05.09.2025
PSYCHEDELIKA

Thomas Primus: „Es geht um den Mut, sich selbst wieder zu spüren“

2022 nahm FoodNotify-Gründer Thomas Primus zum ersten Mal Ayahuasca – einen psychedelisch wirkenden Pflanzentee. Damit begann die vielleicht schwierigste Reise seines Lebens: die zu sich selbst. Was in dieser Nacht passierte, veränderte seinen Blick auf Erfolg, Führung und das Leben. Doch was als spirituelle Heilung beginnt, kann auch Risiken bergen – besonders, wenn psychedelische Substanzen als schnelle Lösung für tiefer­liegende Probleme gesehen werden.
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Thomas Primus ist Gründer und CEO des Wiener Startups FoodNotify. | © Elena Kipriotis

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Factbox der Suchthilfe Wien: Was ist Ayahuasca?

Ayahuasca beschreibt eine aus Pflanzen hergestellte Zubereitung. Die psychoaktive Wirkung wird dabei durch eine Kombination des Wirkstoffs DMT (N,N-Dimethyltryptamin) mit einem Monoaminoxidase-Hemmer erzeugt. ******************************************************************* Der Wirkstoff DMT ist ein Halluzinogen, das starke Veränderungen der (Sinnes-)Wahrnehmung bewirken kann. Diese können sein: schnelle Abfolgen von verschiedensten Emotionen in einem kurzen Zeitraum, Veränderung der „Ich-Wahrnehmung“ und des Körperbewusstseins; auch akustische und haptische Halluzinationen können auftreten. ******************************************************************* Bei oraler Einnahme kann sich die Wirkdauer auf bis zu acht Stunden erstrecken. Die Wahrscheinlichkeit, eine körperliche oder psychische Abhängigkeit von DMT zu entwickeln, ist sehr gering. Substanzkonsum ist jedoch niemals risikofrei, so auch nicht der von Ayahuasca.

Die Nervosität sitzt tief im ganzen Körper, als er sich gegen 18 Uhr auf den Weg zur Zeremonie macht. Rund 80 Menschen gehen mit ihm – jung und alt, aus verschiedenen Ländern, mit unterschiedlichen Geschichten. Begleitet werden sie von Schamanen. Nach einer Weile erreichen sie den Ort: mitten in der Natur, unter freiem Himmel. Der Vollmond macht die Nacht nahezu magisch. Die Zeremonie beginnt mit Musik, Icaros-Gesängen und Ritualen. Die Stimmung ist energiegeladen und offen. Drei Mal trinkt er den Tee – ein Gemisch aus halluzinogenen Pflanzen. Gegen vier Uhr morgens ist es vorbei. Was in den zehn Stunden passiert, verändert das Leben von Thomas Primus.

Der Tee ist besser bekannt als Ayahuasca. In den Urwäldern Südamerikas wird das psychedelisch wirkende Gebräu seit Jahrhunderten als Teil spiritueller Praktiken genutzt. Von den Schamanen wird es als eine Art Transmitter zu einer übernatürlichen Dimension verstanden. Die Einnahme von Ayahuasca wird oft von intensiven körperlichen und psychischen Reaktionen begleitet; Übelkeit und Erbrechen gehören meistens dazu. In Österreich ist der reine Wirkstoff DMT (N,N-Dimethyltryptamin) verboten und fällt unter das Suchtmittelgesetz. Die DMT-Pflanzen, aus denen Ayahuasca gebraut wird, sind rechtlich jedoch nicht erfasst, wie die Suchthilfe Wien bestätigt. Gleichzeitig rückt die Substanz zunehmend ins Interesse der Wissenschaft: Forscher:innen untersuchen, ob und wie psychedelische Mittel in der Therapie von Depressionen, Traumata oder Sucht hilfreich sein können.

