05.09.2025
PSYCHEDELIKA

Thomas Primus: „Es geht um den Mut, sich selbst wieder zu spüren“

2022 nahm FoodNotify-Gründer Thomas Primus zum ersten Mal Ayahuasca – einen psychedelisch wirkenden Pflanzentee. Damit begann die vielleicht schwierigste Reise seines Lebens: die zu sich selbst. Was in dieser Nacht passierte, veränderte seinen Blick auf Erfolg, Führung und das Leben. Doch was als spirituelle Heilung beginnt, kann auch Risiken bergen – besonders, wenn psychedelische Substanzen als schnelle Lösung für tiefer­liegende Probleme gesehen werden.
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Thomas Primus ist Gründer und CEO des Wiener Startups FoodNotify. | © Elena Kipriotis

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Factbox der Suchthilfe Wien: Was ist Ayahuasca?

Ayahuasca beschreibt eine aus Pflanzen hergestellte Zubereitung. Die psychoaktive Wirkung wird dabei durch eine Kombination des Wirkstoffs DMT (N,N-Dimethyltryptamin) mit einem Monoaminoxidase-Hemmer erzeugt. ******************************************************************* Der Wirkstoff DMT ist ein Halluzinogen, das starke Veränderungen der (Sinnes-)Wahrnehmung bewirken kann. Diese können sein: schnelle Abfolgen von verschiedensten Emotionen in einem kurzen Zeitraum, Veränderung der „Ich-Wahrnehmung“ und des Körperbewusstseins; auch akustische und haptische Halluzinationen können auftreten. ******************************************************************* Bei oraler Einnahme kann sich die Wirkdauer auf bis zu acht Stunden erstrecken. Die Wahrscheinlichkeit, eine körperliche oder psychische Abhängigkeit von DMT zu entwickeln, ist sehr gering. Substanzkonsum ist jedoch niemals risikofrei, so auch nicht der von Ayahuasca.

Die Nervosität sitzt tief im ganzen Körper, als er sich gegen 18 Uhr auf den Weg zur Zeremonie macht. Rund 80 Menschen gehen mit ihm – jung und alt, aus verschiedenen Ländern, mit unterschiedlichen Geschichten. Begleitet werden sie von Schamanen. Nach einer Weile erreichen sie den Ort: mitten in der Natur, unter freiem Himmel. Der Vollmond macht die Nacht nahezu magisch. Die Zeremonie beginnt mit Musik, Icaros-Gesängen und Ritualen. Die Stimmung ist energiegeladen und offen. Drei Mal trinkt er den Tee – ein Gemisch aus halluzinogenen Pflanzen. Gegen vier Uhr morgens ist es vorbei. Was in den zehn Stunden passiert, verändert das Leben von Thomas Primus.

Der Tee ist besser bekannt als Ayahuasca. In den Urwäldern Südamerikas wird das psychedelisch wirkende Gebräu seit Jahrhunderten als Teil spiritueller Praktiken genutzt. Von den Schamanen wird es als eine Art Transmitter zu einer übernatürlichen Dimension verstanden. Die Einnahme von Ayahuasca wird oft von intensiven körperlichen und psychischen Reaktionen begleitet; Übelkeit und Erbrechen gehören meistens dazu. In Österreich ist der reine Wirkstoff DMT (N,N-Dimethyltryptamin) verboten und fällt unter das Suchtmittelgesetz. Die DMT-Pflanzen, aus denen Ayahuasca gebraut wird, sind rechtlich jedoch nicht erfasst, wie die Suchthilfe Wien bestätigt. Gleichzeitig rückt die Substanz zunehmend ins Interesse der Wissenschaft: Forscher:innen untersuchen, ob und wie psychedelische Mittel in der Therapie von Depressionen, Traumata oder Sucht hilfreich sein können.

