10.09.2025
MARKTA-INSOLVENZ

Theresa Imre: „Auf einmal stehst du da und merkst, dass es nicht mehr weitergeht“

Theresa Imre wollte mit markta Supermärkte neu denken – regionaler, fairer, nachhaltiger. Was als Onlineshop für regionale Lebensmittel begann, erlebte während der Pandemie ein unerwartetes Wachstum. Doch mit der Rückkehr zur Normalität veränderte sich auch das Konsumverhalten. Die Gründerin passte ihr Geschäftsmodell an: Aus dem digitalen Marktplatz wurden zwei Filialen in Wiens bester Lage. Und dann kam sie, die Nachricht, vor der jede:r Gründer:in Angst hat: markta muss Insolvenz anmelden.
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Theresa Imre wollte mit markta den heimischen Lebensmittelmarkt aufmischen. | © Umdasch/Franz Moser

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Die ersten Schritte von markta

„Ich bin selbst in der Steiermark am Land aufgewachsen. Ich habe damals sehr viel mitbekommen von den umliegenden Bäuerinnen und Bauern, wie die unterschiedlichen Lebensmittel hergestellt werden“, beginnt Theresa Imre zu erzählen. Schon in ihrer Jugend entwickelte sie eine Leidenschaft fürs Kochen; 2015 startete sie zunächst mit einem klassischen Foodblog, der schnell Anklang fand. Immer mehr Kleinbetriebe aus der Region klopften bei ihr an, fragten nach Blogger Kooperationen. „Aus diesem Potenzial heraus ist die Idee von markta entstanden“, sagt Imre.

2018 folgte der nächste Schritt: Der Onlineshop ging an den Start. Markta war „in der allerersten Variante ein großer Online-Marktplatz“, auf dem Bäuer:innen sich abseits der großen Handelsketten präsentieren und neue Kund:innen erreichen konnten, erklärt die Gründerin. Dann kam die Pandemie und veränderte alles: Ein Geschäftsmodell wie das von markta profitierte von der plötzlichen Nachfrage nach Regionalität und Lieferung. „Wir sind in einer Phase explodiert, wo ganz viele andere Bereiche in der Wirtschaft stillgestanden sind“, erinnert Imre sich. „Von 120 auf 2.500 Bestellungen jede Woche! Wir haben dermaßen ein Wachstum hingelegt“.

Theresa Imre ist in der Steiermark am Land aufgewachsen. | © Anna Zora

Doch auch diese Ausnahmesituation hatte ein Ende. Als die Lockdowns vorbei waren, wollten die Menschen wieder hinaus, Freund:innen treffen und gemeinsam in Restaurants sitzen. „Man hat es genossen, nicht mehr so viel zu Hause kochen zu müssen, sondern Lebensmittel und generell Essen wieder normal zu erleben“, sagt Imre. Gleichzeitig war 2022 auch der russische Angriff auf die Ukraine deutlich spürbar. „Die Logistikkosten sind bei uns massiv nach oben gegangen, auch die Verpackungskosten. Einen reinen Onlinehandel zu betreiben wäre zu kurz gedacht. Wir mussten markta den Umständen entsprechend transformieren und anpassen.“

Alserstraße 16

Links, rechts, gegenüber: Supermarkt reiht sich an Supermarkt. Zwei Billas und ein Spar liegen in einer Distanz von kaum 800 Metern. Dazwischen der Laden mit den grünen Fensterrahmen; darüber steht: „markta – einfach gute Lebensmittel“. Mitten in Wiens Bestlage, auf der Alserstraße im neunten Bezirk, eröffnete Theresa Imre hier im Sommer 2023 ihre erste eigene Filiale – 400 Quadratmeter groß, gefüllt mit regionalen und heimischen Produkten, die direkt vom Bauernhof in die Hauptstadt gelangen.

„Wir haben uns gar nicht im Wettbewerb mit den Großkonzernen sehen wollen“, sagt Imre. „Wir waren unter den Ersten, die ein komplett neues, alternatives Lebensmittelmodell für urbane Menschen umgesetzt haben.“ Die enorme Supermarktdichte in Österreich sei für viele Produzent:innen längst ein Problem. „Die leiden massiv unter diesen Konzernstrukturen“, so Imre. Am Ende dieser Kette stehen die Bäuer:innen und Produzent:innen, „die man dermaßen ausbluten lässt“. Markta setzte deshalb von Beginn an auf eine kurze, transparente Wertschöpfungskette: „Wir konnten jedes einzelne Produkt bis auf den Bauernhof zurückverfolgen“, betont Imre.