Für Thomas Primus ist Ayahuasca vor allem eines: eine persönliche Erfahrung; eine Tür, durch die er gegangen ist, hin zu mehr Nähe zu sich selbst, aber auch eine Erfahrung, die Vorbereitung, Begleitung und Reflexion verlangt. „Es ist nur ein Weg von vielen“, betont er. Jeder Mensch müsse für sich selbst entscheiden, welcher Weg der richtige sei – und dies sei lediglich seine persönliche Geschichte.

Die Anfänge im Silicon Valley

2013 gründete Primus sein Wiener Startup FoodNotify – eine Management-Plattform, die gastronomische Betriebe und Hotellerie dabei unterstützt, ihre Prozesse rund um Einkauf, Lagerhaltung, Menüplanung, Personal, Kalkulation und Service effizient zu steuern und zu optimieren. Seither führt er das Unternehmen als CEO. So wie die meisten Startups durchlebte auch FoodNotify Höhen und Tiefen: Im Dezember 2022 stand das Unternehmen kurz vor dem Aus und musste Insolvenz anmelden. Der finanzielle Druck war zu groß. „Ich war innerlich unzufrieden. Es fühlte sich an, als würde ich alles tragen, und gleichzeitig spürte ich eine wachsende Distanz zu mir selbst“, erinnert sich der Geschäftsführer.

Seit 2013 führt Thomas Primus sein Unternehmen als Geschäftsführer. | © Elena Kipriotis

Damals war er im Silicon Valley unterwegs. Er sprach mit vielen Unternehmer:innen, die von spirituellen Praktiken und Erfahrungen mit psychoaktiven Substanzen berichteten. „Auch wenn ich damals mit vielen Aussagen noch wenig anfangen konnte, hat sich bei mir etwas bewegt: die Erkenntnis erwachte, dass viele Antworten vielleicht nicht im Außen liegen, sondern in einem selbst“, erzählt Primus. Es war für ihn der Beginn einer Reise zu sich selbst. Als er zurück in Österreich war, kam durch eine Vertrauensperson schließlich der Impuls, Ayahuasca auszuprobieren. „Ich hatte keine konkreten Erwartungen“, sagt er. 2022 nahm er an seiner ersten Zeremonie in Portugal teil.

Blinde Flecken

Nachdem er die erste Dosis Ayahuasca getrunken hatte, dauerte es etwa eine Dreiviertelstunde, bis sich die Wirkung bei ihm bemerkbar machte. „Körperlich war spürbar, dass mein Zustand verändert war – aber nicht im Sinne eines Rauschs. Ich war ganz bei mir, ganz offen. Es ist ein Raum, der sich öffnet, in dem man plötzlich Zugang zu Erinnerungen, Mustern und inneren Dynamiken bekommt, die man im Alltag nicht wahrnimmt“, erzählt Primus. Er ging mit einer klaren Absicht in die Zeremonie: „Ich wollte meine blinden Flecken sehen – also die Teile von mir, die ich selbst nicht erkenne.“

Im Lauf der Nacht konnte er sich selbst wie von außen beobachten. Erinnerungen aus der Kindheit, aus familiären Situationen, aus Konflikten tauchten auf. „Und ich konnte sehen, wie ich teilweise gehandelt habe, wie ich Menschen verletzt habe – ohne es zu wollen. Das war konfrontierend. Aber es war auch befreiend“, sagt Primus. „Das hat unglaublich viel aufgelöst. Ich habe gelernt, dass ich nicht der Mensch bleiben muss, der ich einmal war. Und das ist für mich das Kraftvollste an dieser Erfahrung: Sie verändert die Sicht auf sich selbst“, so Primus. Drei Jahre nach seiner ersten Ayahuasca-Zeremonie beschreibt er diesen Moment als Wendepunkt in seinem Leben.

