29.12.2021

Startup-Stimmen zum Jahreswechsel: „mein bestes Jahr bisher – trotz Politik“

Am Ende des bislang spektakulärsten Jahrs der heimischen Startup-Geschichte haben wir Stimmen von Key-Playern der Szene mit einem Rück- und Ausblick eingefangen.
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Startup-Stimmen 2021: Wir haben zum Jahreswechsel Stimmen aus der Startup-Szene eingefangen
Wir haben zum Jahreswechsel Stimmen aus der Startup-Szene eingefangen

Wenn Hansi Hansmann von „wohl seinem besten Jahr bisher“ spricht (siehe unten), dann hat das was zu sagen. Generell geht ein für die Startup-Szene spektakuläres Jahr zu Ende. Die größten Investments des Landes bislang mit den ersten zwei Unicorns gab es ebenso 2021, wie den bisher größten Exit. Und neben diesen Big News gab es eine riesige Zahl an „kleineren“ Millioneninvestments und Exits. Zuviel Jubelstimmung ist dennoch nicht angesagt, wie auch die Statements von Key-Playern der Startup-Szene, die wir eingeholt haben, zeigen. Nach wie vor Kritik gibt es an den Rahmenbedingungen für Startups in Österreich und an den politisch Verantwortlichen. Das drückt den für die Szene typischen Optimismus für das kommende Jahr aber nicht zu sehr. Gut so!


Hansi Hansmann, Business Angel

Hansi Hansmann © Maximilian Rosenberger
Hansi Hansmann | © Maximilian Rosenberger

2021 war ein tolles Jahr mit einem Riesen-Schub, auch für die heimische Szene. Es gab viel – vielleicht sogar zu viel – Geld am Markt, vor allem US-Geld, das nach Europa drängt und auch Österreich „erwischt“. Die zwei Unicorns sind toll für uns, auch die zehn bis 20 großen Finanzierungsrunden mit mehr als zehn Millionen Euro Volumen. Das kaschiert die strukturelle Schwäche unseres Ökosystems. Es sollten eben zehn mal so viel sein (und das Potenzial dafür hätten wir).

Die Politik hat sich durch ein weiteres Jahr sensationelle Untätigkeit ausgezeichnet. In den wesentlichen Bereichen (siehe Katalog von aaia, AustrianStartups und AVCO) ging, wie immer, überhaupt nichts weiter, was mich zwar nicht mehr überrascht, aber trotzdem grauslich ist. Leider hat sich noch immer nicht „nach oben“ durchgesprochen, dass es nicht um ein paar Startup-Nerds geht, sondern darum, ob wir beim unglaublichen Innovationsschub, der in den nächsten Jahren durch Startups entstehen wird, vorne dabei oder bloß Zuschauer sein wollen. Stichwort: Abstieg von der zweiten Liga in die dritte.

Persönlich war es für mich ein Hammer-Jahr. Mit sechs Exits, davon mit Busuu und durchblicker zwei richtig große, und drei großen Finanzierungsrunden im Portfolio – Anyline, Tractive und storebox – und ein paar coolen neuen Co-Investments war es wohl mein bestes Jahr bisher – trotz Politik.

Hannah Wundsam, Managing Director AustrianStartups

Hannah Wundsam | (c) Moore

Für AustrianStartups war 2021 das Jahr der Entrepreneurial Education. Über 1800 Schüler:innen konnten das bei einer Youth Entrepreneurship Week in diesem Jahr Gründen hautnah erleben, und gleichzeitig sind die ersten Alumni unseres Entrepreneurial Leadership Programs mit ihren Startups so richtig durchgestartet. Großartig zu sehen ist auch, dass mit der Landkarte für Entrepreneurship Education ein Fahrplan für die nachhaltige Integration von Entrepreneurship in den Schulalltag vorgelegt wurde. Jetzt geht es wie immer um die Execution.

Herausfordernd waren die umfassenden Diskussionen zu weiteren Forderungen, die schon seit Jahren aus dem Ökosystem kommen. Von einem sehr fortschrittlichen Vorschlag für eine neue Rechtsform mussten immer mehr Abstriche gemacht werden. Die „Mitarbeiterbeteiligung“, die im Zuge der Steuerreform präsentiert wurde, ist weit weg von der Realität der Startup-Szene und die instabile politische Lage hat den Start weiterer Maßnahmen erheblich gebremst. Dadurch sind viele unserer Empfehlungen im Policy Tracker, welcher den Fortschritt auf politischer Ebene visualisiert, auf rot geblieben.

