29.12.2021

Startup-Stimmen zum Jahreswechsel: „mein bestes Jahr bisher – trotz Politik“

Am Ende des bislang spektakulärsten Jahrs der heimischen Startup-Geschichte haben wir Stimmen von Key-Playern der Szene mit einem Rück- und Ausblick eingefangen.
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Startup-Stimmen 2021: Wir haben zum Jahreswechsel Stimmen aus der Startup-Szene eingefangen
Wir haben zum Jahreswechsel Stimmen aus der Startup-Szene eingefangen

Wenn Hansi Hansmann von „wohl seinem besten Jahr bisher“ spricht (siehe unten), dann hat das was zu sagen. Generell geht ein für die Startup-Szene spektakuläres Jahr zu Ende. Die größten Investments des Landes bislang mit den ersten zwei Unicorns gab es ebenso 2021, wie den bisher größten Exit. Und neben diesen Big News gab es eine riesige Zahl an „kleineren“ Millioneninvestments und Exits. Zuviel Jubelstimmung ist dennoch nicht angesagt, wie auch die Statements von Key-Playern der Startup-Szene, die wir eingeholt haben, zeigen. Nach wie vor Kritik gibt es an den Rahmenbedingungen für Startups in Österreich und an den politisch Verantwortlichen. Das drückt den für die Szene typischen Optimismus für das kommende Jahr aber nicht zu sehr. Gut so!


Hansi Hansmann, Business Angel

Hansi Hansmann © Maximilian Rosenberger
Hansi Hansmann | © Maximilian Rosenberger

2021 war ein tolles Jahr mit einem Riesen-Schub, auch für die heimische Szene. Es gab viel – vielleicht sogar zu viel – Geld am Markt, vor allem US-Geld, das nach Europa drängt und auch Österreich „erwischt“. Die zwei Unicorns sind toll für uns, auch die zehn bis 20 großen Finanzierungsrunden mit mehr als zehn Millionen Euro Volumen. Das kaschiert die strukturelle Schwäche unseres Ökosystems. Es sollten eben zehn mal so viel sein (und das Potenzial dafür hätten wir).

Die Politik hat sich durch ein weiteres Jahr sensationelle Untätigkeit ausgezeichnet. In den wesentlichen Bereichen (siehe Katalog von aaia, AustrianStartups und AVCO) ging, wie immer, überhaupt nichts weiter, was mich zwar nicht mehr überrascht, aber trotzdem grauslich ist. Leider hat sich noch immer nicht „nach oben“ durchgesprochen, dass es nicht um ein paar Startup-Nerds geht, sondern darum, ob wir beim unglaublichen Innovationsschub, der in den nächsten Jahren durch Startups entstehen wird, vorne dabei oder bloß Zuschauer sein wollen. Stichwort: Abstieg von der zweiten Liga in die dritte.

Persönlich war es für mich ein Hammer-Jahr. Mit sechs Exits, davon mit Busuu und durchblicker zwei richtig große, und drei großen Finanzierungsrunden im Portfolio – Anyline, Tractive und storebox – und ein paar coolen neuen Co-Investments war es wohl mein bestes Jahr bisher – trotz Politik.

Hannah Wundsam, Managing Director AustrianStartups

Hannah Wundsam | (c) Moore

Für AustrianStartups war 2021 das Jahr der Entrepreneurial Education. Über 1800 Schüler:innen konnten das bei einer Youth Entrepreneurship Week in diesem Jahr Gründen hautnah erleben, und gleichzeitig sind die ersten Alumni unseres Entrepreneurial Leadership Programs mit ihren Startups so richtig durchgestartet. Großartig zu sehen ist auch, dass mit der Landkarte für Entrepreneurship Education ein Fahrplan für die nachhaltige Integration von Entrepreneurship in den Schulalltag vorgelegt wurde. Jetzt geht es wie immer um die Execution.

Herausfordernd waren die umfassenden Diskussionen zu weiteren Forderungen, die schon seit Jahren aus dem Ökosystem kommen. Von einem sehr fortschrittlichen Vorschlag für eine neue Rechtsform mussten immer mehr Abstriche gemacht werden. Die „Mitarbeiterbeteiligung“, die im Zuge der Steuerreform präsentiert wurde, ist weit weg von der Realität der Startup-Szene und die instabile politische Lage hat den Start weiterer Maßnahmen erheblich gebremst. Dadurch sind viele unserer Empfehlungen im Policy Tracker, welcher den Fortschritt auf politischer Ebene visualisiert, auf rot geblieben.

