29.12.2021

Startup-Stimmen zum Jahreswechsel: „mein bestes Jahr bisher – trotz Politik“

Am Ende des bislang spektakulärsten Jahrs der heimischen Startup-Geschichte haben wir Stimmen von Key-Playern der Szene mit einem Rück- und Ausblick eingefangen.
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Startup-Stimmen 2021: Wir haben zum Jahreswechsel Stimmen aus der Startup-Szene eingefangen
Wir haben zum Jahreswechsel Stimmen aus der Startup-Szene eingefangen

Wenn Hansi Hansmann von „wohl seinem besten Jahr bisher“ spricht (siehe unten), dann hat das was zu sagen. Generell geht ein für die Startup-Szene spektakuläres Jahr zu Ende. Die größten Investments des Landes bislang mit den ersten zwei Unicorns gab es ebenso 2021, wie den bisher größten Exit. Und neben diesen Big News gab es eine riesige Zahl an „kleineren“ Millioneninvestments und Exits. Zuviel Jubelstimmung ist dennoch nicht angesagt, wie auch die Statements von Key-Playern der Startup-Szene, die wir eingeholt haben, zeigen. Nach wie vor Kritik gibt es an den Rahmenbedingungen für Startups in Österreich und an den politisch Verantwortlichen. Das drückt den für die Szene typischen Optimismus für das kommende Jahr aber nicht zu sehr. Gut so!


Hansi Hansmann, Business Angel

Hansi Hansmann © Maximilian Rosenberger
Hansi Hansmann | © Maximilian Rosenberger

2021 war ein tolles Jahr mit einem Riesen-Schub, auch für die heimische Szene. Es gab viel – vielleicht sogar zu viel – Geld am Markt, vor allem US-Geld, das nach Europa drängt und auch Österreich „erwischt“. Die zwei Unicorns sind toll für uns, auch die zehn bis 20 großen Finanzierungsrunden mit mehr als zehn Millionen Euro Volumen. Das kaschiert die strukturelle Schwäche unseres Ökosystems. Es sollten eben zehn mal so viel sein (und das Potenzial dafür hätten wir).

Die Politik hat sich durch ein weiteres Jahr sensationelle Untätigkeit ausgezeichnet. In den wesentlichen Bereichen (siehe Katalog von aaia, AustrianStartups und AVCO) ging, wie immer, überhaupt nichts weiter, was mich zwar nicht mehr überrascht, aber trotzdem grauslich ist. Leider hat sich noch immer nicht „nach oben“ durchgesprochen, dass es nicht um ein paar Startup-Nerds geht, sondern darum, ob wir beim unglaublichen Innovationsschub, der in den nächsten Jahren durch Startups entstehen wird, vorne dabei oder bloß Zuschauer sein wollen. Stichwort: Abstieg von der zweiten Liga in die dritte.

Persönlich war es für mich ein Hammer-Jahr. Mit sechs Exits, davon mit Busuu und durchblicker zwei richtig große, und drei großen Finanzierungsrunden im Portfolio – Anyline, Tractive und storebox – und ein paar coolen neuen Co-Investments war es wohl mein bestes Jahr bisher – trotz Politik.

Hannah Wundsam, Managing Director AustrianStartups

Hannah Wundsam | (c) Moore

Für AustrianStartups war 2021 das Jahr der Entrepreneurial Education. Über 1800 Schüler:innen konnten das bei einer Youth Entrepreneurship Week in diesem Jahr Gründen hautnah erleben, und gleichzeitig sind die ersten Alumni unseres Entrepreneurial Leadership Programs mit ihren Startups so richtig durchgestartet. Großartig zu sehen ist auch, dass mit der Landkarte für Entrepreneurship Education ein Fahrplan für die nachhaltige Integration von Entrepreneurship in den Schulalltag vorgelegt wurde. Jetzt geht es wie immer um die Execution.

