„Stehen stark unter Druck“: Wie Österreich sein Innovationspotenzial nutzen soll
Bei den Technology Talks des AIT sprachen am Freitagvormittag Vertreter:innen aus Politik, Forschung und Industrie über die Zukunft Europas - und darüber, was es braucht, um im globalen Wettbewerb wieder an die Spitze zu kommen.
“Europa steht stark unter Druck”, sagte Henna Virkkunen, Exekutiv-Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, bei den Technology Talks des AIT Austrian Institute of Technology in Wien. In den vergangenen Jahren sei der Kontinent bei Wettbewerbsfähigkeit, Produktivität und Innovationskraft deutlich zurückgefallen. Gleichzeitig zeigte sich Virkkunen zuversichtlich: “Europa verfügt über alles, was notwendig ist, um wettbewerbsfähig zu sein – wir haben hervorragende Wissenschaft und Forschung, und Österreich ist dafür ein großartiges Beispiel.”
Kooperationen als Schlüssel
Besonders hob Virkkunen die Zusammenarbeit zwischen Industrie, KMU sowie Wissenschaft und Forschung hervor: “Genau das ist wirklich notwendig, um neue Innovationen und Wettbewerbsfähigkeit voranzutreiben.” Europa verfüge über eine vielversprechende Basis, müsse aber den Binnenmarkt vereinfachen und für Unternehmen den Zugang zu Kapital verbessern (brutkasten berichtete). “Wir wollen Europa auch für Unternehmen schneller und einfacher machen – deshalb ist die Vereinfachung unserer Regeln eine wichtige Priorität der Kommission.”
Auch Österreichs Innovationsminister Peter Hanke sieht im Ökosystem des Landes ein “gut funktionales System”. Doch er mahnt: “Es muss uns klar sein, dass es Steigerungen geben muss, sonst werden wir nicht an der Spitze mithalten können mit asiatischen Ländern oder anderen Wirtschaftsräumen.”
Österreichs Wachstumspotenzial
Hanke präsentierte gestern bei den Technology Talks eine neue Schlüsseltechnologie-Offensive, die Österreichs Stärken gezielt ausbauen soll. Im Mittelpunkt stehen fünf Bereiche mit hohem Wachstumspotenzial: Künstliche Intelligenz, Chips, Produktionstechnologien (inklusive Robotik und Automatisierung), Quanten (einschließlich Photonik) sowie Fortgeschrittene Materialien. “Es geht immer darum, Stärken zu stärken”, so Hanke. Auch Georg Knill, Präsident der Industriellenvereinigung (IV), sieht Österreich gut gerüstet: “Wir dürfen uns ganz und gar nicht klein machen.”
Das Produktivitätswachstum Europas lag im vergangenen Jahrzehnt deutlich unter jenem der USA und asiatischer Länder. Die Ursachen seien laut Hanke zu geringe Investitionen in Innovationen und zu wenig Konsequenz bei der Digitalisierung. Mit einer neuen Industriestrategie wolle man nun gegensteuern.
Forschung als Standortfaktor
Ein zentraler Hebel liegt dabei auch in der Forschung. Österreichs Forschungsquote beträgt aktuell 3,35 Prozent des BIP – rund 16,1 Milliarden Euro – und liegt damit über dem EU-Ziel von drei Prozent. “Jeder Euro, der in Forschung und Technologie investiert wird, kommt mittelfristig nach drei bis fünf Jahren um das sechsfache zurück”, erklärte Hanke.
Florian Frauschein, Sektionsleiter im Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft, betonte die Bedeutung offener Programme und Anreize, um Talente im Land zu halten. Als Beispiel nannte er die Forschungsprämie, die europaweit ein “USP von Österreich” sei.
Auch budgetär gab es bereits gestern von Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer positive Signale. Trotz Kürzungen in anderen Bereichen soll es im nächsten FTI-Pakt (2027–2029) keine Einsparungen geben. “Hier ziehen die drei Forschungsressorts sehr stark an einem Strang”, versicherte heute auch Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner.
Notwendigkeit von Risikokapital
Als Schwachpunkt Österreichs orteten mehrere Diskussionsteilnehmer:innen das fehlende Risikokapital. Frauschein verwies aber auf den geplanten Scaleup-Fonds der Bundesregierung (brutkasten berichtete). Auch Hanke sieht Handlungsbedarf: “Wir haben in Österreich gute Ideen, aber in der Umsetzung sind wir langsam. Wir brauchen die Scaleups und da braucht man natürlich Finanzierungsschritte. Da wissen wir, dass wir einen Gap haben.”
