17.05.2018

Steve Wozniak bei WeAreDevelopers: „AI wird überbewertet“

Apple-Co-Founder Steve Wozniak lieferte bei seinem Auftritt beim WeAreDevelopers World Congress in Wien kantige Aussagen zu den großen Tech-Hypes der Gegenwart.
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Wozniak und Ruschin
(c) Benjamin Ruschin: Steve Wozniak und WeAreDevelopers-Co-Founder Benjamin Ruschin am Rande des World Congress

Steve „The Woz“ Wozniak ist der große Star beim diesjährigen WeAreDevelopers World Congress in Wien. Neben Steve Jobs und Ronald Wayne ist er der Dritte im Bunde der Apple-Gründer. Vor vollen Publikumsreihen im Austria Center Vienna interviewte ihn der englische Technik-Journalist Monty Munford zu seinen Erfahrungen mit Computern, Social Media, E-Cars und Bitcoins. Vom Apple-Mitbegründer erwarteten sich die Developer unter den Zuschauern wertvolle Tipps. Doch bevor es tiefer in die Materie ging, übte sich der gut gelaunte Amerikaner in Smalltalk und Witz und präsentierte seine 3-D-Visitenkarte aus Metall. „Seit 9/11 kriegt man im Flugzeug nur noch Plastikmesser. Das bricht aber, wenn ich mein Steak schneiden möchte und dann packe ich meine Metallvisitenkarte aus“, scherzte er.

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„Entwickler machen Dinge, die andere nicht können.“

Im Interview gab Wozniak einige persönliche Einblicke. So erzählte er etwa, wie er sich neben der High School sein erstes Geld mit dem Abtippen von Texten verdiente. „Ich liebte es zu schreiben und tippte die ganze Nacht. Ich konnte schneller Tippen als alle Mädchen in meiner Klasse, die sich zu Sekretärinnen ausbilden ließen“. Sein Antrieb sei nie das Geld gewesen, sondern Spaß und Leidenschaft an der Sache. „Und ich hatte genügend Zeit, denn ich hatte keine Freundin, also setzte ich mich nach der Schule hin und begann Dinge zu entwickeln“. Ihm imponierte, dass die Leute von seinen Fähigkeiten begeistert waren. „Entwickler machen Dinge, die andere nicht können und das macht sie besonders“.

„Ich rate Entwicklern lieber: Baut eure eigenen Prototypen.“

Drei Bausteine zum Erfolg

Als die Apple-Gründer aufeinander trafen, hätten sie weder Geld noch Business-Erfahrung gehabt, einzig den Glauben an ihre Vision. „Damals gab es noch kein Entrepreneurship, aber so etwas ist auch nicht notwendig. Ich rate Entwicklern lieber: Baut eure eigenen Prototypen. Das ist eine gute Möglichkeit, um Geld zu lukrieren und weiterzuarbeiten“. Laut „The Woz“ komme es vor allem auf drei Dinge an, um erfolgreich zu sein: „Die Businessidee, das Marketing und den Entwickler“. Die Marketing-Aufgabe erfüllte Steve Jobs. „Ohne ihn hätte es Apple nie gegeben. Er verstand es, wie man die Marke verkauft und damit Geld verdienen kann“, sagt Wozniak. „Ich tüftelte stattdessen lieber an der Software und dem Design herum“, sagt der 67-Jährige, der sich bereits Mitte der 1980er Jahre aus dem operativen Geschäft bei Apple verabschiedete. Zum Erfolg gehören aber auch Pausen und gute Unterhaltung. Bei Wozniak standen in diesen Pausen Games auf dem Programm und später immer öfter das Scrollen durch Social-Media-Plattformen.