Herausfordernd waren die umfassenden Diskussionen zu weiteren Forderungen, die schon seit Jahren aus dem Ökosystem kommen. Von einem sehr fortschrittlichen Vorschlag für eine neue Rechtsform mussten immer mehr Abstriche gemacht werden. Die „Mitarbeiterbeteiligung“, die im Zuge der Steuerreform präsentiert wurde, ist weit weg von der Realität der Startup-Szene und die instabile politische Lage hat den Start weiterer Maßnahmen erheblich gebremst. Dadurch sind viele unserer Empfehlungen im Policy Tracker, welcher den Fortschritt auf politischer Ebene visualisiert, auf rot geblieben.

Von 2022 erwarten wir uns, dass in die Umsetzung gegangen wird und unsere Policy-Ampel endlich auf grün schaltet. Die wirtschaftlich und ökologisch herausfordernde Lage wird einer breiteren Bevölkerung zeigen, dass Innovation und Entrepreneurship einer der wenigen krisenfesten Wachstumsmotoren sind.

Paul Klanschek, Co-Founder Bitpanda

Paul Klanschek | (c) Bitpanda

2021 war ein deutlich besseres Jahr als erwartet. Sowohl für Bitpanda als auch für die gesamte Wirtschaft in Österreich. Es war das Jahr der Megafundings in Österreich und hat gezeigt, dass man es auch aus Österreich heraus auf die Internationale Bühne schaffen kann.

Viel Geld im Markt hat die gesamte Risikokapitalszene angetrieben und zu sehr viel Konkurrenz in den Cap-Tables der Startups geführt, was für Startups gut ist, aber natürlich auch Risiken mit sich bringt. Das viele Geld hat auch das Interesse in die Kapitalmärkte und Crypto-Märkte stark erhöht und somit Fintechs massives Wachstum beschert.

2022 wird ein spannendes Jahr. Die Auswirkungen der massiven Geldpolitischen Entscheidungen werden sich erst langsam zeigen, können jedoch massiven Wirbel in die durch Covid und andere Events nervösen Märkte bringen. Wie immer wird es aber auch hier Gewinner und Verlierer geben und sich smart zu positionieren wird viel helfen.

Laura Egg, Managing Director aaia

Laura Egg, Managing Director der aaia.
Laura Egg, Managing Director der aaia | © aaia

Das Jahr 2021 war stark geprägt von den zwei Unicorns und der generellen Intensität von Finanzierungsrunden. Dies hat zusätzliche Aufmerksamkeit auf die österreichische Startup-Szene und auch speziell auf Angel Investments gelenkt. Zudem herrschte große Kooperationsbereitschaft auf allen Ebenen des Ökosystems und es wurden Synergien, anstatt zusätzlichem Wettbewerb, geschaffen. 

Covid und die unklare politische Situation haben allerdings auch stark das Jahr geprägt und trotz intensiven Stimmen aus der Community wurde wenig an den aktuellen Rahmenbedingungen für Startups verändert. Hier war die ökosoziale Steuerreform besonders enttäuschend. 

Nächstes Jahr erwarten uns in jedem Fall weitere Finanzierungsrunden und Exits und höchst wahrscheinlich weitere Unicorns. Wir arbeiten mit gezielten Maßnahmen weiterhin stark daran, den privaten Kapitalmarkt in der Frühphase zu stärken und 2022 auch gezielt weibliche Angel Investorinnen auszubilden. Zudem wäre das Gründer:innen Paket natürlich ein großer Meilenstein.

Kambis Kohansal Vajargah, Head of Startup-Services WKO

Kambis Kohansal Vajargah, | (c) Christoph Steinbauer

2021 erlebten wir, wie stark sich heimische Startups über längere Zeit auch auf schwierige Marktsituationen anpassen können und sich darauf aufbauend sogar erfolgreicher aufgestellt haben. Mit über zwei Dritteln Green Startups erkennt man, wie sehr Nachhaltigkeit im Fokus des Geschäftsmodells steht. Wir nahmen an ersten Unicorn-Events teil und sahen, wie unsere Unternehmer Österreich auf die globale Startup-Landkarte katapultiert haben. Bei der Wirtschaftskammer konnten wir darüber hinaus unsere neuen Flagship-Initiativen înno up und Born Global Academy starten.

