10.09.2025
MARKTA-INSOLVENZ

Theresa Imre: „Auf einmal stehst du da und merkst, dass es nicht mehr weitergeht“

Theresa Imre wollte mit markta Supermärkte neu denken – regionaler, fairer, nachhaltiger. Was als Onlineshop für regionale Lebensmittel begann, erlebte während der Pandemie ein unerwartetes Wachstum. Doch mit der Rückkehr zur Normalität veränderte sich auch das Konsumverhalten. Die Gründerin passte ihr Geschäftsmodell an: Aus dem digitalen Marktplatz wurden zwei Filialen in Wiens bester Lage. Und dann kam sie, die Nachricht, vor der jede:r Gründer:in Angst hat: markta muss Insolvenz anmelden.
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Theresa Imre wollte mit markta den heimischen Lebensmittelmarkt aufmischen. | © Umdasch/Franz Moser

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Die ersten Schritte von markta

„Ich bin selbst in der Steiermark am Land aufgewachsen. Ich habe damals sehr viel mitbekommen von den umliegenden Bäuerinnen und Bauern, wie die unterschiedlichen Lebensmittel hergestellt werden“, beginnt Theresa Imre zu erzählen. Schon in ihrer Jugend entwickelte sie eine Leidenschaft fürs Kochen; 2015 startete sie zunächst mit einem klassischen Foodblog, der schnell Anklang fand. Immer mehr Kleinbetriebe aus der Region klopften bei ihr an, fragten nach Blogger Kooperationen. „Aus diesem Potenzial heraus ist die Idee von markta entstanden“, sagt Imre.

2018 folgte der nächste Schritt: Der Onlineshop ging an den Start. Markta war „in der allerersten Variante ein großer Online-Marktplatz“, auf dem Bäuer:innen sich abseits der großen Handelsketten präsentieren und neue Kund:innen erreichen konnten, erklärt die Gründerin. Dann kam die Pandemie und veränderte alles: Ein Geschäftsmodell wie das von markta profitierte von der plötzlichen Nachfrage nach Regionalität und Lieferung. „Wir sind in einer Phase explodiert, wo ganz viele andere Bereiche in der Wirtschaft stillgestanden sind“, erinnert Imre sich. „Von 120 auf 2.500 Bestellungen jede Woche! Wir haben dermaßen ein Wachstum hingelegt“.

Theresa Imre ist in der Steiermark am Land aufgewachsen. | © Anna Zora

Doch auch diese Ausnahmesituation hatte ein Ende. Als die Lockdowns vorbei waren, wollten die Menschen wieder hinaus, Freund:innen treffen und gemeinsam in Restaurants sitzen. „Man hat es genossen, nicht mehr so viel zu Hause kochen zu müssen, sondern Lebensmittel und generell Essen wieder normal zu erleben“, sagt Imre. Gleichzeitig war 2022 auch der russische Angriff auf die Ukraine deutlich spürbar. „Die Logistikkosten sind bei uns massiv nach oben gegangen, auch die Verpackungskosten. Einen reinen Onlinehandel zu betreiben wäre zu kurz gedacht. Wir mussten markta den Umständen entsprechend transformieren und anpassen.“

Alserstraße 16

Links, rechts, gegenüber: Supermarkt reiht sich an Supermarkt. Zwei Billas und ein Spar liegen in einer Distanz von kaum 800 Metern. Dazwischen der Laden mit den grünen Fensterrahmen; darüber steht: „markta – einfach gute Lebensmittel“. Mitten in Wiens Bestlage, auf der Alserstraße im neunten Bezirk, eröffnete Theresa Imre hier im Sommer 2023 ihre erste eigene Filiale – 400 Quadratmeter groß, gefüllt mit regionalen und heimischen Produkten, die direkt vom Bauernhof in die Hauptstadt gelangen.

