01.08.2017

Julian Hosp von TenX: „Zu viele Fälle, wo Token Sales missbraucht werden“

Interview. Julian Hosp bietet mit seinem in Singapur ansässigen Startup TenX eine Debit-Card für Kryptowährungen. Kürzlich konnte TenX mit einem Token Sale 80 Mio Dollar Kapital aufstellen.
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(c) Julian Hosp

Mitte Juli sorgten der Tiroler Founder Julian Hosp und seine drei Co-Founder mit ihrem in Singapur ansässigen Startup TenX für Aufsehen. Bei einem ICO (initial coin offering) – Hosp bevorzugt in seinem Fall den Begriff Token Sale – nahm TenX Kryptowährungen im Gegenwert von rund 80 Millionen US-Dollar auf. Die Käufer erhielten dafür den Token PAY. TenX finanziert damit sein Produkt – eine allgemein akzeptierte Debit-Card, auf die Kryptowährungen geladen werden können. Im Interview erklärt Julian Hosp dem Brutkasten, wie das System von TenX funktioniert, was er über einen ICO in Österreich denkt, für wen sich ein ICO oder Token Sale auszahlt und wie er mit dem Bitcoin-Hard Fork umgeht.

+++ Brutkasten Primetime: Kryptowährungen im Realitätscheck +++

TenX bietet eine Debit-Card an, mit der man mit Kryptowährungen zahlen kann. Wie funktioniert das genau?

Wir haben eine App. Die ist jetzt gerade noch nur für Android verfügbar, geht aber noch diese Woche als Web-App raus und noch im August für iOS. Die App lädt man herunter, registriert sich und kann dann dort eine Debit-Card bestellen. Dafür zahlt man einmalig 15 Dollar, sonst gibt es keine Gebühren. Man bekommt die Karte dann zugeschickt und kann Kryptowährungen raufladen. Das geht mit Bitcoin, Ethereum, Dash und erc20 Token. Die kann man dann weltweit online und offline nutzen und wir bieten dabei immer den besten verfügbaren Kurs.

Habt ihr dazu eine Kooperation mit einem der großen Kreditkarten-Anbieter? Wird die Karte überall akzeptiert?

Ja, wir haben einen Kooperationsvertrag mit einem Issuing-Partner. Dadurch funktioniert die Karte ganz normal über das Kartennetzwerk. Für den Nutzer funktioniert das dann komplett reibungslos. Es ist wie jede andere Debit-Card und das Geschäft merkt den Unterschied gar nicht. Die Karte ist aber nicht gebrandet. Das kann man sich vielleicht schwer vorstellen, wenn man es noch nicht gesehen hat. Jedenfalls: Wo die Karte akzeptiert wird ist überhaupt kein Thema für uns – das geht wirklich überall problemlos.

Ihr habt vor kurzem einen ICO (Initial Coin Offering) durchgeführt. Kryptowährungen im Gegenwert von 80 Millionen US-Dollar sind hereingekommen. Wie funktioniert das rechtlich?

Unsere Firma TenX ist in Singapur registriert. Mit dem Token, bzw. der Token-Issuing-Stelle verhält es sich ein bisschen komplexer. Da ist es sinnvoller nicht ein Land heranzunehmen, sondern den Vorgang zu dezentralisieren, sodass er auch rechtlich wirklich sauber ist.

Im September wird es von byte heroes den ersten ICO nach österreichischem Recht geben. Ist das also aus deiner Sicht gewagt?

Ich bin kein Jurist und hab nicht den genauen Überblick über das österreichische Recht in dem Fall. Wir wurden jedenfalls klar beraten, den ICO nicht auf einen Ort zu fixieren. Wir haben uns da von einer sehr erfahrenen Firma aus Singapur beraten lassen, die mit uns eine sehr smarte Lösung ausgearbeitet hat. Wir haben auch bestimmte Orte ausgenommen, etwa die USA und Singapur. Das hat übrigens bei einigen Leuten für Stirnrunzeln gesorgt, dass wir das eigene Land ausgenommen haben. Aber es war eben in dem Fall nicht das eigene Land. Das ist alles ein komplexes Konstrukt, durch das alles verteilt ist. Das führt dann aber eben dazu, dass unser ICO zu einer Million Prozent niet- und nagelfest ist.