Doch Regionalität allein ist kein Selbstläufer. Der Lebensmittelhandel bleibt eine umkämpfte Branche, denn nicht jede:r Kund:in greift freiwillig zum teureren Produkt. „Alle sagen, sie finden Bio-Lebensmittel gut und dass Regionalität wichtig ist. Aber wenn du in den Einkaufskorb der Menschen schaust, merkst du: Es wird wieder verstärkt zum günstigeren Produkt gegriffen“, sagt Imre. Den Konsument:innen allein will sie jedoch keine Schuld zuschieben: „Es liegt sehr stark an der konzerngetriebenen Marktmacht und dem politischen Unwillen, etwas daran zu verändern“, betont sie.

Trotz dieser Konkurrenz fand markta seine Zielgruppe: urbane Menschen, die offen für Neues und bereit sind, Regionalität mitzudenken. Aber selbst in dieser Bubble gibt es Grenzen: „Es gibt genug Akademiker, die gut verdienen und sich trotzdem nicht gut ernähren. Es kommt oft darauf an, wie Menschen aufwachsen“, sagt Imre.

Zollergasse 9

„Wir haben damals den Sprung ins kalte Wasser gewagt, indem wir einfach mal einen Laden eröffnet haben“, erzählt Theresa Imre weiter. Eineinhalb Jahre später folgte die zweite markta-Filiale in der Zollergasse im siebten Wiener Bezirk. Im Jänner 2025 gingen dort auf 250 Quadratmetern die Türen auf, gefüllt mit Produkten von rund 150 regionalen Produzent:innen. Damals hatte Imre große Pläne: Zehn weitere Standorte in Wien wollte sie so schnell wie möglich eröffnen.

Theresa Imre bei der Eröffnung der zweiten markta-Filiale in der Zollergasse. | © Umdasch/Franz Moser

„Markta war als Geschäftsmodell so aufgesetzt, dass wir aufgrund der kleinteiligen Logistik sowie fairen Preise eine gewisse Anzahl an Filialen brauchen, um in diesem schwierigen Wettbewerbsumfeld der Supermärkte zu bestehen“, erklärt sie. Doch dazu sollte es nie kommen: Die unerwartete Insolvenz machte alle Expansionspläne zunichte. „So kurz, wie es her ist, so schockierend ist es auch, dass wir viereinhalb Monate nach der Eröffnung in der Zollergasse die Insolvenz anmelden mussten“, sagt die markta-Gründerin.

Emotionale Videobotschaft

„Manchmal genügen alle Kräfte, Motivation und Liebe, die man in so einen Aufbau reinsteckt, trotzdem nicht.“ Mit diesen Worten wandte sich Theresa Imre im April 2025 an ihre Community. In einer Videobotschaft auf Instagram machte sie öffentlich, was für einige überraschend kam: Das Projekt „urbaner Bauernmarkt“ ist am Ende seiner Reise.

Um aus eigener Kraft wirtschaftlich bestehen zu können, hätte markta weiter expandieren müssen. Und dafür brauchte es frisches Kapital. „Eigentlich war Anfang des Jahres alles mit unseren Investoren beschlossen und auch das Budget wurde gemeinsam abgenommen. Im Laufe der letzten Wochen gab es Zahlungsschwierigkeiten seitens des Hauptinvestors“, schildert Imre. „Ich wurde immer wieder vertröstet; dann kam aber den ganzen Monat keine Zahlung. Trotzdem habe ich Ende März die Gehälter überwiesen – mit der Hoffnung, die Zahlung vom Investor noch zu erhalten.“ Doch das Geld kam nie an. „Ich habe das alles auf mein eigenes Risiko gemacht. Auch für den Bankkredit hafte ich privat, und da geht es auch für mich um substanzielle Summen.“ Auf alle weiteren dringenden Nachfragen habe sie keine Antwort mehr erhalten. Die Erkenntnis, dass es keinen Ausweg mehr geben würde, traf sie mit voller Wucht. „Es war für mich hochemotional, das Ganze zu verarbeiten“, sagt Imre.