Von 2022 erwarten wir uns, dass in die Umsetzung gegangen wird und unsere Policy-Ampel endlich auf grün schaltet. Die wirtschaftlich und ökologisch herausfordernde Lage wird einer breiteren Bevölkerung zeigen, dass Innovation und Entrepreneurship einer der wenigen krisenfesten Wachstumsmotoren sind.

Paul Klanschek, Co-Founder Bitpanda

Paul Klanschek | (c) Bitpanda

2021 war ein deutlich besseres Jahr als erwartet. Sowohl für Bitpanda als auch für die gesamte Wirtschaft in Österreich. Es war das Jahr der Megafundings in Österreich und hat gezeigt, dass man es auch aus Österreich heraus auf die Internationale Bühne schaffen kann.

Viel Geld im Markt hat die gesamte Risikokapitalszene angetrieben und zu sehr viel Konkurrenz in den Cap-Tables der Startups geführt, was für Startups gut ist, aber natürlich auch Risiken mit sich bringt. Das viele Geld hat auch das Interesse in die Kapitalmärkte und Crypto-Märkte stark erhöht und somit Fintechs massives Wachstum beschert.

2022 wird ein spannendes Jahr. Die Auswirkungen der massiven Geldpolitischen Entscheidungen werden sich erst langsam zeigen, können jedoch massiven Wirbel in die durch Covid und andere Events nervösen Märkte bringen. Wie immer wird es aber auch hier Gewinner und Verlierer geben und sich smart zu positionieren wird viel helfen.

Laura Egg, Managing Director aaia

Laura Egg, Managing Director der aaia.
Laura Egg, Managing Director der aaia | © aaia

Das Jahr 2021 war stark geprägt von den zwei Unicorns und der generellen Intensität von Finanzierungsrunden. Dies hat zusätzliche Aufmerksamkeit auf die österreichische Startup-Szene und auch speziell auf Angel Investments gelenkt. Zudem herrschte große Kooperationsbereitschaft auf allen Ebenen des Ökosystems und es wurden Synergien, anstatt zusätzlichem Wettbewerb, geschaffen. 

Covid und die unklare politische Situation haben allerdings auch stark das Jahr geprägt und trotz intensiven Stimmen aus der Community wurde wenig an den aktuellen Rahmenbedingungen für Startups verändert. Hier war die ökosoziale Steuerreform besonders enttäuschend. 

Nächstes Jahr erwarten uns in jedem Fall weitere Finanzierungsrunden und Exits und höchst wahrscheinlich weitere Unicorns. Wir arbeiten mit gezielten Maßnahmen weiterhin stark daran, den privaten Kapitalmarkt in der Frühphase zu stärken und 2022 auch gezielt weibliche Angel Investorinnen auszubilden. Zudem wäre das Gründer:innen Paket natürlich ein großer Meilenstein.

Kambis Kohansal Vajargah, Head of Startup-Services WKO

Kambis Kohansal Vajargah, | (c) Christoph Steinbauer

2021 erlebten wir, wie stark sich heimische Startups über längere Zeit auch auf schwierige Marktsituationen anpassen können und sich darauf aufbauend sogar erfolgreicher aufgestellt haben. Mit über zwei Dritteln Green Startups erkennt man, wie sehr Nachhaltigkeit im Fokus des Geschäftsmodells steht. Wir nahmen an ersten Unicorn-Events teil und sahen, wie unsere Unternehmer Österreich auf die globale Startup-Landkarte katapultiert haben. Bei der Wirtschaftskammer konnten wir darüber hinaus unsere neuen Flagship-Initiativen înno up und Born Global Academy starten.

Aber Startups benötigen mehr zielgerichtete, rechtspolitische Maßnahmen, die sie im Wachstum unterstützen. Bei den Themen neue Rechtsform, Mitarbeiterbeteiligung, Beteiligungsfreibetrag und Rot-Weiß-Rot Karte sind wir noch nicht dort, wo wir hinwollen. Die Umsetzung bleibt eine Herausforderung und ist eine unserer wichtigsten Aufgaben im Jahr 2022.

2022 sollten wir genau dort weitermachen, wo wir 2021 aufgehört haben: mehr Startups in der Quantität und Qualität, mehr Initiativen für Entrepreneurship Education, mehr Nachhaltigkeit im Geschäftsmodell und Österreich für Startups attraktiver gestalten.

Conny Hörl, Business Angel, CK Venture Capital

Katja Ruhnke und Conny Hörl investieren mit CK Venture Capital in Startups © brutkasten/bittner
Katja Ruhnke und Conny Hörl investieren mit CK Venture Capital in Startups © brutkasten/bittner

Ich bin sehr glücklich, dass alle unsere elf Startups das Jahr gut überstanden haben. Medikura war für mich ein besonderes Highlight. Die haben heuer einen Pivot gemacht zu XO Life. Die Gründerin hat sich von ihrem Mitgründer getrennt und das neue Geschäftsmodell hat dann voll eingeschlagen und bringt jetzt wirklich starke Umsätze. Ein weiteres Highlight war für uns die Beteiligung YourGrow, bei der wir stark in den Prozess des go to market involviert waren.