„Ich würde ich mich ohnehin nicht trauen, es als allererster im Land zu versuchen.“

Ich persönlich würde mich nicht trauen, aus einem einzelnen Land heraus, das ganz klare Regularien festlegt, einen Token Sale zu machen. Nicht in Österreich und nicht in Deutschland. Ich denke, da passieren leicht Fehler und plötzlich muss man eine riesige Strafe zahlen, weil man etwa das Prospekt-Recht verletzt. Mich wundert es also ein wenig, dass das ein Startup in Österreich macht. Weil es ist in der Blockchain-Welt nichts leichter, als das Ganze dezentral zu machen. Es ist eben das Eine, die Firma in Österreich zu haben, aber von wo aus man den Token Sale macht ist eine andere Sache. Außerdem würde ich mich ohnehin nicht trauen, es als allererster im Land zu versuchen (lacht).

+++ byte heroes: Erster komplett österreichischer ICO noch im September +++

Zurück zu eurem ICO. Wie werden die Anleger von eurem Token PAY profitieren?

Es war bei uns eigentlich kein ICO sondern ein Token Sale. Wir haben das klar definiert. Es funktioniert wie bei Kickstarter oder Indiegogo: Du kaufst bei uns unser Produkt. Wir haben eine bestimmte Stückzahl davon, dafür bekommen wir von dir Geld und können dann in die Produktion gehen. Du hast kein Gewinnversprechen. Du hast einfach den Gegenwert von dem was du gekauft hast in dem Token. Nicht mehr und nicht weniger. Es sind bei uns also keine Anleger oder Investoren, sondern einfach Käufer. Wir haben auch klar kommuniziert: Man kauft unseren Token, um die Firma zu unterstützen. Man kauft ihn nicht, um sich zu bereichern. Ein Incentive, den wir ausgeben, ist ein kleiner Profit-Share. Die Token Holder bekommen zusammen einen halben Prozent der Umsätze von TenX, gleichmäßig verteilt. Das haben wir noch nicht ausgeschüttet. Es dauert noch ein wenig, bis sich soviel ansammelt, dass es für die Leute relevant ist. Wir haben erst ein paar tausend Nutzer. Das sind noch keine Unsummen. Das ist auch nur ein kleines Dankeschön von unserer Seite.

Allgemein gefragt: Für wen bietet sich ein ICO oder Token Sale an?

Was ich besonders interessant finde ist, wenn man ein bestehendes Produkt hat, einen bestehenden Service, der nicht im Kryptobereich ist und es durch einen Token Sale vielleicht schafft, eine Verbindung herzustellen. So etwas kann extrem spannend sein. Ein Beispiel: Ein Freund von mir in Spanien hat ein Nicht-Krypto-Unternehmen. Es ist sogar ein normales Geschäft mit Wänden und einer Tür. Er will das jetzt über einen Token Sale skalieren und damit ein Franchise-Modell aufbauen. Ich glaube, dass auch er einen unglaublich erfolgreichen Token Sale machen kann. Weil er hat Kunden, er hat ein Produkt und er hat Erfahrung. Das ist alles nachvollziehbar. Das Business gibt es schon seit vier Jahren und man sieht genau, was es kann. Generell denke ich, vor allem in einem Bereich, wo es sehr schwer ist, zusätzliches Kapital zu bekommen, kann sich ein Token Sale extrem auszahlen.