Aber Startups benötigen mehr zielgerichtete, rechtspolitische Maßnahmen, die sie im Wachstum unterstützen. Bei den Themen neue Rechtsform, Mitarbeiterbeteiligung, Beteiligungsfreibetrag und Rot-Weiß-Rot Karte sind wir noch nicht dort, wo wir hinwollen. Die Umsetzung bleibt eine Herausforderung und ist eine unserer wichtigsten Aufgaben im Jahr 2022.

2022 sollten wir genau dort weitermachen, wo wir 2021 aufgehört haben: mehr Startups in der Quantität und Qualität, mehr Initiativen für Entrepreneurship Education, mehr Nachhaltigkeit im Geschäftsmodell und Österreich für Startups attraktiver gestalten.

Conny Hörl, Business Angel, CK Venture Capital

Katja Ruhnke und Conny Hörl investieren mit CK Venture Capital in Startups © brutkasten/bittner
Katja Ruhnke und Conny Hörl investieren mit CK Venture Capital in Startups © brutkasten/bittner

Ich bin sehr glücklich, dass alle unsere elf Startups das Jahr gut überstanden haben. Medikura war für mich ein besonderes Highlight. Die haben heuer einen Pivot gemacht zu XO Life. Die Gründerin hat sich von ihrem Mitgründer getrennt und das neue Geschäftsmodell hat dann voll eingeschlagen und bringt jetzt wirklich starke Umsätze. Ein weiteres Highlight war für uns die Beteiligung YourGrow, bei der wir stark in den Prozess des go to market involviert waren.

Für 2022 haben fast alle unsere Startups die Series A-Runde vor sich. Das ist für uns ein großer Schritt und wenn der erledigt ist, ist das auch für uns als Investorinnen eine gute Sache. Ich will in diesem Jahr auch unbedingt noch in ein österreichisches Startup investieren – da sind wir mit einigen im Gespräch.

Johannes Braith, Co-Founder Storebox

Johannes Braith | (c) Storebox

2021 war geprägt von großen Finanzierungsrunden und Exits. Die österreichische Startup-Szene wurde gefühlt etwas erwachsener und entwickelte sich in eine spannende Richtung. Durch COVID-19 wurden viele Bereiche weiter digitalisiert und innoviert. D2C Businesses, E-Commerce und Click & Collect Lösungen erleben einen wahren Boom, von dem Storebox stark profitiert. Ich erwarte, dass das Finanzierungsvolumen im Jahr 2022 weiter steigen wird und die großen institutionellen Investoren vermehrt auf Österreich blicken werden.

Berthold Baurek-Karlic, Investor

Berthold Baurek-Karlic, Venionaire Capital | (c) Rene Wallentin

Rückblickend war das letzte Jahr wirtschaftlich für uns sehr erfreulich. Wir haben unser Team ausgebaut und haben eine super Stimmung im Office. Das freut mich riesig. Wir planen im nächsten Jahr weitere fünf bis zehn Talente an Bord zu holen, die uns bei der Umsetzung neuer Fonds unterstützen werden.

Unsere Startups haben sich sehr gut entwickelt, was sicherlich nicht leicht war im gegebenen Marktumfeld. Der starke Exit unserer Beteiligung Kompany hat international Wellen geschlagen, was viele Augen auf Österreichs Startup-Sektor richtet.

Vollkommen versagt hat leider die Politik. Der Standort Österreich hätte eine große Chance gehabt, stärker aus der Krise zu kommen. Diese Chance hat man verspielt. Die heurigen Erfolge sind trotz der Blockaden und Widrigkeiten des Standorts umso bemerkenswerter, ich traue mich gar nicht daran zu denken was möglich wäre, wenn die Politik endlich ihren Worten Taten folgen lassen würde.