Für Thomas Primus ist Ayahuasca vor allem eines: eine persönliche Erfahrung; eine Tür, durch die er gegangen ist, hin zu mehr Nähe zu sich selbst, aber auch eine Erfahrung, die Vorbereitung, Begleitung und Reflexion verlangt. „Es ist nur ein Weg von vielen“, betont er. Jeder Mensch müsse für sich selbst entscheiden, welcher Weg der richtige sei – und dies sei lediglich seine persönliche Geschichte.

Die Anfänge im Silicon Valley

2013 gründete Primus sein Wiener Startup FoodNotify – eine Management-Plattform, die gastronomische Betriebe und Hotellerie dabei unterstützt, ihre Prozesse rund um Einkauf, Lagerhaltung, Menüplanung, Personal, Kalkulation und Service effizient zu steuern und zu optimieren. Seither führt er das Unternehmen als CEO. So wie die meisten Startups durchlebte auch FoodNotify Höhen und Tiefen: Im Dezember 2022 stand das Unternehmen kurz vor dem Aus und musste Insolvenz anmelden. Der finanzielle Druck war zu groß. „Ich war innerlich unzufrieden. Es fühlte sich an, als würde ich alles tragen, und gleichzeitig spürte ich eine wachsende Distanz zu mir selbst“, erinnert sich der Geschäftsführer.

Seit 2013 führt Thomas Primus sein Unternehmen als Geschäftsführer. | © Elena Kipriotis

Damals war er im Silicon Valley unterwegs. Er sprach mit vielen Unternehmer:innen, die von spirituellen Praktiken und Erfahrungen mit psychoaktiven Substanzen berichteten. „Auch wenn ich damals mit vielen Aussagen noch wenig anfangen konnte, hat sich bei mir etwas bewegt: die Erkenntnis erwachte, dass viele Antworten vielleicht nicht im Außen liegen, sondern in einem selbst“, erzählt Primus. Es war für ihn der Beginn einer Reise zu sich selbst. Als er zurück in Österreich war, kam durch eine Vertrauensperson schließlich der Impuls, Ayahuasca auszuprobieren. „Ich hatte keine konkreten Erwartungen“, sagt er. 2022 nahm er an seiner ersten Zeremonie in Portugal teil.

Blinde Flecken

Nachdem er die erste Dosis Ayahuasca getrunken hatte, dauerte es etwa eine Dreiviertelstunde, bis sich die Wirkung bei ihm bemerkbar machte. „Körperlich war spürbar, dass mein Zustand verändert war – aber nicht im Sinne eines Rauschs. Ich war ganz bei mir, ganz offen. Es ist ein Raum, der sich öffnet, in dem man plötzlich Zugang zu Erinnerungen, Mustern und inneren Dynamiken bekommt, die man im Alltag nicht wahrnimmt“, erzählt Primus. Er ging mit einer klaren Absicht in die Zeremonie: „Ich wollte meine blinden Flecken sehen – also die Teile von mir, die ich selbst nicht erkenne.“

Im Lauf der Nacht konnte er sich selbst wie von außen beobachten. Erinnerungen aus der Kindheit, aus familiären Situationen, aus Konflikten tauchten auf. „Und ich konnte sehen, wie ich teilweise gehandelt habe, wie ich Menschen verletzt habe – ohne es zu wollen. Das war konfrontierend. Aber es war auch befreiend“, sagt Primus. „Das hat unglaublich viel aufgelöst. Ich habe gelernt, dass ich nicht der Mensch bleiben muss, der ich einmal war. Und das ist für mich das Kraftvollste an dieser Erfahrung: Sie verändert die Sicht auf sich selbst“, so Primus. Drei Jahre nach seiner ersten Ayahuasca-Zeremonie beschreibt er diesen Moment als Wendepunkt in seinem Leben.

Die Suchthilfe Wien betont, dass es beim Konsum von DMT – wie bei allen Halluzinogenen – „zu sehr intensiven, für manche Menschen sogar spirituellen Erfahrungen“ kommen kann. „Das Ich-Empfinden kann sich so weit verändern, dass die subjektiven Grenzen der eigenen Person verschwimmen. Das kann sich in einem Gefühl der starken Verbundenheit mit der Welt und den Menschen äußern, aber auch Angst machen.“ Die Wirkung sei stark abhängig von der körperlichen und seelischen Tagesverfassung sowie von der Konsumsituation.