„Wenn einer kommt, der eigentlich noch keine Ahnung hat und dann zehn Millionen einsammeln will, um das Risiko auf 5000 andere Leute abzuwälzen, dann ist das schon sehr fragwürdig.“

Was ich hingegen total gefährlich und so „dotcom-bubbly“ finde, ist wenn Leute einfach beschließen: Lass uns zehn Millionen einsammeln und dann sehen wir weiter. Oder überhaupt absichtlich Abzocke betreiben. Ich hoffe, dass da zukünftig auch rechtliche Konsequenzen folgen werden. Es können natürlich immer Fehler passieren und man soll nicht dafür bestraft werden, wenn man es ehrlich versucht hat. Es kommt halt auch da, wie bei jedem Investment, auf den Business-Plan, auf den Track-Record an. Wenn einer kommt, der eigentlich noch keine Ahnung hat und dann zehn Millionen einsammeln will, um das Risiko auf 5000 andere Leute abzuwälzen, dann ist das schon sehr fragwürdig. Ich hoffe, dass Projekte, die so auftreten auf Dauer einfach kein Funding bekommen. Dass es so wird wie auf Kickstarter und Indiegogo und sie einfach nichts verkaufen. Damit könnte auch eine Bubble verhindert werden.

Wie kann man sich so eine gezielte Abzocke vorstellen?

Das könnte so ablaufen: Da gibt es ein Projekt, das kein Produkt und keine Kunden hat. Dann kommt ein großer Investor und bietet einen Deal an: „Ich bekomme von euch zehn Prozent aller Tokens kostenlos. Dafür helfe ich euch, den Sale extrem zu pushen. Ich stelle meinen Namen dahinter.“ Dann wird er seine Tokens als erster gleich wieder los. Sie sammeln 50 Millionen Dollar ein und sagen dann: „Hinter uns die Sintflut“. Diese Geschichte ist nicht an den Haaren herbeigezogen. Ich weiß leider aus erster Hand, dass so etwas passiert. Das kann das Image der Token Sales generell schädigen, obwohl sie eigentlich eine Großartige Möglichkeit sind. Daher sollte es auch im Blockchain-Bereich gesetzliche Reglements geben. in diesem Fall bin ich klar für Regularien. Derzeit gibt es jedenfalls viel zu viele Fälle, wo Token Sales missbraucht werden. Man muss sich nur ansehen, wie viele Token Sales es von Firmen gibt, die ein funktionierendes Produkt haben. Das kann man auf einer Hand abzählen. Das ist schockierend.

Themenwechsel: Heute fand die Aufspaltung in Bitcoin und Bitcoin Cash statt. Was ist da genau passiert?

Ursprünglich ging es um die Blockgröße. Darum, wie viele Transaktionen pro Minute zugelassen werden. Die Diskussion gibt es seit über einem Jahr und am ersten August gab es jetzt einmal eine Deadline. Da haben sich die User zusammengetan und beschlossen: Wenn die Miner keine Einigung erzielen, machen wir einen „User Activated Soft Fork“, also eine von den Nutzern ausgehende Gabelung von Bitcoin, die aber ein Update und keine tatsächliche Spaltung darstellt. Dadurch sollten die Miner gezwungen werden, die Blockgröße zu adaptieren und das ganze System zu verbessern. Das Update, das dafür verwendet wurde heißt „segwit“ – „segregated witness“. Dadurch werden nicht per se die Blöcke größer, sondern die Verpackung der Transaktionen wird effizienter. Das ist zwar eine temporäre Lösung, aber es ist zumindest eine Lösung.

„Bitcoin Cash wird Bitcoin zu höheren Standards zwingen.“

Im Vorhinein haben sich dann auch die Wogen geglättet. Es haben dann alle übereingestimmt und es war alles sauber. Dann gab es aber vor zehn Tagen einen wohl auch Bitcoin-politisch motivierten Aufruf. Da hat eine Gruppe, in der viele chinesische Miner vertreten sind, klar gemacht, dass sie es überhaupt nicht so will. Sie wollen acht mal so große Blöcke. Sie wollen sich komplett abspalten und auch das „Core Team“, das es von Beginn an gab, loswerden. Sie haben beschlossen, einen „User Activated Hard Fork“ durchzuführen. Im Gegensatz zu einem „Soft Fork“, das wie gesagt eher einfach ein Update ist, ist das eine komplette, aggressive Spaltung. Es gibt also seit heute (1. August) Nachmittag „B Cash“ bzw. „Bitcoin Cash“.