Martin Klässner, Gründer has·to·be und Business Angel

has.to.be
has.to.be-CEO Martin Klässner | © has.to.be

Für mich selbst war die positivste Entwicklung natürlich der erfolgreiche Verkauf von has·to·be an ChargePoint als bisher größter Exit in Österreich. Dies nicht (nur) wegen dem guten Deal, sondern vielmehr aus der Tatsache heraus, dass wir zeigen konnten, dass auch Österreich Markt- und Innovationsführer erfolgreich hervorbringen kann. Die Startup-Landschaft in unserem Land wird vielfach noch unterschätzt. Ich bin mir aber sicher, dass wir in den nächsten Jahren noch einige Erfolgsgeschichten sehen werden.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie werden uns auch im kommenden Jahr noch stark beschäftigen. Natürlich ist dies in vielen Bereichen negativ, jedoch darf man auch nicht die Chancen vergessen, die die neue Lebens- und Arbeitswelt mit sich bringt. Ich denke, dass insbesondere die Reduktion von Reisen einen positiven Effekt auf die Umwelt nehmen wird. Auch glaube ich, dass vor allem vernetzte Systeme und Dienste entstehen werden, die ein verteiltes Arbeiten noch einfacher und effektiver machen. In diesem Bereich liegen vermutlich die nächsten Hidden Champions.

Fakt ist: 2022 wird ein spannendes, in vielerlei Hinsicht aber sicher auch ein herausforderndes Jahr werden! Ich freue mich darauf!

Carina Margreiter, Head of Entrepreneurship & Creative Industries at Austria Wirtschaftsservice (aws)

Carina Margreiter | (c) aws

2021 war erneut geprägt von Unsicherheiten aufgrund der Corona-Pandemie und für die österreichische Wirtschaft kein leichtes Jahr. Die Erstfinanzierungsrunden bei Startups haben sich eher seitwärts als steil nach oben bewegt, wie Erhebungen zeigen. Beim Angebot an Risikokapital gibt es in Österreich im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ähnlicher Größe noch Luft nach oben.

Wir konnten aber dennoch beobachten, dass die Zahl der Neugründungen gestiegen ist. Innovative Ideen etwa im Bereich der Digitalisierung oder auch der Life Sciences sind besonders gefragt. Auch der Unternehmer:innen-Geist wurde nicht gebremst. Wir sehen das durch das große Interesse für unsere Programme und Wettbewerbe für junge Gründer:innen, wie Jugend Innovativ oder aws First Inkubator. Hier konnten wir 2021 viele am Weg zum Unternehmertum begleiten.

Besonders freut uns, dass bei unseren Förderungsprogrammen aws Creative Impact oder Seedfinancing die Themen Social-Impact und Nachhaltigkeit in den Vordergrund rücken. Auch bei den Vernetzungsservices von aws Connect zwischen Startups, Investor*innen und Corporates sehen wir positive Entwicklungen.

Die Pandemie hat gezeigt, dass es Innovationen für den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel braucht. Wir sehen unter anderem Impact Startups als Keyplayer und adaptieren unsere Förderungsprogramme laufend nach den Bedürfnissen des Marktes. Wir haben viel vor 2022 und freuen uns auf viele spannende Unternehmensprojekte.

Herbert Gartner, Investor

Herbert Gartner | (c) Martin Wiesner

Ich hatte einige Highlights dieses Jahr, etwa die acht- bis neunstellige Exit (abhängig vom Earn-Out) von Xaleon an Teamviewer, die hohen Wachstumsraten bei vielen unserer Portfoliounternehmen wie z.B. Finmatics, ilvi, App Radar, Greenwood-Power, Fauna, etc, der Durchbruch bei unserem großen Pro-bono-Projekt „Wildnisgebiet Lassingtal“ nach fast 10 Jahren Engagement, tolle Neuinvestments wie z.B. in die Material-Science-Firma Kape, die 30 Millionen US-Dollar-Finanzierungsrunde bei USound und die erfolgreiche zweite Spin-off Austria-Konferenz mit fast 1.000 Teilnehmern.

Gleichzeitig sehe ich weiter großen Handlungsbedarf seitens der Politik. Ich hoffe, dass das Regierungsprogramm 2022 endlich umsetzt wird und hier vor allem einige relevante Punkte. Erstens die Mitarbeiterbeteiligung. Die Beteiligung für Mitarbeiter muss steuerlich der Beteiligung für Investoren gleichgestellt sein. Ich verstehe nicht, warum der Staat Mitarbeiter bei Beteiligungen doppelt so hoch besteuert wie Investoren. Zweitens die Rot-Weiß-Rot-Card. Wir müssen hochqualifizierten Hightech-Mitarbeitern aus Drittstaaten den roten Teppich ausrollen, anstatt sie zu behindern. Volkswirtschaftlich ist das sehr unvernünftig, wie wir uns hier verhalten. Drittens der Beteiligungsfreibetrag. Das würde der Innovationslandschaft und damit der Zukunft Österreichs einen großen Schub geben. Und dann noch die Pflichtveröffentlichungen in der Wiener Zeitung: Wenn diese nicht bald Geschichte sind, sollte man zu einem landesweiten Boykott aufrufen.