Zwischen Schmerz und Heilung

Zehn Stunden, in denen sich Thomas Primus wie in einer anderen Dimension fühlte, endeten im Morgengrauen. Was blieb, fühlte sich für ihn an wie ein tiefes Gefühl der Erleichterung. „Ich vergleiche das mit einer Wunde, die endlich gesehen und versorgt wird: Der Schmerz ist noch spürbar, ja – aber man weiß, jetzt beginnt die Heilung. Und das fühlt sich unglaublich befreiend an“, erklärt er.

„Ich will das nicht romantisieren“, sagt der Unternehmer. „Es braucht Mut, sich auf diesen Weg einzulassen. Denn es geht darum, sich selbst in der Tiefe zu begegnen. Viele haben Angst davor – bewusst oder unbewusst. Und das ist auch nachvollziehbar. Nicht jeder will oder kann hinschauen.“ Das bestätigt auch Eva Gallacher: Die Psychotherapeutin hat 2023 eine zweijährige Ausbildung zur Psychedelics Therapist bei der Berliner MIND Foundation absolviert. Heute forscht sie in der Schweiz zu psychedelischer Therapie und ist Mitgründerin der österreichischen Apsta (Association for Psychedelic Science & Therapy Austria). Aus psychotherapeutischer Sicht seien psychedelische Erfahrungen keinesfalls zu unterschätzen, sagt Gallacher: „Das ist kein Spaziergang, das ist ein hartes Stück Arbeit. Das ist nicht nur Love, Peace and Happiness, sondern es können auch herausfordernde Angstphasen hochkommen.“

Therapeutisch gesehen sei das Potenzial dennoch enorm: Psychedelika würden „bedeutsames Material aus dem Unbewussten von Patienten, das sonst nicht zugänglich wäre, hervorholen. Erst dann gibt es die Möglichkeit, mit diesem Trauma zu arbeiten“, erklärt Gallacher. Das könne allerdings auch dazu führen, dass Menschen danach „für eine Zeit lang sehr durcheinander“ oder in ihrem Weltbild erschüttert seien. Entscheidend sei, was danach kommt: „Die eigentliche Arbeit beginnt nach der Substanzerfahrung“, sagt Gallacher.

Eva Gallacher forscht zu psychedelischer Therapie. | © Martin Jordan

Perspektivenwechsel

Die Erfahrung mit Ayahuasca hat Thomas Primus’ Blick auf seine Rolle als Unternehmer verändert. „Ich war anfangs sehr stark in diesem Muster ‚Ich muss das alles halten!‘ – ich war der Gründer, der aus einem sicheren Job ausgestiegen ist; das hat auch mein Umfeld beobachtet. Und plötzlich stehst du unter einem enormen inneren Druck, es irgendwie ‚beweisen‘ zu müssen“, sagt er rückblickend. In den Jahren des Unternehmensaufbaus habe er sich Stück für Stück selbst verloren. Anstatt auf seine innere Stimme zu hören, funktionierte er einfach nur – so lange, bis es nicht mehr ging. Heute sehe er das klarer: „Mein Unternehmen ist ein Spiegel. Es spiegelt all das, was ich selbst noch nicht geheilt habe: meine Ängste, meine Limitationen, meine blinden Flecken. Und das zeigt sich in der Kultur, im Team, in der Energie des Unternehmens“, sagt der Gründer.