Virkkunen wies auf das ungenutzte Kapital in Europa hin: “Unsere Haushalte haben mehr als eine Billion Euro auf Sparkonten. Es liegt in der europäischen Kultur, dass Haushalte ihr Geld eher sparen, anstatt zu investieren. […] Wir müssen dieses Kapital wirklich stärker mobilisieren, damit unsere Startups und KMU ihre Geschäfte ausbauen und skalieren können.”
Allgemein zeigten sich die Vertreter:innen aus Politik, Forschung und Industrie aber optimistisch für Europas und Österreichs Innovationsstandort – “Es geht darum, Europa wieder an die globale Spitze zu bringen und da sind wir mit dabei”, so Knill abschließend.
Das Voting zum „Innovator of the Year“ 2026 – Kategorie Scaleups
Mit dem Innovator of the Year kürt brutkasten jedes Jahr gemeinsam mit seiner Community die innovativsten Köpfe Österreichs. In der Kategorie „Scaleups“ kannst du jetzt bis 1. November 2026 für deine:n Favorit:in abstimmen. Der Award wird am 5. November im Rahmen des brutkasten-Jahresevents Momentum vergeben.
Das Voting zum „Innovator of the Year“ 2026 – Kategorie Scaleups
Mit dem Innovator of the Year kürt brutkasten jedes Jahr gemeinsam mit seiner Community die innovativsten Köpfe Österreichs. In der Kategorie „Scaleups“ kannst du jetzt bis 1. November 2026 für deine:n Favorit:in abstimmen. Der Award wird am 5. November im Rahmen des brutkasten-Jahresevents Momentum vergeben.
Erfolgreiche Skalierung ist das Ziel jedes Startups. Bekanntlich schaffen das bei weitem nicht alle, doch auch hierzulande wird die Gruppe jener, denen der Sprung zum starken Wachstum gelungen ist, immer größer – und das auch unter bekanntlich teils widrigen Bedingungen.
Auch dieses Jahr schafften wieder einige heimische Unternehmen den Schritt vom Startup zum Scaleup und legten beeindruckende Wachstumsstorys vor. Und einige bereits etablierte Scaleups zeigten eindrücklich, dass ihre Wachstumsambition ungebrochen ist.
Zehn davon holen wir als Nominierte für den Innovator of the Year in der Kategorie Scaleups vor den Vorhang. Der Preis wird heuer zum 6. Mal vergeben. Am 5. November findet die feierliche Award Ceremony im Rahmen des brutkasten-Jahresevents Momentum im Wiener Palais Berg statt. Neben der Kategorie Scaleups wird der Award dieses Jahr in den Kategorien Startups und Corporate Innovation vergeben. Als Preis in allen drei Kategorien winkt jeweils ein brutkasten-Medienpaket im Wert von 4.100 Euro.
Die „Innovator of the Year“-Kategorie Scaleups wird durch Polestar unterstützt.
Publikumsvoting zum Innovator of the Year | Kategorie „Scaleups“
Nun ist, wie jedes Jahr, deine Stimme gefragt. Bis zum 1. November (23:59 Uhr) kannst du für deine:n Favorit:in abstimmen! Jede:r User:in hat pro Tag und Kategorie genau eine Stimme – es lohnt sich also, die eigene Community zu aktivieren.
(Hinweis: Bei mehrfacher Stimmabgabe pro Tag erfolgt zwar keine gesonderte Fehlermeldung im Voting-Tool, Mehrfachvotes werden vom System jedoch automatisiert erkannt und ausgefiltert).
Auffallen ist gewiss eine der Stärken des Grazer Scaleups Emerald Horizon – sei es mit ausgerechnet diesem Produkt, Small Modular Reactors, im traditionell extrem atomkraftkritischen Österreich, mit Personalentscheidungen wie Ex-FPÖ-Chef Norbert Hofer oder mit dem dieses Jahr erfolgten ungewöhnlich frühen Börsengang. An der Wiener Börse wird das Unternehmen jedenfalls mittlerweile seit Monaten jenseits der Milliarden-Euro-Grenze bewertet und kann damit – je nach Definition – als Österreichs jüngstes Unicorn gesehen werden. Für die Entwicklung des Unternehmens gewiss noch entscheidender: Im August verkündete man, gemeinsam mit dem niederländischen Partner VDL Groep in die nächste Entwicklungsstufe des Small Modular Reactors zu gehen.
