05.09.2025
PSYCHEDELIKA

Thomas Primus: „Es geht um den Mut, sich selbst wieder zu spüren“

2022 nahm FoodNotify-Gründer Thomas Primus zum ersten Mal Ayahuasca – einen psychedelisch wirkenden Pflanzentee. Damit begann die vielleicht schwierigste Reise seines Lebens: die zu sich selbst. Was in dieser Nacht passierte, veränderte seinen Blick auf Erfolg, Führung und das Leben. Doch was als spirituelle Heilung beginnt, kann auch Risiken bergen – besonders, wenn psychedelische Substanzen als schnelle Lösung für tiefer­liegende Probleme gesehen werden.
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Thomas Primus ist Gründer und CEO des Wiener Startups FoodNotify. | © Elena Kipriotis

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Factbox der Suchthilfe Wien: Was ist Ayahuasca?

Ayahuasca beschreibt eine aus Pflanzen hergestellte Zubereitung. Die psychoaktive Wirkung wird dabei durch eine Kombination des Wirkstoffs DMT (N,N-Dimethyltryptamin) mit einem Monoaminoxidase-Hemmer erzeugt. ******************************************************************* Der Wirkstoff DMT ist ein Halluzinogen, das starke Veränderungen der (Sinnes-)Wahrnehmung bewirken kann. Diese können sein: schnelle Abfolgen von verschiedensten Emotionen in einem kurzen Zeitraum, Veränderung der „Ich-Wahrnehmung“ und des Körperbewusstseins; auch akustische und haptische Halluzinationen können auftreten. ******************************************************************* Bei oraler Einnahme kann sich die Wirkdauer auf bis zu acht Stunden erstrecken. Die Wahrscheinlichkeit, eine körperliche oder psychische Abhängigkeit von DMT zu entwickeln, ist sehr gering. Substanzkonsum ist jedoch niemals risikofrei, so auch nicht der von Ayahuasca.

Die Nervosität sitzt tief im ganzen Körper, als er sich gegen 18 Uhr auf den Weg zur Zeremonie macht. Rund 80 Menschen gehen mit ihm – jung und alt, aus verschiedenen Ländern, mit unterschiedlichen Geschichten. Begleitet werden sie von Schamanen. Nach einer Weile erreichen sie den Ort: mitten in der Natur, unter freiem Himmel. Der Vollmond macht die Nacht nahezu magisch. Die Zeremonie beginnt mit Musik, Icaros-Gesängen und Ritualen. Die Stimmung ist energiegeladen und offen. Drei Mal trinkt er den Tee – ein Gemisch aus halluzinogenen Pflanzen. Gegen vier Uhr morgens ist es vorbei. Was in den zehn Stunden passiert, verändert das Leben von Thomas Primus.

Der Tee ist besser bekannt als Ayahuasca. In den Urwäldern Südamerikas wird das psychedelisch wirkende Gebräu seit Jahrhunderten als Teil spiritueller Praktiken genutzt. Von den Schamanen wird es als eine Art Transmitter zu einer übernatürlichen Dimension verstanden. Die Einnahme von Ayahuasca wird oft von intensiven körperlichen und psychischen Reaktionen begleitet; Übelkeit und Erbrechen gehören meistens dazu. In Österreich ist der reine Wirkstoff DMT (N,N-Dimethyltryptamin) verboten und fällt unter das Suchtmittelgesetz. Die DMT-Pflanzen, aus denen Ayahuasca gebraut wird, sind rechtlich jedoch nicht erfasst, wie die Suchthilfe Wien bestätigt. Gleichzeitig rückt die Substanz zunehmend ins Interesse der Wissenschaft: Forscher:innen untersuchen, ob und wie psychedelische Mittel in der Therapie von Depressionen, Traumata oder Sucht hilfreich sein können.