Die Suchthilfe Wien betont, dass es beim Konsum von DMT – wie bei allen Halluzinogenen – „zu sehr intensiven, für manche Menschen sogar spirituellen Erfahrungen“ kommen kann. „Das Ich-Empfinden kann sich so weit verändern, dass die subjektiven Grenzen der eigenen Person verschwimmen. Das kann sich in einem Gefühl der starken Verbundenheit mit der Welt und den Menschen äußern, aber auch Angst machen.“ Die Wirkung sei stark abhängig von der körperlichen und seelischen Tagesverfassung sowie von der Konsumsituation.

Zwischen Schmerz und Heilung

Zehn Stunden, in denen sich Thomas Primus wie in einer anderen Dimension fühlte, endeten im Morgengrauen. Was blieb, fühlte sich für ihn an wie ein tiefes Gefühl der Erleichterung. „Ich vergleiche das mit einer Wunde, die endlich gesehen und versorgt wird: Der Schmerz ist noch spürbar, ja – aber man weiß, jetzt beginnt die Heilung. Und das fühlt sich unglaublich befreiend an“, erklärt er.

„Ich will das nicht romantisieren“, sagt der Unternehmer. „Es braucht Mut, sich auf diesen Weg einzulassen. Denn es geht darum, sich selbst in der Tiefe zu begegnen. Viele haben Angst davor – bewusst oder unbewusst. Und das ist auch nachvollziehbar. Nicht jeder will oder kann hinschauen.“ Das bestätigt auch Eva Gallacher: Die Psychotherapeutin hat 2023 eine zweijährige Ausbildung zur Psychedelics Therapist bei der Berliner MIND Foundation absolviert. Heute forscht sie in der Schweiz zu psychedelischer Therapie und ist Mitgründerin der österreichischen Apsta (Association for Psychedelic Science & Therapy Austria). Aus psychotherapeutischer Sicht seien psychedelische Erfahrungen keinesfalls zu unterschätzen, sagt Gallacher: „Das ist kein Spaziergang, das ist ein hartes Stück Arbeit. Das ist nicht nur Love, Peace and Happiness, sondern es können auch herausfordernde Angstphasen hochkommen.“

Therapeutisch gesehen sei das Potenzial dennoch enorm: Psychedelika würden „bedeutsames Material aus dem Unbewussten von Patienten, das sonst nicht zugänglich wäre, hervorholen. Erst dann gibt es die Möglichkeit, mit diesem Trauma zu arbeiten“, erklärt Gallacher. Das könne allerdings auch dazu führen, dass Menschen danach „für eine Zeit lang sehr durcheinander“ oder in ihrem Weltbild erschüttert seien. Entscheidend sei, was danach kommt: „Die eigentliche Arbeit beginnt nach der Substanzerfahrung“, sagt Gallacher.

Eva Gallacher forscht zu psychedelischer Therapie. | © Martin Jordan

Perspektivenwechsel

Die Erfahrung mit Ayahuasca hat Thomas Primus’ Blick auf seine Rolle als Unternehmer verändert. „Ich war anfangs sehr stark in diesem Muster ‚Ich muss das alles halten!‘ – ich war der Gründer, der aus einem sicheren Job ausgestiegen ist; das hat auch mein Umfeld beobachtet. Und plötzlich stehst du unter einem enormen inneren Druck, es irgendwie ‚beweisen‘ zu müssen“, sagt er rückblickend. In den Jahren des Unternehmensaufbaus habe er sich Stück für Stück selbst verloren. Anstatt auf seine innere Stimme zu hören, funktionierte er einfach nur – so lange, bis es nicht mehr ging. Heute sehe er das klarer: „Mein Unternehmen ist ein Spiegel. Es spiegelt all das, was ich selbst noch nicht geheilt habe: meine Ängste, meine Limitationen, meine blinden Flecken. Und das zeigt sich in der Kultur, im Team, in der Energie des Unternehmens“, sagt der Gründer.