Mission gescheitert

Nach der emotionalen Videobotschaft erreichte Imre binnen weniger Stunden eine Welle an Solidarität, die sie selbst überwältigte. „Mit der habe ich nicht einmal ansatzweise gerechnet“, erzählt sie. „So viele Anrufe, so viele WhatsApp-Nachrichten. Ich bin nach einem Monat noch nicht immer dazugekommen, alle zu beantworten.“

Wie fühlt es sich an, endgültig die Türen schließen zu müssen? „Ich fasse es selber noch nicht. Es waren mit allen Vorbereitungen fast zehn Jahre meines Lebens, die ich dieser Unternehmung gewidmet habe. Es hat sich dann angefühlt, auch in den Tagen und Wochen danach, als wäre mein unternehmerisches Baby gestorben. Bislang habe ich keine Kinder und habe mich dazu entschieden, den Großteil meines beruflichen Lebens dieser Mission zu widmen. Auf einmal stehst du da und merkst, dass es nicht mehr weitergeht“, sagt sie mit Tränen in den Augen.

Markta war für Imre nie bloß ein Unternehmen. Es war Teil von ihr selbst – ein Projekt, in das all ihre Leidenschaft, Energie, Liebe und unzählige Stunden geflossen sind. Umso mehr schmerzt es, dass es an Umständen gescheitert ist, die sie kaum beeinflussen konnte. „Du stehst daneben und kannst es nicht realisieren“, sagt Imre. Immer wieder hatte sie in den vergangenen Jahren Auswege gefunden, auch in scheinbar aussichtslosen Momenten. „Es ist sich immer arschknapp ausgegangen und es war auch oft sehr risikoreich.“ Dieses Mal aber sollte es anders enden.

Nachwehen der Insolvenz

Auf den Insolvenzantrag folgte der Jobabbau – Imre musste sich von allen 31 Mitarbeiter:innen trennen. „Ich als Unternehmerin stehe komplett alleine da. Ich habe kein Einkommen, keine Versicherung, falle auch nicht in den Insolvenzfonds rein, muss aber jetzt alles alleine abwickeln“, erzählt sie. Zeit, um die Insolvenz wirklich emotional zu verarbeiten, blieb kaum. Stattdessen kümmerte sie sich darum, dass die Quote möglichst hoch ausfällt, um die offenen Forderungen gegenüber Kleinbetrieben zu reduzieren.

Doch damit nicht genug: Zwei halb volle Supermärkte voller Lebensmittel mussten ebenfalls aufgelöst werden. Imre versuchte, so viel wie möglich durch Abverkäufe weiterzugeben, um möglichst wenig entsorgen zu müssen. „Das ist aufwendiger, als man sich das von außen vorstellt oder als ich es mir jemals vorgestellt hätte“, gesteht sie.

Der österreichische Lebensmittelmarkt

Für manche mag das Scheitern von markta nicht völlig überraschend kommen, denn der Lebensmittelmarkt in Österreich gilt als einer der härtesten in Europa. Für Theresa Imre steht das Ende ihres „urbanen Bauernmarkts“ weniger für ein gescheitertes Konzept als für ein System, das Alternativen kaum eine Chance lässt.

„Ich glaube, dass es eine politische und eine systemische Verantwortung ist, hier andere Hebel und Anreize zu setzen, dass eben nicht diese Verantwortung auf den Endkunden abgewälzt wird, sondern dass Politikerinnen und Politiker, aber auch Menschen in Machtpositionen handeln müssen“, sagt Imre. Sie erlebe seit Jahren, wie auf politischer Ebene gerne von Innovation und Impact gesprochen werde, während Gründer:innen am Ende in einem Umfeld kämpften, das ihre Ideen kaum tragen könne. „Dann müssen alle in einem Marktumfeld arbeiten, in dem es eigentlich keine Möglichkeiten gibt, das Ganze florierend wachsen zu lassen. Man kann das trotzdem machen, indem man sich, so wie ich oftmals, komplett selbst ausbeutet und aufopfert. Dann geht es entweder gut oder schlecht – wie in unserem Fall.“ Wäre markta in einem Umfeld mit fairen Spielregeln und gleichen Standards für alle angetreten, statt im Wettbewerb mit Großkonzernen, würde ihre Vision heute nicht vor leeren Regalen stehen, ist sie überzeugt.