Ich war da am Anfang sehr skeptisch. Heute stehe ich dem aber sehr positiv gegenüber. Ich glaube, dass Bitcoin Cash eine Daseinsberechtigung hat. Als Ex-Profisportler liebe ich einfach den Wettbewerb. Weil er bringt die Teilnehmer immer dazu, das Beste aus sich herauszuholen und sich zu höheren Standards zu pushen. Und auch wenn Bitcoin Cash wahrscheinlich nicht alles schaffen wird, was die Gruppe sich vorgenommen hat, weil es eigentlich keine wirkliche Neuerung zu Bitcoin ist, wird es jedenfalls Bitcoin zu höheren Standards zwingen.

+++ Analyse zur Abspaltung: Tag der Entscheidung für Bitcoin +++

Heißt das, du entscheidest dich nicht für eines von den beiden, sondern hältst beides?

Genau. In dem Moment, wo der Fork passiert, hat man ja, wenn man einen Bitcoin hält, dann einen Coin auf der einen und einen Coin auf der anderen Chain. Das heißt, automatisch hat man einmal beide – der ursprüngliche Wert teilt sich auf. Ich werde dann nicht sofort das Bitcoin Cash verkaufen. Denn ich glaube, dass da genug Unterstützung – auch von politischer Seite – dahinter ist. Und meistens ist es bei einem Fork so, dass wenn ein Coin verliert, er an den anderen verliert. Die Leute springen also in den jeweils anderen, wenn sie aus dem einen aussteigen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie auf etwas ganz anderes wechseln.

„Ethereum Classic war mein erster Fork und ich war einfach zu verunsichert. Heute lass ich mich von reddit und Social Media nicht mehr so beeindrucken.“

Bei Ethereum haben wir das letztes Jahr so erlebt. Da habe ich viel daraus gelernt. Ich habe den Fehler gemacht, dass ich an den Fork, an Ethereum Classic, nicht geglaubt habe. Ich habe schnell verkauft und noch gedacht, dass ich einen super Deal gemacht habe. Aber eigentlich hätte ich es ein paar Monate länger halten müssen, dann hätte ich einen wirklichen Gewinn gemacht. Das war mein erster Fork und ich war einfach zu verunsichert. Heute lass ich mich von reddit und Social Media nicht mehr so beeindrucken. Jeder kann seine Meinung haben. Aber ich glaube halt aus wirtschaftlicher Sicht, dass da durchaus Substanz dahinter ist.

Würdest du also anderen Anlegern empfehlen, das gleiche zu tun, wie du?

Empfehlen will ich gar nichts. Ich bin kein Anlageberater. Ich gebe auch in meinen Blogs und Videos kaum Empfehlungen ab. Stattdessen will ich Leuten helfen, das Thema zu verstehen – nicht unbedingt die technischen Details, aber die Grundprinzipien. Wenn man die versteht, kann man rational für sich selber entscheiden, wie man vorgeht und dann auch stolz hinter der Entscheidung stehen. Wenn man es nicht versteht, muss man ja jemand anderem hinterherlaufen, wie ein Lemming. Und es soll wirklich niemand Bitcoin Cash halten, weil ich das sage. Die Leute sollen mir zuhören und dann entscheiden, ob das was ich sage, für sie Sinn ergibt, oder sie es für Blödsinn halten.