Von 2022 erwarten wir uns, dass in die Umsetzung gegangen wird und unsere Policy-Ampel endlich auf grün schaltet. Die wirtschaftlich und ökologisch herausfordernde Lage wird einer breiteren Bevölkerung zeigen, dass Innovation und Entrepreneurship einer der wenigen krisenfesten Wachstumsmotoren sind.

Paul Klanschek, Co-Founder Bitpanda

Paul Klanschek | (c) Bitpanda

2021 war ein deutlich besseres Jahr als erwartet. Sowohl für Bitpanda als auch für die gesamte Wirtschaft in Österreich. Es war das Jahr der Megafundings in Österreich und hat gezeigt, dass man es auch aus Österreich heraus auf die Internationale Bühne schaffen kann.

Viel Geld im Markt hat die gesamte Risikokapitalszene angetrieben und zu sehr viel Konkurrenz in den Cap-Tables der Startups geführt, was für Startups gut ist, aber natürlich auch Risiken mit sich bringt. Das viele Geld hat auch das Interesse in die Kapitalmärkte und Crypto-Märkte stark erhöht und somit Fintechs massives Wachstum beschert.

2022 wird ein spannendes Jahr. Die Auswirkungen der massiven Geldpolitischen Entscheidungen werden sich erst langsam zeigen, können jedoch massiven Wirbel in die durch Covid und andere Events nervösen Märkte bringen. Wie immer wird es aber auch hier Gewinner und Verlierer geben und sich smart zu positionieren wird viel helfen.

Laura Egg, Managing Director aaia

Laura Egg, Managing Director der aaia.
Laura Egg, Managing Director der aaia | © aaia

Das Jahr 2021 war stark geprägt von den zwei Unicorns und der generellen Intensität von Finanzierungsrunden. Dies hat zusätzliche Aufmerksamkeit auf die österreichische Startup-Szene und auch speziell auf Angel Investments gelenkt. Zudem herrschte große Kooperationsbereitschaft auf allen Ebenen des Ökosystems und es wurden Synergien, anstatt zusätzlichem Wettbewerb, geschaffen. 

Covid und die unklare politische Situation haben allerdings auch stark das Jahr geprägt und trotz intensiven Stimmen aus der Community wurde wenig an den aktuellen Rahmenbedingungen für Startups verändert. Hier war die ökosoziale Steuerreform besonders enttäuschend. 

Nächstes Jahr erwarten uns in jedem Fall weitere Finanzierungsrunden und Exits und höchst wahrscheinlich weitere Unicorns. Wir arbeiten mit gezielten Maßnahmen weiterhin stark daran, den privaten Kapitalmarkt in der Frühphase zu stärken und 2022 auch gezielt weibliche Angel Investorinnen auszubilden. Zudem wäre das Gründer:innen Paket natürlich ein großer Meilenstein.

Kambis Kohansal Vajargah, Head of Startup-Services WKO

Kambis Kohansal Vajargah, | (c) Christoph Steinbauer

2021 erlebten wir, wie stark sich heimische Startups über längere Zeit auch auf schwierige Marktsituationen anpassen können und sich darauf aufbauend sogar erfolgreicher aufgestellt haben. Mit über zwei Dritteln Green Startups erkennt man, wie sehr Nachhaltigkeit im Fokus des Geschäftsmodells steht. Wir nahmen an ersten Unicorn-Events teil und sahen, wie unsere Unternehmer Österreich auf die globale Startup-Landkarte katapultiert haben. Bei der Wirtschaftskammer konnten wir darüber hinaus unsere neuen Flagship-Initiativen înno up und Born Global Academy starten.

Aber Startups benötigen mehr zielgerichtete, rechtspolitische Maßnahmen, die sie im Wachstum unterstützen. Bei den Themen neue Rechtsform, Mitarbeiterbeteiligung, Beteiligungsfreibetrag und Rot-Weiß-Rot Karte sind wir noch nicht dort, wo wir hinwollen. Die Umsetzung bleibt eine Herausforderung und ist eine unserer wichtigsten Aufgaben im Jahr 2022.

2022 sollten wir genau dort weitermachen, wo wir 2021 aufgehört haben: mehr Startups in der Quantität und Qualität, mehr Initiativen für Entrepreneurship Education, mehr Nachhaltigkeit im Geschäftsmodell und Österreich für Startups attraktiver gestalten.