Für Thomas Primus ist Ayahuasca vor allem eines: eine persönliche Erfahrung; eine Tür, durch die er gegangen ist, hin zu mehr Nähe zu sich selbst, aber auch eine Erfahrung, die Vorbereitung, Begleitung und Reflexion verlangt. „Es ist nur ein Weg von vielen“, betont er. Jeder Mensch müsse für sich selbst entscheiden, welcher Weg der richtige sei – und dies sei lediglich seine persönliche Geschichte.

Die Anfänge im Silicon Valley

2013 gründete Primus sein Wiener Startup FoodNotify – eine Management-Plattform, die gastronomische Betriebe und Hotellerie dabei unterstützt, ihre Prozesse rund um Einkauf, Lagerhaltung, Menüplanung, Personal, Kalkulation und Service effizient zu steuern und zu optimieren. Seither führt er das Unternehmen als CEO. So wie die meisten Startups durchlebte auch FoodNotify Höhen und Tiefen: Im Dezember 2022 stand das Unternehmen kurz vor dem Aus und musste Insolvenz anmelden. Der finanzielle Druck war zu groß. „Ich war innerlich unzufrieden. Es fühlte sich an, als würde ich alles tragen, und gleichzeitig spürte ich eine wachsende Distanz zu mir selbst“, erinnert sich der Geschäftsführer.

Seit 2013 führt Thomas Primus sein Unternehmen als Geschäftsführer. | © Elena Kipriotis

Damals war er im Silicon Valley unterwegs. Er sprach mit vielen Unternehmer:innen, die von spirituellen Praktiken und Erfahrungen mit psychoaktiven Substanzen berichteten. „Auch wenn ich damals mit vielen Aussagen noch wenig anfangen konnte, hat sich bei mir etwas bewegt: die Erkenntnis erwachte, dass viele Antworten vielleicht nicht im Außen liegen, sondern in einem selbst“, erzählt Primus. Es war für ihn der Beginn einer Reise zu sich selbst. Als er zurück in Österreich war, kam durch eine Vertrauensperson schließlich der Impuls, Ayahuasca auszuprobieren. „Ich hatte keine konkreten Erwartungen“, sagt er. 2022 nahm er an seiner ersten Zeremonie in Portugal teil.

Blinde Flecken

Nachdem er die erste Dosis Ayahuasca getrunken hatte, dauerte es etwa eine Dreiviertelstunde, bis sich die Wirkung bei ihm bemerkbar machte. „Körperlich war spürbar, dass mein Zustand verändert war – aber nicht im Sinne eines Rauschs. Ich war ganz bei mir, ganz offen. Es ist ein Raum, der sich öffnet, in dem man plötzlich Zugang zu Erinnerungen, Mustern und inneren Dynamiken bekommt, die man im Alltag nicht wahrnimmt“, erzählt Primus. Er ging mit einer klaren Absicht in die Zeremonie: „Ich wollte meine blinden Flecken sehen – also die Teile von mir, die ich selbst nicht erkenne.“

Im Lauf der Nacht konnte er sich selbst wie von außen beobachten. Erinnerungen aus der Kindheit, aus familiären Situationen, aus Konflikten tauchten auf. „Und ich konnte sehen, wie ich teilweise gehandelt habe, wie ich Menschen verletzt habe – ohne es zu wollen. Das war konfrontierend. Aber es war auch befreiend“, sagt Primus. „Das hat unglaublich viel aufgelöst. Ich habe gelernt, dass ich nicht der Mensch bleiben muss, der ich einmal war. Und das ist für mich das Kraftvollste an dieser Erfahrung: Sie verändert die Sicht auf sich selbst“, so Primus. Drei Jahre nach seiner ersten Ayahuasca-Zeremonie beschreibt er diesen Moment als Wendepunkt in seinem Leben.