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Fedor Holz | (c) Haris Dervisevic / brutkasten
Fedor Holz | (c) Haris Dervisevic / brutkasten

Mit Anfang 20 führte er die Poker-Weltrangliste an und erspielte insgesamt Preisgelder im mittleren zweistelligen Millionenbereich. Doch nach nur wenigen Jahren widmete sich Fedor Holz anderen Herausforderungen. Seine zwei Startups gründete der deutsche Wahl-Wiener in der österreichischen Hauptstadt. Als Investor stieg er bei rund 30 Startups und 20 Fonds ein. Die daraus gewonnene Expertise setzt er nun gemeinsam mit seinem Freund und Geschäftspartner Christoph Zöller im Fund of Funds „Drafted Ventures“ mit Sitz im deutschen Heidelberg um. Im Interview erzählte uns Holz mehr über seine Beweggründe und seine Strategie.


brutkasten: Du hast als Poker-Spieler internationale Bekanntheit erlangt . Vor zehn Jahren hast du dann zum ersten Mal ein Unternehmen gegründet. Wie war das damals?

Fedor Holz: Genau, da war ich sehr unerfahren. Ich war Anfang 20 und wir hatten eine ganz typische Startup-Reise. Ich habe mit dem Pokern aufgehört und meine erste Firma gegründet: Primed Mind. Das war sehr ähnlich zu Headspace [Anm. bekannte Meditations-App], die eine starke Konkurrenz waren. Wir hatten eine sehr gute Anfangs-Traction. Dann haben wir die Series A nicht bekommen, das Blatt aber noch gedreht und die Firma profitabel gemacht, bevor ich den Großteil meiner Anteile verkauft habe.

Die zweite Gründung, Pokercode, folgte 2019. Das war ein ganz anderer Hintergrund und rund um meine eigene Brand aufgebaut. Aus dem anfänglichen Masterclass-Kurs wurde ein breiteres Produkt und schließlich eine Mitgliedschaft. Kurzfristig hat uns das Umsatz gekostet, langfristig hat es das Produkt deutlich besser gemacht. Das Team führt das heute komplett eigenständig und ich bin seit zwei Jahren operativ nicht mehr involviert.

Du hast in dieser Zeit aber auch Einzel-Business-Angel-Investments in Startups gemacht, oder?

Ich habe mittlerweile wirklich viele Investments gemacht. Ich schätze es sind etwa 30 Direktinvestments und 20 Fondsinvestments über die letzten zehn Jahre.

Und nun gründest du selbst einen VC-Fonds, genauer gesagt einen Fund of Funds. Was kannst du uns dazu erzählen?

Das ist aus meiner eigenen Investmentstrategie heraus gewachsen. Als ich mit Anfang 20 sehr viel Geld beim Pokern verdiente, verspürte ich einen großen Druck, dieses Vermögen sinnvoll anzulegen. Aktien und Private Equity wirkten auf mich etwas altbacken, Venture Capital schien mir dagegen viel näher an den Gründern zu sein – in deren Rolle ich mich potenziell auch selbst sah.

Über die letzten zehn Jahre habe ich als Investor und Gründer viel gelernt. Beim Pokern ist es sehr wichtig, Vergleichswerte zu kalibrieren: Was ist gut, was ist herausragend? Genau diese Vergleichswerte fehlten mir anfangs. Erst mit der Zeit habe ich besser einschätzen können, wie ein wirklich guter Founder oder Investor aussieht. Heute liegt meine Messlatte hoch. Ich möchte viele gute potenzielle Investments sehen und nur die besten daraus auswählen.

Dabei habe ich gemerkt, dass für mich Fondsinvestments sinnvoller sind. Mit einzelnen Direktinvestments bin ich weit weg von einer statistisch relevanten Strategie. Deshalb habe ich gemeinsam mit meinem guten Freund Christoph Zöller unseren Dach-Fonds Drafted Ventures gestartet. Wir haben gerade unser First Closing mit 15 Millionen gezeichnet; das Hardcap liegt bei 25 Millionen. Wir werden jeweils rund eine Million Euro in etwa 20 der besten frühphasigen Venture-Capital-Fonds investieren. Wenn diese wiederum in je 20 Companies investieren, haben wir ein Portfolio von 400 Startups. Das bringt eine hervorragende Streuung und ermöglicht es, eine deutlich diversifiziertere VC-Allokation zu haben.