Mit dieser Einsicht kam für ihn eine neue Definition von Leadership. „Ich will nicht nur Ergebnisse erzielen – ich will Räume öffnen, in denen Menschen sich entwickeln können“, sagt Primus. „Ayahuasca hat mir geholfen, das zu erkennen – nicht intellektuell, sondern emotional, körperlich, tief im Inneren. Und seither treffe ich Entscheidungen anders: klarer, mit mehr Vertrauen und manchmal auch mit mehr Mut zum Loslassen. Ich bin heute kein perfekter Leader – aber ich bin ein bewussterer Leader.“

Drei Jahre nach dem Insolvenzantrag hat sich sein Startup FoodNotify wieder erholt. Dem Unternehmen gelang die Sanierung, ein neuer Investor kam an Bord. „Erfolg hat sich für mich völlig neu definiert. Früher ging’s ums klassische Bild: Zahlen, Wachstum, Exit. Heute ist Erfolg für mich viel näher an der Dankbarkeit. Erfolg ist, morgens aufzuwachen und zu wissen: Ich bin am richtigen Ort, ich bin verbunden mit dem, was ich tue – und ich tue es mit Freude und ohne zu müssen.“

Innere Stabilität

Für Primus ist heute klar: Mentale Gesundheit ist eine Grundvoraussetzung für nachhaltiges Unternehmertum. Ayahuasca hat für Primus dabei einiges verändert. „Es hat meine mentale Gesundheit nicht repariert, sondern mir zurückgegeben“, erklärt er. „Ich war früher funktional und leistungsfähig, aber nicht unbedingt in Balance. Ich konnte Druck aushalten, aber ich war innerlich oft abgeschnitten. Durch Ayahuasca habe ich begonnen, diese Verbindung wiederherzustellen. Ich habe gelernt, meine Emotionen bewusster wahrzunehmen, sie zu halten – und nicht mehr reflexartig zu verdrängen. Das hat mir innere Stabilität gegeben, gerade in herausfordernden Situationen.“

Trotzdem ist es Primus wichtig, zu betonen, dass Ayahuasca lediglich ein Türöffner war, nicht die Lösung. Die eigentliche Arbeit beginne erst nach der Zeremonie: Die Reflexion, die Integration in den Alltag – das sei der entscheidende Teil. „Ich glaube, mentale Gesundheit beginnt dort, wo wir bereit sind, uns ehrlich zu begegnen. Und genau das hat mir Ayahuasca ermöglicht: die ehrliche, manchmal schmerzhafte, aber unglaublich heilsame Begegnung mit mir selbst. Ayahuasca hat mir nicht die Lösung gegeben – sondern die Fähigkeit, in mir selbst Antworten zu finden“, so Primus.

Thomas Primus fand durch die Erfahrung mit Ayahuasca wieder zu sich selbst. | © Elena Kipriotis

Mut „zu sich selbst“

Trotz allem handelt es sich bei Ayahuasca um eine Substanz mit psychoaktiver Wirkung. Der enthaltene Wirkstoff DMT ist keineswegs harmlos, denn er greift tief in die Psyche ein. In klinischen Studien gelten daher strenge medizinische Ausschlusskriterien, etwa bei psychotischen Vorerfahrungen oder familiärer Vorbelastung, aber auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Jedenfalls sollte man immer einen ‚Sitter‘ mit dabei haben – jemanden, dem man vertraut und der auf einen aufpasst, während man die psychedelische Erfahrung macht“, betont Gallacher.

Auch die Suchthilfe Wien warnt: DMT kann psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Schizophrenie auslösen – insbesondere bei Menschen mit entsprechender Anfälligkeit. „Nicht allen Konsument:innen fällt es leicht, das eindrückliche Erlebnis der DMT-Wirkung zu verarbeiten und in den Alltag einzugliedern“, so die Suchthilfe Wien.