Für 2022 haben fast alle unsere Startups die Series A-Runde vor sich. Das ist für uns ein großer Schritt und wenn der erledigt ist, ist das auch für uns als Investorinnen eine gute Sache. Ich will in diesem Jahr auch unbedingt noch in ein österreichisches Startup investieren – da sind wir mit einigen im Gespräch.

Johannes Braith, Co-Founder Storebox

Johannes Braith | (c) Storebox

2021 war geprägt von großen Finanzierungsrunden und Exits. Die österreichische Startup-Szene wurde gefühlt etwas erwachsener und entwickelte sich in eine spannende Richtung. Durch COVID-19 wurden viele Bereiche weiter digitalisiert und innoviert. D2C Businesses, E-Commerce und Click & Collect Lösungen erleben einen wahren Boom, von dem Storebox stark profitiert. Ich erwarte, dass das Finanzierungsvolumen im Jahr 2022 weiter steigen wird und die großen institutionellen Investoren vermehrt auf Österreich blicken werden.

Berthold Baurek-Karlic, Investor

Berthold Baurek-Karlic, Venionaire Capital | (c) Rene Wallentin

Rückblickend war das letzte Jahr wirtschaftlich für uns sehr erfreulich. Wir haben unser Team ausgebaut und haben eine super Stimmung im Office. Das freut mich riesig. Wir planen im nächsten Jahr weitere fünf bis zehn Talente an Bord zu holen, die uns bei der Umsetzung neuer Fonds unterstützen werden.

Unsere Startups haben sich sehr gut entwickelt, was sicherlich nicht leicht war im gegebenen Marktumfeld. Der starke Exit unserer Beteiligung Kompany hat international Wellen geschlagen, was viele Augen auf Österreichs Startup-Sektor richtet.

Vollkommen versagt hat leider die Politik. Der Standort Österreich hätte eine große Chance gehabt, stärker aus der Krise zu kommen. Diese Chance hat man verspielt. Die heurigen Erfolge sind trotz der Blockaden und Widrigkeiten des Standorts umso bemerkenswerter, ich traue mich gar nicht daran zu denken was möglich wäre, wenn die Politik endlich ihren Worten Taten folgen lassen würde.

Martin Klässner, Gründer has·to·be und Business Angel

has.to.be
has.to.be-CEO Martin Klässner | © has.to.be

Für mich selbst war die positivste Entwicklung natürlich der erfolgreiche Verkauf von has·to·be an ChargePoint als bisher größter Exit in Österreich. Dies nicht (nur) wegen dem guten Deal, sondern vielmehr aus der Tatsache heraus, dass wir zeigen konnten, dass auch Österreich Markt- und Innovationsführer erfolgreich hervorbringen kann. Die Startup-Landschaft in unserem Land wird vielfach noch unterschätzt. Ich bin mir aber sicher, dass wir in den nächsten Jahren noch einige Erfolgsgeschichten sehen werden.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie werden uns auch im kommenden Jahr noch stark beschäftigen. Natürlich ist dies in vielen Bereichen negativ, jedoch darf man auch nicht die Chancen vergessen, die die neue Lebens- und Arbeitswelt mit sich bringt. Ich denke, dass insbesondere die Reduktion von Reisen einen positiven Effekt auf die Umwelt nehmen wird. Auch glaube ich, dass vor allem vernetzte Systeme und Dienste entstehen werden, die ein verteiltes Arbeiten noch einfacher und effektiver machen. In diesem Bereich liegen vermutlich die nächsten Hidden Champions.

Fakt ist: 2022 wird ein spannendes, in vielerlei Hinsicht aber sicher auch ein herausforderndes Jahr werden! Ich freue mich darauf!

Carina Margreiter, Head of Entrepreneurship & Creative Industries at Austria Wirtschaftsservice (aws)

Carina Margreiter | (c) aws

2021 war erneut geprägt von Unsicherheiten aufgrund der Corona-Pandemie und für die österreichische Wirtschaft kein leichtes Jahr. Die Erstfinanzierungsrunden bei Startups haben sich eher seitwärts als steil nach oben bewegt, wie Erhebungen zeigen. Beim Angebot an Risikokapital gibt es in Österreich im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ähnlicher Größe noch Luft nach oben.