Heißt das, du wirst keine Direct Investments in Startups mehr machen?

Teilweise ja, wir schließen es nicht komplett aus. Wir machen über unseren Fonds gezielte Co-Investments in Portfolio-Companies unserer Fondsmanager. Ein Beispiel ist unsere Beteiligung an Conduct AI, die für alte SAP-Systeme einen „Explainable Layer“ mit KI bauen. Da ein uns sehr naher Fonds dort der erste Investor war, hatten wir früh tiefe Einblicke und Vertrauen auf beiden Seiten. Wir investieren hier nicht in der Pre-Seed-Phase, sondern in wachstumsstarke Firmen mit Millionenumsätzen.

Private Ausnahmen, die nicht in dieses Profil passen, mache ich weiterhin über eigene Vehikel. Das ist aber nur noch ein kleiner Teil, da mein Fokus auf dem Fonds liegt.

Wie bist du als Privatinvestor? 30 Portfolio-Companies können ja extrem viel Arbeit sein. Wie aktiv bist du da involviert?

Man muss bedenken, dass sich das über einen langen Zeitraum aufgebaut hat und manches auch schon abgeschrieben ist. Ich pflege zu zwei oder drei Gründern eine sehr enge Beziehung mit regelmäßigem Austausch. Bei den restlichen bin ich eher passiv und bringe mich nur ein, wenn konkrete Themen oder Probleme aufkommen.

Wird euer Fund of Funds in Europa oder global investieren?

Wir zielen auf 50 Prozent Europa und 50 Prozent USA ab, mit einer kleinen Allokation für spannende Märkte wie Lateinamerika, Israel oder Indien. Da wir extrem return-getrieben sind, suchen wir weltweit nach den absolut besten Early-Stage-Investoren.

Ein wichtiges Kriterium: Wir investieren nur in Fonds unter 100 Millionen Dollar Volumen. Außerdem schließen wir Fonds mit einem Investmentkomitee (IC) aus. Unsere These basiert auf der herausragenden Qualität einzelner Manager. In Komitees entsteht oft Bias; häufig setzt sich einfach die lauteste Person durch oder es werden nur „sichere“, konsensfähige Deals durchgewunken. Bridgewater analysiert nicht umsonst seine Meetings mit KI, um diesen Bias zu vermeiden. Deshalb fokussieren wir uns auf Solo-GPs oder Zweier-Teams, wo die finale Entscheidung direkt bei den Managern liegt. Strukturell bedeutet das, dass diese Fonds meistens zwischen 10 und 50 Millionen groß sind, mit wenigen größeren Ausnahmen.

Sind da viele First-Time Fund Manager dabei?

Ja, von unseren bisherigen neun Commitments sind drei First-Time Manager. Wir investieren grundsätzlich in keine Fonds, die älter als die dritte Generation sind. Über 10 bis 15 Jahre einen absoluten Top-Dealflow aufrechtzuerhalten, ist ein ziemlicher Grind. Zudem ist Venture Capital auch eine Altersfrage: Der Zugang zur jeweils nächsten Founder-Generation ist ein eigener Skill, den nicht jeder über 15 Jahre hält. 

Was ist dabei euer eigener Wettbewerbsvorteil, eure Edge?

Unsere Edge ist, dass wir einen starken Dealflow haben und oft den Aufwand betreiben, den andere scheuen. Ich kenne nicht viele europäische Investoren mit exzellenten US-Connections, weil das ständige Präsenz vor Ort erfordert. In Amerika sind die Intensität und die „Capital Velocity“ – die Geschwindigkeit, mit der sich Geld bewegt – viel höher. 