Primus ist sich der Bedeutung eines sicheren Rahmens bewusst. Während der ersten Zeremonien begleiteten ihn nicht nur erfahrene Schamanen, sondern auch sogenannte Guardian Angels. Das sind Menschen, die sich ausschließlich um das emotionale und körperliche Wohl der Teilnehmer:innen kümmern. „Ich habe mich nie allein gefühlt – obwohl ich niemanden persönlich kannte“, sagt er. „Das größte Risiko entsteht, wenn Menschen sich unvorbereitet, unbegleitet oder aus Neugier auf eine Zeremonie einlassen – ohne zu wissen, worum es dabei wirklich geht.“

Ayahuasca sei keine Partydroge, sondern eine tiefgreifende Erfahrung und für viele auch eine Herausforderung. „Deshalb sage ich ganz bewusst: Ayahuasca ist nicht für jeden etwas; Ayahuasca ist auch nichts, das man regelmäßig konsumiert wie ein Nahrungsergänzungsmittel“, sagt Primus.

Auch die Suchthilfe Wien warnt davor, dass der Konsum zunehmend als „Trend“ wahrgenommen wird. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es: „Menschen wünschen sich in belastenden Zeiten schnelle und einfache Lösungen. Diese sind allerdings selten nachhaltig.“ Ayahuasca sei daher keine kurzfristige Lösung, um Problemen auszuweichen, sondern ein risikoreicher Konsum, der im Nachgang Aufarbeitung verlange. Primus selbst war das letzte Mal vor über einem Jahr bei einer Zeremonie. Jeder Mensch müsse seinen eigenen Weg finden, um sich mit der eigenen Psyche auseinanderzusetzen. „Es gibt viele Wege nach innen: Breathwork, Meditation, stille Retreats, andere Pflanzenmedizin. Aber ich glaube, dass wir in einer Welt leben, in der es immer schwieriger wird, uns selbst wirklich zuzuhören – weil alles im Außen auf Ablenkung programmiert ist“, so der FoodNotify-Gründer. „Ich teile meine Erfahrungen, weil ich hoffe, dass Menschen sich wieder daran erinnern, dass sie ihr eigenes Leben leben dürfen; und dass es Wege gibt, alte Muster, Glaubenssätze und Traumata zu lösen. Für mich war Ayahuasca ein Teil dieses Wegs. Aber es geht um viel mehr: Es geht um den Mut, sich selbst wieder zu spüren.“


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Margit Kendler, CFO von Greiner Packaging | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Kaum ein Thema beschäftigt die heimische Industrie derzeit so stark wie die Adaption von Künstlicher Intelligenz. Während vielfach die These vertreten wird, dass Europa das Rennen um generative KI verloren hat, werden der Industrie bei der KI-Adaption gute Chancen eingeräumt. Die Industriellenvereinigung hat dazu eine eigene KI-Taskforce eingerichtet, die mittlerweile bei ihrer Halbzeit angelangt ist. Mit deren Vorsitzendem, Keba-CEO Christoph Knogler, haben wir im aktuellen brutkasten-Printmagazin ein ausführliches Cover-Interview über industrielle KI als Europas Chance geführt.

Wie das Thema in der Verpackungsindustrie ankommt, zeigt der Blick zu Greiner Packaging: Die Sparte der Greiner Gruppe mit Hauptsitz im oberösterreichischen Sattledt erwirtschaftete 2025 einen Umsatz von 902 Millionen Euro, steht damit für mehr als 45 Prozent des Gruppenumsatzes und beschäftigt fast 4.900 Mitarbeiter:innen an 30 Standorten in 15 Ländern. Im Interview am European Forum Alpbach spricht CFO Margit Kendler über drei KI-Fokusfelder von der Kundeninteraktion bis zur Verwaltung, die Folgen der EU-Verpackungsverordnung (PPWR) und darüber, warum sie die Einführung von KI an die SAP-Projekte ihrer frühen Berufsjahre erinnert.


brutkasten: Greiner Packaging wächst trotz eines schwierigen Marktumfelds. Was sind die Gründe?