Mahdis Gharaei, Co-Founder the female factor

Mahdis Gharaei und Tanje Sternbauer haben the female factor gegründet © Tamás Künsztler
Mahdis Gharaei und Tanja Sternbauer haben the female factor gegründet © Tamás Künsztler

2021 war eindeutig ein gutes Jahr für die österreichische Startup Szene – ein starker Anstieg an (internationalem) Kapital, die ersten Unicorns und internationale Aufmerksamkeit!

Was (wie jedes Jahr) gefehlt hat ist Diversität. Zwar haben sich die ersten VCs zur Förderung von Diversität in Gründer:Innen Teams ausgesprochen, aber es bleibt abzuwarten ob nur Marketing oder wirklich strukturelle Maßnahmen dahinterstehen. Schlagzeilen und Cover waren geprägt von weißen Männern, die die nächste Finanzierungsrunde aufgestellt haben. Mein Wunsch für 2022 ist, dass sich dies endlich ändert und dass sich nicht nur VCs sondern auch Medien ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst werden.

Mehr wachsende Startups in Österreich bedeutet ein höherer Bedarf an Talenten. Glückerweise sprechen sich dabei immer mehr Startup-Gründer:innen für Diversität im Hiring aus und erklären dies früh zur Priorität. Die Anfragen für unsere in-house Talent Search Services sind daher immens gestiegen und die Daten unserer Job-Plattform für weibliche Talente zeigen ganz klar das Interesse der Gen Y&Z an Jobs in Startups – dies wird 2022 weiter steigen.

Ob Österreich daher international im “War for Talents” 2022 mithalten kann, liegt meiner Meinung nach an zwei Dingen: Priorisierung von Diversität in der Unternehmenskultur zur Sicherung der Arbeitgeberattraktivität und Verbesserung von Prozessen zum Hiring von internationalen Talenten (Stichwort Rot-Weiß–Rot Karte, remote work policies, Bürokratie bei der Anstellung von Talenten, die im Ausland leben).

Die lange Prozedur hinter der Rot-Weiß-Rot Karte zur Anstellung von dringend notwendigen Talenten aus dem Ausland ist in meinen Augen weiterhin eine der größten Challenges für heimische Startups & Scaleups und ein klarer Nachteil für den Standort Österreich.

Startups bilden essentielle Arbeitsplätze und benötigen im globalen Wettbewerb auch globale Talente. Das gilt es 2022 zu fördern anstatt Steine in den Weg zu legen.

Clemens Wasner, Co-Founder EnliteAI und AI Austria

Clemens Wasner ist CEO von Enlite AI und diskutiert im Podium zum Thema "Künstliche Intelligenz: Die Welt in fünf Jahren" auf der VIP night.
Clemens Wasner, Co-Founder EnliteAI und AI Austria | (c) Clemens Wasner

Neben der anhaltend positiven Entwicklung des AI-Ökosystems wird 2021 vor allem für richtungsweisende Entscheidungen auf EU Ebene in die Geschichtsbücher eingehen. Ob und wie ein europäischer Weg in AI aussehen kann liegt – wie so oft – in der Hand von Entrepreneur:innen.

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Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, in den SwissCAT+-Laboren am Campus Hönggerberg | (c) Martin Pacher

Wer auf den Hönggerberg im Norden Zürichs fährt, lässt die Stadt hinter sich. Der zweite Campus der ETH, entstanden ab 1961, liegt in ländlicher Umgebung, hier sind unter anderem die Departemente für Chemie, Physik und Materialwissenschaft zu Hause. Und hier, in den SwissCAT+-Laboren der Hochschule, lässt sich derzeit besichtigen, wie Forschung aussehen könnte, wenn nicht mehr der Mensch jeden einzelnen Handgriff macht.

