Das zweite Mal fand vergangene Woche der Technology Impact Summit in Graz statt - diesmal unter dem Motto „KI im Einsatz: Kompetenzen – Anwendungen – Wirkung". brutkasten war als Medienpartner mit dabei und mit der Serie "No Hype KI" präsent.
Unmittelbar nach dem Gipfel zur digitalen Souveränität Europas in Berlin auf Einladung, bei dem die österreichische Deklaration ratifiziert wurde, brachte der zweite Technology Impact Summit als gemeinsame Initiative von Universität Graz, Technische Universität Graz, Joanneum Research und FH Joanneum führende Köpfe aus Wissenschaft, Technologie, Wirtschaft und Politik am 19. und 20. November in Graz zusammen.
Unter dem Titel „KI im Einsatz: Kompetenzen – Anwendungen – Wirkung“ widmeten sie sich aktuellen Anwendungsmöglichkeiten und künftigen Strategien, um Europa zum unabhängigen Player im globalen Wettbewerb zu machen. Die Diskussion in der Grazer Seifenfabrik bewegte sich zwischen Kritik an der Überregulierung und Chancen, die im Zusammenspiel aus Wissenschaft und Forschung, Wirtschaft und Politik entstehen.
„Künstliche Intelligenz entfaltet ihren größten Wert dort, wo sie den Menschen stärkt: indem sie Komplexität reduziert, Entscheidungen fundiert unterstützt und Raum für echte Innovationskraft schafft. Die Beiträge am Technology Impact Summit machen bewusst, dass Künstliche Intelligenz längst keine Zukunftsvision mehr ist, sondern bereits heute entscheidende Impulse für Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft liefert“, kommentiert Markus Fallenböck, Vizerektor der Universität Graz und Mitinitiator des Technology Impact Summit.
brutkasten war Medienpartner beim Technology Impact Summit und präsentierte im Ausstellungsbereich die Serie „No Hype KI„, deren zweite Staffel im Dezember 2025 startet. Partner von „No Hype KI“ sind in der zweiten Staffel neben der Universität Graz auch Microsoft, Lenovo, EY, ACP, Ontec, ITSV und KEBA.
Zu Beginn der Veranstaltung sprach Digitalisierungs-Staatssekretär Alexander Pröll über digitale Souveränität. Er hob die Bedeutung der österreichischen Deklaration hervor, die von allen EU-Mitgliedsstaaten ratifiziert wurde: „Europa ist aufgewacht und dabei seine Unabhängigkeit zurückzuerlangen“, sagte der Staatssekretär auf der Bühne der Seifenfabrik. „Der kluge Weg führt in eine kooperative Multi-Strategie aus eigener Entwicklungsstärke und verlässlichen Partnerschaften. Österreich ist der Treiber, um ein gemeinsames Verständnis für digitale Souveränität unter den Mitgliedsstaaten zu entwickeln.“
Die per Video zugeschaltete EU-Kommissarin Henna Virkkunen unterstrich die Rolle von Investitionen und Rechtssicherheit, um Europas Wirtschaft in eine führende Position zu bringen.
Liquid-AI-Gründer Ramin Hasani als Keynote-Speaker
Ein Highlight war auch die Keynote von Ramin Hasani. Der österreichische Gründer des mit über zwei Milliarden US-Dollar bewerteten Startups Liquid AI war im Mai auf dem Cover des brutkasten-Printmagazins. In seiner Keynote sprach er über den neuen Zugang zu KI, den sein Unternehmen verfolgt, und lieferte eine Einordnung zwischen Komplexität, Risiken, Kosten und Chancen. „Die effiziente Nutzung bestehender Ressourcen und Architekturen ist fundamental, um den Energiebedarf substanziell zu reduzieren und die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit in Einklang mit Klima- und Umweltschutz zu bringen“, fasste Hasani zusammen.
Anschließend diskutierte ein Panel mit Karl-Theodor zu Guttenberg (Spitzberg Partners), Rektor Horst Bischof (Technische Universität Graz), Taiwan-Expertin Josie-Marie Perkuhn (Universität Trier) und Harald Leitenmüller (Microsoft) zur elementaren Frage der digitalen und technologischen Souveränität Europas. Die zentrale Erkenntnis der Diskussion: Strategische Autonomie schaffe nicht nur Unabhängigkeit, sondern schütze Werte und Wertschöpfung. Souveränität werde künftig zu einer Schutzmauer des demokratischen Systems.
Von der Theorie in die Praxis mit sieben Use Cases aus dem DACH-Raum
Use Case 1: ACP
ACP zeigte, wie KI und menschliche Expertise gemeinsam den Inside-Sales im technischen Großhandel verändern. Ausgangspunkt war eine alltägliche Herausforderung: unstrukturierte, telefonische und oft zeitkritische Kundenanfragen sowie verstreute Daten und ein wachsender Skill-Gap im Nachwuchs.
