir wurde gesagt, ich soll mich damit abfinden. Aber ich wollte mich frei bewegen können“, erinnert sich Popp. Tatsächlich gelang es ihm mit verschiedensten Orthesen, Operationen und Reha-Maßnahmen, seine Mobilität enorm zu verbessern. Was ihn jedoch stets begleitete: „Herkömmliche Systeme waren schwer, unhandlich und für mich nie zu 100 Prozent passend.“

Diese persönliche Erfahrung wurde zum Grundstein für Turn-Motion FlexCo, kurz Turn-Motion genannt. Das Startup mit Sitz im 9. Bezirk in Wien (offizielle Gründung 2024, operative Arbeit seit 2022) entwickelt maßgeschneiderte Orthesen, die dank KI-gestützter Algorithmen und hochmoderner Fertigungsmethoden leichter, dynamischer und biomechanisch optimiert sind. „Wir wollen eine Lösung bieten, die nicht nur unterstützt, sondern echte Bewegungsfreiheit ermöglicht – und das effizienter für alle Beteiligten“, sagt Popp gegenüber brutkasten.

Eine Plattform für mehr Bewegungsfreiheit

Orthesen sollen betroffene Körperpartien stabilisieren, Schmerzen reduzieren und das Gangbild verbessern. In der Praxis aber erfordert jede Patientin und jeder Patient eine hochindividuelle Anpassung, etwa wegen unterschiedlicher Muskelzustände, Beinlängen oder Fußfehlstellungen. „Das ist sehr zeitaufwendig und teuer“, so Popp. Turn-Motion möchte das ändern: „Wir entwickeln Orthesen mit einer revolutionären Faserstruktur, die sich nahtlos in bestehende Gelenksysteme führender Hersteller integrieren lassen.“

(c) TurnMotion

Möglich macht dies die firmeneigene Turn-Plattform mit dem sogenannten Turn-Algorithmus. „Unser USP liegt darin, dass wir dank künstlicher Intelligenz, adaptiven Design-Algorithmen und einer neuartigen 3D-Fertigungsmethode erheblich schneller und kostengünstiger produzieren können“, erklärt der Gründer. „Bis zu 15 Orthesen lassen sich in derselben Zeit anpassen und drucken, in der bisher eine einzige entsteht.“ Den Orthopädietechniker:innen soll so viel manueller Aufwand abgenommen werden – ohne auf Expertise verzichten zu müssen. 

Die Köpfe hinter Turn-Motion

Georg Popp hat Architektur an der Universität für angewandte Kunst Wien im Studio Greg Lynn studiert, wo technische Innovation laut dem Gründer stets eine „treibende Kraft“ war, um gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen. Seinen Bachelor absolvierte er an der TU Wien. In seiner Diplomarbeit beschäftigte er sich unter anderem mit Motion-Capture-Verfahren.

Und er kennt die Probleme am eigenen Körper: „Mein linkes Bein und mein rechter Fuß wurden durch eine Polio-Impfung gelähmt – ich weiß also, wie wichtig eine gut passende Orthese ist.“ Sein Co-Gründer Chien-hua Huang ist international preisgekrönter Experte für Structural Optimization und maschinelles Lernen. Er hat Algorithmen entwickelt, die komplexe Strukturen scannen und hinsichtlich Stabilität und Belastung optimieren.

Mit an Bord ist zudem Manuel Lachmayr, der frühere CTO von Revo Foods – einem österreichischen Startup, das im 3D-Druck von pflanzlichen Fischalternativen Pionierarbeit leistet. „Manuel hat die weltweit größte 3D-Lebensmittelproduktion aufgebaut“, sagt Popp. „Gemeinsam übertragen wir dieses Know-how nun auf den Orthesenbereich, um eine vollautomatisierte Fertigung zu ermöglichen.“

FFG-Förderung in Millionenhöhe

Darüber hinaus erhielt das Wiener Startup Ende 2024 eine Förderung der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) über 1,2 Millionen Euro. „Das ist ein Riesenschub für uns“, sagt Popp. „Wir können damit unsere Produktionsmaschine und Algorithmus weiterentwickeln und die nächsten Schritte Richtung Marktreife angehen.“

Dass der Ansatz von Turn-Motion auf Resonanz stößt, zeigte sich bei StageTwo in Berlin, einer der größten Startup-Challenges Europas. Hier pitchte Popp vor mehreren hundert Zuschauer:innen und sicherte sich prompt den zweithöchsten Preis – den 750.000-Euro-Redstone-Investment-Award. „Das war ein besonderer Moment. Man wird aus hunderten Startups ausgewählt und darf seine Idee auf großer Bühne präsentieren“, erzählt der Gründer. Allerdings sei das Investment noch nicht fix, da eine eingehende Prüfung (Due Diligence) bevorstehe.