Margit Kendler: Unsere Stärke ist, dass wir sehr gute Produkte haben und diese kontinuierlich weiterentwickeln, auch in Richtung Nachhaltigkeit und der rechtlichen Anforderungen, etwa der PPWR. Dazu kommen langjährige Partnerschaften mit unseren Kunden, die wir gemeinsam weiterentwickeln können. Dadurch schaffen wir es auch in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten, über den Markt hinaus zu wachsen.

Herausfordernde Zeiten in Bezug auf den Markt?

Im Sinne von Zeiten, in denen die gesamte geopolitische Lage instabiler wird. Beim Rohmaterial-Sourcing ist etwa die Straße von Hormus immer wieder ein Thema. Trotz widriger Umstände schaffen wir es aufgrund der langjährigen Erfahrung unserer Teams und der verlässlichen externen Kontakte, gute Lösungen für unsere Kunden zu finden. Das zeichnet Greiner Packaging aus.

Künstliche Intelligenz war bei der Jahrespressekonferenz der Greiner Gruppe ein Thema. Welche Hebel sehen Sie in der Verpackungsindustrie, um die Produktivität zu steigern?

Wir sehen im Moment bei Greiner Packaging drei Fokusbereiche. Der erste ist Richtung Kunden: Wie interagieren wir in Zukunft mit Kunden, wo wünschen sie sich automatisiertere Prozesse, weil sie auf ihrer Seite ebenfalls Prozesse anstoßen? Und wo bleibt der persönliche Kontakt weiter wichtig? Gerade bei Produktentwicklungen wird der persönliche Kontakt wichtig bleiben.

Die zweite Stoßrichtung ist die Produktion. Da geht es um Datenauswertung, die man mit KI effizienter machen kann. Viele Daten sind vorhanden, aber wie nutzen wir sie am besten? Dazu kommt alles, was weiterentwickelte Robotics in Richtung Humanoid ist. Der dritte Teil ist die Verwaltung: alles, was an Berichtsanforderungen im Sinne von Nachhaltigkeit und Ähnlichem anfällt. Wo kann man Datensammlung und Dokumentation sinnvoll in eine KI überführen?

Es gibt die These, dass Europa bei generativer KI das Rennen verloren hat, bei der KI-Adaption in der Industrie aber gute Chancen hat. Auf welche Modelle setzen Sie?

In der Produktion haben wir erste Erfahrungen gesammelt. Im Moment nutzen wir die vorhandenen Modelle und screenen, was am Markt aufkommt. Es ist so schnelllebig, dass immer die Frage ist: Kommt man überhaupt zur Anwendung oder gibt es schon wieder die nächste Entwicklungsstufe? Wichtig ist uns aber, dass die europäische Datensouveränität gestärkt wird und dass Unternehmen unterstützt werden, die diesen europäischen Fokus haben, um den Standort und Europa zu stärken.

Greift man da spezifisch auf europäische Modelle wie Mistral zurück?

Natürlich sehen wir uns europäische Lösungen an und wollen diese einsetzen, wenn sie uns den entsprechenden Nutzen bringen. Wir freuen uns über technologische Initiativen, die Europa gesamthaft als Standort stärken.

Margit Kendler im Gespräch mit brutkasten-Chefredakteur Martin Pacher beim European Forum Alpbach | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Welche Aufgaben übernimmt KI aktuell bei Greiner Packaging?

Eher am Ende der Produktion, im Verpackungsbereich und Richtung Lager. Im Durchfluss der Produktion ist schon sehr viel automatisiert. Man muss differenzieren: Wo brauche ich tatsächlich KI und was geht bereits über klassische Automatisierung, also Roboterarme oder Verpackungsstraßen. Es geht wirklich nur noch um die Lücken, die etwa im Bereich Qualitätskontrolle bestehen. Und man muss genau schauen, bei welchen Stückzahlen sich Robotik auszahlt. Gerade beim händischen Assembly ist die Frage, ob die Roboter mit ihren Achsen schon gut genug sind.