„Wir haben uns gar nicht im Wettbewerb mit den Großkonzernen sehen wollen“, sagt Imre. „Wir waren unter den Ersten, die ein komplett neues, alternatives Lebensmittelmodell für urbane Menschen umgesetzt haben.“ Die enorme Supermarktdichte in Österreich sei für viele Produzent:innen längst ein Problem. „Die leiden massiv unter diesen Konzernstrukturen“, so Imre. Am Ende dieser Kette stehen die Bäuer:innen und Produzent:innen, „die man dermaßen ausbluten lässt“. Markta setzte deshalb von Beginn an auf eine kurze, transparente Wertschöpfungskette: „Wir konnten jedes einzelne Produkt bis auf den Bauernhof zurückverfolgen“, betont Imre.

Doch Regionalität allein ist kein Selbstläufer. Der Lebensmittelhandel bleibt eine umkämpfte Branche, denn nicht jede:r Kund:in greift freiwillig zum teureren Produkt. „Alle sagen, sie finden Bio-Lebensmittel gut und dass Regionalität wichtig ist. Aber wenn du in den Einkaufskorb der Menschen schaust, merkst du: Es wird wieder verstärkt zum günstigeren Produkt gegriffen“, sagt Imre. Den Konsument:innen allein will sie jedoch keine Schuld zuschieben: „Es liegt sehr stark an der konzerngetriebenen Marktmacht und dem politischen Unwillen, etwas daran zu verändern“, betont sie.

Trotz dieser Konkurrenz fand markta seine Zielgruppe: urbane Menschen, die offen für Neues und bereit sind, Regionalität mitzudenken. Aber selbst in dieser Bubble gibt es Grenzen: „Es gibt genug Akademiker, die gut verdienen und sich trotzdem nicht gut ernähren. Es kommt oft darauf an, wie Menschen aufwachsen“, sagt Imre.

Zollergasse 9

„Wir haben damals den Sprung ins kalte Wasser gewagt, indem wir einfach mal einen Laden eröffnet haben“, erzählt Theresa Imre weiter. Eineinhalb Jahre später folgte die zweite markta-Filiale in der Zollergasse im siebten Wiener Bezirk. Im Jänner 2025 gingen dort auf 250 Quadratmetern die Türen auf, gefüllt mit Produkten von rund 150 regionalen Produzent:innen. Damals hatte Imre große Pläne: Zehn weitere Standorte in Wien wollte sie so schnell wie möglich eröffnen.

Theresa Imre bei der Eröffnung der zweiten markta-Filiale in der Zollergasse. | © Umdasch/Franz Moser

„Markta war als Geschäftsmodell so aufgesetzt, dass wir aufgrund der kleinteiligen Logistik sowie fairen Preise eine gewisse Anzahl an Filialen brauchen, um in diesem schwierigen Wettbewerbsumfeld der Supermärkte zu bestehen“, erklärt sie. Doch dazu sollte es nie kommen: Die unerwartete Insolvenz machte alle Expansionspläne zunichte. „So kurz, wie es her ist, so schockierend ist es auch, dass wir viereinhalb Monate nach der Eröffnung in der Zollergasse die Insolvenz anmelden mussten“, sagt die markta-Gründerin.

Emotionale Videobotschaft

„Manchmal genügen alle Kräfte, Motivation und Liebe, die man in so einen Aufbau reinsteckt, trotzdem nicht.“ Mit diesen Worten wandte sich Theresa Imre im April 2025 an ihre Community. In einer Videobotschaft auf Instagram machte sie öffentlich, was für einige überraschend kam: Das Projekt „urbaner Bauernmarkt“ ist am Ende seiner Reise.