Orthopädietechnik neu gedacht

Typischerweise bestellen Patient:innen Orthesen über Orthopädietechniker:innen, die dafür Gipsabdrücke anfertigen oder aufwändige Messungen durchführen müssen. Dabei sind Fachkräfte rar. „Der Beruf des Orthopädietechnikers zählt zu den am stärksten gefährdeten Berufen. Gleichzeitig steigt der Bedarf an individuellen Orthesen aufgrund des demografischen Wandels massiv“, erklärt Popp. Hier setzt Turn-Motion an: „Weniger Zeit in der Werkstatt, mehr Fokus auf Beratung und Patientenrehabilitation.“

(c) TurnMotion

Konkret werden sämtliche relevanten Daten via App erfasst: Gewicht, Körpermaße, Fußfehlstellung, Muskelstatus. Ein KI-Algorithmus kalkuliert dann die perfekte Form und Platzierung des Komposit-Materials für maximale Stabilität bei minimalem Gewicht. In kürzester Zeit kann die Orthese schließlich im 3D-Druck entstehen. „Orthopädietechniker können so statt einem Patienten im selben Zeitfenster bis zu 15 Patienten versorgen“, betont Popp.

Wir müssen diese Lücke schließen

Der Impact des Projekts ist für das Gründerteam spürbar: „Ohne neue Technologien würde ein Großteil der Menschen unterversorgt bleiben“, so Popp. „Wir streben einen Markt an, in dem nach Prognosen das Wachstum der kommenden 25 Jahre bei 100 Prozent liegt.“ Gleichzeitig veralteten die Strukturen in vielen Bereichen: lange Wartezeiten, hohe Kosten, ineffiziente Handarbeit. Turn-Motion hingegen will dem Trend entgegenwirken und die Orthesenversorgung zugänglicher machen.

Die UNO-Konferenz in Wien nutzte das Startup bereits, um sich mit Investor:innen und NGOs zu vernetzen. „Wir sind überzeugt, dass unsere Technologie auch in Regionen helfen kann, in denen die medizinische Versorgung eingeschränkt ist“, sagt Popp. Bis 2027 sollen die Algorithmen so weit ausgereift sein, dass Turn-Motion-Produkte nahtlos mit führenden Gelenksystemen kompatibel sind – und Orthesen in großem Stil „on demand“ gefertigt werden können.


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Christoph Reinwald, General Manager des Pharma-Startups Complex Pharmaceuticals | 

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 Aufbrechen erschienen.


Wenn über Innovation gesprochen wird, stehen meist Forschung, neue Technologien oder bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse im Mittelpunkt. Gerade im Life-Science-Bereich sind es häufig neue Wirkstoffe, innovative Therapieansätze oder vielversprechende Biotech-Unternehmen, die Aufmerksamkeit erzeugen. Der eigentliche Härtetest beginnt aber oft erst dann, wenn aus einer wissenschaftlichen Idee ein marktfähiges Produkt werden soll.

„Zwischen Forschung und erfolgreicher Versorgung liegt die industrielle Umsetzung – eine hochkomplexe Phase“, gibt Christoph Reinwald zu bedenken. Er ist General Manager von Complex Pharmaceuticals, einem österreichischen Pharma-Startup, das mit neuen Ansätzen zur Versorgungssicherheit und Stärkung des Wirtschaftsstandorts Europa beitragen will.

Die unterschätzte Seite der Innovation

Dabei geht es um weit mehr als Produktion im klassischen Sinn: Verpackung, Serialisierung, Dokumentation, Qualitätssicherung, regulatorische Anforderungen, Lagerung und Distribution bilden gemeinsam jene Infrastruktur, die Innovation überhaupt erst für Patient:innen verfügbar macht.

Genau an diesem Punkt stehen viele europäische Life-Science-Unternehmen vor einer zentralen Herausforderung: „Forschungskompetenz ist vorhanden, technologische Ideen ebenfalls. Doch wenn es um flexible Produktions- und Verpackungskapazitäten geht, fehlen oft geeignete Strukturen“, weiß Reinwald aus eigener Erfahrung. Der Biotechnologe mit Spezialisierung auf Qualitäts- und Risikomanagement beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den regulatorischen und industriellen Anforderungen der Pharmabranche. In leitenden Funktionen verantwortete er Entwicklungs-, Produktions- und Qualitätsprozesse entlang der pharmazeutischen Wertschöpfungskette. Als Qualified Person gemäß EU-GMP-Richtlinie kennt er die Herausforderungen, die zwischen wissenschaftlicher Innovation und industrieller Umsetzung liegen, aus erster Hand.

