21.03.2022

Startup300: So geht es nach dem Börsen-Delisting weiter

Startup300 hatte bereits den letzten Handelstag an der Wiener Börse und ist nun wieder ein privates Unternehmen. Was bedeutet das für die Aktionär:innen?
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Michael Eisler und Bernhard Lehner haben Startup300 gegründet © startup300
Michael Eisler und Bernhard Lehner haben Startup300 gegründet © startup300

Es war ein Paukenschlag, als Startup300 gegen Ende 2021 ankündigte, sich von der Wiener Börse zurückzuziehen. Der Linzer Startup-Ökosystem-Player war vor rund drei Jahren im „direct market plus“ an die Börse gegangen – konnte sich zuletzt aber kaum über den Kapitalmarkt finanzieren und das Handelsvolumen blieb hinter den Erwartungen, wie Startup300 mitteilte. Seit Freitag, 18. März 2022, ist das Vorhaben Realität: Das Unternehmen ist nicht mehr an der Börse gelistet, das Delisting abgeschlossen.

Für Anteilseigner:innen bedeutet das, dass das Papier nun nicht mehr über die Börse gehandelt werden kann. Derzeit kann ein Handel privat unter Aktionär:innen oder per Mail an Startup300 organisiert werden, erklärt Co-Founder Bernhard Lehner dem brutkasten. Wer Anteile verkaufen oder kaufen will, kann sich also direkt an Startup300 wenden – ist ein Handelspartner gefunden, können die Anteile direkt in das Depot auf der jeweiligen Bank übertragen werden. Der Preis ist dabei Verhandlungssache zwischen den beiden Handelspartnern.

Umstellung auf Namensaktien

Ende Mai will Startup300 schließlich die Inhaberaktien auf Namensaktien umstellen und selbst Buch führen. Um in das Aktienbuch aufgenommen zu werden, müssen sich Aktionär:innen aktiv melden. Lehner geht davon aus, dass ein Teil der Aktionäre anonym bleiben wird und bezeichnet das als etwas, das sich als Gründer komisch anfühle, aber völlig normal sei. Je nachdem wie stark die Nachfrage nach Handel ist, überlegt Startup300 zudem, eine eigene Handelsplattform zur Verfügung zu stellen – die könnte beispielsweise über die Startup300-Beteiligung Conda umgesetzt werden.

Startup300 am letzten Handelstag

An der Wiener Börse notierte die Aktie am letzten Handelstag mit 2 Euro und war zwischenzeitlich sogar deutlich unter 2 Euro gerutscht. Der Ausgabepreis im Jänner 2019 ist noch bei 10 Euro gelegen – ein Minus von 80 Prozent. Für die meisten Anleger dürfte die Aktie somit kein gutes Investment gewesen sein. Der Börsenwert der AG lag am Freitag bei 5,7 Mio. Euro. Aus Sicht des Startup300-Vorstands liegt dieser „deutlich unter dem tatsächlichen Wert der aktuellen Assets“. In einem Brief an die Aktionär:innen, der brutkasten vorliegt heißt es zudem: „Aus unserer Sicht liegt der aktuelle Nettovermögenswert der startup300 AG Aktie aktuell bei rund 4,2 Euro pro Aktie“.

Entschuldigung des Vorstands

„Es gibt hier sicherlich viele, die sich, wie auch wir, eine bessere Entwicklung erwartet hätten. Es war sicherlich ein Fehler unsererseits mit den rund 150 Aktionären, die vor Oktober 2018 zu 10 Euro pro Aktie investiert haben, keine entsprechende Lock-up-Periode zu vereinbaren“, schrieb Startup300-Vorstand Michael Eisler in einem Gastbeitrag für den brutkasten, in dem er sich bei den Aktionär:innen entschuldigte.

Startup 300 ist aktuell bei rund 30 Startups investiert. Zu den weiteren Assets zählen Beteiligungen am Risikokapital-Fonds capital300, der Conda Unternehmensgruppe, der Pioneers Innovation GmbH sowie dem Geschäftsbereich factory300 in der Tabakfabrik Linz. Daneben hält das Unternehmen laut eigenen Angaben kleinere Bestände von Kryptowährungen sowie weitere strategische Beteiligungen in kleinerem Umfang.

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Michael Dobersberger ist der "Startup-Wingman" im Silicon Valley. | © brutkasten

Das Silicon Valley ist nach wie vor das unangefochtene Epizentrum der globalen Tech-Welt. Ein Großteil des weltweiten Risikokapitals ist in der Region rund um San Francisco gebündelt. Für europäische Startups birgt der Markteintritt in den US-amerikanischen Raum jedoch erhebliche kulturelle wie strukturelle Hürden. Genau an dieser Schnittstelle setzt die Arbeit von Michael Dobersberger an. Brutkasten hat ihm einen Tag lang in San Francisco über die Schulter geschaut.