Um aus eigener Kraft wirtschaftlich bestehen zu können, hätte markta weiter expandieren müssen. Und dafür brauchte es frisches Kapital. „Eigentlich war Anfang des Jahres alles mit unseren Investoren beschlossen und auch das Budget wurde gemeinsam abgenommen. Im Laufe der letzten Wochen gab es Zahlungsschwierigkeiten seitens des Hauptinvestors“, schildert Imre. „Ich wurde immer wieder vertröstet; dann kam aber den ganzen Monat keine Zahlung. Trotzdem habe ich Ende März die Gehälter überwiesen – mit der Hoffnung, die Zahlung vom Investor noch zu erhalten.“ Doch das Geld kam nie an. „Ich habe das alles auf mein eigenes Risiko gemacht. Auch für den Bankkredit hafte ich privat, und da geht es auch für mich um substanzielle Summen.“ Auf alle weiteren dringenden Nachfragen habe sie keine Antwort mehr erhalten. Die Erkenntnis, dass es keinen Ausweg mehr geben würde, traf sie mit voller Wucht. „Es war für mich hochemotional, das Ganze zu verarbeiten“, sagt Imre.

Mission gescheitert

Nach der emotionalen Videobotschaft erreichte Imre binnen weniger Stunden eine Welle an Solidarität, die sie selbst überwältigte. „Mit der habe ich nicht einmal ansatzweise gerechnet“, erzählt sie. „So viele Anrufe, so viele WhatsApp-Nachrichten. Ich bin nach einem Monat noch nicht immer dazugekommen, alle zu beantworten.“

Wie fühlt es sich an, endgültig die Türen schließen zu müssen? „Ich fasse es selber noch nicht. Es waren mit allen Vorbereitungen fast zehn Jahre meines Lebens, die ich dieser Unternehmung gewidmet habe. Es hat sich dann angefühlt, auch in den Tagen und Wochen danach, als wäre mein unternehmerisches Baby gestorben. Bislang habe ich keine Kinder und habe mich dazu entschieden, den Großteil meines beruflichen Lebens dieser Mission zu widmen. Auf einmal stehst du da und merkst, dass es nicht mehr weitergeht“, sagt sie mit Tränen in den Augen.

Markta war für Imre nie bloß ein Unternehmen. Es war Teil von ihr selbst – ein Projekt, in das all ihre Leidenschaft, Energie, Liebe und unzählige Stunden geflossen sind. Umso mehr schmerzt es, dass es an Umständen gescheitert ist, die sie kaum beeinflussen konnte. „Du stehst daneben und kannst es nicht realisieren“, sagt Imre. Immer wieder hatte sie in den vergangenen Jahren Auswege gefunden, auch in scheinbar aussichtslosen Momenten. „Es ist sich immer arschknapp ausgegangen und es war auch oft sehr risikoreich.“ Dieses Mal aber sollte es anders enden.

Nachwehen der Insolvenz

Auf den Insolvenzantrag folgte der Jobabbau – Imre musste sich von allen 31 Mitarbeiter:innen trennen. „Ich als Unternehmerin stehe komplett alleine da. Ich habe kein Einkommen, keine Versicherung, falle auch nicht in den Insolvenzfonds rein, muss aber jetzt alles alleine abwickeln“, erzählt sie. Zeit, um die Insolvenz wirklich emotional zu verarbeiten, blieb kaum. Stattdessen kümmerte sie sich darum, dass die Quote möglichst hoch ausfällt, um die offenen Forderungen gegenüber Kleinbetrieben zu reduzieren.

Doch damit nicht genug: Zwei halb volle Supermärkte voller Lebensmittel mussten ebenfalls aufgelöst werden. Imre versuchte, so viel wie möglich durch Abverkäufe weiterzugeben, um möglichst wenig entsorgen zu müssen. „Das ist aufwendiger, als man sich das von außen vorstellt oder als ich es mir jemals vorgestellt hätte“, gesteht sie.

Der österreichische Lebensmittelmarkt

Für manche mag das Scheitern von markta nicht völlig überraschend kommen, denn der Lebensmittelmarkt in Österreich gilt als einer der härtesten in Europa. Für Theresa Imre steht das Ende ihres „urbanen Bauernmarkts“ weniger für ein gescheitertes Konzept als für ein System, das Alternativen kaum eine Chance lässt.

