26.03.2026
UMSTRITTEN

Tractive-Exit: Was hinter dem italienischen Käufer Bending Spoons steckt

Mit der Übernahme des oberösterreichischen PetTech-Scaleups Tractive durch Bending Spoons ist nun eingetreten, was in der Startup-Szene seit Monaten spekuliert wurde. Der Exit reiht sich in eine seltene Kategorie großvolumiger Deals in Österreich ein und bringt gleichzeitig einen Käufer ins Spiel, der europaweit für eine ebenso erfolgreiche wie umstrittene Strategie bekannt ist.
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Das Bending-Spoons-Büro in Milan. | © Bending Spoons

Der Verkauf von Tractive bewegt sich in einer Dimension, die in Österreich bislang nur wenige Startups erreicht haben. Lange galt has·to·be als Maßstab: Das E-Mobilitätsunternehmen wurde 2021 für 250 Millionen Euro von ChargePoint übernommen (brutkasten berichtete). Weitere prominente Beispiele sind Runtastic (2015 für rund 220 Millionen Euro an Adidas), Shpock (ebenfalls 2015 an Schibsted) sowie mySugr (2017 an Roche).

Auch in jüngerer Zeit sorgten große Deals für Aufmerksamkeit: 2024 übernahm Novo Holdings mit 60 Prozent die Mehrheit an dem Kufsteiner Scaleup Single Use Support (brutkasten berichtete). Hier war mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass es sich um einen der größten Deals der österreichischen Startup-Geschichte handelte und der Kaufpreis im mittleren neunstelligen Bereich lag. Auch der Tractive-Exit könnte mit laut Branchen-Schätzungen in diesem Bereich liegen (brutkasten berichtete).

Das „Playbook“: Kaufen, umbauen, skalieren

Hinter dem Käufer steht ein europäischer Tech-Riese mit einer ungewöhnlichen DNA. Das 2013 gegründete Unternehmen mit Sitz in Mailand hat sich darauf spezialisiert, digitale Produkte zu übernehmen und anschließend tiefgreifend zu optimieren. Das Unternehmen gehört zu den wenigen italienischen Unicorns und ist laut Schätzungen mehrere Milliarden Euro wert.

Zum Portfolio von Bending Spoons zählen mittlerweile mehr als 100 Produkte und zahlreiche internationale Plattformen. Zu den bekanntesten Übernahmen zählen etwa Vimeo, AOL, WeTransfer sowie Evernote.

Allein 2025 sorgten zwei große Deals für Aufmerksamkeit: Vimeo wurde für rund 1,4 Milliarden Dollar übernommen, AOL für rund 1,5 Milliarden Dollar. Insgesamt erreicht Bending Spoons laut eigenen Angaben über eine Milliarde registrierte Nutzer und mehr als 400 Millionen monatlich aktive User.

„Seit 2014 erwerben wir digitale Produkte. Nicht, um sie weiterzuverkaufen, sondern um sie langfristig zu besitzen und zu führen“, heißt es vonseiten des Unternehmens. Und weiter: „Wir führen etablierte Produkte mit dem Ehrgeiz, der Agilität und der Dringlichkeit eines Startups.“

Hinter Bending Spoons steckt Co-Founder und CEO Luca Ferrari. Nach einem gescheiterten eigenen Startup entschieden sich er und sein Co-Founder für ein Modell, das eher an eine Mischung aus Tech-Konzern und Investmentvehikel erinnert. Ferrari selbst formuliert es in einem Sifted-Interview aus 2024 so: „Unser Ziel ist es, mit dieser Strategie eines der bedeutendsten Technologieunternehmen der Welt aufzubauen – man könnte sagen, es ist so, als hätten Berkshire Hathaway und Google ein gemeinsames Kind.“

Kritik: Effizienz mit Nebenwirkungen?

So erfolgreich die Strategie wirtschaftlich ist, so umstritten ist sie operativ. Bending Spoons ist bekannt für tiefgreifende Einschnitte nach Übernahmen. Bei vielen Akquisitionen kam es kurz darauf zu massiven Kündigungen. Beim Notiz-App-Anbieter Evernote wurde 2023 nahezu die gesamte Belegschaft abgebaut und der Betrieb nach Mailand verlagert. Bei der Übernahme der deutschen Outdoor-App Komoott im März 2025 wurden laut Berichten etwa drei Viertel der Mitarbeitenden gekündigt. Bei WeTransfer waren es rund 75 Prozent der Belegschaft.

Auch Nutzer:innen äußern Kritik: In Foren und sozialen Medien (z.B. Reddit) wird häufig über steigende Abo-Preise und Funktionskürzungen bei übernommenen Apps diskutiert – etwa bei Filmic oder Evernote. Kritiker:innen werfen dem Unternehmen vor, bei vergangenen Übernahmen teilweise stärker auf Effizienz und Monetarisierung als auf die langfristige Produktentwicklung zu setzen.

Die Logik hinter der Strategie

Ferrari selbst verteidigt die harte Linie offen in verschiedenen Interviews. Im Podcast „Invest Like the Best“ mit Patrick O’Shaughnessy argumentiert er, dass es unternehmerisch notwendig sei, drastische Entscheidungen zu treffen. Ein Produkt zu besitzen bedeute Verantwortung dafür, dass es in 20 Jahren noch existiert. Es sei „grausam“, ein Unternehmen langsam sterben zu lassen, statt es einmal konsequent zu sanieren.