Die Suchthilfe Wien betont, dass es beim Konsum von DMT – wie bei allen Halluzinogenen – „zu sehr intensiven, für manche Menschen sogar spirituellen Erfahrungen“ kommen kann. „Das Ich-Empfinden kann sich so weit verändern, dass die subjektiven Grenzen der eigenen Person verschwimmen. Das kann sich in einem Gefühl der starken Verbundenheit mit der Welt und den Menschen äußern, aber auch Angst machen.“ Die Wirkung sei stark abhängig von der körperlichen und seelischen Tagesverfassung sowie von der Konsumsituation.

Zwischen Schmerz und Heilung

Zehn Stunden, in denen sich Thomas Primus wie in einer anderen Dimension fühlte, endeten im Morgengrauen. Was blieb, fühlte sich für ihn an wie ein tiefes Gefühl der Erleichterung. „Ich vergleiche das mit einer Wunde, die endlich gesehen und versorgt wird: Der Schmerz ist noch spürbar, ja – aber man weiß, jetzt beginnt die Heilung. Und das fühlt sich unglaublich befreiend an“, erklärt er.

„Ich will das nicht romantisieren“, sagt der Unternehmer. „Es braucht Mut, sich auf diesen Weg einzulassen. Denn es geht darum, sich selbst in der Tiefe zu begegnen. Viele haben Angst davor – bewusst oder unbewusst. Und das ist auch nachvollziehbar. Nicht jeder will oder kann hinschauen.“ Das bestätigt auch Eva Gallacher: Die Psychotherapeutin hat 2023 eine zweijährige Ausbildung zur Psychedelics Therapist bei der Berliner MIND Foundation absolviert. Heute forscht sie in der Schweiz zu psychedelischer Therapie und ist Mitgründerin der österreichischen Apsta (Association for Psychedelic Science & Therapy Austria). Aus psychotherapeutischer Sicht seien psychedelische Erfahrungen keinesfalls zu unterschätzen, sagt Gallacher: „Das ist kein Spaziergang, das ist ein hartes Stück Arbeit. Das ist nicht nur Love, Peace and Happiness, sondern es können auch herausfordernde Angstphasen hochkommen.“

Therapeutisch gesehen sei das Potenzial dennoch enorm: Psychedelika würden „bedeutsames Material aus dem Unbewussten von Patienten, das sonst nicht zugänglich wäre, hervorholen. Erst dann gibt es die Möglichkeit, mit diesem Trauma zu arbeiten“, erklärt Gallacher. Das könne allerdings auch dazu führen, dass Menschen danach „für eine Zeit lang sehr durcheinander“ oder in ihrem Weltbild erschüttert seien. Entscheidend sei, was danach kommt: „Die eigentliche Arbeit beginnt nach der Substanzerfahrung“, sagt Gallacher.

Eva Gallacher forscht zu psychedelischer Therapie. | © Martin Jordan

Perspektivenwechsel

Die Erfahrung mit Ayahuasca hat Thomas Primus’ Blick auf seine Rolle als Unternehmer verändert. „Ich war anfangs sehr stark in diesem Muster ‚Ich muss das alles halten!‘ – ich war der Gründer, der aus einem sicheren Job ausgestiegen ist; das hat auch mein Umfeld beobachtet. Und plötzlich stehst du unter einem enormen inneren Druck, es irgendwie ‚beweisen‘ zu müssen“, sagt er rückblickend. In den Jahren des Unternehmensaufbaus habe er sich Stück für Stück selbst verloren. Anstatt auf seine innere Stimme zu hören, funktionierte er einfach nur – so lange, bis es nicht mehr ging. Heute sehe er das klarer: „Mein Unternehmen ist ein Spiegel. Es spiegelt all das, was ich selbst noch nicht geheilt habe: meine Ängste, meine Limitationen, meine blinden Flecken. Und das zeigt sich in der Kultur, im Team, in der Energie des Unternehmens“, sagt der Gründer.