Michael Dobersberger im Gespräch mit brutkasten-Redakteurin Ann-Kathrin Salmen vor der Bay Bridge in San Francisco. © brutkasten

Ein Ökosystem für den Aufstieg

Als Co-Direktor der Initiative Open Austria, einem Joint Venture der Wirtschaftskammer Österreich und des Außenministeriums, fungiert Dobersberger als strategischer Sparring-Partner vor Ort. Während die WKÖ-AußenwirtschaftsCenter in New York und Los Angeles das operative Tagesgeschäft im Exportgeschäft abwickeln, konzentriert sich das AußenwirtschaftsCenter in San Francisco unter seiner Leitung auf spezialisierte Formate.

„Ich sehe meine Aufgabe darin, Startups ready für das Silicon Valley zu machen, damit sie einen gewissen Startvorteil gegenüber anderen europäischen Startups haben“, erklärt Dobersberger im Gespräch. Sein Aufgabengebiet umfasst gezieltes Startup-Coaching für den US-Markteintritt sowie Innovation Scouting für etablierte Großunternehmen. Die Nachfrage ist hoch: „Allein heuer habe ich schon über 260 Unternehmen in einem meiner Programme gehabt.“

Die Teilnehmer:innen des GOUSA Kickoffs im Silicon Valley. © Michael Dobersberger

Das Mindset: Ja, wenn … statt Nein, weil …

Die kulturellen Gräben zwischen europäischen und US-amerikanischen Entrepreneurship-Zugängen erlebt Dobersberger täglich. Während hierzulande Risiken oft im Vordergrund stehen, herrscht in Kalifornien eine ausgeprägte Optimierungskultur.

Den zentralen Unterschied im Denkansatz bringt Dobersberger pragmatisch auf den Punkt: „In den USA heißt es: ‚Es kann funktionieren, wenn …‘, während in Europa oft gesagt wird: ‚Das funktioniert nicht, weil …‘“. Es gehe keineswegs darum, kritische Einwände zu ignorieren, sondern Geschäftsideen konstruktiv zu bewerten und Chancen in den Mittelpunkt zu rücken.

Schnelligkeit und ein realistischer Blick auf Fehler

Ein entscheidender Erfolgsfaktor am US-Markt sei die Umsetzungsgeschwindigkeit. „Du musst nicht besser sein, du musst schneller sein“, betont Dobersberger. Wer rasch am Markt testet, gewinnt wertvolles Feedback und kann Mitbewerber überholen.

Ergänzt wird dieses Tempo durch den vielzitierten Umgang mit dem Scheitern, der jedoch häufig missverstanden werde. Fehler seien zwar Teil der Lernkurve, dürften das Unternehmen jedoch nicht ruinieren. „Fail fast, fail often – and keep the price to a minimum“, bringt es Dobersberger auf den Punkt. Das bedeutet übersetzt so viel wie: „Scheitere schnell, oft und halte die Kosten dabei auf einem Minimum.“

Präzision fordert der Experte auch beim Markenauftritt und Produktstart. Zu langes Perfektionieren im Stillen sei gefährlich: „Wenn du nicht irgendwann sagst: ‚Mein erstes Produkt war so peinlich‘, dann bist du zu spät an den Markt gegangen“, veranschaulicht er eindrücklich.

Ein Großteil von Dobersbergers Arbeit besteht darin, Menschen miteinander zu vernetzen. © brutkasten

Die Matrjoschka-Logik beim Pitchen

Auch in der Kommunikation rät Dobersberger zu einer radikalen Vereinfachung. Statt technischer Details müsse in den ersten Sekunden das zugrundeliegende Problem im Fokus stehen. Dobersberger nutzt dafür das Bild einer umgekehrten Matrjoschka-Puppe.

„Die erste Matrjoschka ist die wichtigste – das ist dein Why“, erklärt er. Ziel der ersten 40 Sekunden sei es nicht, das gesamte Produkt zu erklären, sondern Neugier zu wecken und Folgetermine zu sichern. Wer zu tief ins Technische abgleite, verliere das Gegenüber rasch.

Menschen investieren in Menschen

Zudem entscheide die Persönlichkeit des Gründerteams oft mehr als die Technologie selbst. Das Feedback internationaler Investor:innen zeichne hier ein klares Bild: „Die Investoren investieren zu 90 Prozent ins Team und zu zehn Prozent in die Technologie.“ Starken Gründerpersönlichkeiten traue man eher zu, Märkte zu erschließen und Geschäftsmodelle bei Bedarf anzupassen.

Mit diesem ganzheitlichen Ansatz, von der Schärfung der Story bis hin zur Vernetzung vor Ort, unterstützt Dobersberger heimische Gründer:innen dabei, im Silicon Valley nachhaltig Fuß zu fassen.

Dobersberger mit seinem ehemaligen indonesischen Diplomaten-Kennzeichen. Vor seiner Zeit in Amerika war er in Indonesien, Serbien und England tätig. © brutkasten
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