Mit dieser Einsicht kam für ihn eine neue Definition von Leadership. „Ich will nicht nur Ergebnisse erzielen – ich will Räume öffnen, in denen Menschen sich entwickeln können“, sagt Primus. „Ayahuasca hat mir geholfen, das zu erkennen – nicht intellektuell, sondern emotional, körperlich, tief im Inneren. Und seither treffe ich Entscheidungen anders: klarer, mit mehr Vertrauen und manchmal auch mit mehr Mut zum Loslassen. Ich bin heute kein perfekter Leader – aber ich bin ein bewussterer Leader.“

Drei Jahre nach dem Insolvenzantrag hat sich sein Startup FoodNotify wieder erholt. Dem Unternehmen gelang die Sanierung, ein neuer Investor kam an Bord. „Erfolg hat sich für mich völlig neu definiert. Früher ging’s ums klassische Bild: Zahlen, Wachstum, Exit. Heute ist Erfolg für mich viel näher an der Dankbarkeit. Erfolg ist, morgens aufzuwachen und zu wissen: Ich bin am richtigen Ort, ich bin verbunden mit dem, was ich tue – und ich tue es mit Freude und ohne zu müssen.“

Innere Stabilität

Für Primus ist heute klar: Mentale Gesundheit ist eine Grundvoraussetzung für nachhaltiges Unternehmertum. Ayahuasca hat für Primus dabei einiges verändert. „Es hat meine mentale Gesundheit nicht repariert, sondern mir zurückgegeben“, erklärt er. „Ich war früher funktional und leistungsfähig, aber nicht unbedingt in Balance. Ich konnte Druck aushalten, aber ich war innerlich oft abgeschnitten. Durch Ayahuasca habe ich begonnen, diese Verbindung wiederherzustellen. Ich habe gelernt, meine Emotionen bewusster wahrzunehmen, sie zu halten – und nicht mehr reflexartig zu verdrängen. Das hat mir innere Stabilität gegeben, gerade in herausfordernden Situationen.“

Trotzdem ist es Primus wichtig, zu betonen, dass Ayahuasca lediglich ein Türöffner war, nicht die Lösung. Die eigentliche Arbeit beginne erst nach der Zeremonie: Die Reflexion, die Integration in den Alltag – das sei der entscheidende Teil. „Ich glaube, mentale Gesundheit beginnt dort, wo wir bereit sind, uns ehrlich zu begegnen. Und genau das hat mir Ayahuasca ermöglicht: die ehrliche, manchmal schmerzhafte, aber unglaublich heilsame Begegnung mit mir selbst. Ayahuasca hat mir nicht die Lösung gegeben – sondern die Fähigkeit, in mir selbst Antworten zu finden“, so Primus.

Thomas Primus fand durch die Erfahrung mit Ayahuasca wieder zu sich selbst. | © Elena Kipriotis

Mut „zu sich selbst“

Trotz allem handelt es sich bei Ayahuasca um eine Substanz mit psychoaktiver Wirkung. Der enthaltene Wirkstoff DMT ist keineswegs harmlos, denn er greift tief in die Psyche ein. In klinischen Studien gelten daher strenge medizinische Ausschlusskriterien, etwa bei psychotischen Vorerfahrungen oder familiärer Vorbelastung, aber auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Jedenfalls sollte man immer einen ‚Sitter‘ mit dabei haben – jemanden, dem man vertraut und der auf einen aufpasst, während man die psychedelische Erfahrung macht“, betont Gallacher.

Auch die Suchthilfe Wien warnt: DMT kann psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Schizophrenie auslösen – insbesondere bei Menschen mit entsprechender Anfälligkeit. „Nicht allen Konsument:innen fällt es leicht, das eindrückliche Erlebnis der DMT-Wirkung zu verarbeiten und in den Alltag einzugliedern“, so die Suchthilfe Wien.

Primus ist sich der Bedeutung eines sicheren Rahmens bewusst. Während der ersten Zeremonien begleiteten ihn nicht nur erfahrene Schamanen, sondern auch sogenannte Guardian Angels. Das sind Menschen, die sich ausschließlich um das emotionale und körperliche Wohl der Teilnehmer:innen kümmern. „Ich habe mich nie allein gefühlt – obwohl ich niemanden persönlich kannte“, sagt er. „Das größte Risiko entsteht, wenn Menschen sich unvorbereitet, unbegleitet oder aus Neugier auf eine Zeremonie einlassen – ohne zu wissen, worum es dabei wirklich geht.“

Ayahuasca sei keine Partydroge, sondern eine tiefgreifende Erfahrung und für viele auch eine Herausforderung. „Deshalb sage ich ganz bewusst: Ayahuasca ist nicht für jeden etwas; Ayahuasca ist auch nichts, das man regelmäßig konsumiert wie ein Nahrungsergänzungsmittel“, sagt Primus.