Mit dieser Einsicht kam für ihn eine neue Definition von Leadership. „Ich will nicht nur Ergebnisse erzielen – ich will Räume öffnen, in denen Menschen sich entwickeln können“, sagt Primus. „Ayahuasca hat mir geholfen, das zu erkennen – nicht intellektuell, sondern emotional, körperlich, tief im Inneren. Und seither treffe ich Entscheidungen anders: klarer, mit mehr Vertrauen und manchmal auch mit mehr Mut zum Loslassen. Ich bin heute kein perfekter Leader – aber ich bin ein bewussterer Leader.“

Drei Jahre nach dem Insolvenzantrag hat sich sein Startup FoodNotify wieder erholt. Dem Unternehmen gelang die Sanierung, ein neuer Investor kam an Bord. „Erfolg hat sich für mich völlig neu definiert. Früher ging’s ums klassische Bild: Zahlen, Wachstum, Exit. Heute ist Erfolg für mich viel näher an der Dankbarkeit. Erfolg ist, morgens aufzuwachen und zu wissen: Ich bin am richtigen Ort, ich bin verbunden mit dem, was ich tue – und ich tue es mit Freude und ohne zu müssen.“

Innere Stabilität

Für Primus ist heute klar: Mentale Gesundheit ist eine Grundvoraussetzung für nachhaltiges Unternehmertum. Ayahuasca hat für Primus dabei einiges verändert. „Es hat meine mentale Gesundheit nicht repariert, sondern mir zurückgegeben“, erklärt er. „Ich war früher funktional und leistungsfähig, aber nicht unbedingt in Balance. Ich konnte Druck aushalten, aber ich war innerlich oft abgeschnitten. Durch Ayahuasca habe ich begonnen, diese Verbindung wiederherzustellen. Ich habe gelernt, meine Emotionen bewusster wahrzunehmen, sie zu halten – und nicht mehr reflexartig zu verdrängen. Das hat mir innere Stabilität gegeben, gerade in herausfordernden Situationen.“

Trotzdem ist es Primus wichtig, zu betonen, dass Ayahuasca lediglich ein Türöffner war, nicht die Lösung. Die eigentliche Arbeit beginne erst nach der Zeremonie: Die Reflexion, die Integration in den Alltag – das sei der entscheidende Teil. „Ich glaube, mentale Gesundheit beginnt dort, wo wir bereit sind, uns ehrlich zu begegnen. Und genau das hat mir Ayahuasca ermöglicht: die ehrliche, manchmal schmerzhafte, aber unglaublich heilsame Begegnung mit mir selbst. Ayahuasca hat mir nicht die Lösung gegeben – sondern die Fähigkeit, in mir selbst Antworten zu finden“, so Primus.

Thomas Primus fand durch die Erfahrung mit Ayahuasca wieder zu sich selbst. | © Elena Kipriotis

Mut „zu sich selbst“

Trotz allem handelt es sich bei Ayahuasca um eine Substanz mit psychoaktiver Wirkung. Der enthaltene Wirkstoff DMT ist keineswegs harmlos, denn er greift tief in die Psyche ein. In klinischen Studien gelten daher strenge medizinische Ausschlusskriterien, etwa bei psychotischen Vorerfahrungen oder familiärer Vorbelastung, aber auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Jedenfalls sollte man immer einen ‚Sitter‘ mit dabei haben – jemanden, dem man vertraut und der auf einen aufpasst, während man die psychedelische Erfahrung macht“, betont Gallacher.

Auch die Suchthilfe Wien warnt: DMT kann psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Schizophrenie auslösen – insbesondere bei Menschen mit entsprechender Anfälligkeit. „Nicht allen Konsument:innen fällt es leicht, das eindrückliche Erlebnis der DMT-Wirkung zu verarbeiten und in den Alltag einzugliedern“, so die Suchthilfe Wien.