„Ich glaube, dass es eine politische und eine systemische Verantwortung ist, hier andere Hebel und Anreize zu setzen, dass eben nicht diese Verantwortung auf den Endkunden abgewälzt wird, sondern dass Politikerinnen und Politiker, aber auch Menschen in Machtpositionen handeln müssen“, sagt Imre. Sie erlebe seit Jahren, wie auf politischer Ebene gerne von Innovation und Impact gesprochen werde, während Gründer:innen am Ende in einem Umfeld kämpften, das ihre Ideen kaum tragen könne. „Dann müssen alle in einem Marktumfeld arbeiten, in dem es eigentlich keine Möglichkeiten gibt, das Ganze florierend wachsen zu lassen. Man kann das trotzdem machen, indem man sich, so wie ich oftmals, komplett selbst ausbeutet und aufopfert. Dann geht es entweder gut oder schlecht – wie in unserem Fall.“ Wäre markta in einem Umfeld mit fairen Spielregeln und gleichen Standards für alle angetreten, statt im Wettbewerb mit Großkonzernen, würde ihre Vision heute nicht vor leeren Regalen stehen, ist sie überzeugt.

Markta bezog ausschließlich Lebensmittel aus der Region. | © Umdasch/Franz Moser

Kurz abschalten

Vier Monate nach der Insolvenz spürt Imre noch immer eine hohe Anspannung. Das ständige Gefühl, energiegeladen und gleichzeitig alarmiert zu sein, begleitet sie seit der Gründung. „Ich wünsche es mir einfach selbst, dieses Stresslevel in den nächsten Wochen mal ablegen zu können. Dann will ich wirklich in mich selbst hineinhören, um herauszufinden, was denn jetzt als Nächstes entstehen kann“, sagt sie über ihre Pläne für die Zeit danach.

Die wichtigsten Aufgaben sind erledigt, die offenen Gespräche geführt, die Schlüssel der Filialen abgegeben, die Regale leer geräumt – das ganze Verfahren bis zur Abwicklung werde aber noch mindestens bis Ende des Jahres dauern. Jetzt will Imre abschalten – wenigstens für ein paar Monate. Zeit, um zu begreifen, was war, und um zu spüren, was kommen könnte.

„Ich habe so viel gelernt in diesen Jahren. Diese Erfahrung kann mir sowieso niemand nehmen. Und es ist eine Erfahrung, die Gold wert ist, für ganz viele Phasen und Entwicklungen meines Lebens“, sagt Imre rückblickend. „Ich darf für Überraschungen weiterhin da sein und hoffe, mit etwas Neuem auftreten zu können. Ich glaube einfach, dass wir so viel geschaffen haben, dass wir so ein großes Netzwerk haben; dass wir so eine starke Marke geschaffen haben, die noch nicht tot ist.“

Video-Talk mit Theresa Imre

*Disclaimer: Dieser Artikel basiert auf dem oben verlinkten Video-Talk, der Anfang Juni 2025 aufgenommen wurde.


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Kentaro Imai leitet die Global Marketing Division von Kokuyo | (c) Kokuyo

Wenn über die Zukunft der Arbeit gesprochen wird, geht es meist um Technologie. Bei KOKUYO geht es zuerst um den Menschen. Das japanische Unternehmen wurde im Oktober 1905 in Osaka gegründet, damals als kleiner Betrieb, der Umschläge für Rechnungsbücher herstellte. Daraus wurde über 120 Jahre hinweg ein Konzern, der Schreibwaren, Büromöbel, Raumgestaltung und Beratung verbindet. Im Alltag bekannt ist KOKUYO vor allem durch die Campus-Notizbücher, die seit 1975 zum Standard in japanischen Schulen und Büros gehören.