Auch die Suchthilfe Wien warnt davor, dass der Konsum zunehmend als „Trend“ wahrgenommen wird. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es: „Menschen wünschen sich in belastenden Zeiten schnelle und einfache Lösungen. Diese sind allerdings selten nachhaltig.“ Ayahuasca sei daher keine kurzfristige Lösung, um Problemen auszuweichen, sondern ein risikoreicher Konsum, der im Nachgang Aufarbeitung verlange. Primus selbst war das letzte Mal vor über einem Jahr bei einer Zeremonie. Jeder Mensch müsse seinen eigenen Weg finden, um sich mit der eigenen Psyche auseinanderzusetzen. „Es gibt viele Wege nach innen: Breathwork, Meditation, stille Retreats, andere Pflanzenmedizin. Aber ich glaube, dass wir in einer Welt leben, in der es immer schwieriger wird, uns selbst wirklich zuzuhören – weil alles im Außen auf Ablenkung programmiert ist“, so der FoodNotify-Gründer. „Ich teile meine Erfahrungen, weil ich hoffe, dass Menschen sich wieder daran erinnern, dass sie ihr eigenes Leben leben dürfen; und dass es Wege gibt, alte Muster, Glaubenssätze und Traumata zu lösen. Für mich war Ayahuasca ein Teil dieses Wegs. Aber es geht um viel mehr: Es geht um den Mut, sich selbst wieder zu spüren.“


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(V.l.) Manuela Mohr-Zydek (Salesforce Österreich) und Isabella Tomás (Open Austria) in San Francisco. © brutkasten

Zwei Perspektiven, ein Hotspot: San Francisco. Isabella Tomás sitzt seit vier Jahren an der Schnittstelle zwischen Österreich und dem Silicon Valley. Als Konsulin und Co-Direktorin von Open Austria leitet sie das gemeinsam von Außenministerium (BMEIA) und Wirtschaftskammer Österreich (WKO) betriebene Außenwirtschafts- und Innovationsbüro und vernetzt heimische Gründerinnen, Gründer und Unternehmen mit dem wohl dichtesten Innovationsökosystem der Welt. Manuela Mohr-Zydek blickt aus der Unternehmensperspektive darauf: Seit eineinhalb Jahren verantwortet sie als Country Leaderin das Österreich-Geschäft von Salesforce und begleitet heimische Betriebe dabei, den Schritt von der digitalen Transformation zur produktiven Skalierung autonomer KI-Agenten zu schaffen.

Im exklusiven Gespräch mit brutkasten ziehen die beiden Bilanz: Wie steht es um Österreich in Sachen KI-Anwendung? Was können heimische Unternehmen von der Risikobereitschaft und Umsetzungskraft des Silicon Valley lernen und wo sollte man mit dem KI-Einsatz trotz allem Potenzial vorsichtig bleiben? Von der Rolle des Kapitals bis hin zu den Stärken österreichischer Ingenieure, Tomás und Mohr-Zydek liefern einen ehrlichen Blick auf zwei Innovationswelten, die einander viel zu sagen haben.


Brutkasten: Ihr seid beide viel zwischen Österreich und San Francisco unterwegs. Welche Learnings möchtest du von hier sofort mit nach Österreich nehmen, Manuela?