Primus ist sich der Bedeutung eines sicheren Rahmens bewusst. Während der ersten Zeremonien begleiteten ihn nicht nur erfahrene Schamanen, sondern auch sogenannte Guardian Angels. Das sind Menschen, die sich ausschließlich um das emotionale und körperliche Wohl der Teilnehmer:innen kümmern. „Ich habe mich nie allein gefühlt – obwohl ich niemanden persönlich kannte“, sagt er. „Das größte Risiko entsteht, wenn Menschen sich unvorbereitet, unbegleitet oder aus Neugier auf eine Zeremonie einlassen – ohne zu wissen, worum es dabei wirklich geht.“

Ayahuasca sei keine Partydroge, sondern eine tiefgreifende Erfahrung und für viele auch eine Herausforderung. „Deshalb sage ich ganz bewusst: Ayahuasca ist nicht für jeden etwas; Ayahuasca ist auch nichts, das man regelmäßig konsumiert wie ein Nahrungsergänzungsmittel“, sagt Primus.

Auch die Suchthilfe Wien warnt davor, dass der Konsum zunehmend als „Trend“ wahrgenommen wird. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es: „Menschen wünschen sich in belastenden Zeiten schnelle und einfache Lösungen. Diese sind allerdings selten nachhaltig.“ Ayahuasca sei daher keine kurzfristige Lösung, um Problemen auszuweichen, sondern ein risikoreicher Konsum, der im Nachgang Aufarbeitung verlange. Primus selbst war das letzte Mal vor über einem Jahr bei einer Zeremonie. Jeder Mensch müsse seinen eigenen Weg finden, um sich mit der eigenen Psyche auseinanderzusetzen. „Es gibt viele Wege nach innen: Breathwork, Meditation, stille Retreats, andere Pflanzenmedizin. Aber ich glaube, dass wir in einer Welt leben, in der es immer schwieriger wird, uns selbst wirklich zuzuhören – weil alles im Außen auf Ablenkung programmiert ist“, so der FoodNotify-Gründer. „Ich teile meine Erfahrungen, weil ich hoffe, dass Menschen sich wieder daran erinnern, dass sie ihr eigenes Leben leben dürfen; und dass es Wege gibt, alte Muster, Glaubenssätze und Traumata zu lösen. Für mich war Ayahuasca ein Teil dieses Wegs. Aber es geht um viel mehr: Es geht um den Mut, sich selbst wieder zu spüren.“


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Clark Parsons, CEO des European Startup Network | (c) Parsons

Macht es richtig oder macht es gar nicht“ – Mit diesen Worten brachte EU-Inc.-Mitinitiator Andreas Klinger im Vorjahr die Frustration des Startup-Ökosystems auf den Punkt. Begonnen hatte alles im Oktober 2024 mit einer Koalition europäischer Gründer:innen und Investor:innen, deren Petition zehntausende Unterschriften sammelte. Dann kam der Auftritt von Ursula von der Leyen in Davos, im März schließlich der Vorschlag der Kommission – der schon vor seiner Präsentation geleakt wurde und die Szene enttäuschte. In einem offenen Brief warnten EU-INC, Allied for Startups und das European Startup Network vor „27 verschiedenen Geschmacksrichtungen“ der neuen Rechtsform.

In den kommenden Tagen legt das Parlament seinen Bericht vor. Clark Parsons, CEO des European Startup Network, ist seit Beginn Teil dieses Prozesses. Im Interview spricht der ehemalige Gründer und heutige Investor über die 28. Rechtsform, den Widerstand von Gewerkschaften und Notaren – und über eine Chance, die Österreich gerade verschläft.


brutkasten: Warum ist eine EU Inc. so wichtig? Warum konzentriert ihr euch nicht eher auf den Kapitalmarkt oder andere Aspekte?