Markta bezog ausschließlich Lebensmittel aus der Region. | © Umdasch/Franz Moser

Kurz abschalten

Vier Monate nach der Insolvenz spürt Imre noch immer eine hohe Anspannung. Das ständige Gefühl, energiegeladen und gleichzeitig alarmiert zu sein, begleitet sie seit der Gründung. „Ich wünsche es mir einfach selbst, dieses Stresslevel in den nächsten Wochen mal ablegen zu können. Dann will ich wirklich in mich selbst hineinhören, um herauszufinden, was denn jetzt als Nächstes entstehen kann“, sagt sie über ihre Pläne für die Zeit danach.

Die wichtigsten Aufgaben sind erledigt, die offenen Gespräche geführt, die Schlüssel der Filialen abgegeben, die Regale leer geräumt – das ganze Verfahren bis zur Abwicklung werde aber noch mindestens bis Ende des Jahres dauern. Jetzt will Imre abschalten – wenigstens für ein paar Monate. Zeit, um zu begreifen, was war, und um zu spüren, was kommen könnte.

„Ich habe so viel gelernt in diesen Jahren. Diese Erfahrung kann mir sowieso niemand nehmen. Und es ist eine Erfahrung, die Gold wert ist, für ganz viele Phasen und Entwicklungen meines Lebens“, sagt Imre rückblickend. „Ich darf für Überraschungen weiterhin da sein und hoffe, mit etwas Neuem auftreten zu können. Ich glaube einfach, dass wir so viel geschaffen haben, dass wir so ein großes Netzwerk haben; dass wir so eine starke Marke geschaffen haben, die noch nicht tot ist.“

Video-Talk mit Theresa Imre

*Disclaimer: Dieser Artikel basiert auf dem oben verlinkten Video-Talk, der Anfang Juni 2025 aufgenommen wurde.


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Mit ihrer Reverse-Mentoring-Agentur forciert Ines Hanusch Zukunftssicherheit in Wirtschaft und Politik. © brutkasten

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Wir leben in einer paradoxen Arbeitswelt: Führungskräfte werden für ihr über Jahrzehnte angesammeltes Wissen bezahlt doch exakt dieses Erfahrungswissen kann angesichts rasanter technologischer und kultureller Umbrüche zum blinden Fleck werden. Genau hier setzt eine Methodik an, die traditionelle Rollenbilder auf den Kopf stellt: Reverse Mentoring.

Ines Hanusch, Gründerin der Reverse-Mentoring-Agentur bond & grow, begleitet Unternehmen und Politik bei diesem Paradigmenwechsel. Für sie ist der Kerngedanke simpel, aber radikal: „Beim klassischen Mentoring lernt die Jüngere von der Erfahreneren. Beim Reverse Mentoring ist es umgekehrt: Die Führungskraft sitzt in der Lernenden-Position gezielt, strukturiert und vor allem nicht nebenbei.“

Kein Kaffeetratsch und keine Therapie

Doch was genau ist Reverse Mentoring in der Praxis? Hanusch wird nicht müde zu betonen, was es nicht ist: Es sei kein lockeres Kaffeegespräch, kein Coaching mit einer einzigen Zielvorgabe und schon gar keine Therapie. Auch der oft gehörte Einwand, man könne sich doch einfach mit den eigenen Kindern austauschen, greift für die Expertin ins Leere: „Mit den eigenen Kindern teile ich eine Sozialisation, ein Machtgefälle, ob ich will oder nicht.

Das Kind wird mir vieles nicht sagen, und ich werde vieles nicht hören wollen.“ Wahre Wirkung entstehe erst durch psychologische Sicherheit ohne persönliche Verstrickung eine Atmosphäre, in der ein junger Mensch kein Interesse daran hat, zu gefallen, sondern ehrlich zu sein.

Der Blick von innen: Reibung als Chance

In klassischen Organisationen verhindert die Hierarchie oft genau jenen Raum der psychologischen Sicherheit, in dem ungefiltert und ohne Angst vor Konsequenzen gesprochen werden kann. Ines Hanusch beschreibt das systematische Dilemma eindrücklich: Je weiter Führungskräfte auf der Karriereleiter nach oben klettern, desto mehr manifestiert sich die Angst vor Inkompetenz und Statusverlust. „Wenn Top-Entscheider:innen plötzlich von jemandem lernen, der dreißig Jahre jünger ist, entsteht unweigerlich intensive Emotion, Irritation und Reibung“ – doch exakt in diesen Momenten verankert sich laut Hanusch der größte Lerneffekt.