Seitenhieb auf Zuckerberg

Mit seinen bissigen Kommentaren gegen Facebook und Facebook-Gründer Marc Zuckerberg amüsierte Steve Wozniak das Publikum. „Zuckerberg jammert, Apple wäre zu teuer, aber immerhin legt Apple Wert auf Privatsphäre und das würde Facebook nicht einmal tun, wenn es vom User Geld bekäme“. Jahrelang war der Apple-Mitbegründer selbst aktiver Facebook-User. „Ich bin nicht wegen der Privatsphären-Debatte ausgestiegen, sondern weil ich nach zehn Jahren genug davon hatte“. Er gab zu, dass er regelrecht süchtig nach dem Scrollen durch die Beiträge der Facebook-Community war. „Dabei war ich eigentlich nie ein sehr sozialer Mensch, schon in der Schule nicht“.

Auf der Social-Media-Plattform hatte er plötzlich 5000 Freunde. „Davon kannte ich allerdings kaum einen persönlich“. Am meisten störte ihn, dass er für sich aus dem Datensammeln keinen Vorteil sah. „Im Gegenteil, je mehr Daten von mir gesammelt wurden, desto stärker wurde ich kategorisiert und eingeengt“, sagt er. „Die Werbung teilt die Menschen in Gruppen ein. Der Mensch ist aber vielfältiger“. Sein Ausstieg aus Facebook fiel ihm dennoch nicht leicht, weil er befürchtete, er könne etwas versäumen. Seine Frau sei ihm eine große Stütze gewesen. Solidarisch kehrte sie ebenfalls der Social-Media-Plattform den Rücken.

„Auch Google weiß schon zu viel über mich.“

Wozniak-Werbeeinschaltung für Apple

Als nächstes plant der Apple-Mitgründer den Ausstieg von Gmail und Google-Kalender. „Auch Google weiß schon zu viel über mich. Für mich bedeutet Privatsphäre, dass ich meine Erlebnisse nur mit ausgewählten Personen teile“. Im nächsten Atemzug nannte er die Apple-iCloud als bessere Alternative, bei der die Fotos individuell geteilt werden können. Überhaupt sparte der Stargast nicht mit Eigenwerbung. Lobend erwähnte er zum Beispiel auch die Apple Zahlfunktion per Fingerabdruck-Sensor, die Androids Zahlfunktion in den Schatten stelle.

Auch Bitcoin & Blockchain werden abgehandelt

Auf die Frage nach den nächsten IT-Revolutionen fielen natürlich die Schlagwörter „Blockchain“ und „Bitcoin“. Von beiden Technologien zeigte sich der legendäre Entwickler fasziniert. Er selbst habe sich Bitcoins gekauft, allerdings nicht als Investor, sondern zum Experimentieren. „Ohne Cash oder Kreditkarte in einem Hotel oder auf einer Reise mit Bitcoins zahlen zu können, macht durchaus Spaß“. Er habe aber nicht die Geduld, um zu spekulieren. Insgesamt halte er diese IT-Technologien aber noch nicht für ausreichend ausgereift. „Ich denke, es dauert noch eine Dekade, bis es soweit ist. Gut möglich, dass es dann die einzige Währung ist“.

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Vom Tesla zum Chevy: „Ich glaube an Low-Costs“

Ein regelrechtes Strahlen kam auf Wozniaks Gesicht, als der Moderator auf Tesla und Elon Musk zu sprechen kam. Auch Steve Wozniak ließ sich von der Tesla-Mania anstecken. Am liebsten hätte er sich sofort nach Aufkommen des ersten Modells einen Wagen gekauft, aber seine Frau drückte auf die Bremse. „Ich musste lange warten, bis sie mir erlaubte, einen zuzulegen“. Er testete den Tesla auf Herz und Nieren, fuhr die Langstrecken, an denen die Super-Charger aufgestellt sind. Mittlerweile ist seine Begeisterung für Tesla Ernüchterung gewichen. Einerseits weil das autonome Fahren trotz der großen Sprüche von Elon Musk noch in den Kinderschuhen stecke, andererseits, weil Wozniak eine günstigere Elektro-Car-Alternative ausfindig machte. „Das ist der Chevy Bolt EV. Da benötige ich keinen Super-Charger. Die Batterie reicht aus, um die notwendigsten Strecken zurückzulegen. Ich glaube an Low-Costs“.