In diesen Laboren übernehmen Roboter die Arbeit, die sonst Forschende beschäftigt: Sie hantieren mit Flüssigkeiten und Pulvern, bereiten Proben vor, testen sie und messen laufend die Ergebnisse. Das Bemerkenswerte daran ist aber nicht die Automatisierung selbst, sondern wer die Versuche plant: eine Künstliche Intelligenz. Die Software stammt vom Startup Atinary, das an der ETH keinen eigenen Standort hat, sondern mit der Technologieplattform SwissCAT+ zusammenarbeitet. Sie schlägt vor, welches Experiment als nächstes sinnvoll ist, lernt aus jedem Ergebnis und berechnet daraus den nächsten Schritt. Dieser Kreislauf läuft rund um die Uhr, ohne dass ein Mensch eingreifen muss.

„Ein Labor ist eine große Küche“

Wie soll man sich das vorstellen? Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, greift im Gespräch mit brutkasten zu einem Alltagsbild: „Am Ende ist ein Labor eine große Küche. Wir liefern die Rezepte. Wir nutzen KI, um Rezepte zu erzeugen, die dann im Labor getestet werden.“ Das Ziel: möglichst schnell zum besten Rezept kommen. Denn jeder einzelne Versuch kostet Zeit, Material und Geld. Wer statt tausender Versuche nur ein paar Dutzend braucht, spart enorm.

Genau darauf ist die Software ausgelegt. Statt sich blind durch unzählige mögliche Kombinationen zu probieren, lernt das System mit jedem Experiment dazu und empfiehlt gezielt die vielversprechendsten nächsten Schritte. „Self-Driving Labs“ nennt Atinary das Prinzip, selbstfahrende Labore. Den Begriff hat sich das 2019 gegründete Unternehmen sogar markenrechtlich schützen lassen.

Loïc Roch, Co-founder und CTO von Atinary | (c) Martin Pacher / brutkasten

Den Bedarf für solche Werkzeuge begründet Roch mit einem unbequemen Befund: Forschung wird immer teurer und langsamer, es braucht immer mehr Zeit und Geld, bis Neues gefunden ist. Dazu kommt eine handfeste Vertrauenskrise: Roch verweist auf eine vielzitierte Befragung von rund 1.500 Forschenden, wonach ein Großteil daran scheitert, Experimente zu wiederholen, in der Chemie sind die Quoten besonders hoch. Das ist nicht nur für die Wissenschaft ein Problem: Ohne verlässliche Daten lässt sich auch keine verlässliche KI trainieren.

100 Jahre Forschung in sechs Wochen

Was das System kann, zeigt das Vorzeigeprojekt direkt vor Ort. Gemeinsam mit dem SwissCAT+-Team suchte Atinary nach dem besten Katalysator, also jenem Hilfsstoff, mit dem sich das Treibhausgas CO₂ in Methanol umwandeln lässt, einen Ausgangsstoff für nachhaltige Treibstoffe. Laut Atinary kamen dafür mehr als 20 Millionen mögliche Kombinationen infrage. Das Ergebnis wurde in einem Fachjournal publiziert: In sechs Wochen wurden 144 Katalysator-Kandidaten hergestellt und getestet, mit minimalem menschlichem Zutun. Die Zahl, mit der Atinary seither wirbt, ist eindrucksvoll: eine 1000-fache Beschleunigung, umgerechnet 100 Jahre Katalyse-Forschung in nur sechs Wochen. SwissCAT+-Chef Paco Laveille, der die Umsetzung an der ETH verantwortet, bestätigt beim Besuch die Größenordnung: von Jahren an Forschung hinunter zu Wochen.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Beim konkreten Nutzen für Firmenkunden hält sich Roch hingegen zurück, aus einem strukturellen Grund: „Wir sind ein Dienstleister. Wir sehen den generierten Mehrwert nicht, und die Kunden wollen ihn nicht teilen.“ Das habe auch mit Sicherheitsanforderungen zu tun, ergänzt das Unternehmen: Angaben zum erzielten Return on Investment erhalte Atinary dann, wenn Kunden sie von sich aus teilen — teils münde das in gemeinsame Publikationen.