Wenn beispielsweise ein 24-Jähriger aus dem OpenAI-Umfeld einen 10-Millionen-Fonds auflegt und Top-Leute investieren, wollen wegen des Signaling-Effekts plötzlich viele andere rein. In solchen stark umkämpften Situationen geht es nur über echte Beziehungen und Schnelligkeit. Diesen extremen Wettbewerb auf der LP-Seite gibt es in Europa selten.

Gehen andere LPs das Ganze vielleicht manchmal zu unprofessionell an?

Viele Investoren machen Investments nicht in Vollzeit und investieren in vereinzelte Startups oder Fonds aus ihrem nahen Umfeld. Dementsprechend fehlt es oft an Dealqualität und Diversifikation. Wenn dann nicht ein glücklicher Treffer dabei ist, dann geht die Motivation weiter zu investieren leider oft verloren. Das ist völlig verständlich, niemand macht das nebenbei gut – genau die Lücke wollen wir schließen.

In dieser Größenordnung, wo wirklich alles am GP liegt, kann man das wahrscheinlich mit der Seed-Phase eines Startups vergleichen…

Der Vergleich passt sehr gut. Das Durchschnittsalter unserer Manager liegt zwischen 28 und 35 Jahren. Sie brauchen den Biss eines Gründers, aber eben auch schon echte Erfahrung und Kompetenz. Wir mögen Ex-Founder, die zehn Jahre operativ gearbeitet haben und jetzt zum Beispiel Biotech-Startups in Boston scouten. Aber auch ehemalige Investoren von Top-Fonds wie Sequoia, die sich selbstständig machen, passen in unser Profil.

Sind auch Leute mit Domänenexpertise, zum Beispiel ein ehemaliger Top-Manager in der Pharmaindustrie, gute Fund Manager?

Ein bestimmtes Profil garantiert noch keinen Erfolg. Das Wichtigste ist, dass der Manager einen sehr hohen Qualitätsanspruch hat, mit den Foundern connecten kann und ihre Sprache spricht. Ein Investor, der frische MIT-Absolventen sucht, braucht einen anderen Zugang als jemand, der in etablierte „Second Time Founder“ Mitte 30 investiert.

Das zeigt, dass es ein extremes „People Business“ ist…

Absolut, aber Soft Skills sind am Ende nur Multiplikatoren. Die Basis ist opportunistisches Denken und die Fähigkeit, Qualität schnell zu erkennen. Die Qualitäten eines guten Investors unterscheiden sich von denen eines guten Gründers.

Hummingbird Ventures, die über mehrere Fondsgenerationen fantastische Returns erzielen, suchen zum Beispiel ganz gezielt nach „unbequemen“, edgy Gründern, mit denen man vielleicht nicht unbedingt ein Bier trinken gehen möchte, die aber sofort zur Sache kommen. Als Investor musst du nicht unbedingt 70 Stunden arbeiten, sondern kannst in 40 fokussierten Stunden viel Wert für dein Portfolio liefern. Die einzelnen Investmententscheidungen sind ausschlaggebend. Außerdem ist es ein hartes Signaling- und Reputations-Spiel, bei dem du im Wettbewerb mit anderen Investoren die besten Deals gewinnen musst.

Beurteilst du die Fondsinvestments ausschließlich nach dem potenziellen Return, oder gibt es technologische Spezifikationen, etwa dass ihr nur in KI oder Quantencomputer investiert?

Wir investieren hauptsächlich in Frontier-Technologie-Fonds und achten dabei primär auf zwei Säulen: die Investmentfähigkeit des Managers und strukturelle Vorteile.

Erstens brauchen wir Manager, die dank eines großen Erfahrungsschatzes Qualität sofort erkennen, sich aber nicht blind in Startups verlieben, sondern gleichzeitig das Pricing im Blick behalten. Wenn du 500 Optionen siehst, macht es einen enormen Unterschied, ob du auf einer Bewertung von 15 oder 30 Millionen investierst. Zudem müssen die Manager in der Lage sein, mit wenig Zeiteinsatz großen Wert zu stiften, etwa durch hochkarätige Introductions für neue Mitarbeiter oder zu guten Funds für Follow-on-Runden.