Wir konnten aber dennoch beobachten, dass die Zahl der Neugründungen gestiegen ist. Innovative Ideen etwa im Bereich der Digitalisierung oder auch der Life Sciences sind besonders gefragt. Auch der Unternehmer:innen-Geist wurde nicht gebremst. Wir sehen das durch das große Interesse für unsere Programme und Wettbewerbe für junge Gründer:innen, wie Jugend Innovativ oder aws First Inkubator. Hier konnten wir 2021 viele am Weg zum Unternehmertum begleiten.

Besonders freut uns, dass bei unseren Förderungsprogrammen aws Creative Impact oder Seedfinancing die Themen Social-Impact und Nachhaltigkeit in den Vordergrund rücken. Auch bei den Vernetzungsservices von aws Connect zwischen Startups, Investor*innen und Corporates sehen wir positive Entwicklungen.

Die Pandemie hat gezeigt, dass es Innovationen für den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel braucht. Wir sehen unter anderem Impact Startups als Keyplayer und adaptieren unsere Förderungsprogramme laufend nach den Bedürfnissen des Marktes. Wir haben viel vor 2022 und freuen uns auf viele spannende Unternehmensprojekte.

Herbert Gartner, Investor

Herbert Gartner | (c) Martin Wiesner

Ich hatte einige Highlights dieses Jahr, etwa die acht- bis neunstellige Exit (abhängig vom Earn-Out) von Xaleon an Teamviewer, die hohen Wachstumsraten bei vielen unserer Portfoliounternehmen wie z.B. Finmatics, ilvi, App Radar, Greenwood-Power, Fauna, etc, der Durchbruch bei unserem großen Pro-bono-Projekt „Wildnisgebiet Lassingtal“ nach fast 10 Jahren Engagement, tolle Neuinvestments wie z.B. in die Material-Science-Firma Kape, die 30 Millionen US-Dollar-Finanzierungsrunde bei USound und die erfolgreiche zweite Spin-off Austria-Konferenz mit fast 1.000 Teilnehmern.

Gleichzeitig sehe ich weiter großen Handlungsbedarf seitens der Politik. Ich hoffe, dass das Regierungsprogramm 2022 endlich umsetzt wird und hier vor allem einige relevante Punkte. Erstens die Mitarbeiterbeteiligung. Die Beteiligung für Mitarbeiter muss steuerlich der Beteiligung für Investoren gleichgestellt sein. Ich verstehe nicht, warum der Staat Mitarbeiter bei Beteiligungen doppelt so hoch besteuert wie Investoren. Zweitens die Rot-Weiß-Rot-Card. Wir müssen hochqualifizierten Hightech-Mitarbeitern aus Drittstaaten den roten Teppich ausrollen, anstatt sie zu behindern. Volkswirtschaftlich ist das sehr unvernünftig, wie wir uns hier verhalten. Drittens der Beteiligungsfreibetrag. Das würde der Innovationslandschaft und damit der Zukunft Österreichs einen großen Schub geben. Und dann noch die Pflichtveröffentlichungen in der Wiener Zeitung: Wenn diese nicht bald Geschichte sind, sollte man zu einem landesweiten Boykott aufrufen.

Mahdis Gharaei, Co-Founder the female factor

Mahdis Gharaei und Tanje Sternbauer haben the female factor gegründet © Tamás Künsztler
Mahdis Gharaei und Tanja Sternbauer haben the female factor gegründet © Tamás Künsztler

2021 war eindeutig ein gutes Jahr für die österreichische Startup Szene – ein starker Anstieg an (internationalem) Kapital, die ersten Unicorns und internationale Aufmerksamkeit!

Was (wie jedes Jahr) gefehlt hat ist Diversität. Zwar haben sich die ersten VCs zur Förderung von Diversität in Gründer:Innen Teams ausgesprochen, aber es bleibt abzuwarten ob nur Marketing oder wirklich strukturelle Maßnahmen dahinterstehen. Schlagzeilen und Cover waren geprägt von weißen Männern, die die nächste Finanzierungsrunde aufgestellt haben. Mein Wunsch für 2022 ist, dass sich dies endlich ändert und dass sich nicht nur VCs sondern auch Medien ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst werden.

Mehr wachsende Startups in Österreich bedeutet ein höherer Bedarf an Talenten. Glückerweise sprechen sich dabei immer mehr Startup-Gründer:innen für Diversität im Hiring aus und erklären dies früh zur Priorität. Die Anfragen für unsere in-house Talent Search Services sind daher immens gestiegen und die Daten unserer Job-Plattform für weibliche Talente zeigen ganz klar das Interesse der Gen Y&Z an Jobs in Startups – dies wird 2022 weiter steigen.