Enpulsion
Enpulsion-Gründer und -CEO Alexander Reissner | (c) Enpulsion
Das niederösterreichische SpaceTech-Scaleup Enpulsion rund um Gründer Alexander Reissner liefert Antriebssysteme für Nano- und Mikrosatelliten. Zu Jahresbeginn sicherte sich das Unternehmen eine 22,5 Millionen Euro schwere Series-B-Finanzierung, um die Produktionskapazitäten am Standort Wiener Neustadt deutlich zu erhöhen. Im August 2026 verkündete Enpulsion zudem die geplante strategische Übernahme der britischen Lift Me Off Ltd, um das eigene Produkt-Portfolio um chemische Antriebe für besonders agiles Manövrieren im Weltraum zu erweitern. Zusätzlich steht für diesen Herbst ein zentraler Meilenstein an: ein Orbit-Test der neuartigen Antriebstechnik an Bord des heimischen Satelliten AT-Astra.
fiskaly
fiskaly – das Gründerteam Simon Tragatschnig (COO), Johannes Ferner (CEO) und Patrick Gaubatz (CTO) | (c) fiskaly
Das 2019 gegründete Wiener Unternehmen fiskaly von Johannes Ferner, Simon Tragatschnig und Patrick Gaubatz macht Kassentransaktionen cloudbasiert und gesetzeskonform. Die Zahlen sprechen für sich: 60 Prozent Wachstum im vergangenen Geschäftsjahr, profitabel, mehr als 150 Mitarbeitende, rund 1.900 B2B-Kund:innen mit über einer Million POS-Systemen in acht EU-Ländern und Marktführerschaft in Deutschland. Im September folgte der nächste Schritt vom Scaleup zum Infrastrukturanbieter: Mit David Feichter holte fiskaly den Ex-CEO von orderbird als Co-CEO an Bord, ausgerechnet jenen Mann, der 2019 als allererster Kunde den Deal mit Ferner verhandelt hatte. Feichter verantwortet den operativen Betrieb, Ferner konzentriert sich auf Partnerschaften und weitere Akquisitionen in Europa.
Das 2023 gegründete Scaleup von Gründer Markus Müller entwickelt eine KI-gestützte Software, die regulatorische und qualitative Prozesse für MedTech- und Pharmaunternehmen automatisiert. Im Februar 2026 sorgte das Unternehmen mit einem Series-A-Investment von 20 Millionen Dollar für Aufsehen. Mit dem frischen Kapital treibt das Scaleup in diesem Jahr die gezielte Expansion auf dem US-Markt voran, um sich weltweit als Standard für regulatorische KI-Prüfungen im Gesundheitsbereich zu etablieren. Zudem plant man eine erste eigene Kund:innenkonferenz, die über 200 internationale MedTech-Entscheider:innen nach Wien bringen soll.
fonio.ai
fonio.ai-Co-Founder Daniel Keinrath (CEO, l.) und Matthias Gruber (CTO) | (c) fonio.ai
Wenn bei einem KMU niemand ans Telefon geht, übernimmt fonio.ai: Die KI-Agenten des erst 2024 gegründeten Wiener Startups von Daniel Keinrath und Matthias Gruber führen inzwischen rund zwei Millionen Anrufe pro Monat für über 7.000 Kund:innen. Im Juni schloss man eine Seed-Runde über 14,6 Millionen Euro ab, angeführt vom Londoner Fonds 20VC bei einer Bewertung von 120 Millionen Euro, ohne offiziellen Fundraise und ohne Pitch Deck. Im August knackte fonio.ai die Marke von zehn Millionen Dollar ARR – später folgte im Oktober die Marke von 15 Millionen Dollar. Mehr als die Hälfte des Umsatzes kommt laut Keinrath inzwischen von außerhalb der DACH-Region, im September eröffnete das Startup unter anderem sein Büro in Barcelona als Hub für Südeuropa.