Prägender für die Arbeitswelt-Debatte ist allerdings ein anderer Strang der Firmengeschichte: KOKUYO nutzt die eigenen Büros seit Jahrzehnten als Labor. Bereits 1969 machte das Unternehmen sein damals neues Headquarter öffentlich zugänglich und startete damit die Live-Office-Initiative. 2021 folgte The Campus im Tokioter Stadtteil Shinagawa, wo Teile des Bürogebäudes für die Nachbarschaft geöffnet wurden, samt Park, Shop und Coffee Stand. Im Mai 2026 eröffnete KOKUYO in Osaka ein neues globales Headquarter, ebenfalls als offener Experimentierraum angelegt.

Dazu kommt die Forschungsseite: Das hauseigene Workstyle Research Lab stützt sich auf eine jährliche globale Befragung von rund 5.000 Personen sowie auf Arbeitsplatzforschung in 30 Ländern und an mehr als 1.000 Standorten.

Wie KOKUYO dieses Denken auf europäische Märkte überträgt, verantwortet Kentaro Imai. Als General Manager der Global Marketing Division im Global Workplace Business ist er erster Ansprechpartner für Hersteller und Händler in Europa und Nordamerika. Was Life-Based Working bedeutet, warum es Brückenbauer zwischen den Innovationsökosystemen braucht und was sich Österreich und Japan gegenseitig abschauen können, erzählt Imai hier im Interview.


brutkasten: Herr Imai, was bedeutet es bei KOKUYO, an der Zukunft zu arbeiten?

Für uns bedeutet es nicht, eine einzige, endgültige Zukunft vorherzusagen. Es bedeutet, mögliche Zukünfte so greifbar zu machen, dass Menschen sie über ihre eigene Neugier erfahren können.x

Bei unseren Produkten heißt das, über den Gegenstand hinauszudenken. Ein Sessel ist nicht nur ein Sessel, er kann Bewegung, Konzentration, Interaktion und Wohlbefinden beeinflussen. Bei unseren Räumen heißt es, Umgebungen zu gestalten, die sich mitverändern, wenn sich Tätigkeiten und Erwartungen der Menschen verändern. In unseren Teams heißt es: Menschen genau beobachten, empathisch zuhören, Ideen prototypisch bauen und aus dem lernen, was tatsächlich passiert.

Unsere Büros, Forschungseinrichtungen und Räume wie The Campus funktionieren deshalb als lebende Labore. Wir testen neue Verhältnisse zwischen Arbeit, Leben, Lernen, Gemeinschaft und Technologie in realen Situationen, statt sie nur theoretisch zu diskutieren. Unser Anspruch ist es, ein Morgen zu zeigen, auf das man nicht warten will. Das verlangt Neugier, Experimentierfreude und den Mut, Zukunft sichtbar zu machen, bevor jede Antwort feststeht.

Bild: Bürosessel ingCloud, ausgezeichnet mit dem Red Dot: Best of the Best 2026 | © KOKUYO

Wie prägen „Be Unique“ und Life-Based Working das Zukunftsverständnis von KOKUYO?

„Be Unique“ beginnt mit der Überzeugung, dass Individualität eine Wertquelle ist und nichts, was Organisationen wegstandardisieren sollten.

Menschen haben unterschiedliche Körper, Persönlichkeiten, Verantwortlichkeiten, kulturelle Hintergründe, Arbeitsrhythmen und Denkweisen. Life-Based Working bedeutet, bei diesen Realitäten des menschlichen Lebens anzusetzen, statt bei den traditionellen Annahmen des Büros.

Statt den einen idealen Arbeitsplatz zu entwerfen oder die eine richtige Art zu arbeiten vorzuschreiben, schaffen wir Ökosysteme der Wahlmöglichkeiten. Menschen brauchen Orte für konzentriertes Arbeiten, für Zusammenarbeit, für Gespräche, für Lernen, für Erholung, für Bewegung und für soziale Verbindung. Und sie brauchen die Autonomie, jene Umgebung zu wählen, die zu ihrem jeweiligen Vorhaben passt.

