15.12.2025
GASTKOMMENTAR

Treibstoff für die Transformation: Corporate Venturing für ein innovationsstarkes Europa

Im Gastkommentar im Rahmen der brutkasten-Serie "Corporate Venturing" argumentiert VERBUND-CEO Michael Strugl, warum Corporate Venturing zum Hebel für das europäische Innovationsökosystem werden kann.
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VERBUND-CEO Michael Strugl | (c) Porträt: Josef M. Fallnhauser / VERBUND
VERBUND-CEO Michael Strugl | (c) Porträt: Josef M. Fallnhauser / VERBUND

Die brutkasten-Serie „Corporate Venturing“ is powered by AKELARaiffeisen Bank International AGUNIQA Insurance GroupMavie NextVERBUNDwhataventure — New business. Powered by entrepreneurs. und Wien Energie GmbH.

Als CEO von VERBUND beobachte ich mit großem Interesse, wie sich die Energiebranche weltweit in einem der tiefgreifendsten Umbrüche ihrer Geschichte befindet. Diese Transformation wird nicht primär durch traditionelle Investments, sondern durch Innovationen, neue Geschäftsmodelle und disruptive Technologien vorangetrieben. Corporate Venturing spielt dabei eine Schlüsselrolle – gerade für Energieunternehmen.

In Europa scheitert es an der Skalierung

Europa hat exzellente wissenschaftliche Grundlagen und Engineering-Expertise. Wir entwickeln mehr als ein Fünftel der global benötigten nachhaltigen Technologien. Dennoch klafft eine Innovationslücke: Im internationalen Vergleich fehlt es uns an Geschwindigkeit und Skalierungskraft. Zu viele gute Ideen bleiben in Forschungslaboren oder in frühen Inkubationsphasen stecken. Nur ein geringer Anteil der weltweiten Scaleups entsteht in der EU, ein Drittel unserer vielversprechenden Gründer wandert ins Ausland ab – oft weil Wachstumskapital und ein risikobereites Umfeld fehlen.

Umfassendes Corporate Venturing als Hebel für Energieunternehmen

Hier kommen Energieunternehmen ins Spiel. Corporate Venturing verbindet die Stärken der Industrie – Marktzugang, operative Kompetenzen, Kapital – mit den Stärken junger Unternehmen: Agilität, Experimentierfreude, radikale Innovationsansätze. Bei VERBUND verfolgen wir genau deshalb eine gesamthafte Corporate Venturing Strategie.

Eines unserer Schlüsselinstrumente ist der VERBUND X Accelerator, eine der führenden Co-Creation-Plattformen in Europa, die seit fünf Jahren Startups, Scaleups und Branchenführer:innen zusammenbringt, um innovative Lösungen für die Herausforderungen der Energietransformation zu entwickeln. Durch dieses Format werden neue Technologien evaluiert und nach erfolgreicher Pilotierung in das Kerngeschäft von VERBUND integriert. Im Jahr 2025 wurden über diese Plattform vier Pilot-Projekte erfolgreich durchgeführt. Mehr als zehn Partner:innen waren 2025 aktiv am Programm beteiligt. 

Darüber hinaus haben wir vor drei Jahren VERBUND X Ventures gegründet und investieren gezielt in spätere Seed- und Series-A-Runden und schaffen so ein Portfolio entlang unserer Wertschöpfungskette. Das hat zwei Effekte: Erstens werden vielversprechende Technologien schneller marktfähig; zweitens fungieren solche Investments als Radar – sie sind ein Frühwarnsystem, das Trends und Disruptionen für uns sichtbar macht. 

Unser Portfolio umfasst derzeit neun Startup-Beteiligungen, ein Investment in Vireo Ventures sowie das Joint Venture TTTech Zyne. Unlängst hat VERBUND X Ventures in das schwedische Startup, Qurrent, investiert. Es entwickelt eine KI-basierte Plattform, die dezentrale Energieanlagen – etwa Photovoltaiksysteme, Batteriespeicher oder Steuerungseinheiten – intelligent vernetzt und in Echtzeit optimiert. Dadurch können diese Anlagen aktiv an Energiemärkten teilnehmen, etwa im Intradayhandel, in der Regelleistung oder für Netzdienstleistungen.

Mit unseren Beteiligungen können wir nicht nur technologische Entwicklungen beschleunigen, sondern auch direkte Anwendungspotenziale für das Kerngeschäft von VERBUND schaffen.