Conny Hörl, Business Angel, CK Venture Capital

Katja Ruhnke und Conny Hörl investieren mit CK Venture Capital in Startups © brutkasten/bittner
Katja Ruhnke und Conny Hörl investieren mit CK Venture Capital in Startups © brutkasten/bittner

Ich bin sehr glücklich, dass alle unsere elf Startups das Jahr gut überstanden haben. Medikura war für mich ein besonderes Highlight. Die haben heuer einen Pivot gemacht zu XO Life. Die Gründerin hat sich von ihrem Mitgründer getrennt und das neue Geschäftsmodell hat dann voll eingeschlagen und bringt jetzt wirklich starke Umsätze. Ein weiteres Highlight war für uns die Beteiligung YourGrow, bei der wir stark in den Prozess des go to market involviert waren.

Für 2022 haben fast alle unsere Startups die Series A-Runde vor sich. Das ist für uns ein großer Schritt und wenn der erledigt ist, ist das auch für uns als Investorinnen eine gute Sache. Ich will in diesem Jahr auch unbedingt noch in ein österreichisches Startup investieren – da sind wir mit einigen im Gespräch.

Johannes Braith, Co-Founder Storebox

Johannes Braith | (c) Storebox

2021 war geprägt von großen Finanzierungsrunden und Exits. Die österreichische Startup-Szene wurde gefühlt etwas erwachsener und entwickelte sich in eine spannende Richtung. Durch COVID-19 wurden viele Bereiche weiter digitalisiert und innoviert. D2C Businesses, E-Commerce und Click & Collect Lösungen erleben einen wahren Boom, von dem Storebox stark profitiert. Ich erwarte, dass das Finanzierungsvolumen im Jahr 2022 weiter steigen wird und die großen institutionellen Investoren vermehrt auf Österreich blicken werden.

Berthold Baurek-Karlic, Investor

Berthold Baurek-Karlic, Venionaire Capital | (c) Rene Wallentin

Rückblickend war das letzte Jahr wirtschaftlich für uns sehr erfreulich. Wir haben unser Team ausgebaut und haben eine super Stimmung im Office. Das freut mich riesig. Wir planen im nächsten Jahr weitere fünf bis zehn Talente an Bord zu holen, die uns bei der Umsetzung neuer Fonds unterstützen werden.

Unsere Startups haben sich sehr gut entwickelt, was sicherlich nicht leicht war im gegebenen Marktumfeld. Der starke Exit unserer Beteiligung Kompany hat international Wellen geschlagen, was viele Augen auf Österreichs Startup-Sektor richtet.

Vollkommen versagt hat leider die Politik. Der Standort Österreich hätte eine große Chance gehabt, stärker aus der Krise zu kommen. Diese Chance hat man verspielt. Die heurigen Erfolge sind trotz der Blockaden und Widrigkeiten des Standorts umso bemerkenswerter, ich traue mich gar nicht daran zu denken was möglich wäre, wenn die Politik endlich ihren Worten Taten folgen lassen würde.

Martin Klässner, Gründer has·to·be und Business Angel

has.to.be
has.to.be-CEO Martin Klässner | © has.to.be

Für mich selbst war die positivste Entwicklung natürlich der erfolgreiche Verkauf von has·to·be an ChargePoint als bisher größter Exit in Österreich. Dies nicht (nur) wegen dem guten Deal, sondern vielmehr aus der Tatsache heraus, dass wir zeigen konnten, dass auch Österreich Markt- und Innovationsführer erfolgreich hervorbringen kann. Die Startup-Landschaft in unserem Land wird vielfach noch unterschätzt. Ich bin mir aber sicher, dass wir in den nächsten Jahren noch einige Erfolgsgeschichten sehen werden.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie werden uns auch im kommenden Jahr noch stark beschäftigen. Natürlich ist dies in vielen Bereichen negativ, jedoch darf man auch nicht die Chancen vergessen, die die neue Lebens- und Arbeitswelt mit sich bringt. Ich denke, dass insbesondere die Reduktion von Reisen einen positiven Effekt auf die Umwelt nehmen wird. Auch glaube ich, dass vor allem vernetzte Systeme und Dienste entstehen werden, die ein verteiltes Arbeiten noch einfacher und effektiver machen. In diesem Bereich liegen vermutlich die nächsten Hidden Champions.

Fakt ist: 2022 wird ein spannendes, in vielerlei Hinsicht aber sicher auch ein herausforderndes Jahr werden! Ich freue mich darauf!