Helferline
v.l.: Die Helferline-Gründer Clemens Schmidgruber und Alexander Niederhofer mit CTO Janko Glavić | (c) Helferline
Es ist eine Geschichte, wie sie nur die Startup-Welt schreiben kann: Vor mehr als zehn Jahren gegründet, konnte Helferline über lange Zeit zwar eine ganze Zahl namhafter Referenzen vorweisen, der wirtschaftliche Durchbruch blieb aber aus. Das änderte sich im Laufe der vergangenen Monate drastisch: Vor etwas mehr als einem Jahr stieg Hansi Hansmann als Investor ein. Seitdem holte man Großaufträge vom deutschen Telekom-Riesen O2, von Asus, von Starlink und weiteren. Aktuell befindet sich das Wiener Scaleup auf einem steilen Wachstumskurs und macht nach eigenen Angaben monatliche sechsstellige Gewinne.
Neoh
v.l.n.r.: Die Neoh-Gründer Adel Hafizovic, Manuel Zeller und Patrick Kolomaznik | (c) Neoh
Das Wiener Scaleup von Manuel Zeller konnte mit Süßigkeiten, die auf dem selbst entwickelten, kalorienarmen Zuckerersatzstoff Zero+ basieren, mittlerweile eine große Fangemeinde aufbauen, die auch über die Grenzen Österreichs hinausgeht. Auch machte, Stand April 2026, das B2B-Geschäft bereits rund 15 Prozent des Gesamtumsatzes aus, mit steigender Tendenz, wie Zeller erklärte. Dies und auch die Entwicklung einer gelungenen Bueno-Alternative sorgten dafür, dass eine Investmentgesellschaft aus Luxemburg namens Teseo Capital ins Scaleup einstieg. Dahinter steht die italienische Familie Ferrero, die mit Marken wie Nutella, Kinder und Ferrero Rocher den Süßigkeitenmarkt dominiert.
Das Innsbrucker Quantenunternehmen ParityQC von Wolfgang Lechner und Magdalena Hauser hat allein im heurigen Jahr einen 35-Mio.-Deal für den Bau eines mobilen Quantencomputers für das deutsche Verteidigungsministerium ergattert und im Rahmen der „EUREKA-Ausschreibung Deutschland-Israel“ eine Kooperation mit dem israelischen Quantensoftware-Spezialisten Classiq gestartet. Zudem lieferte es im April einen deutlichen Beleg dafür, dass europäisches Quantencomputing den Sprung aus dem Labor in die Industrie geschafft hat. Gemeinsam mit IBM stellte man einen neuen Weltrekord bei der Quanten-Fourier-Transformation (QFT) auf. Konkret wurde dabei die bislang größte jemals gemessene QFT auf einem IBM-Quantum-Heron-Prozessor realisiert, mit 52 supraleitenden Qubits statt der bisherigen 27 Ionenfallen-Qubits.
Reploid
Jonas Finck und Philip Pauer, Vorstände der Reploid Group AG | (c) Reploid / Stefan Beiganz
Kein anderes heimisches Scaleup schaffte es dieses Jahr, in einer derartigen Regelmäßigkeit für Schlagzeilen zu sorgen. Das seit 2025 an der Wiener Börse gelistete Welser Insektenzucht-Unternehmen baute seine Führungsebene aus, eröffnete neue Expansionsmärkte, präsentierte neue Kund:innen, verkündete eine Übernahme und holte sich einen achtstelligen Wachstumskredit. Wiewohl die Geschäftszahlen bei genauerer Betrachtung etwas komplexer sind, als vom Scaleup dargestellt, steht fest: Reploid ist weiter voll auf Wachstumskurs.
waterdrop
Die waterdrop-Gründer v.l.n.r: Christoph Hermann, Martin Murray, Henry Murray | (c) waterdrop
Das Wiener Scaleup waterdrop von Henry Murray, Martin Murray und Christoph Hermann holte sich im Mai ein 100-Millionen-Euro-Investment. Zu den Investor:innen dieser Runde zählten Aspeya, Atlantic Grupa und der alpine Ski-Weltcup-Champion Aleksander Aamodt Kilde. Schon im Jänner dieses Jahres verkündete das Scaleup seine Profitabilität. Zudem übernahm Jristian Cruz Limsico die Rolle des Global Creative Director, der seit 2017 die visuelle Identität des Modehauses Karl Lagerfeld prägte. Er verantwortet nun die weltweite Markenidentität des Unternehmens.
Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.