Complex Pharmaceuticals macht vor, wie Innovation Gestalt annehmen kann: Im Logistik Park Tribus in Traiskirchen entwickelt das Unternehmen einen pharmazeutischen Zukunftshub. | © Propel Industries

Warum die Industrie neue Modelle braucht

Während viele industrielle Systeme auf große Produktionsmengen ausgelegt wurden, verändert sich die Branche zunehmend. Spezialisierte Therapien und Produkte, kleinere Chargengrößen und klinische Studien erfordern neue Produktionslogiken. „Gefragt sind heute Produktionssysteme, die schnell skalieren können, kurze Umrüstzeiten ermöglichen und unterschiedlichste Anforderungen des Marktes wirtschaftlich abbilden“, so Reinwald.

Infrastruktur als Innovationsmotor

Genau hier setzt er mit seinem Unternehmen Complex Pharmaceuticals an. In Traiskirchen, südlich von Wien, wird derzeit ein hochmodernes Produktions- und Verpackungszentrum für die pharmazeutische Industrie aufgebaut. Ziel ist es, flexible Kapazitäten für unterschiedliche Marktanforderungen bereitzustellen – von Klein- und Kleinstchargen bis hin zu kommerziellen Produktionsvolumina. Dabei versteht sich das Unternehmen nicht nur als Produktionsdienstleister, sondern als Teil eines größeren Ökosystems.

Denn die beste wissenschaftliche Idee bleibt wirkungslos, wenn sie nicht effizient produziert, verpackt und verteilt werden kann. Wettbewerbsfähigkeit entsteht heute entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Forschung bis zur Auslieferung. Daher braucht erfolgreiche Innovation laut Reinwald die richtige Infrastruktur.

Complex Pharmaceuticals reagiert auf die steigende Nachfrage nach regionalen pharmazeutischen Dienstleistungen und verdoppelt seine Werksfläche in Traiskirchen. Seit August, ein halbes Jahr vor Start des Vollbetriebs, werden Produktion und Verpackung nun auch mit zusätzlichen Lagerflächen ergänzt. | © Complex Pharmaceuticals/APA-Fotoservice/Ben Leitner

Wo Innovation Gestalt annimmt

Aus diesem Grund investiert Complex Pharmaceuticals bereits vor dem Produktionsstart Anfang 2027 in den weiteren Ausbau seines Standorts. Die Gesamtfläche wurde auf 15.200 Quadratmeter erweitert und damit beinahe verdoppelt. Neben den bereits vorhandenen Produktionskapazitäten bilden zusätzliche Lagerflächen sowie Infrastruktur für zukünftige Projekte die Grundlage für umfassende pharmazeutische Services.

Die Investition folgt dabei der Überzeugung, dass Europa nicht nur Forschungsexzellenz braucht, sondern auch die Fähigkeit, Innovationen industriell umzusetzen. Gerade Österreich bietet laut Reinwald dafür ideale Voraussetzungen: Universitäten, Forschungszentren, Startups und etablierte Industrieunternehmen bilden ein starkes Netzwerk. Werden diese Kompetenzen durch moderne Produktionsstrukturen ergänzt, entsteht ein Umfeld, in dem Innovation nicht nur gedeihen, sondern auch erfolgreich skaliert werden kann.

Für den Standort Traiskirchen bedeutet das eine langfristige Perspektive: Bis 2028 entstehen mehr als 60 neue Arbeitsplätze, gleichzeitig wird in Automatisierung, Digitalisierung und eine nachhaltige Gebäudetechnik investiert.

Von Science zu Business

Die eigentliche Bedeutung solcher Projekte reicht jedoch weit über einen einzelnen Standort hinaus. Sie zeigen, dass erfolgreiche Innovation nicht nur durch Forschung entsteht; sie entsteht dort, wo wissenschaftliche Erkenntnisse, unternehmerischer Mut und industrielle Umsetzung zusammenkommen. Oder anders gesagt: Der Weg von Science zu Business führt nicht nur durch das Labor, sondern auch durch die Fabrik.


Infobox:
Complex Pharmaceuticals ist ein 2024 gegründetes Pharmaunternehmen mit Sitz in Wien und einem Produktions- und Verpackungszentrum in Traiskirchen. Mit seinem Fokus auf hochflexible Sekundärverpackung können unterschiedlichste Chargengrößen effizient und exakt hergestellt werden. So trägt das Unternehmen zur Versorgungssicherheit und Stärkung des Produktionsstandorts Europa bei.
www.complex-pharma.com

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