Carina Margreiter, Head of Entrepreneurship & Creative Industries at Austria Wirtschaftsservice (aws)

Carina Margreiter | (c) aws

2021 war erneut geprägt von Unsicherheiten aufgrund der Corona-Pandemie und für die österreichische Wirtschaft kein leichtes Jahr. Die Erstfinanzierungsrunden bei Startups haben sich eher seitwärts als steil nach oben bewegt, wie Erhebungen zeigen. Beim Angebot an Risikokapital gibt es in Österreich im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ähnlicher Größe noch Luft nach oben.

Wir konnten aber dennoch beobachten, dass die Zahl der Neugründungen gestiegen ist. Innovative Ideen etwa im Bereich der Digitalisierung oder auch der Life Sciences sind besonders gefragt. Auch der Unternehmer:innen-Geist wurde nicht gebremst. Wir sehen das durch das große Interesse für unsere Programme und Wettbewerbe für junge Gründer:innen, wie Jugend Innovativ oder aws First Inkubator. Hier konnten wir 2021 viele am Weg zum Unternehmertum begleiten.

Besonders freut uns, dass bei unseren Förderungsprogrammen aws Creative Impact oder Seedfinancing die Themen Social-Impact und Nachhaltigkeit in den Vordergrund rücken. Auch bei den Vernetzungsservices von aws Connect zwischen Startups, Investor*innen und Corporates sehen wir positive Entwicklungen.

Die Pandemie hat gezeigt, dass es Innovationen für den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel braucht. Wir sehen unter anderem Impact Startups als Keyplayer und adaptieren unsere Förderungsprogramme laufend nach den Bedürfnissen des Marktes. Wir haben viel vor 2022 und freuen uns auf viele spannende Unternehmensprojekte.

Herbert Gartner, Investor

Herbert Gartner | (c) Martin Wiesner

Ich hatte einige Highlights dieses Jahr, etwa die acht- bis neunstellige Exit (abhängig vom Earn-Out) von Xaleon an Teamviewer, die hohen Wachstumsraten bei vielen unserer Portfoliounternehmen wie z.B. Finmatics, ilvi, App Radar, Greenwood-Power, Fauna, etc, der Durchbruch bei unserem großen Pro-bono-Projekt „Wildnisgebiet Lassingtal“ nach fast 10 Jahren Engagement, tolle Neuinvestments wie z.B. in die Material-Science-Firma Kape, die 30 Millionen US-Dollar-Finanzierungsrunde bei USound und die erfolgreiche zweite Spin-off Austria-Konferenz mit fast 1.000 Teilnehmern.

Gleichzeitig sehe ich weiter großen Handlungsbedarf seitens der Politik. Ich hoffe, dass das Regierungsprogramm 2022 endlich umsetzt wird und hier vor allem einige relevante Punkte. Erstens die Mitarbeiterbeteiligung. Die Beteiligung für Mitarbeiter muss steuerlich der Beteiligung für Investoren gleichgestellt sein. Ich verstehe nicht, warum der Staat Mitarbeiter bei Beteiligungen doppelt so hoch besteuert wie Investoren. Zweitens die Rot-Weiß-Rot-Card. Wir müssen hochqualifizierten Hightech-Mitarbeitern aus Drittstaaten den roten Teppich ausrollen, anstatt sie zu behindern. Volkswirtschaftlich ist das sehr unvernünftig, wie wir uns hier verhalten. Drittens der Beteiligungsfreibetrag. Das würde der Innovationslandschaft und damit der Zukunft Österreichs einen großen Schub geben. Und dann noch die Pflichtveröffentlichungen in der Wiener Zeitung: Wenn diese nicht bald Geschichte sind, sollte man zu einem landesweiten Boykott aufrufen.

Mahdis Gharaei, Co-Founder the female factor

Mahdis Gharaei und Tanje Sternbauer haben the female factor gegründet © Tamás Künsztler
Mahdis Gharaei und Tanja Sternbauer haben the female factor gegründet © Tamás Künsztler

2021 war eindeutig ein gutes Jahr für die österreichische Startup Szene – ein starker Anstieg an (internationalem) Kapital, die ersten Unicorns und internationale Aufmerksamkeit!

Was (wie jedes Jahr) gefehlt hat ist Diversität. Zwar haben sich die ersten VCs zur Förderung von Diversität in Gründer:Innen Teams ausgesprochen, aber es bleibt abzuwarten ob nur Marketing oder wirklich strukturelle Maßnahmen dahinterstehen. Schlagzeilen und Cover waren geprägt von weißen Männern, die die nächste Finanzierungsrunde aufgestellt haben. Mein Wunsch für 2022 ist, dass sich dies endlich ändert und dass sich nicht nur VCs sondern auch Medien ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst werden.