Ob Österreich daher international im “War for Talents” 2022 mithalten kann, liegt meiner Meinung nach an zwei Dingen: Priorisierung von Diversität in der Unternehmenskultur zur Sicherung der Arbeitgeberattraktivität und Verbesserung von Prozessen zum Hiring von internationalen Talenten (Stichwort Rot-Weiß–Rot Karte, remote work policies, Bürokratie bei der Anstellung von Talenten, die im Ausland leben).

Die lange Prozedur hinter der Rot-Weiß-Rot Karte zur Anstellung von dringend notwendigen Talenten aus dem Ausland ist in meinen Augen weiterhin eine der größten Challenges für heimische Startups & Scaleups und ein klarer Nachteil für den Standort Österreich.

Startups bilden essentielle Arbeitsplätze und benötigen im globalen Wettbewerb auch globale Talente. Das gilt es 2022 zu fördern anstatt Steine in den Weg zu legen.

Clemens Wasner, Co-Founder EnliteAI und AI Austria

Clemens Wasner ist CEO von Enlite AI und diskutiert im Podium zum Thema "Künstliche Intelligenz: Die Welt in fünf Jahren" auf der VIP night.
Clemens Wasner, Co-Founder EnliteAI und AI Austria | (c) Clemens Wasner

Neben der anhaltend positiven Entwicklung des AI-Ökosystems wird 2021 vor allem für richtungsweisende Entscheidungen auf EU Ebene in die Geschichtsbücher eingehen. Ob und wie ein europäischer Weg in AI aussehen kann liegt – wie so oft – in der Hand von Entrepreneur:innen.

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Gerhard Schwarz (l.), Head of Technology & Innovation, und Simon Laubscher, Head of Innovation, am Swarovski-Standort in Wattens. | Foto: Martin Pacher | brutkasten

Hoch an der Wand der Halle hängt ein Satz in verspiegelten Lettern: „Everything you want is on the other side of fear.“ Darunter, auf hellem Holzboden, Werkbänke, eine Fräsmaschine, Vitrinen mit Kristallapplikationen, Bildschirme, Prototypen, eine Sitztreppe mit bunten Polstern. Links, hinter einem Gitter, eine größere Anlage. Von einem Fenster im Gebäude geht der Blick über die Werksdächer auf die Felswände des Karwendels. Wattens, Tirol, ein Freitagmorgen im September.

Der Ort heißt Swarovski Manufaktur. Das Unternehmen beschreibt sie als Kreativ- und Innovationsort am Standort Wattens, der Design, Handwerk, Forschung und Fertigung unter einem Dach vereint. Hier arbeitet der B2B-Entwicklungsbereich von Swarovski: Textil, Mode, Sonderlösungen, Mobility. Es geht um die Applikation von Kristall auf Stoffe, auf T-Shirts, in allen möglichen Formen.

Im selben Raum sitzen Kolleginnen und Kollegen aus der internen Schmuckentwicklung und dem Prototyping. Und hier werden auch Kristalle geschliffen. Neben einer Fräseinheit steht eine selbst entwickelte Einheit. Maschinen, die Kristall schleifen und polieren, gibt es auf keinem Markt zu kaufen. Swarovski war nach eigener Darstellung lange einer der größten Maschinenbauer und ist heute Maschinenentwickler. Bestimmte Komponenten dieser Maschinen gelten im Haus als das, was die Einzigartigkeit des Unternehmens in den vergangenen 130 Jahren ausgemacht hat. Deshalb wird dieses Know-how geschützt, Fotografieren ist nur in bestimmten Bereichen erlaubt.

Wie das Produkt entsteht, lässt sich an ein paar Objekten nachvollziehen. Ein Glasrohling, mit Anguss und Körper, so wie er aus der Form kommt. Am Anfang steht das Wissen um die Ingredienzien und ihre Zusammensetzung, dann die Schmelze und das Umformen. Durch erneutes Erhitzen lässt sich aus einer Farbe eine andere machen. Dann wird der Rohling auf Werkzeugaufspannungen geschliffen und poliert, bis er funkelt. Kleiner als ein Millimeter ist das kleinste Format, 40 Zentimeter das größte. Zuletzt die Frage, ob die Oberfläche noch einen Effekt braucht: hinten verspiegelt, oder komplett beschichtet, dann sieht derselbe Kristall völlig anders aus. Höchste Transparenz, präzise Bearbeitung, optische Veredelung: Verfahren, die es im Grundprinzip auch in der Hochtechnologie gibt, hier eingesetzt für den Effekt. Und inzwischen auch für eine Funktion.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Was das bedeutet, erklären an diesem Vormittag zwei Männer. Gerhard Schwarz, gelernter Physiker, ist Head of Technology & Innovation bei Swarovski. Sein Bereich umfasst Produkttechnologie, also die Technologie für die Produkte selbst, vom Schmuck bis zu den neuen Zweigen wie Automotive und Mobility, und Produktionstechnologie, also das, was diese Produkte in die Fertigung bringt, als Eigenentwicklung oder gemeinsam mit Partnern. Simon Laubscher, zuvor in der Automobil- und Elektronikindustrie tätig, ist seit einem Jahr Head of Innovation, unter Schwarz‘ Verantwortung, mit Schwerpunkt B2B. Seine Aufgabe: aus dem, was das Fertigungsumfeld an Fähigkeiten hervorbringt, neue Felder identifizieren und aufbauen.