Die einzige konkrete Zahl, die er im Gespräch nennt, stammt aus einer gemeinsamen Publikation mit dem Aromen- und Duftstoffkonzern dsm-firmenich: Dort konnte der Einsatz eines teuren Edelmetalls so stark reduziert werden, dass dessen Kostenanteil um rund 95 Prozent sank. Es sei nicht die einzige gemeinsame Veröffentlichung mit Kunden, betont das Unternehmen — weitere gebe es etwa mit dem Pharmakonzern Takeda.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Auch ein aktueller gemeinsamer Blogbeitrag von AWS und Atinary liefert Anhaltspunkte. Ein Manager von Takeda wird dort mit der Aussage zitiert, eine Optimierung habe mit dem selbstfahrenden Ansatz rund eine Woche gedauert, verglichen mit ein bis zwei Monaten auf dem herkömmlichen Weg. Am MIT wiederum löste ein Forschungsteam mit der Software eine knifflige Aufgabe aus der Solarzellenforschung in nur 25 Versuchen, innerhalb einer strikten Frist von vier Wochen. Und über das eigene Labor, das Atinary heuer in Boston eröffnet hat, heißt es: Es erzeuge in einer Woche mehr Versuchsdaten, als ein Doktorand in fünf Jahren produziert.

Bezahlter Pilot, Lizenz pro Arbeitsplatz

Wirtschaftlich steht Atinary noch am Anfang. Das Unternehmen befindet sich in der Seed-Phase, öffentlich auffindbar sind laut Roch rund zehn Millionen an bisheriger Finanzierung, eingesammelt über Venture Capital, Family Offices und Förderungen. Als Nächstes peilt er eine Series A an. Das Wachstumskapital dafür werde voraussichtlich aus den USA kommen: „Der Ansatz ist in Europa und den USA sehr unterschiedlich.“

Paco Laveille, Managing Director, SwissCAT+ East, ETH Zurich | (c) Martin Pacher / brutkasten

Verdient wird über Software-Lizenzen, abgerechnet pro Arbeitsplatz. Am Anfang steht ein dreimonatiger, bewusst kostenpflichtiger Testlauf. „Wenn der Pilot nicht bezahlt ist, stecken die Kunden nicht die Ressourcen hinein, um ihn richtig zu testen“, sagt Roch. Dass er mit diesem Modell Geld liegen lässt, räumt er offen ein: Eine Beteiligung am geschaffenen Wert wäre lukrativer, scheitert aber daran, dass die Kunden diesen Wert eben nicht offenlegen.

Die Kundschaft kommt bisher vor allem aus der Pharmabranche, die laut Roch am ehesten bereit ist, Neues zu riskieren; der Rest der Industrie folge dann. Einsatzfelder gibt es aber quer durch: Lebensmittel, Duftstoffe, Materialforschung, grüne Energie, und gemeinsam mit Stanford sogar Zelltherapien gegen Krebs. Umsatz machen vor allem Konzerne. Mit Universitäten arbeitet Atinary eng zusammen, weil sich dort Ergebnisse veröffentlichen lassen, sie werden so zu Botschaftern der Technologie. Auch KMU zählen zu den Kunden, das jüngste sei erst vor wenigen Tagen dazugekommen. Die Arbeitsteilung im Unternehmen: Das Entwicklerteam sitzt bei Roch in Lausanne, das eigene Labor steht in Boston, dort, wo die großen Pharma-Forschungszentren angesiedelt sind.