„Künstliche Intelligenz wird überbewertet“

Kritik äußerte der Computer-Pionier auch gegenüber dem AI-Hype. „Die Künstliche Intelligenz wird überbewertet. Gegen ein menschliches Gehirn kommt eine Maschine derzeit nicht an“. Es würde noch lange dauern, bis es ein Computer mit dem Gehirnschmalz eines Menschen aufnehmen könne. Selbst die kritischen Töne kommen bei „The Woz“ stets mit einem Lächeln über die Lippen. Das mag an seiner Lebenseinstellung liegen. „Ich bin glücklich, weil ich mir immer genügend Zeit für Späße nehme“. Auch dem Publikum gab er den Rat, sich ausgiebig zu unterhalten. „Erzählt euch Witze. Ein wichtiger Baustein, um gut drauf zu sein“.

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Es war ein seltener Moment der Unverblümtheit, als mich Lukas Zitz, der stellvertretende österreichische Wirtschaftsdelegierte in New York, vor einigen Monaten kontaktierte: „Mario, we have to talk.“ Seine Botschaft aus dem Epizentrum der globalen Wirtschaft: In den USA geht gerade richtig die Post ab, und zwar bei einem Thema, das man dort bis vor kurzem kaum buchstabieren konnte: Apprenticeships. Der klassischen, praxisnahen Berufsausbildung nach europäischem Vorbild.

Während wir in Österreich und Europa seit Jahrzehnten ein Narrativ pflegen, das möglichst jeden Jugendlichen in die Hörsäle der Universitäten treibt, vollzieht die größte Wirtschaftsmacht der Welt eine radikale Kehrtwende. Im April 2025 unterzeichnete US-Präsident Trump eine weitreichende Executive Order mit dem vielsagenden Titel „Preparing Americans for High-Paying Skilled Trade Jobs of the Future“. Das Ziel ist brutal ambitioniert: Die Zahl der registrierten Lehrlinge soll auf eine Million hochgeschraubt werden. Angetrieben von einer Reindustrialisierungsstrategie, die Fabriken aus Asien zurückholt, und getragen von den größten Playern der Tech- und Finanzwelt. Weniger „College for All“, heißt das neue Motto in Washington.

Der Irrtum der akademischen Elite

Wir haben uns in Europa schlichtweg kaputt studiert. Wir haben Generationen eingeredet, dass Wohlstand und gesellschaftlicher Status nur über einen akademischen Titel führen. Das Ergebnis? Ein dramatischer Überschuss an Absolventen in Fächern, die der Markt in dieser Dichte schlicht nicht braucht, während uns an allen Ecken und Enden die Praktiker fehlen.

Die Quittung liefert der heimische Arbeitsmarkt unmissverständlich. Auswertungen der Agenda Austria auf Basis von AMS-Daten zeigen: Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern steigt zuletzt deutlich an, während Menschen mit einer klassischen Lehrausbildung zu den krisenfestesten Gruppen auf dem Arbeitsmarkt zählen. Mehr noch: Das alte Vorurteil, dass sich nur ein Studium finanziell lohnt, gerät zunehmend ins Wanken. In Deutschland etwa verdienen Beschäftigte mit Meister-, Techniker- oder Fachschulabschluss laut Statistischem Bundesamt (Verdiensterhebung, April 2025) im Schnitt 5.405 Euro brutto im Monat und damit mehr als Bachelor-Absolventen mit 5.289 Euro.