Wo das endet, sagt Schwarz gleich zu Beginn: „Wir identifizieren Geschäftspotenziale, erarbeiten daraus Businesskonzepte und validieren diese mit Kunden am Markt. Auf dieser Basis prüfen wir, ob ein marktfähiges Produkt oder ein Service entstehen kann. Die Entscheidung, ob und wie diese Geschäftsfälle anschließend umgesetzt werden, liegt schlussendlich beim Top-Management.“ Es ist eine Grenze, die man kennen muss, um zu verstehen, worüber die beiden sprechen und worüber nicht.

Schön und Funktion

Swarovski kennt man als Marke, vom Schmuck, von den Figurinen, vom Endkunden. Das ist das B2C-Geschäft. Das B2B-Geschäft, so Schwarz, geht an Kunden, die die Artikel weiterverarbeiten: in Schmuck, in Textil, aber auch in der Automobilindustrie. Und genau dort beginnt, was die Innovationsabteilung interessiert. „Man kennt Kristall mit seiner funkelnden Wirkung. Da gehen wir einen Schritt weiter, da haben wir funktionale Wirkung. Ich tippe auf einen Kristall, und das ist dann ein Schalter.“ Kristallglas an sich kann das nicht. Mit einer optischen Schicht kann es das. Lichtleitung sei eine zweite solche Funktion, „neben schön“.

„Innovation ist ein sehr standardisierter Prozess. Er ist sehr klar, sehr strukturiert und folgt gewissen Regeln.“ | Simon Laubscher

Die Kombination aus dekorativ und funktional sei im Automotive-Bereich ein Erfolgsmodell geworden, sagt Laubscher. Jetzt gehe es darum, in welche anderen Segmente sich das übertragen lässt. Man sei in der Validierung, teste an verschiedenen Kundensegmenten, was einen Mehrwert bringen kann. Der Schwerpunkt liege derzeit auf der Hightech-Branche, weil man dort den Vorteil aus Material, Fertigungs- und Technologiekompetenz sieht.

Warum Innovation in der Forschung sitzt

Bei vielen Konzernen sitzt die Innovationsabteilung losgelöst vom Rest, manchmal an einem anderen Ort. Bei Swarovski nicht. Innovation ist Teil der Forschung, und der Grund dafür ist die enge Verzahnung mit der Technologie. Forschung und Entwicklung auf der einen Seite, Technologie und Innovation (T&I) auf der anderen: Bei Swarovski ist das eines. Die Organisation ist projektorientiert, das Innovationsportfolio fließt mit dem Gesamtportfolio zusammen, Personal wird über die Portfolioplanung den Projekten zugeordnet.

Simon Laubscher | (c) Martin Pacher / brutkasten

Für Laubscher war das ein Grund, nach Wattens zu kommen. 15 Jahre hat er sich in anderen Unternehmen mit Innovation beschäftigt und hat, wie er sagt, einen Überblick darüber, was funktioniert und was nicht. „Ein schlagendes Argument für mich bei Swarovski war: Man sitzt sehr nah an dieser Kompetenz.“ Im Englischen nennt er das Capability-led Approach. Die Fähigkeit bestimmt, wo innoviert wird.

Und diese Fähigkeit hat einen Ort. „Wir sitzen sehr tief in der Wertschöpfungskette“, sagt Laubscher. „Wir schmelzen unser eigenes Glas, wir prozessieren es, wir schleifen, wir polieren, wir veredeln es mit Beschichtungen und haben dann eine fertige Komponente.“ Alles an einem Standort, aus einem Guss, bis hin zu den selbst entwickelten Maschinen, die in der Halle stehen. Technologieentwicklung und Maschinenentwicklung, sagt Schwarz im Gespräch, mache man zum Teil selbst, zum Teil mit Partnern.