„Fast jeden zweiten Tag ein neues Startup“

Beim Thema Konkurrenz wird Roch deutlich: Der Bereich „AI for Science“ ziehe derzeit massiv Gründungen an, fast jeden zweiten Tag komme ein neues Startup dazu. Gefährlich sei daran vor allem eines: Mit den heutigen KI-Werkzeugen lasse sich sehr schnell ein beeindruckender Prototyp bauen, der Kunden begeistert. „Unter der Haube ist das aber kein produktionsreifer Code, der bei einem Großunternehmen laufen kann.“ Atinary sieht er im Vorteil, weil man seit 2019 das gesamte Paket aufgebaut habe: die Anbindung an die Laborgeräte, das eigene KI-Training, die Anwendungen und die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit durch den eigenen Beirat. Dazu kommt laut Unternehmen ein Netzwerk an Technologiepartnern, darunter AWS, ABB Robotics, Agilent, Bruker, Chemspeed und Mettler-Toledo. Im wissenschaftlichen Beirat sitzt unter anderem der MIT-Chemiker Stephen Buchwald — im Bostoner Labor optimiert Atinary nach eigenen Angaben ausgerechnet die nach ihm benannte Buchwald-Hartwig-Reaktion.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zugleich beobachtet er seit heuer einen Umschwung im Markt: Kunden dächten zunehmend in einer Wettlauf-Logik. Wer die Technologie nicht als Erster einsetze, riskiere, dass es die Konkurrenz tut. Und wenn diese in Wochen schafft, wofür man selbst Jahre braucht, sei der Rückstand kaum aufzuholen.

Die größte Hürde ist der Mensch

Und was bremst die Verbreitung? Nicht die Technik, sagt Roch, sondern der Mensch. „Der Wissenschaftler im Labor ist oft seit 15, 20 Jahren dort. Wenn man ihm sagt: Wir können deine Forschung um den Faktor zehn oder hundert beschleunigen, sagt er: Nein. Ich kenne mein Fach besser als irgendein Algorithmus.“ Es sei dabei weniger mangelndes Vertrauen, die Technologie werde schlicht als Bedrohung für den eigenen Job empfunden. Christoph Schnidrig von AWS ergänzt: Dieses Muster kenne man von jeder Technologiewelle, von der Einführung der Cloud bis zur KI in der Softwareentwicklung. Rochs Haltung dazu: Jobs würden sich verändern, aber nicht verschwinden. „Am Ende ist es ein Werkzeug. Der Mensch bleibt am Steuer.“

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zum Vertrauen gehört auch die Datenfrage, schließlich legen die Kunden ihr wertvollstes Gut, ihre Forschungsdaten, in die Plattform. Die läuft vollständig auf der Cloud von AWS. Roch verweist auf Prüfungen, Audits und Sicherheitstests; personenbezogene Daten würden praktisch keine gespeichert, schon gar keine Patientendaten, dafür sei man in der Forschung viel zu früh angesetzt. Auch deshalb sieht er im EU AI Act derzeit kein Hindernis: In Kundengesprächen sei die Regulierung bislang schlicht kein Thema gewesen.

Auszeichnung vom Weltwirtschaftsforum

Während brutkasten mit Roch in Zürich spricht, befindet sich sein Mitgründer, CEO Hermann Tribukait, gerade im chinesischen Dalian, um dort den Technology-Pioneer-Award des Weltwirtschaftsforums entgegenzunehmen. Zu den früheren Preisträgern der Auszeichnung zählen Roch zufolge Namen wie Google, Dropbox und Airbnb. Preisgeld gibt es keines, der Wert liege im Zugang zum Netzwerk des Forums und zu Entscheidungsträgern großer Unternehmen. Kunden in China hat Atinary übrigens keine, und das dürfte vorerst so bleiben: Als in den USA registriertes Unternehmen sei das Geschäft mit chinesischen Firmen „wegen der Geopolitik sehr heikel“.

Gefragt nach dem Blick fünf Jahre voraus, skizziert Roch eine Vision, die er ausgerechnet am Vorbild seines Cloud-Partners entwirft: Labore, die wie Rechenleistung aus der Cloud abrufbar sind, weltweit vernetzt, mit einer übergeordneten KI, die Erkenntnisse zwischen Forschungszentren auf verschiedenen Kontinenten austauscht.

Den Antrieb dahinter beschreibt er ganz persönlich: Er und seine Mitgründer seien Naturliebhaber, und die Energiewende brauche schnellere Forschung. „Der Planet kann nicht noch ein Jahrzehnt warten, bis wir Lösungen finden.“ Sein Befund nach sieben Jahren: „R&D ist heute noch zu langsam.“


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