Der Kapitalmarkt ist die andere Hälfte des Themas, keine Frage. Aber EU Inc. ist aus ein paar Realitäten entstanden. Wir haben in Europa keinen Binnenmarkt für Startups und keinen für Kapital. Wenn Sie ein Tech-Unternehmen gründen, haben Sie 27 Mitgliedstaaten und rund 60 verschiedene Rechtsformen. In Wien mag es genügend Investoren im Ökosystem geben. Aber sind Sie in Bukarest oder Athen, gibt es sehr wenig Kapital. Viele europäische Gründerinnen und Gründer gründen deshalb nie in ihrem Heimatland – manchmal in Estland, manchmal in London, meistens in Delaware. Und die Ironie ist: Selbst Gründer aus Frankreich oder Deutschland gehen nach Delaware.

Warum ausgerechnet Delaware?

Weil es zum De-facto-Standard geworden ist. Jeder kennt es, jeder versteht es, es gibt einen langen Bestand an Rechtsprechung. Wachstumskapital ist in Europa schwer zu bekommen, also gehen Sie früher oder später in die USA – und dort sagen alle Investoren: „Es wäre viel einfacher, wenn du eine Delaware Inc. hättest, in die ich investieren kann, statt deine verrückte GmbH-Struktur verstehen zu müssen.“ Manche amerikanische Investoren kommen nie nach Deutschland, weil sie sich sonst zwei Tage lang beim Notar den Vertrag vorlesen lassen müssten – ein Kabuki-Theater, das außerhalb des deutschsprachigen Raums als verrückt gilt. Also haben Leute wie Andreas Klinger gefragt: Warum schaffen wir nicht etwas, das mit Delaware konkurriert?

Das ist die Idee des 28. Regimes.

Genau. Die Draghi- und die Letta-Berichte haben beide festgestellt: Wir sind nicht wettbewerbsfähig genug, und einer der Hauptgründe ist, dass wir keinen echten Binnenmarkt haben. Wir sind zu fragmentiert, und das schadet uns massiv. Beide griffen eine Idee auf, die Brüssel seit dreißig Jahren das 28. Regime nennt: ein Rechtsrahmen, der europaweit gilt. Sie registrieren einmal, es gibt ein Vehikel, das jeder kennt. Wir haben Roaming fürs Handy, unsere Bürger und Arbeitnehmer überqueren Grenzen problemlos – aber unsere Startups können das nicht. Das ist doch Wahnsinn.

Kritiker sagen, das sei ein Nischenthema. Nur für ein paar reiche Investoren.

Tech ist in Europa in einem Jahrzehnt von vier auf fünfzehn Prozent des BIP gewachsen. Das ist die nächste Ökonomie für Europa. Wenn Sie glauben, wir fallen hinter die USA und China zurück; wenn Sie wollen, dass alte Industrie überlebt, muss sie mit Robotik und KI modernisiert werden. Selbst wenn Ihr Hauptthema der Klimawandel ist: All das lösen Startups und Scaleups. Regierungen lösen das nicht, Gründerinnen und Gründer tun es. Sie schaffen Werte und Arbeitsplätze. Wenn Sie also nicht dafür arbeiten, dass man in Europa gründen und wachsen kann, dann beschweren Sie sich später nicht, dass Ihre Kinder keine Jobs haben. Das ist kein Nischenthema – es ist die Quelle, aus der alles fließt.

Und woran würde man messen, ob EU Inc. funktioniert?

An ziemlich einfachen KPIs. Wie viele EU Incs werden gegründet? Setzen unsere Gründer künftig eine EU Inc. auf statt einer deutschen GmbH oder einer englischen Limited? Aktuell überschreiten nur rund 18 Prozent unseres Investmentkapitals Grenzen. Und einen KPI, an den niemand denkt: Wie viele EU Incs werden von Menschen gegründet, die gar nicht in Europa sitzen? Amerikaner, Inder, Chinesen gründen in Delaware. Warum sollten sie nicht eine EU Inc. gründen – und damit sofort Zugang zu einem Markt von 450 Millionen Menschen haben? Für Beitrittskandidaten wie die Ukraine oder Montenegro, aber auch für die Schweiz, Norwegen oder das Vereinigte Königreich könnte das die Speerspitze wirtschaftlicher Integration sein.