Mehr wachsende Startups in Österreich bedeutet ein höherer Bedarf an Talenten. Glückerweise sprechen sich dabei immer mehr Startup-Gründer:innen für Diversität im Hiring aus und erklären dies früh zur Priorität. Die Anfragen für unsere in-house Talent Search Services sind daher immens gestiegen und die Daten unserer Job-Plattform für weibliche Talente zeigen ganz klar das Interesse der Gen Y&Z an Jobs in Startups – dies wird 2022 weiter steigen.

Ob Österreich daher international im “War for Talents” 2022 mithalten kann, liegt meiner Meinung nach an zwei Dingen: Priorisierung von Diversität in der Unternehmenskultur zur Sicherung der Arbeitgeberattraktivität und Verbesserung von Prozessen zum Hiring von internationalen Talenten (Stichwort Rot-Weiß–Rot Karte, remote work policies, Bürokratie bei der Anstellung von Talenten, die im Ausland leben).

Die lange Prozedur hinter der Rot-Weiß-Rot Karte zur Anstellung von dringend notwendigen Talenten aus dem Ausland ist in meinen Augen weiterhin eine der größten Challenges für heimische Startups & Scaleups und ein klarer Nachteil für den Standort Österreich.

Startups bilden essentielle Arbeitsplätze und benötigen im globalen Wettbewerb auch globale Talente. Das gilt es 2022 zu fördern anstatt Steine in den Weg zu legen.

Clemens Wasner, Co-Founder EnliteAI und AI Austria

Clemens Wasner ist CEO von Enlite AI und diskutiert im Podium zum Thema "Künstliche Intelligenz: Die Welt in fünf Jahren" auf der VIP night.
Clemens Wasner, Co-Founder EnliteAI und AI Austria | (c) Clemens Wasner

Neben der anhaltend positiven Entwicklung des AI-Ökosystems wird 2021 vor allem für richtungsweisende Entscheidungen auf EU Ebene in die Geschichtsbücher eingehen. Ob und wie ein europäischer Weg in AI aussehen kann liegt – wie so oft – in der Hand von Entrepreneur:innen.

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Es war ein seltener Moment der Unverblümtheit, als mich Lukas Zitz, der stellvertretende österreichische Wirtschaftsdelegierte in New York, vor einigen Monaten kontaktierte: „Mario, we have to talk.“ Seine Botschaft aus dem Epizentrum der globalen Wirtschaft: In den USA geht gerade richtig die Post ab, und zwar bei einem Thema, das man dort bis vor kurzem kaum buchstabieren konnte: Apprenticeships. Der klassischen, praxisnahen Berufsausbildung nach europäischem Vorbild.

Während wir in Österreich und Europa seit Jahrzehnten ein Narrativ pflegen, das möglichst jeden Jugendlichen in die Hörsäle der Universitäten treibt, vollzieht die größte Wirtschaftsmacht der Welt eine radikale Kehrtwende. Im April 2025 unterzeichnete US-Präsident Trump eine weitreichende Executive Order mit dem vielsagenden Titel „Preparing Americans for High-Paying Skilled Trade Jobs of the Future“. Das Ziel ist brutal ambitioniert: Die Zahl der registrierten Lehrlinge soll auf eine Million hochgeschraubt werden. Angetrieben von einer Reindustrialisierungsstrategie, die Fabriken aus Asien zurückholt, und getragen von den größten Playern der Tech- und Finanzwelt. Weniger „College for All“, heißt das neue Motto in Washington.

Der Irrtum der akademischen Elite

Wir haben uns in Europa schlichtweg kaputt studiert. Wir haben Generationen eingeredet, dass Wohlstand und gesellschaftlicher Status nur über einen akademischen Titel führen. Das Ergebnis? Ein dramatischer Überschuss an Absolventen in Fächern, die der Markt in dieser Dichte schlicht nicht braucht, während uns an allen Ecken und Enden die Praktiker fehlen.

Die Quittung liefert der heimische Arbeitsmarkt unmissverständlich. Auswertungen der Agenda Austria auf Basis von AMS-Daten zeigen: Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern steigt zuletzt deutlich an, während Menschen mit einer klassischen Lehrausbildung zu den krisenfestesten Gruppen auf dem Arbeitsmarkt zählen. Mehr noch: Das alte Vorurteil, dass sich nur ein Studium finanziell lohnt, gerät zunehmend ins Wanken. In Deutschland etwa verdienen Beschäftigte mit Meister-, Techniker- oder Fachschulabschluss laut Statistischem Bundesamt (Verdiensterhebung, April 2025) im Schnitt 5.405 Euro brutto im Monat und damit mehr als Bachelor-Absolventen mit 5.289 Euro.