Die Entwicklung ist enorm rasant. Wie bleibt man da als CFO up to date und wie fließt das in die Strategie ein?

Es beginnt mit einem tiefen Grundinteresse. Und dann nutze ich eine Mischung aus Workshops, Schulungen und Foren wie dem European Forum Alpbach, wo ich KI-Termine wahrnehme, dazu Newsletter und vieles mehr. Intern gibt es auf Gruppenebene eine Taskforce zu KI, die selektiert, welche Anwendungsfälle es für uns als Sparte oder übergreifend für die gesamte Gruppe gibt.

Wo ist die Schnittstelle zwischen Innovation und Ihrer Arbeit?

Als erfolgreiches Unternehmen muss man darauf achten, sich nicht auf den Lorbeeren auszuruhen. Nur weil es jetzt gut ist, braucht man trotzdem den Blick in die Zukunft. Bei uns ist Innovation sehr produktgetrieben: Welche Barriereeigenschaften gibt es, wie ist die Haltbarkeit eines Joghurts in dem Becher? Das wird stark durch die Verpackungsverordnung getrieben, wo es um Rezyklierfähigkeit und den Einsatz recycelter Materialien geht. Andererseits geht es um die Frage, wie wir in 15 Jahren erfolgreich sind. Dafür haben wir Stage-Gate-Prozesse. Ein großes Thema ist auch Reuse, also Mehrfachnutzung versus Einmalnutzung.

Und Innovation umfasst nicht nur die Produkte selbst, sondern auch das, was um das Produkt herum ist: Serviceleistungen, Lieferung, wie wir unsere Kunden servicieren. Bei Reuse stellt sich die Frage, ob man nur das Produkt macht oder auch Services rund um den Reuse anbietet. Im Endeffekt geht es immer darum, wettbewerbsfähig zu bleiben.

Schaut man sich dafür auch neue Geschäftsfelder an?

Wir haben uns das gerade angeschaut. Wir haben etwa die Becher für den Song Contest gemacht. Einer meiner früheren Arbeitgeber war Ifco, die die Obst- und Gemüsekisten an die Supermarktketten vermieten. Das war ein klassischer Reuse-Anbieter, bei dem das Waschen, Ausbringen und Einsammeln Teil des Geschäftsmodells war. Und auch bei Greiner Packaging evaluieren wir, welche Alternativen und neuen Geschäftsmodelle spannend sein könnten.

Die Verpackungsverordnung gilt seit 12. August. Der Handelsverband fordert ein Moratorium, weil es noch viele Unsicherheiten gibt. Wie nimmt man das bei Greiner Packaging wahr?

Es führt kein Weg an Verordnungen vorbei. Wir haben eine Welt, und wenn sie verbraucht ist, ist sie verbraucht. Diese strengeren Regelungen machen Sinn. Die Schwierigkeit ist, dass wir uns als großes Unternehmen deutlich leichter tun, weil wir die Ressourcen haben. Und selbst für uns ist es ein sehr hoher Aufwand, alle Dokumentationen zu liefern und die Lieferkette ordentlich zu dokumentieren. Ich verstehe daher die kleineren Unternehmen, für die das ein umso höherer Aufwand ist. Ob ein Moratorium die Lösung ist, weiß ich nicht. Man sieht es bei der Diskussion Verbrenner versus Elektroauto: Diese langfristige Unsicherheit – wird es A oder B – ist schwierig, weil man bis zur Entscheidung alle Wege parallel verfolgen muss.

Der K3-Becher ist eines Ihrer Premium-Produkte und seit vielen Jahren auf dem Markt. Jetzt gibt es mit r100 eine neue Generation. Was treibt solche Innovationen: Regulatorik oder Eigenantrieb?