Ein Beispiel für diese Logik ist Evernote: Innerhalb eines Jahres wurde das Unternehmen laut Sifted-Interview in die Gewinnzone geführt – allerdings um den Preis eines nahezu vollständigen Personalabbaus und einer stärkeren Monetarisierung durch kostenpflichtige Abos.

Was bedeutet das für Tractive?

Wie sich die Übernahme durch Bending Spoons auf Tractive auswirken wird, wird man in naher Zukunft beobachten können. Ferrari kommentierte den Deal wie folgt: „Wir beabsichtigen, langfristig erheblich in Tractive zu investieren – indem wir seine Gesundheits- und Sicherheitsfunktionen ausbauen [und] Geräte der nächsten Generation entwickeln.“

Klar ist, dass Bending Spoons Kapital, einen klaren Fokus auf Produktoptimierung und jahrelange Erfahrung in der Skalierung von Unternehmen einbringen wird. Der Tractive-Exit markiert nicht nur einen Meilenstein für die österreichische Startup-Szene, sondern auch den Eintritt eines der derzeit aktivsten Tech-Käufer Europas in den heimischen Markt.

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Erste Räume wurden in der Fabriksgasse bereits finalisiert. (c) Bern.Dorf Life

Dorf trifft Fabrik. Das fasst die Vision von Bern.Dorf zusammen, ein Startup-Hub, der gerade in Mödling entsteht. Gemeinsam mit Claudia Descovich und Gerda Ehrlich-Ratzinger von der Berndorf Immobilien AG setzt Chris Müller als Projektentwickler von CMb.industries ein neues Projekt für einen innovativen Standort in Österreich um. In der Fabriksgasse in Mödling sollen ehemalige Industriehallen und Werkstätten Visionäre und Entrepreneure anziehen.

Auf einem Areal von 18.000 m² gibt es 7400 m² Hallen sowie Werkstätten-Fläche und 5.200 m² Bürofläche. Die Räume kann man tageweise, wochenweise oder permanent nutzen. Der Standort soll vor allem durch seine Nähe zu Wien und durch seine Werkstätten punkten.

Deckenkräne und Industriehallen

In dem Alt-Trakt der Anlage, der jetzt neu gestaltet wird, hatte zuletzt die Firma Aichelin ihre Werkstätten, die für Industrieofenbau bekannt ist. Nachdem sie ihre Produktion verlagert hatten, stellte sich Müller gemeinsam mit der Berndorf Immobilien AG die Frage, wie man die Produktionshallen am besten nutzen könnte. „Man kann diese Orte mit neuer Entrepreneur- und Startup-Energie füllen. Man hat die Möglichkeiten etwas zu bauen, zu schrauben und etwas zu produzieren“, hebt Müller den Standort hervor. Durch die Deckenhöhen, die Industriehallen und die Werkstätten könnten Produkte nicht nur entworfen, sondern auch hier gebaut werden. Müller sieht hier den größten Unterschied zu anderen Hubs oder Working-Spaces.

In Ofen.Tor wurden die großen Industrieöfen einst gefertigt. Heute kann hier Büro- und praktische Arbeit verknüpft werden. (c) Bern.Dorf

Von Wärme.Schmiede bis Blech.Insel

Die Namensgebung der Hallen und Räume im Bern.Dorf lehnt sich immer an die jeweilige Historie des Raums an. „Einer meiner Lieblingsräume ist „Good Lack“, der ehemalige Lackierraum in der Fabrik. Man kann diesen Raum nach wie vor als Lackierraum verwenden, also man kann auch direkt was schaffen“, fasst Müller seine Gedanken zur Namengebung der Räume zusammen.

Der Name ist Programm

Umgesetzt wird das Projekt gemeinsam mit der Berndorf Immobilien AG, der das Grundstück gehört. Durch den Namen Berndorf und dem ehemaligen Fabriksgebäude wurde die Idee geschaffen, einen hybriden Ort mit Fabrik und Dorf zu gestalten.

„Es gibt einen Dorfbrunnen, es wird einen Dorfwirt geben. Sogar eine kleine Kirche und Sportmöglichkeiten werden vorhanden sein. Also all das, was man von einem Dorf kennt, soll sich widerspiegeln, das ist die Entwicklungsidee“, so Müller.

Wie auch in einem Dorf, steht für Müller der Zusammenhalt der einzelnen Mieter im Vordergrund. „Dieser Ort soll wie eine Fabrik funktionieren und diese Fabrik soll wie ein Ort funktionieren“, hebt er die Idee der Zusammenarbeit hervor.

Die Vision von Bern.Dorf (c) Bern.Dorf

Jüngstes Projekt von Chris Müller

Chris Müller wurde in der Szene vor allem durch sein Projekt der Linzer Tabakfabrik bekannt, zuletzt berichtete brutkasten auch über sein Projekt des Startup-Hubs in einem ehemaligen Gefängnis in Steyr. Als Founder und CEO von CMb.industries entwickelt, managt und investiert Müller regelmäßig in Orte, Räume, Stadtteile und Immobilien, um innovative Begegnungszonen zu schaffen.

Gerade wird der Neubau in der Fabriksgasse errichtet, der nach Angaben von Müller noch in diesem Jahr fertig werden soll. Im Sommer wird der Innenhof gestaltet. Erste Mieter sind bereits eingezogen, bei Interesse kann man sich hier melden.

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