Manuela Mohr-Zydek: Man kann viel Innovation und Inspiration mit nach Österreich nehmen. Wobei ich auch sagen muss, dass wir in Österreich bereits unglaublich viel Innovation und viele neue Ideen haben. Ich bin nun seit eineinhalb Jahren als Country Leaderin für Salesforce in Österreich tätig und sehe das täglich. Was man aus dem Silicon Valley mitnehmen kann, ist die enorme Umsetzungskraft und die Pionierarbeit. In Österreich befinden wir uns in manchen Bereichen gefühlt noch ganz am Anfang – vor allem beim Thema künstliche Intelligenz. Wir haben viele Kunden, die sich bereits damit auseinandersetzen oder KI skalierbar im Einsatz haben. Im Silicon Valley ist man vermutlich schon ein Stück weiter, und genau dieses Mindset können wir mitnehmen. Wir müssen weg von „Wir probieren aus“ hin zu „Wir setzen künstliche Intelligenz skalierbar im Unternehmen ein“. Damit lässt sich einerseits der Fachkräftemangel adressieren und andererseits dem wirtschaftlichen Kostendruck begegnen. Die Strategie sollte aus unserer Sicht aber nicht sein, Arbeitsplätze abzubauen. Im Gegenteil: Wir sehen viele Chancen für junge Menschen, sich im Bereich KI weiterzubilden, umzuschulen und eine klare Zukunftsperspektive aufzubauen.

Isabella Tomás: Ich kann bestätigen, was Manuela gesagt hat. Ich bin für Open Austria seit vier Jahren im Silicon Valley. Ein wesentlicher Unterschied ist die höhere Risikobereitschaft. Gründerinnen und Gründer werden hier ermutigt und unterstützt, mutig zu agieren. Die Menschen haben keine Angst vor Innovation. In Österreich haben wir sehr viele innovative Köpfe, aber man hat oft das Gefühl, dass sie nicht immer optimal gefördert werden, um sich voll zu entfalten – das beginnt an den Universitäten und setzt sich in den Unternehmen fort. Der zweite Punkt ist die Skalierbarkeit: Hier steht eine enorme Menge an Risikokapital zur Verfügung, mit dem Startups viel schneller skalieren können. Zudem spielt der US-Markt eine entscheidende Rolle: Wer sich hier etabliert, kann relativ leicht in andere Märkte vorstoßen und weltweit skalieren. Das ist in Österreich und auf EU-Ebene aufgrund der Marktstrukturen leider noch nicht ohne Hürden möglich.

Salesforce-CEO Marc Benioff hat in seiner Eröffnungs-Keynote ein eher verhaltenes Bild von Europa in Bezug auf KI gezeichnet. Wie beobachtest du die Adaption von KI-Applikationen bei österreichischen Unternehmen, Manuela?

Manuela Mohr-Zydek: Über die letzten Monate hat sich eine sehr positive Dynamik entwickelt. Wir führen nahezu mit jedem Kunden Gespräche zum Thema künstliche Intelligenz. Es geht nicht mehr nur um erste Pilotprojekte oder Proofs of Concept, sondern darum, wie Unternehmen tatsächlich mit autonomen Agenten arbeiten können – Hand in Hand zwischen Mensch und Agent. Wir sehen eine große Offenheit dafür, Geschäftsprozesse agentenbasiert zu unterstützen. Wir befinden uns in der nächsten Stufe: weg vom reinen Ausprobieren, hin zum Etablieren einer Kultur im Sinne von „Human in the Loop“. Der Mensch bleibt entscheidungsfähig, wird aber autonom durch Agenten unterstützt.

Welche konkreten Use Cases beobachtest du, auch im Vergleich zwischen größeren Unternehmen und Startups?