Gleichzeitig offenbart eine großangelegte Unternehmensbefragung des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) aus dem Jahr 2023 das ganze Dilemma unserer Wirtschaft: Satte 60,9 Prozent aller Betriebe klagen über massive Schwierigkeiten, Stellen mit Lehrabschluss zu besetzen. Universitätsabsolventen werden dagegen nur noch von mageren 8,1 Prozent der Unternehmen dringend gesucht. Wir bilden am Bedarf vorbei. Dabei ist die Lehre die beste Medizin gegen soziale Krisen: Daten des ibw („Lehrlingsausbildung im Überblick“, 2023) belegen, dass jene Bundesländer mit einer hohen Lehranfängerquote wie Oberösterreich, Salzburg oder Tirol die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit aufweisen, während das akademisierte Wien mit fast 12 Prozent Jugendarbeitslosigkeit das Schlusslicht bildet.

Die USA bauen die „neue Elite“ mit unserem Modell

Ein Blick nach Übersee zeigt, wie blind Europa für die eigenen Stärken geworden ist. Bei einer Delegationsreise von Advantage Austria durch Chicago und Atlanta konnte ich mit österreichischen Vorzeigebetrieben wie Palfinger, KNAPP, Inteco oder STIWA sprechen, die vor Ort produzieren. Sie alle stehen vor derselben Herkulesaufgabe: Workforce Development.

Doch die Dynamik in den USA hat sich komplett verändert. Für den aktuellen KI-Boom, für den Bau und Betrieb gigantischer Rechenzentren und hochautomatisierter Logistikzentren braucht es keine Menschen, die auf niedrigstem Niveau stupide Handgriffe wiederholen. Und es braucht dafür überraschenderweise auch keine Master-Absolventen, die komplexe Systeme nur aus dem Lehrbuch kennen. Für moderne Wartung (Maintenance), Automation und Mechatronik braucht es Fachkräfte, die in der Lage sind, hochkomplexe, reale Probleme direkt an der Maschine zu lösen. Köpfe, die mit den Händen denken.

Bisher hinken die USA beim Fachpersonal im internationalen Vergleich zwar hinterher: rund 700.000 Apprentices auf 340 Millionen Einwohner, verglichen mit 1,2 Millionen Azubis im deutlich kleineren Deutschland. Genau dieser Unterschied erklärt, warum amerikanische Unternehmen derzeit so intensiv nach Vorbildern aus Österreich, Deutschland oder der Schweiz suchen. Das Problem für uns: Die Amerikaner holen im Eiltempo auf. Seit Beginn der aktuellen US-Administration wurden laut US-Arbeitsministerium bereits über 386.000 neue Apprentices registriert. Das entspricht einem gewaltigen Zwischenspurt.

Ein Weckruf für Europa: Es ist eins vor zwölf

Österreich hat rund 100.000 Lehrlinge, ein historisches Pfund, um das uns die Amerikaner beneiden. Doch während die USA die bürokratischen Hürden für Betriebe radikal abbauen, Qualifikationen wie Micro-Credentials anerkennen und das System mit Milliarden professionalisieren, verwalten wir in Europa den Mangel und klammern uns an den kollektiven Titel-Wahn.

Wir müssen aufhören, die Lehrlingsausbildung als gesellschaftliche „Notlösung“ abzutun. Es ist für Europa nicht mehr fünf vor zwölf, es ist eins vor zwölf. Während wir uns in endlosen Debatten über Vier-Tage-Wochen und akademische Befindlichkeiten verlieren, zieht die größte Wirtschaftsmacht der Welt mit unserem eigenen Modell im Sprint an uns vorbei.

Wo bleibt unser großer Aufbruch? Wo bleibt das laute, stolze Begehren für das Handwerk? Wir müssen uns in Europa endlich zusammenreißen, den akademischen Hochmut ablegen und die Macher wieder zu den echten Helden unserer Wirtschaft machen. Wenn wir das System jetzt nicht radikal modernisieren und aufwerten, stehen wir bald mit einer Million theoretischer Master-Arbeiten da, aber ohne eine einzige Hand, die die Welt von morgen überhaupt noch bauen oder warten kann.

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