Gleichzeitig offenbart eine großangelegte Unternehmensbefragung des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) aus dem Jahr 2023 das ganze Dilemma unserer Wirtschaft: Satte 60,9 Prozent aller Betriebe klagen über massive Schwierigkeiten, Stellen mit Lehrabschluss zu besetzen. Universitätsabsolventen werden dagegen nur noch von mageren 8,1 Prozent der Unternehmen dringend gesucht. Wir bilden am Bedarf vorbei. Dabei ist die Lehre die beste Medizin gegen soziale Krisen: Daten des ibw („Lehrlingsausbildung im Überblick“, 2023) belegen, dass jene Bundesländer mit einer hohen Lehranfängerquote wie Oberösterreich, Salzburg oder Tirol die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit aufweisen, während das akademisierte Wien mit fast 12 Prozent Jugendarbeitslosigkeit das Schlusslicht bildet.

Die USA bauen die „neue Elite“ mit unserem Modell

Ein Blick nach Übersee zeigt, wie blind Europa für die eigenen Stärken geworden ist. Bei einer Delegationsreise von Advantage Austria durch Chicago und Atlanta konnte ich mit österreichischen Vorzeigebetrieben wie Palfinger, KNAPP, Inteco oder STIWA sprechen, die vor Ort produzieren. Sie alle stehen vor derselben Herkulesaufgabe: Workforce Development.

Doch die Dynamik in den USA hat sich komplett verändert. Für den aktuellen KI-Boom, für den Bau und Betrieb gigantischer Rechenzentren und hochautomatisierter Logistikzentren braucht es keine Menschen, die auf niedrigstem Niveau stupide Handgriffe wiederholen. Und es braucht dafür überraschenderweise auch keine Master-Absolventen, die komplexe Systeme nur aus dem Lehrbuch kennen. Für moderne Wartung (Maintenance), Automation und Mechatronik braucht es Fachkräfte, die in der Lage sind, hochkomplexe, reale Probleme direkt an der Maschine zu lösen. Köpfe, die mit den Händen denken.

Bisher hinken die USA beim Fachpersonal im internationalen Vergleich zwar hinterher: rund 700.000 Apprentices auf 340 Millionen Einwohner, verglichen mit 1,2 Millionen Azubis im deutlich kleineren Deutschland. Genau dieser Unterschied erklärt, warum amerikanische Unternehmen derzeit so intensiv nach Vorbildern aus Österreich, Deutschland oder der Schweiz suchen. Das Problem für uns: Die Amerikaner holen im Eiltempo auf. Seit Beginn der aktuellen US-Administration wurden laut US-Arbeitsministerium bereits über 386.000 neue Apprentices registriert. Das entspricht einem gewaltigen Zwischenspurt.

Ein Weckruf für Europa: Es ist eins vor zwölf

Österreich hat rund 100.000 Lehrlinge, ein historisches Pfund, um das uns die Amerikaner beneiden. Doch während die USA die bürokratischen Hürden für Betriebe radikal abbauen, Qualifikationen wie Micro-Credentials anerkennen und das System mit Milliarden professionalisieren, verwalten wir in Europa den Mangel und klammern uns an den kollektiven Titel-Wahn.

Wir müssen aufhören, die Lehrlingsausbildung als gesellschaftliche „Notlösung“ abzutun. Es ist für Europa nicht mehr fünf vor zwölf, es ist eins vor zwölf. Während wir uns in endlosen Debatten über Vier-Tage-Wochen und akademische Befindlichkeiten verlieren, zieht die größte Wirtschaftsmacht der Welt mit unserem eigenen Modell im Sprint an uns vorbei.

Wo bleibt unser großer Aufbruch? Wo bleibt das laute, stolze Begehren für das Handwerk? Wir müssen uns in Europa endlich zusammenreißen, den akademischen Hochmut ablegen und die Macher wieder zu den echten Helden unserer Wirtschaft machen. Wenn wir das System jetzt nicht radikal modernisieren und aufwerten, stehen wir bald mit einer Million theoretischer Master-Arbeiten da, aber ohne eine einzige Hand, die die Welt von morgen überhaupt noch bauen oder warten kann.

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