Manuela Mohr-Zydek: Gerade für kleinere Unternehmen und Startups bietet KI eine riesige Chance, weil Technologie demokratisiert wird. Mit Low-Code- und No-Code-Ansätzen braucht man keine tiefe Coding-Erfahrung mehr, um einen Agenten zu bauen und eine Idee zu verwirklichen. Anfänglich haben wir sehr stark im Servicebereich mit autonomen Agenten begonnen. Über die vergangenen Monate hat sich das stark in Richtung Marketing, Sales und Commerce weiterentwickelt. Es gibt Beispiele wie PayPal oder Anwendungsfälle, bei denen Agenten automatisiert Outbound-Leads generieren, Inbound-Anfragen abarbeiten oder Marketing-Journeys erstellen, bevor der Mitarbeiter übernimmt. Im Commerce-Bereich unterstützen Agenten bei Produktauskünften auf Webseiten. Autonome Agenten befreien Mitarbeiter von wiederkehrenden, maschinellen Aufgaben, sodass sich der Mensch wieder auf seine Kernstärken besinnen kann: Kreativität und soziales Miteinander. Das ist das Schöne am Konzept des „Agentic Enterprise“.

Isabella, was beobachtest du bei österreichischen Gründern, die ins Silicon Valley oder nach San Francisco kommen? Wie sieht dort die KI-Adaption aus?

Isabella Tomás: Die meisten, die herkommen, sind bereits tief im Thema drin oder kommen genau deshalb hierher, weil San Francisco das Mekka der KI ist. Wer das Thema noch nicht mitbringt, arbeitet sich sehr schnell ein. Zu Beginn gibt es meist einen gewissen Wow-Effekt. Das Beispiel der autonomen Autos verdeutlicht das gut: Für meine Volksschulkinder ist es mittlerweile völlig normal, sich in ein fahrerloses Auto zu setzen. Europäer, die das erste Mal in San Francisco sind, sind davon meist fasziniert. Der Unterschied liegt darin, dass die Menschen hier eine ausgeprägte Early-Adopter-Mentalität haben. Sie sind überdurchschnittlich bereit, etwas völlig Neues auszuprobieren, und haben weniger Berührungsängste. Das verhilft innovativen Ideen schneller zum Durchbruch und schafft einen ersten Use Case, mit dem man zeigen kann, dass es in der Praxis funktioniert.

Welche Stärken bringen Gründerinnen und Gründer aus Österreich mit, die man im Silicon Valley schätzt?

Isabella: Man schätzt auf jeden Fall die hervorragende Ausbildung an unseren Universitäten und Fachhochschulen. Die Ausbildung steht den Top-Universitäten in den USA in nichts nach. Auch das technische Fundament, etwa von Ingenieuren im Industriebereich, wird sehr geschätzt. Die Leute wissen genau, wovon sie sprechen, und arbeiten extrem solide. Wenn sich dieses Fachwissen mit der innovativen Dynamik vor Ort verbindet, entsteht eine hervorragende Kombination. Österreicher sind vielleicht nicht immer diejenigen mit den verrücktesten Ideen, aber sie sind extrem stark darin, diese Ideen pragmatisch und erfolgreich umzusetzen.

Überspitzt gefragt: Haben Gründer:innen aus Europa im Silicon Valley einen Nachteil, weil das Vorurteil herrscht, Europäer hinkten bei KI hinterher?

Isabella Tomás: Nein, nicht unbedingt. Das Silicon Valley ist ein großer Schmelztiegel mit Menschen aus aller Welt. Österreichische Gründerinnen und Gründer, die sich gut präsentieren, haben keineswegs einen Nachteil, nur weil sie aus Europa kommen. Einen Nachteil hat man nur dann, wenn man sich schlecht präsentiert oder nicht fachkundig wirkt. Wer zeigt, dass er seinen Bereich beherrscht und etwas Interessantes auf die Beine stellt, wird hier sehr schnell anerkannt.

Manuela, Salesforce hat sich ja spätestens mit AIforce der künstlichen Intelligenz verschrieben. Was ist für Geschäftsführer:innen, die KI im Unternehmen umsetzen wollen, deiner Meinung nach der beste erste Schritt?