„Wir haben versucht, KI und HI – Human Intelligence – in die Zusammenarbeit zu bringen“, sagte Alexander Liebl, Director Business Consulting bei ACP. Das neue System kombiniert AI-Voice-Agenten für Routineanfragen und Call-Routing mit einem HI-Voice-Agenten, der KI-gestützt agiert. In mehreren Entwicklungsstufen – vom Foundation Sprint bis zur skalierbaren Produktreife – entstand eine Lösung, die kontinuierlich selbst dazulernt.
„KI ist der neue Akteur in der intelligenten Zusammenarbeit. Nur wer Daten und Prozesse intelligent miteinander verbindet, schafft ein Arbeitsumfeld mit wirkungsvoller Collaboration von Human Intelligence und Artificial Intelligence“, fasst Liebl zusammen.
Use Case 2: Cancom
Cancom präsentierte eine KI-Lösung, die das betriebliche Dokumentenmanagement nachhaltig verändern soll. Kund:innen litten bisher unter Doppelanlagen, fehlenden Zuordnungen und einer enormen Varianz an Rechnungsformaten – ein Problem, das klassische Regelwerke überforderte. „Das große Problem unserer Kunden: Es ist zu Doppelanlagen und fehlenden Zuordnungen gekommen“, erklärte Jürgen Altenriederer, Technical Consultant bei Cancom.
KI-basierte Extraktion, semantisches Verständnis durch Large Language Models und eine klar fokussierte User Experience sorgten schließlich für eine Automatisierung von 84 Prozent, drastisch verkürzte Durchlaufzeiten und deutlich verbesserte Datenqualität. „KI ersetzt keine Menschen – sie braucht Menschen, die Veränderung gestalten“, betonte Altenriederer. Der Mehrwert zeige sich im ROI: Effizienz, Nachvollziehbarkeit und Compliance aus einer Hand.
Use Case 3: FH Joanneum
Die FH Joanneum zeigte, wie KI den Bereich Cybersecurity stärkt, ohne menschliche Expertise zu ersetzen. Im Projekt „KI & Industrial Penetration Testing“ unterstützt die Technologie dabei, Schwachstellen in industriellen Systemen zu identifizieren, indem sie Standardaufgaben sowie monotone „boring tasks“ übernimmt. Gleichzeitig bleiben sensible Daten und der Mangel an Testsystemen eine Herausforderung:
„Es gibt kaum Testsysteme, daher muss man vorsichtig sein“, betonte FH-Professor Klaus Gebeshuber. Sein Fazit blieb klar: „KI & Industrial Penetration Testing hat massiv Potenzial, auf menschliche Mitarbeit ist jedoch nicht zu verzichten.“
Use Case 4: Östererreichische Post Business Solutions
Östererreichische Post Business Solutions adressierte ein Problem, das Unternehmen Millionen kostet: die manuelle Verarbeitung von Dokumenten. Ein deutscher Industriebetrieb bearbeitet jährlich rund 500.000 Dokumente – bei sechs Euro pro Dokument ergibt das Kosten von etwa drei Millionen Euro.
Mit DAiTA – Document AI Transformation and Automation – werden Inhalte automatisiert erkannt, extrahiert und verarbeitet; von einfachen Regeln bis hin zu LLM-gestützten semantischen Analysen. „Wir eliminieren das Geschäftsrisiko falscher Eingangsdaten“, erklärte Bereichsleiter und Geschäftsführer George Wallner.
Skalierbare Verarbeitung – egal ob eine oder 20.000 Seiten pro Stunde – sowie qualitätssichernde Maßnahmen („Human in the loop“) sichern höchste Präzision. Die Use Cases reichten bis zur HR-Abteilung, wo die KI-Bewerbungsunterlagen auf Vollständigkeit prüft. „Kaskadierende Logiken schaffen Effizienz und Wirtschaftlichkeit“, so Wallner.
Case Case 5: Raiffeisen-Landesbank Steiermark
Die Raiffeisen-Landesbank Steiermark stellte ein simulationsbasiertes Prognosemodell vor, das strategische Entscheidungen datenbasiert unterstützt. Das Ziel: besser verstehen, wie sich Kundenanzahl, Produktausstattung und Nachfrage in Zukunft entwickeln – im Kontext gesellschaftlicher Trends und unter Berücksichtigung der eigenen Maßnahmen.