Gleichzeitig darf Individualität nicht Isolation bedeuten. KOKUYOs langfristige Vision ist eine selbstbestimmte, kooperative Gesellschaft: eine, in der Menschen ihre Einzigartigkeit ausdrücken können, andere respektieren und gemeinsam neuen Wert schaffen. Die Zukunft der Arbeit sollte den Menschen also mehr Handlungsspielraum geben und zugleich ihre Beziehungen zu Kolleginnen und Kollegen, zu Communities und zur Gesellschaft stärken.

Wie wichtig sind Brückenbauer zwischen Kulturen und Innovationsökosystemen?

Sie sind unverzichtbar, weil Ideen sich nicht einfach von einem Land in ein anderes kopieren lassen. Sie müssen übersetzt werden, nicht nur sprachlich, sondern kulturell und organisatorisch, hinein in den Kontext der jeweiligen Community.

Ein Konzept, das in Japan funktioniert, muss für Österreich oder einen anderen europäischen Markt womöglich neu gerahmt werden. Erwartungen an Hierarchie, Entscheidungsfindung, Privatsphäre, Zusammenarbeit, Risiko und individuelle Autonomie können sich unterscheiden. Brückenbauer helfen beiden Seiten zu verstehen, welche menschlichen Bedürfnisse universell sind und welche Annahmen lokal geprägt.

Büro als soziale Infrastruktur: In The Campus treffen KOKUYO-Mitarbeitende auf Gäste, Anrainerinnen und Anrainer. Für Imai entsteht Innovation genau in solchen Begegnungen. | © KOKUYO

Sie verbinden außerdem Organisationen, die einander sonst nie begegnen würden: etablierte Unternehmen, Startups, KMU, Forschende, Designerinnen und Designer, Verwaltungen, Bildungseinrichtungen und lokale Communities. Organisationen wie We Are Unicorns, CIC und Venture Café liefern dafür die Beziehungen und die gemeinsame Sprache.

KOKUYO hat ein wachsendes internationales Netzwerk. Unser Ziel sollte aber nie sein, eine japanische Lösung zu exportieren oder eins zu eins zu übersetzen. Die eigentliche Chance liegt darin, japanisches Wissen mit lokaler europäischer Erfahrung zu verbinden und gemeinsam etwas zu entwickeln, das keine der beiden Seiten allein hervorgebracht hätte.

Warum sind physische Begegnungsorte für Innovation wichtig?

Digitale Technologie erlaubt Kommunikation über enorme Distanzen. Aber Kommunikation allein erzeugt nicht automatisch Vertrauen, Zugehörigkeit oder Zusammenarbeit.

Innovation beginnt oft mit Beobachtung, informellen Gesprächen, unerwarteten Begegnungen und Co-Creation. Menschen bemerken etwas, tauschen Perspektiven aus, fordern einander heraus und entwickeln nach und nach das Zutrauen, gemeinsam zu experimentieren. Physische Orte schaffen die Bedingungen dafür.

The Campus ist deshalb mehr als ein Showroom oder ein Büro. Es ist ein Experimentierfeld für die Zukunft von Arbeit, Leben und Lernen. Indem Teile des Arbeitsplatzes für die Nachbarschaft geöffnet werden, begegnen einander Mitarbeitende, Gäste, Kreative und Anrainerinnen und Anrainer auf andere Weise.

Wir verstehen solche Räume als soziale Infrastruktur. Ihr Zweck ist nicht, Menschen unterzubringen, sondern Neugier, Beteiligung und neue Beziehungen zu ermöglichen. Der innovativste Raum ist nicht zwangsläufig der technisch fortschrittlichste. Es ist jener, in dem Menschen, die einander sonst nie treffen würden, beginnen, gemeinsam etwas zu denken und zu bauen.

The Campus in Tokio-Shinagawa: KOKUYO hat einen Teil des eigenen Firmengeländes in einen offenen Park mit Shop und Coffee Stand verwandelt, der allen zugänglich ist. | © KOKUYO

Wie wichtig sind internationale Zusammenarbeit und das Lernen von anderen Perspektiven?