Pull, Push und ein Trichter

Wie kommt eine Idee bei Swarovski ins Portfolio? Es gibt zwei Wege. Laubscher beschreibt den ersten, Schwarz wird ihn später Pull nennen: explorativ Zukunftstrends und Technologien anschauen, dann relativ schnell prüfen, ob es einen Fit zur eigenen Fähigkeit gibt. „Haben wir ein Recht mitzuspielen, also das berühmte Right to Play.“ Danach der Technologie-Check, dann der Markt-Check: Gibt es potenzielle Kunden, und sind sie bereit, für den Mehrwert zu zahlen? „Dann ist das für uns schon eine gute Indikation.“

Der zweite Weg, Push, kommt von innen. „Jeder liest, jeder sieht Trends“, sagt Schwarz. Die Technologieexperten im Haus melden, was etwas sein könnte, und das landet im Technologieradar. Keine Ideendatenbank über alle, betont er, sondern Experten, wobei Ideen einzelner Mitarbeiter ebenfalls willkommen seien. Ergänzt wird das inzwischen von KI-Agenten, die das Netz nach Trends absuchen. Ein Spezialist bestätigt, dann kommt es aufs Radar. Und dann gibt es noch den ganz rudimentären Weg, wie Schwarz sagt: „Man trifft sich und spricht.“

KI spielt auch in der Fertigung eine Rolle, aber Schwarz bleibt nüchtern. „Im Prozessbereich ist es früher Regelungstechnik gewesen.“ Jetzt verarbeite man mehr Daten, halte Temperatur und Mechanik genauer, werde schneller. Und in der Maschinensoftware, die Swarovski teils selbst, teils mit Partnern entwickelt, gehe es mit KI-Einsatz ebenfalls schneller. Laubscher ergänzt aus Innovationssicht: Die Recherche werde deutlich kürzer, aber „am Ende des Tages kriege ich eine Liste von Annahmen. Die Annahmen muss ich testen.“ Am Kunden. „Die künstliche Intelligenz bringt Geschwindigkeit. Das Tun und das Machen liegt im Menschen.“ Man arbeite in einem festgelegten, geschützten Cloud-Rahmen, den die Digital-Abteilung vorgibt.

Gerhard Schwarz | (c) Martin Pacher / brutkasten

Was über beide Wege ins Portfolio kommt, muss durch einen Trichter. Stages und Gates, an denen gefragt wird, wo das Projekt steht und wie es sich am Ende materialisiert. Im Kerngeschäft oder außerhalb? Das entscheidet sich fallweise in Portfolio-Meetings mit dem Topmanagement. „Wichtig ist Disziplin, diese Stages, und Transparenz“, sagt Schwarz. Jedes Projekt ist gelistet, offen einsehbar, auch für die Nachbarabteilungen. Controlling, Produktentwicklung und Produktmanagement sitzen im Portfolio-Steering-Team.

Laubscher wehrt sich gegen ein Missverständnis: „Innovation wurde gerade im Hype 2013, 2014 immer verwechselt mit kreativen Prozessen. Innovation ist ein sehr standardisierter Prozess. Er ist sehr klar, sehr strukturiert und folgt gewissen Regeln.“ Eines seiner Key Learnings nach einem Jahr: die Kollegen aus der Linie früh einbinden, umso früher, je näher ein Thema am Kerngeschäft liegt. Damit das, was als Potenzial identifiziert wurde, am Ende auch übergeht und man nicht genau dort stoppt, wo man schnell sein will.

Ein Stopp ist kein Scheitern

Der Satz, der an diesem Vormittag am häufigsten fällt, lautet: Innovation ist kein Selbstzweck. „Innovation muss am Ende auch rentabel sein, damit wir langfristig erfolgreich sind“, sagt Laubscher. Das heißt auch: „Nicht alles geht weiter. Wir müssen ganz klare Stopps setzen.“ Gestoppt wird, wenn eines von drei Themen nicht abgedeckt werden kann: Technologie, Markt, Kunde und dessen Bedarf. „Da müssen wir ganz klar und ehrlich zu uns sein.“ Ob man darin noch besser werden könne? „Sicherlich, das kann jede Organisation.“

Aber: „Ein Stopp ist kein Scheitern.“ Prozesswissen bleibe hängen, was für einen Kunden nicht funktioniere, könne für einen anderen laufen. Der größte Erfolgsfaktor sei, so schnell wie möglich am Kunden zu sein. „Nicht in unserer Bubble zu bleiben. Wir wollen nach außen hin eine Klarheit haben, auch wenn das manchmal wehtut, das ehrliche Feedback.“