Zweitens suchen wir immer nach strukturellen Marktvorteilen. Das kann ein geografischer Vorteil sein, wie etwa in Boston: Dort gibt es Top-Talente, aber einige der großen Tier-1-VCs haben ihren Fokus auf San Francisco gelegt, wodurch die Bewertungen im direkten Vergleich niedriger sind. Ähnliches gilt für Indien, wo exzellent ausgebildete Tech-Talente günstig zu finden sind. Bringst du so einen Founder in die USA, hast du sofort einen potenziellen Bewertungs-Uplift. Solche strukturellen asymmetrischen Vorteile wollen wir sehen – so wie Y Combinator extrem günstig an gute Assets kommt, weil ihre Finanzierungsstruktur ihnen einen riesigen Wettbewerbsvorteil bietet.

Wie macht ihr bei kleineren Fonds, die kaum Marketingbudgets haben, überhaupt das Sourcing? Wie findet ihr die global?

Marketing spielt bei uns keine relevante Rolle. Zu 70 Prozent läuft das über direkte Relationships. Die Incentives sind perfekt aligned: Wenn unsere GPs einen anderen brillanten Fondsmanager treffen, stellen sie ihn uns vor. Auf der LP-Ebene sind sie ja keine Konkurrenten. Wir bekommen durch unser Netzwerk von mehreren Dutzend Leuten so viele gute Intros, dass wir unsere Pipeline straff managen und den Großteil absagen müssen.

Ist das eine aktuelle Dynamik, dass es mehr spezialisierte kleine Fonds geben wird und nicht mehr so große Strukturen?

Zum Teil schon, aber kleine Fonds haben es aktuell auch sehr schwer beim Fundraising, weil die Qualität heute viel härter hinterfragt wird. Wer heute in Deutschland einen 100- bis 200-Millionen-Fonds für Series-A-Runden auflegt, konkurriert bei Top-Startups direkt mit amerikanischem Geld.

Da stellt sich schnell die Frage nach der echten Edge. Generalistische Fonds haben oft kein starkes Signal mehr im Markt und Investoren werden skeptisch, wenn nach zehn Jahren die Rendite ausbleibt. Venture Capital verzeiht Mittelmäßigkeit nicht: Ein durchschnittlicher Fonds liefert am Ende nur die Rendite des Aktienmarkts oder weniger, allerdings mit deutlich höherem Risiko. Nur die echten Outlier bringen die Performance, für die sich das Risiko lohnt. Genau deshalb ist Selektion alles und genau das ist unser Fokus.

Wer sind die LPs bei euch?

Ohne Namen zu nennen: Es ist ein Mix aus erfahrenen Unternehmern – Leuten, die selbst Firmen aufgebaut und verkauft haben –, Family Offices und Menschen aus unserem langjährigen Umfeld, die unsere Entwicklung von Anfang an verfolgt haben. 

Zum Abschluss: Was hast du als Ziele definiert?

Mein Ziel ist es, mittelfristig einen zweiten größeren Fonds aufzulegen. Ich möchte das aber nicht künstlich aufblähen; wir wollen die Entscheidungen so lange wie möglich zu zweit oder maximal zu dritt treffen und dafür einfach größere Tickets schreiben und uns stetig weiterentwickeln.

Für unsere Investoren wollen wir das Maximum herausholen. Wir als GPs haben 1,5 Millionen Euro eigenes Geld investiert und haben eine Hurdle Rate von 8 Prozent eingebaut. Das heißt, erst wenn unsere Investoren mehr als 8 Prozent jährliche Rendite machen, greift unsere Gewinnbeteiligung überhaupt. Mich würde selbst kein Vehikel interessieren, bei dem den Leuten nur Gebühren aus der Tasche gezogen werden. Es ist absolut leistungsorientiert: Wenn wir einen guten Fonds bauen, haben alle Spaß – wenn nicht, dann eben nicht.

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