Internationale Zusammenarbeit ist keine Zusatzaktivität am Rand von Innovation. Sie wird zu einer ihrer zentralen Voraussetzungen.

Die Zukunft der Arbeit wird in Tokio, Wien, Mumbai, Shanghai oder Sydney nicht dieselbe sein. Demografie, Wohnen, Mobilität, Technologie, Führungspraktiken und gesellschaftliche Erwartungen prägen, wie Menschen Arbeit und Leben erfahren.

Seit 2021 öffnet KOKUYO Teile seiner Tokioter Zentrale für die Nachbarschaft. Die Live-Office-Idee, eigene Büros als Versuchsfläche zu nutzen, verfolgt das Unternehmen seit 1969. | © KOKUYO

Unser Workstyle Research Lab stützt sich auf eine jährliche globale Befragung von rund 5.000 Personen und auf Arbeitsplatzforschung in 30 Ländern und an mehr als 1.000 Standorten. Das hilft uns, Muster zu erkennen. Es erinnert uns aber auch daran, dass es weder den einen globalen Mitarbeiter noch die eine universelle Arbeitsplatzlösung gibt.

Internationale Kooperation erlaubt uns, die eigenen Annahmen infrage zu stellen. Manchmal hilft eine andere Kultur dabei, etwas wieder zu sehen, das man selbst längst nicht mehr wahrnimmt, weil es normal geworden ist. Unsere Aufgabe ist deshalb nicht, die eine globale Best Practice zu bestimmen und überall zu wiederholen. Sie besteht darin, einen globalen Lernprozess zu schaffen: Evidenz teilen, Ideen lokal testen und Lösungen gemeinsam mit jenen anpassen, die sie am Ende nutzen.

Was können österreichische und japanische Organisationen voneinander lernen?

Wir sollten aufpassen, keines der beiden Länder auf ein Klischee zu reduzieren. Dennoch gibt es einander ergänzende Stärken, aus denen sich wertvolle Lernprozesse ergeben können.


Mehr über We Are Unicorns

We Are Unicorns wurde von Marie-Therese Barth und Florian Moosbeckhofer in Wien gegründet. Die beiden arbeiteten zuvor knapp sieben Jahre lang gemeinsam in der Wirtschaftskammer Österreich im Digitalisierungsbereich, unter anderem an der Innovation Map. Ihr Unternehmen versteht sich als „Innovationsabteilung as a Service“ für kleine und mittlere Unternehmen, die für aufwendige Strategieprozesse meist weder Zeit noch eigene Ressourcen haben.

Kern des Angebots ist der Future Radar, ein kostenfreies digitales Werkzeug, das Betrieben 55 konkrete Chancen für den eigenen unternehmerischen Erfolg aufzeigt. Ein eigens entwickelter KI-Assistent ordnet die Themen ein und leitet daraus nächste Schritte für das jeweilige Unternehmen ab. Mehr dazu im brutkasten-Talk: „Lust auf Zukunft machen“: Wie We Are Unicorns KMU unterstützen will

Tipp der Redaktion:

Wer sich selbst ein Bild von KOKUYO Zugang zur Arbeitswelt machen will, hat dazu im Herbst Gelegenheit: Der japanische Konzern stellt auf der Orgatec aus, der internationalen Leitmesse für Arbeits- und Objekteinrichtung, die von 27. bis 30. Oktober 2026 in Köln stattfindet. Die Messe steht heuer erstmals unter einem Leitthema, „From rooms to relationships“, und rückt damit die Beziehungen zwischen Menschen im Arbeitsumfeld in den Mittelpunkt.

Disclaimer: Dabei handelt es sich um eine Themenpartnerschaft, die Teil des brutkasten-Magazins „Aufbrechen“ ist – in Kooperation mit WeAreUnicorns.

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