Welche Rolle könnte Österreich dabei spielen?

Österreich hat sich lange als Westeuropas Tor nach Osteuropa verstanden. Das muss nicht verschwinden – im Gegenteil, es lässt sich mit einer EU Inc. stärken. Bislang war es vielleicht einfacher, in Wien Anwälte und Notare zu haben, die wissen, wie man am Balkan operiert. Wenn eine EU Inc. automatischen Zugang zu diesen Gründern gibt, könnt ihr euch als Tor nach Osteuropa neu erfinden. Wenn ein Wiener VC plötzlich leicht in ein Bukarester Team investieren kann, ohne einen Anwalt für 50.000 Euro zu bezahlen, der das rumänische System erklärt, dann nehmen wir enorm viel Reibung heraus. In Wien gibt es mehr Kapital als in vielen dieser Städte, direkte Flüge, juristische Kompetenz. Das ist eine echte Chance – und keine, über die man ein Märchen erzählen müsste.

Die Gewerkschaften fürchten, EU Inc. höhle Arbeitsrechte aus.

Das hat mit der Realität wenig zu tun. Es ist eine optionale Rechtsform – keine bestehende Form verschwindet. Und das Arbeitsrecht ist hier gar nicht drin: Stelle ich einen Deutschen an, gilt deutsches Arbeitsrecht, mit Kündigungsschutz und ab einer bestimmten Zahl mit Betriebsrat – immer dort, wo der Beschäftigte sitzt und arbeitet. Niemand wird betrogen. Man hatte Angst, ein Wirt in Tirol zahle dem Koch dann kein Gehalt, sondern nur Anteile. Ich dachte, es gibt einen Mindestlohn. Wenn Sie wollen, schreiben wir hinein, dass Mindestlohngesetze weiter gelten – kein Problem. Was mich wirklich verblüfft, ist der Kampf gegen Mitarbeiterbeteiligung. Karl Marx wollte, dass die Arbeiter die Produktionsmittel besitzen – und wir müssen hart darum kämpfen, die Beschäftigten zu bereichern.

Und die Notare, die auf Rechtssicherheit pochen?

Viele Mitgliedstaaten kommen ohne Notare im Prozess bestens zurecht. Niemand behauptet, estnischen Startups fehle Rechtssicherheit, obwohl man dort in zehn Minuten online gründet. Wir schaffen ja Kontrollen nicht ab – Artikel 14 erlaubt die Prüfung durch ein Gericht, eine zuständige Behörde oder einen Notar. Wir streichen nur den verpflichtenden Kanal, nicht die Kontrolle. Dass rigorose KYC- und Geldwäscheprüfungen online funktionieren, hat Wien mit Bitpanda längst gezeigt.

Gibt es einen Anreiz, die Notare an Bord zu holen?

Absolut. Staaten können Prüffunktionen delegieren – für den TÜV gehe ich zur DEKRA, nicht zur Stadt. Wenn österreichische oder deutsche Notare zu ihren Regierungen gingen und sagten: „Macht uns zum Teil dieser Zertifizierung innerhalb von zwei Werktagen“ – man würde sie mit offenen Armen empfangen. Sie könnten eine großartige Cottage-Industrie aufbauen, die Brücke zum Bankkonto oder zur Steuernummer sein. Ein österreichischer Notar könnte nach Dubai fliegen und sagen: „Gründet eine EU Inc., kommt nach Österreich, wir machen den One-Stop-Shop.“ Sonst übernehmen Stripe Atlas, Qonto und die Neobanks das Geschäft. Ich habe bloß noch keine einzige Idee der Notare gesehen, wie sie Teil der Lösung sein wollen. Sie sollten, ich wage es zu sagen, ein bisschen wie Startups denken.

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