Es ist alles eine Frage des Ökosystems

Erfolgreiches Corporate Venturing ist mehr als Kapitalbereitstellung. Es braucht echte Kooperationen: Proof-of-Concepts, gemeinsame Entwicklungsprojekte mit Universitäten und Forschungseinrichtungen, klare Verwertungswege für IP und den Mut, auch mal Risiken einzugehen. Unser gemeinsames Christian-Doppler-Labor mit der TU Wien, in dem an der Weiterentwicklung einer Sauerstoff-Ionen-Batterie gearbeitet wird, ist dafür ein Beispiel. 

Das Energy Launchpad, unsere neue Initiative, vereint führende Universitäten, Startup-Ökosysteme und Energieunternehmen aus dem gesamten DACH-Raum. Aus jedem Land ist je eine Spitzenuniversität und ein führendes Energieunternehmen vertreten. Ziel des Energy Launchpad ist es, Startups, Forschung und Industrie über Ländergrenzen hinweg zu vernetzen und gemeinsam skalierbare Lösungen für die Energietransformation schneller Realität werden zu lassen.

Es ist essentiell, dass Universitäten Spinoffs stärker fördern und professionelle Einheiten für IP-Vermarktung aufbauen – dort liegt enormes ungenutztes Potenzial.

Jetzt handeln für Europas Innovationsführerschaft

Mein Appell an Industrie, Forschung und Politik: Nutzen wir die Chance, die der Umbau des Energiesystems bietet. Corporate Venturing kann dabei ein entscheidender Hebel sein, um technologische Durchbrüche zu skalieren, Wertschöpfung in Europa zu halten und neue Märkte zu erschließen. VERBUND wird seinen Beitrag leisten – durch Investitionen und enge Kooperationen mit Forschung, Startups und Industrie. Aber allein schaffen wir es nicht. Wir brauchen ein gemeinsames, entschlossenes Handeln, mehr Mut zum Risiko und eine Infrastruktur, die Innovationen nicht nur hervorbringt, sondern auch zur Marktreife führt.

Wenn wir diese Hebel zusammendenken, kann Europa nicht nur mithalten – wir können in vielen Bereichen sogar die globale Vorreiterrolle übernehmen. Dafür lohnt es sich, jetzt aktiv zu werden. 

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Lilly Eichinger, Gründerin und CEO von Satellives: Der erste Flug ihres modularen Satelliten ist für Q1 2029 geplant. | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Wer heute im All etwas anderes vorhat als Erdbeobachtung oder Kommunikation, stößt schnell an eine Wand. „Wenn du irgendetwas im All machen willst, egal ob Experimente, Manufacturing, Datenspeicherung oder eine Plattform für Quantenkommunikation, dann hast du keine Infrastruktur“, sagt Lilly Eichinger, Gründerin und CEO von Satellives. „Es gibt kaum Plattformanbieter.“ Bisher führe der Weg für solche Missionen im Wesentlichen über die ISS. Deren Betrieb soll 2030 enden, kommerzielle Nachfolgestationen sind in Entwicklung, aber noch keine im Regelbetrieb.

In diese Lücke will das Tullner Startup. Der Ausgangspunkt war das Ergänzungsstudium Extended Studies on Innovation am Innovation Incubation Center (i²c) der TU Wien, wo Eichinger die Idee entwickelte. Kunst und Philosophie hatte sie vor ihrem Physik- und Architekturstudium in Wien studiert.

Der Leporello-Satellit

Das Produkt ist ein flacher Satellit, der aus einzelnen Einheiten besteht: den Tiles, jede fünf Zentimeter hoch und etwa so groß wie eine Pizzaschachtel. „Es sieht aus wie Kacheln, im Grunde wie Solarpaneele, die sich im Orbit entfalten“, sagt sie. „Aber es sind keine Solarpaneele. Es sind voll funktionsfähige Satelliten.“

Der Kniff steckt im Scharnier. Die Einheiten sind verbunden und übereinander gestapelt, ähnlich einem Leporello. Gestapelt passen sie in einen handelsüblichen CubeSat-Dispenser, was die Startkosten drückt. Im Orbit entfalten sie sich zu einer langen Kette: „Wir nennen sie Mosaics Satellites.“