Manuela Mohr-Zydek: Wir setzen sehr stark bei Schulungen an – und zwar sowohl auf Führungsebene als auch auf Mitarbeiterebene. Eine Zusammenarbeit von Mensch und Agent („Agentic Enterprise“) muss von Führungskräften vorgelebt werden, was ein grundlegendes technologisches Verständnis voraussetzt. Es geht auch um die Frage der ethischen Verantwortung und darum, wo die Grenzen der Technologie liegen, damit der Mensch in der Entscheidung verbleibt. Auf Mitarbeiterebene dienen Schulungen dazu, Inspiration und Ideen zu generieren. Wir veranstalten dazu auch Hackathons mit Kunden, um Ideen in eine Roadmap zu gießen und rasch in die Umsetzung zu bringen. So entsteht sowohl Top-down als auch Bottom-up die Innovationskraft, die es für die Zukunft braucht.

Gibt es Bereiche, in denen man KI konkret noch aussparen sollte, obwohl sie viel Potenzial birgt?

Isabella Tomás: Es gibt sehr sensible Bereiche, bei denen große Vorsicht geboten ist – etwa wenn es um Gesundheitsdaten oder hochgradig personenbezogene Daten geht. Aus Sicht der öffentlichen Verwaltung gelten hier höchste Anforderungen an Datenschutz und Regelkonformität. Solange nicht zu hundert Prozent sichergestellt ist, dass alle gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden, kann KI dort nicht ohne Weiteres eingesetzt werden. Wenn es hingegen um Recherchen oder Entwürfe für Präsentationen geht, ist das unbedenklich. Grundsätzlich gilt: Je besser man sich selbst in einem Fachgebiet auskennt, desto eher kann man KI sinnvoll nutzen, weil man das Ergebnis fachlich beurteilen kann. Wenn man keine Ahnung von der Materie hat, sollte man KI-Ergebnisse nicht blind übernehmen, sondern verifizieren.

Welche Hoppalas oder Fehler konntest du im Silicon Valley beobachten, von denen Unternehmen in Österreich lernen können?

Isabella Tomás: Die Fehler sind ähnlich wie überall. Das reicht von Anwälten, die vor Gericht erfundene Präzedenzfälle zitiert haben, über Fehldiagnosen bei medizinischen Bildanalysen bis hin zu falschen Wirtschaftsdaten auf Präsentationsfolien. Wenn man Ergebnisse ungeprüft übernimmt, kann das peinlich werden. Man darf sich nicht blind auf die KI verlassen, wenn man die Fakten nicht selbst verifizieren kann.

Manuela, wie verändert sich die Arbeit in Unternehmen konkret durch den Einsatz von Agenten?

Manuela Mohr-Zydek: Wir gehen davon aus, dass sich letztlich nahezu jeder Job verändern wird. Es geht längst nicht mehr nur darum, ein Large Language Model als Assistenten einzusetzen, sondern darum, einzelne Prozessabschnitte im Unternehmen messbar und autonom abzuarbeiten. Bei Salesforce messen wir das in „Agentic Work Units“ – hier gab es von Q1 auf Q2 einen Anstieg von 97 Prozent. Um ein Unternehmen verlässlich zu führen, braucht man valide Daten, funktionierende Prozesse, Governance und Compliance. Das LLM dient als kreatives Interface nach oben, aber darunter braucht es ein solides Fundament aus Daten, Applikationen und Sicherheit.

Isabella Tomás: Das ist auch der Vorteil von spezifischen, maßgeschneiderten Modellen, die auf den konkreten Unternehmensdaten basieren. Dort ist das Risiko von Halluzinationen oder fehlerhaften Ausgaben deutlich geringer als bei rein generischen Sprachmodellen.

Manuela Mohr-Zydek: Wie Marc Benioff in seiner Keynote hervorgehoben hat, muss man zwischen wahrscheinlichkeitsbasierten und deterministischen Ergebnissen unterscheiden. Die Kombination aus beidem liefert sowohl kreative Möglichkeiten als auch die nötige Verlässlichkeit für Unternehmensentscheidungen


Transparenzhinweis: Die Reise- und Aufenthaltskosten zur Dreamforce wurden von Salesforce übernommen. Auswahl und Bewertung der Themen erfolgten unabhängig davon.

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