„KI wird oft überschätzt – Technik allein löst keine Grundsatzprobleme“, betonte Florian Brugger, Abteilungsleiter im Bereich Softwareentwicklung, Data Science, Automatisierung, Business Intelligence und künstliche Intelligenz. Daher setzte das Team auf die sorgfältige Integration relevanter Datenquellen, Machine-Learning-Modelle für Prognosen und Simulationen sowie ergänzende Use Cases zu Distanzverhalten, Produktinteressen oder Marketingmaßnahmen. Das Modell bildet die Grundlage für Standortentscheidungen, zielgerichteten Vertrieb und strategische Planung.
Case 6: VTU und Leftshift One
VTU und Leftshift One zeigten eine Lösung, die internes Expert:innenwissen in großen Industrieunternehmen nutzbar macht. Die Herausforderung: Wissen existiert zwar, ist aber schwer zugänglich. Die KI dient als intelligenter Assistent, der Dokumente durchsucht, Informationen extrahiert und Antworten in natürlicher Sprache liefert.
„KI ist kein Trend, KI ersetzt unser Denken nicht, sie macht Wissen nutzbar“, erklärte Patrick Ratheiser, Gründer von Leftshift One. Karin Kaltseis, Director Quality Management in der VTU Group, betonte, wie entscheidend menschliches Training für das Finetuning war: „Zwischen dem ersten Output und da, wo wir jetzt sind – da liegen Welten.“ Grundlage sei vor allem eine saubere Dokumentation, die Qualität, Sicherheit und Compliance gewährleistet.
Use Case 7: Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt präsentierte KI-Anwendungen in einem der anspruchsvollsten Felder überhaupt: der Raumfahrt. Dort sind Sicherheit und Fehlertoleranz zentral. Die KI lernt mittels Reinforcement Learning auf Basis digitaler Zwillinge, um autonome Steuerungen für Raketentriebwerke zu entwickeln.
„KI in sicherheitskritischen Anwendungen: große Herausforderungen, großes Potenzial“, erklärte Kai Dresia, Forscher am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.
Zwei Integrationslevel wurden getestet: Zunächst erzeugt KI eine Steuersequenz mit 15.000 Kommandos, die von Menschen überwacht wird; später arbeitet KI als „in-the-loop“-Agent, der aktiv auf Störungen reagieren kann. Der Ansatz zeigt, wie autonome Systeme langfristig Missionen sicherer und effizienter machen können.
In der abschließenden Keynote sprach Elisabeth L’Orange (Deloitte) vom „Janus-Moment“ in der Geschichte der Menschheit – aufgrund der enormen Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung. Der exponentiellen Entwicklung der Technologie könne die menschliche Kognition kaum mehr folgen. Die große Gefahr in der wachsenden Kompetenz der Künstlichen Intelligenz sieht die Tech-Podcasterin im Abbau menschlicher Fähigkeiten, wenn sich der Mensch zu sehr auf die Maschine verlässt.
Wholomics: Rieder Startup entwickelt neue Methode zur Krebsfrüherkennung
Wholomics hat sich zum Ziel gesetzt, diverse Krebsarten bereits im Stadium eins zu erkennen. Eine Validierungsstudie gibt Hoffnung, aktuell befindet sich das Startup in der zweiten Finanzierungsrunde.
Wholomics: Rieder Startup entwickelt neue Methode zur Krebsfrüherkennung
Wholomics hat sich zum Ziel gesetzt, diverse Krebsarten bereits im Stadium eins zu erkennen. Eine Validierungsstudie gibt Hoffnung, aktuell befindet sich das Startup in der zweiten Finanzierungsrunde.
Es ist wohl eine der schockierendsten Nachrichten, die man erhalten kann: Diagnose Krebs. Dabei werden verschiedenste Krebsarten oftmals erst in späten Stadien erkannt, was die Überlebenschance stark verringert. Das soll sich bald ändern. Die beiden Wholomics-Gründer Patrick Strasser und Maximilian Schneider entwickelten einen Test, der mit hoher Genauigkeit verschiedene Krebserkrankungen bereits im Stadium eins feststellen können soll.
“Heutzutage zählt es als Durchbruch, wenn ein Medikament für Krebspatienten im Stadium vier eine sechs Monate längere Überlebensdauer erzielt. Allerdings hätte man einen viel größeren Impact, wenn man Krebs einfach früher erkennen könnte”, erklärt Wholomics-CEO Strasser im brutkasten-Interview. Denn bei den meisten Krebsarten, die man bereits im Stadium eins erkennt, hätten die Patienten eine “5-Jahres-Überlebensrate von über 90 %”. Im Stadium drei bzw. vier falle die Überlebenschance rapide ab.