Niemand kann alles

Beim Thema Partnerschaften wird Laubscher grundsätzlich. „Der Punkt ist: Niemand kann alles.“ Der Aufbau eines Innovationsökosystems sei Teil der strategischen Initiative aus der Innovation heraus: Vernetzung mit Industriepartnern, Startups, Universitäten. Wie, das entscheide sich von Fall zu Fall. Universitäten für Ideen und Forschungsthemen, Startups für Technologieerweiterungen. Schwarz sieht darin auch eine Frage der Einschätzung: Weil Swarovski Technologie so breit einsetze, könne man die Technologien von Startups gut beurteilen. „Man muss einschätzen können: Was ist der gemeinsame Nutzen?“

„Innovation muss am Ende auch rentabel sein, damit wir langfristig erfolgreich sind.“ | Simon Laubscher

Beteiligungen? „Grundsätzlich sind wir für alles offen“, sagt Laubscher, es lasse sich aber nicht pauschal beantworten. Wer welche Fähigkeit oder welche IP einbringe, bestimme das Modell. Wichtig sei der Bezug zur eigenen Technologie. „Nicht in einem Bereich schwimmen, der uns fremd ist, nur weil es ein Trendthema ist.“ Schwarz formuliert es so: „Für mich legt der Inhalt immer das Beteiligungsmodell fest.“ Auch IP wird von Fall zu Fall geregelt: ablösen über Bezahlung, beim Partner belassen oder lizenzieren. Die Rechtsabteilung, sagt Schwarz, denke da sehr innovativ mit.

Was Swarovski in eine solche Partnerschaft einbringt, ist für Laubscher klar: „Wir sind Industrialisierungsexperten. Wir haben industrialisierte Prozesse, wir haben das Know-how, und wir können skalieren.“ Das habe man 130 Jahre lang bewiesen, so habe die Geschichte des Unternehmens begonnen. Schwarz: „Die Firmengründung war eine technische Innovation.“

(c) Martin Pacher | brutkasten

Nach außen ist man aktiv, auf Veranstaltungen, bei denen Startups pitchen, und an Universitäten im DACH-Raum. Und an der EPFL in Lausanne. „Die EPFL ist für mich sehr innovativ, weil diese Loslösung von der Universität dort besser stattfindet als woanders“, sagt Schwarz. Entrepreneurship sei dort ein großer Schwerpunkt, ergänzt Laubscher, man bekomme früh Transparenz, was an der Universität läuft. Und Innsbruck, wo Quantentechnologie ein Schwerpunkt ist? „Muss man sich anschauen“, sagt Schwarz. Mit der Universität und dem MCI gibt es Zusammenarbeit, Master- und Diplomarbeiten, die in Lösungen eingeflossen sind.

Und wenn ein Gründer diesen Text liest und eine Lösung hat? Schwarz nennt eine Mailadresse ([email protected]), Laubscher ergänzt: „Gerne direkt schreiben.“ Schwarz: „Oder LinkedIn.“ Es seien die Menschen, die entscheiden, sagt er. Man müsse nicht formalisieren, was sich einfach lösen lässt.

Aus Bruch wird Produkt

Ein Beispiel, bei dem Fähigkeit und Geschäftsmodell bereits zusammengefunden haben, sind die ReCreated Kristalle. Wenn die Glasschmelze anläuft, hat das Glas nicht sofort die nötige Qualität. Es entsteht Anlaufglas, Bruch, der eingeschmolzen werden müsste. Bis jemand die Idee hatte, damit anders umzugehen. „Eigentlich könnte ich das upcyceln, wieder ein Produkt draus machen und in die Farbglasproduktion reingehen“, sagt Schwarz. Heute ist das eine eigene Produktlinie für B2B und B2C. „Kommt beim Kunden sehr gut an.“

Für Laubscher schließt sich hier der Kreis. Chemische Verfahrenstechnik sei das Know-how des Hauses, also frage man, aus welchem Materialstrom ein Wertstrom werden kann, und diskutiere früh über Geschäftsmodelle. Meist mit Partnern, weil erst dann Synergie entstehe. „Es darf nicht zum Selbstzweck passieren“, sagt er auch hier. „Aber wenn aus der Nachhaltigkeit ein Geschäftsmodell entsteht, ist das für uns ein Punkt, auf den wir aufspielen wollen.“

Am Ende des Gesprächs sagt Laubscher, worum es ihm geht: „Wir sind ein Unternehmen mit einem sehr einzigartigen Produkt. Für uns ist es wichtig, als Innovation relevant zu bleiben und diese Einzigartigkeit immer wieder neu zu finden, in neuen Themen.“ Innovation werde hier nicht aus Spaß betrieben, sondern mit Seriosität. Und, sagt er nach einem Jahr in Wattens: „Es macht viel Spaß.“

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