Wie sich dieser Rollentausch in der Realität anfühlt, schildert eine 21-jährige Mentorin, die im Rahmen von bond & grow Top-Entscheider:innen begleitet. Kristin Barnowsky sieht in ihrer Aufgabe eine enorme Verantwortung: Für sie bedeutet Reverse Mentoring, erfahrenen Führungskräften neue Perspektiven mit auf den Weg zu geben und dabei auch hin und wieder Reibung zu erzeugen“. Nervosität vor dem ersten Aufeinandertreffen ist keine Seltenheit, wie sie verrät. Ihr persönlicher mentaler Trick für das erste Meeting? „Ich stelle mir einfach vor, dass die Person mich bereits mag und ich sie auch. Dadurch gehe ich wesentlich natürlicher, authentischer und positiver in das Gespräch.“

Die größte Herausforderung im laufenden Prozess ist für sie das Gespür dafür, wie tief man in die Glaubenssätze des Mentees eindringen darf. Wenn auf Mentee-Seite Widerstand entsteht, stecke dahinter oft eine unbewusste Angst; etwa das Gefühl, nicht gehört oder gesehen zu werden. Es erfordere Empathie und präzises Timing, unangenehme Themen anzusprechen, ohne die Führungskraft emotional zu überfordern, erklärt die 21-Jährige.

Für wen das Konzept geeignet ist – und wann es scheitert

Die Zahlen sprechen für sich, doch Reverse Mentoring ist kein Selbstläufer. Laut Hanusch eignet es sich primär für Führungskräfte, die Nichtwissen als Startpunkt und nicht als Schwäche betrachten. In hierarchisch geprägten Unternehmen erfordere das immense Größe. „Statusverlust berührt das Selbstbild direkt, und das ist unbequem“, analysiert Hanusch. Viele Führungskräfte fürchten den Moment, in dem sie erkennen müssen, dass jemand, der viele Jahre jünger ist, über entscheidendes Know-how verfügt – sei es über moderne Arbeitskulturen, neue Konsumgewohnheiten oder schlicht den Umgang mit Unsicherheit in Krisenzeiten.

Wann also scheitert Reverse Mentoring? Die Expertin zieht eine klare Grenze: „Ich rate ab, wenn Unternehmen Reverse Mentoring als Imagemaßnahme einsetzen wollen, ohne wirkliche Bereitschaft, etwas zu verändern.“ Ohne intrinsische Motivation beider Seiten, einen geschützten Rahmen und professionelles Matching wird das Format zur reinen Simulation.

Innovation durch unbefangenes Denken

Wenn die Rahmenbedingungen jedoch stimmen, entpuppt sich Reverse Mentoring als machtvoller Innovationsmotor. In vielen Branchen sind junge Menschen näher an der Zielgruppe oder stellen diese gar selbst dar. Sie spüren kulturelle Trends früher und besitzen den Mut, Unbequemes auszusprechen. Kristin Barnowsky erlebt das regelmäßig in ihren Mentoring-Sessions, etwa wenn es um künstliche Intelligenz, Automatisierung von Workflows oder den Einsatz von Social Media geht. Doch der tiefere Wert liegt oft jenseits der Technologie: Es geht um das Hinterfragen erstarrter Prozesse. „Oft sehen die Dinge, die uns Sorgen machen, nur für uns so aus; aus einer anderen Perspektive sind sie plötzlich Chancen für innovative Veränderungen“, resümiert die Mentorin.

Letztlich profitiert nicht nur die Führungskraft auch die jungen Mentor:innen wachsen, bauen sich ein Netzwerk auf und erleben direkte Selbstwirksamkeit. Die wichtigste Frage für Ines Hanusch: „Was, wenn du von denen lernst, die bisher nicht gefragt wurden? Es tut manchmal weh, sich spiegeln zu lassen. Aber nur so entsteht Fortschritt.“ In einer Wirtschaft, die händeringend nach Fachkräften und neuen Wegen sucht, könnte die Bereitschaft, vom Nachwuchs zu lernen, bald über die Existenz von Unternehmen entscheiden. Oder wie Ines Hanusch sagt: „Wer heute keine Kultur des gegenseitigen Lernens etabliert, verliert morgen den Anschluss bei existenziellen Themen wie Mitarbeiterbindung und Innovation.“

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