Daher entwickelten Strasser und Wholomics-CTO Schneider einen Test, der darauf ausgelegt ist, mehrere Krebsarten bereits in frühen Stadien aus einer einzigen Blutprobe zu erkennen. Der Test analysiert diverse Veränderungen im Blutserum, also der Flüssigkeit im Blut, die mit einer frühen Tumorentwicklung in Zusammenhang stehen können. Die Ergebnisse einer Validierungsstudie sind vielversprechend, denn der Wholomics-Test erkannte eigenen Angaben zufolge 38 von 40 Krebserkrankungen im Stadium eins, darunter Darm-, Magen- und gynäkologische Tumore. Die Intellectual Property der Methode liegt bei Wholomics. Eine erste Version des Tests, der Wholomics Multi-Cancer Check, ist bereits über eine Partnerfirma, Novogenia, erhältlich. Strasser und Schneider möchten sich aber darauf konzentrieren, den Test in der breiten Bevölkerungsmasse einsetzen zu können.
Vom Forscher zum Unternehmer
Die beiden Wholomics-Gründer kennen einander seit ihrem Studium an der TU München und fassten gerade wissenschaftliche Publikationen zusammen, als ihnen die Idee für einen neuen Test zur Krebsfrüherkennung kam. Die Umstellung vom Forscher zum Unternehmer beschreibt der Biochemiker Strasser als “leicht”. Dennoch stellt ihn das Unternehmertum vor einige Herausforderungen. “Als Startup-Founder lernt man im Endeffekt nie aus. Das heißt, jeden Tag, jede Woche gibt es neue Dinge, die man sich selbst beibringen oder die man lernen muss“, erklärt Strasser und ergänzt: “Ein Founder hat mir mal gesagt, die wissenschaftliche Grundlage ist sozusagen das A und O deines Unternehmens. Aber 80 Prozent werden dann im Endeffekt auf der Business-Seite durchgesetzt.”
Wholomics wurde bisher mit dem aws First Incubator und der Forschungsprämie unterstützt. Aktuell befindet sich das Unternehmen in der zweiten Finanzierungsrunde und ist noch auf der Suche nach Investoren. Strasser und Schneider wollen die Runde im letzten Quartal dieses Jahres schließen. “Wir suchen nicht nur nach Geldgebern, sondern eben auch nach strategischen Partnern, die z. B. im Bereich Diagnostik Erfahrung haben”, sagt Strasser. Mit der Entwicklung ihres Startups zeigt sich der Biochemiker zufrieden, auch wenn der Standort Österreich seine Schwierigkeiten mit sich bringe. Die Regulierungen in der EU erschweren laut dem Krebsforscher jedem Diagnostik-Startup den Start.
Das Ziel sind 2027 die USA, aber ohne FDA-Approval
Zudem brauche es in der EU hohe Investments, um ein medizinisches Produkt auf den Markt zu bringen. “Da muss man dann abwägen, wie die tatsächliche Marktzugangslage ist. Und die ist in Österreich oder im DACH-Raum generell etwas schwieriger”, erklärt Strasser, der mit Schneider den Großteil von Wholomics besitzt. Der Blick der beiden Österreicher richtet sich daher über den großen Teich. Sie arbeiten aktuell in den USA an der Eröffnung eines sogenannten CLIA-Labors. Dadurch soll der Test zur Krebsfrüherkennung als “Lab Developed Test” in den Vereinigten Staaten 2027 auf den Markt gebracht werden können. Er werde somit firmenintern validiert und könne anschließend an Privatpersonen weiterverkauft werden. Ein FDA-Approval sei dann nicht mehr nötig.
Wholomics als die nächste Generation der Krebsfrüherkennungstests
“Im Endeffekt wollen wir quasi die nächste Generation von Multi-Cancer Early Detection Tests auf den Markt bringen. Der größte Unterschied zwischen uns und anderen Anbietern ist, dass wir einfach sehr hohe Frühstadien-Erkennungsraten haben”, sagt Strasser. Langfristig will sich Wholomics am Markt als “First Line Diagnostic” platzieren, also als eine erste Reihe an Untersuchungen, die bei Krebsverdacht durchgeführt werden. Diese Tests sollen dann von Versicherern rückerstattet werden. Als potentielle Kunden beschreibt Strasser in den USA zu Beginn unter anderem Ärzte, später auch Krankenkassen, wobei man den Test immer unter ärztlicher Begleitung durchführen muss.
In Zukunft kann es mehrere unterschiedliche Use-Cases für Wholomics geben, wie z. B. einen Stratifizierungstest. Durch diese Tests werden Personen in klare Gruppen eingeteilt. Dadurch kann in der Medizin einer Person die passende Behandlung verschrieben werden. “Im Endeffekt laufen alle diese Use-Cases darauf hinaus, dass eine Blutprobe analysiert wird und wir das molekulare Profil nach Krebs-Signaturen untersuchen”, sagt Strasser.
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