Eine Mischung. Der K3 entstand aus dem Wunsch, ein nachhaltigeres Produkt zu schaffen. Es ist eine Kombination aus Kundenanforderungen, rechtlichen Vorgaben und dem Eigenantrieb, es noch besser zu machen, mit Leichtgewicht, Banderolen und Rezyklierfähigkeit. Die nächste Generation ist gerade in Entwicklung. Ein weiterer Trend ist Monomaterial: Oft hat man beim Joghurt den klassischen Aluminium-Topper. Wenn die Leute den nicht abreißen, kann nicht sortiert werden und der Becher geht in der Wiederverwertung verloren. Ist alles das gleiche Material, ist es deutlich leichter.

Arbeitet man dafür auch mit externen Partnern zusammen, etwa Startups?

Im Moment nicht, aber es ist immer am Radar, um zu schauen, was sich am Markt entwickelt und ob sich Kooperationen anbieten.

Die IV-KI-Taskforce ist bei Halbzeit. Wie schätzen Sie die Verpackungsbranche bei der KI-Adaption ein?

Generell ist mein Eindruck, dass Österreich mehr die Risiken als die Chancen sieht. Die Amerikaner denken mehr in Möglichkeiten, deshalb sitzen dort viele der KI-Unternehmen. Wir Österreicher sehen oft zuerst die Risiken, und solange diese nicht gemeistert sind, fängt man nicht an, über die Möglichkeiten nachzudenken. Um den Anschluss zu halten, brauchen wir mehr Offenheit und eine gute Balance zwischen Risiko und Chance.

Ein reiner Tool-Rollout geht oft nach hinten los, wenn die Organisationsentwicklung nicht mitgedacht wird. Wie gehen Sie vor?

Am Berufsanfang war ich SAP-Beraterin und habe SAP eingeführt. Ich finde es nicht so anders. Egal welche Technologie man einführt, man muss die Menschen mitnehmen. Viel zu oft wird der Mensch nicht mitgedacht. Ob ich von R/2 auf R/3 oder von R/3 auf Hana umsteige oder eine KI dazubaue: Es ist immer die gleiche Frage. (Anm. d. Red.: R/2, R/3 und Hana bezeichnen aufeinanderfolgende Generationen der SAP-Unternehmenssoftware, deren Umstellung jeweils große Migrationsprojekte in Unternehmen auslöste) Wie arbeiten wir dann anders, welche Kompetenzen werden gebraucht und wie muss ich diese rechtzeitig schulen? Ich sehe das in unserer Verantwortung als Arbeitgeber, dass unsere Mitarbeiter:innen mitwachsen.

Gibt es Ängste, dass Jobs wegrationalisiert werden?

Jobs ändern sich einfach. Was ich bei uns erlebe: Wir haben viele Early Adopter. Es gibt seit Langem das Angebot, KI zu nutzen, plus wöchentliche Online-Kaffeerunden für Best-Practice-Sharing. Wir haben Kolleg:innen, die schon viel mit Agenten arbeiten. Viele sehen die Arbeitserleichterung im Täglichen, weil die KI Routinetätigkeiten übernimmt. Sorgen, wegrationalisiert zu werden, erlebe ich im Moment nicht.

Was ich auch stark merke: Kolleg:innen, die spezifische Skills nicht haben, können plötzlich Themen lösen. Ein Kollege, der nicht im Controlling ist und kein Excel- oder PowerPoint-Meister, konnte über die KI alles so darstellen, wie es gebraucht wurde. Das hat ihn einen halben Tag gekostet. KI erlaubt, gewisse Ausbildungsschritte zu überspringen. Dafür sind andere Ausbildungen nötig.

Greiner Packaging ist auch außerhalb Europas vertreten. Wie nehmen Sie die KI-Regulierung in Europa wahr?

Der EU AI Act erhöht die Anforderungen an Unternehmen, schafft aber gleichzeitig Vertrauen in die Technologie. Für uns ist entscheidend, KI innovativ, aber auch verantwortungsvoll einzusetzen. Wer beides beherrscht, wird langfristig erfolgreicher sein.

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