Ein Mosaic von Satellives | (c) Satellives

Der technische Kernclaim betrifft Energie. Pro Einheit könne man bei gleichem Gewicht viermal so viel Energie speichern wie ein durchschnittlicher CubeSat, sagt Eichinger. Der Wert beruht auf eigenen Berechnungen und ist im Flug nicht demonstriert. „Das Einzige, was es im All unbegrenzt gibt, ist Energie.“ Nur lasse sie sich kaum nutzen: Bei CubeSats sei nicht das Einsammeln das Problem, sondern der fehlende Platz für Batterien. Wer energiehungrige Missionen fliegen wolle, habe deshalb nur schlechte Optionen. „Entweder du baust einen 50-Millionen-Dollar-Satelliten, was fast niemand kann, oder du kannst es nicht.“

Dazu kommt Modularität. „Die meisten Satelliten sind One-Trick-Ponys“, sagt Eichinger. An die Plattform lassen sich dagegen Produktionsboxen andocken. Zwei Tiles würden nach ihrer Rechnung reichen, um einen kleinen 3D-Drucker dauerhaft zu versorgen und gleichzeitig als Plattform für Quantenkommunikation oder Datenspeicherung zu dienen.

Flache Satelliten an sich sind nicht neu, das räumt Eichinger ein: Starlink stapelt sie längst, weil sich so Startkosten sparen lassen. Neu sei die Kombination aus flachem Formfaktor und echter Modularität. Das Patent dafür ist nach ihren Angaben bei der WIPO und in Österreich angemeldet, zunächst bewusst auf ihren Namen und nicht auf die Gesellschaft. Ende Juli wurde es an die Gesellschaft übertragen. Ab einem gewissen Punkt, sagt sie, mache staatsnahe oder fremdgehaltene IP ein Unternehmen für Investor:innen unattraktiv.

Gegen den Hype

Rechenzentren im Orbit sind für Satellives selbst ein Zielmarkt. Beim Hype darum bremst Eichinger trotzdem. „Alle sagen: Bringt die Datenspeicher ins All, dort ist es kalt. So funktioniert das nicht.“ Kühlung sei auch oben nötig. Wäre das der einzige Punkt, sagt sie, bräuchte es den Orbit gar nicht: „Warum bringt man die Daten dann nicht in die Arktis? Dort kann man sie kühlen.“ Der größte Engpass sei das Wärmemanagement: Im Vakuum lasse sich ein Rechenzentrum nur schwer kühlen. Dazu kämen Verarbeitung und Downlink per Laserkommunikation, beides brauche kontinuierlich hohe Energie. Ein riesiges und künftig sehr relevantes Geschäftsfeld sei es dennoch.

Satellives-Gründerin Lilly Eichinger im Gespräch mit brutkasten-Chefredakteur Martin Pacher. (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Verglühen lassen will sie nichts. „Wir planen, zu 100 Prozent nachhaltig zu operieren.“ Der übliche Wiedereintritt am Missionsende erzeuge giftige Gase. „Okay, nicht ein einzelner CubeSat. Aber wenn es eine Million sind oder zehntausend im Jahr, dann summiert sich das.“ Beschädigte Tiles sollen stattdessen über einen Reentry-Service zurückkommen und recycelt werden.

Kapitalbedarf

Firmensitz ist Tulln, weil Satellives über das AplusB-Scale-up-Programm vom accent Inkubator begleitet wird, bis Ende Januar 2027. Das Headquarter soll langfristig in Wien liegen. Das Kernteam umfasst laut Website vier Personen: neben Eichinger als CEO ein Technical Co-Founder, ein Operations Co-Founder und eine weitere Person im Bereich Operations.

Der Kapitalbedarf: rund 1,6 Millionen Euro für 18 Monate. Die Hälfte davon soll aus Förderungen und von Business Angels kommen. „Wir arbeiten da gerade wirklich zehn Stunden am Tag dran“, sagt Eichinger. Erst mit dem Geld könne man Ingenieur:innen einstellen und vom Prototyping in den echten Bau wechseln. Dazu sucht das Startup 25.000 bis 50.000 Euro für die Patentanmeldung in weiteren Ländern.

Das Ziel: zwei Einheiten, erste On-Orbit-Demonstration in Q1 2029, die bereits Pilotkund:innen bedienen soll. Das Fernziel formuliert sie größer. „Österreich kann für Space das werden, was Estland für die Digitalisierung ist. Es ist ein kleines Land, niemand hätte erwartet, dass Estland zum digitalen Hub wird. Aber sie sind es geworden, und sie rocken es.“

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