Startup-Rat: Warum Automatisierung und neue Rollen von CFOs wichtiger werden
Das Schlagwort für Gründer:innen in Krisenzeiten ist Kosteneinsparung. Oder nachhaltiges Wirtschaften, wie es andere nennen. Einen Weg, wie das gelingen kann, erklärt Thomas Inhelder von Yokoy.
Finanzierungskrise, Downturns, Personalnotstand – viele Startups haben derzeit aufgrund diverser Umstände und womöglichem Übereifer mit Problemen zu kämpfen. Das Wachstum stagniert nicht nur, es bricht weg und kehrt sich um, Kapital fehlt plötzlich. Für viele Gründer:innen und Expert:innen der Szene gibt es aus dieser Misere heraus zwar so viele Wege, wie Medusa Zöpfe hat, aber besonders eine Lösung sticht in den letzten Monaten stärker hervor als andere. Sie ist auch die erste Reaktion, die strauchelnden Startups, beinahe wie ein Reflex, empfohlen wird: Kosteneinsparung durch Automatisierung.
Automatisierung für wertvermehrendes Arbeiten
Einer der Verfechter davon ist Thomas Inhelder, CFO von Yokoy, der sich um die Automatisierung der Finanzbranche kümmert. In seinen Augen sollte alles, was standardisierbar ist, auch automatisiert werden.
„Damit alle Mitarbeitenden bzw. Finanzmitarbeitenden mehr wertvermehrende Arbeiten erledigen können“, präzisiert er. „Die Zeiten, in denen ich alle Aufgaben in den ‚Osten‘ outsource, sind vorbei. Das ist keine langfristige Lösung.“
Um auf der Ausgabenseite alles zu standardisieren – Belege, Transaktionen – brauche es die richtige Infrastruktur. Danach müsse man die Prozesse hinterfragen und prüfen, welche einfach zu digitalisieren sind.
Erst für größere Startups rentabel
„Automatisierung macht insbesondere für mittelgroße und große Scaleups Sinn, wo auch entsprechend manuelle Arbeit anfällt und die Mitarbeitenden sich dann dank der Automatisierung auf produktivere Aufgaben fokussieren können.“, so der CFO.
Sobald eine Automatisierungsstruktur in einem Unternehmen etabliert wurde, sei es nicht mehr nötig, jede einzelne Rechnung zu belegen. Man könne infolge Thresholds definieren und bestimmen, welche Fehlermeldungen man bekomme bzw. welche Ausreißer gemeldet werden. „Ich kann sagen, ich möchte sämtliche Sales-bezogene Ausgaben sehen, oder alles was Marketing tut“, erklärt Inhelder.
Automatisierung und die Rolle des CFOs
Für den Co-Founder von Yokoy hat sich bei dieser Thematik besonders die Rolle des CFOs geändert und werde künftig noch mehr Wandel erfahren. Er sagt: „Die Finanzabteilung als ganzes soll sich nicht mehr auf das transaktionale Business, sondern sich dank künstlicher Intelligenz vermehrt auch auf Analysen fokussieren können.“
Damit deutet Inhelder an, dass sich der Chief Financial Officer als „reiner Buchhalter“ verabschiedet hat und näher am „Business“ dran ist – eine Art „Berater“ mit riesen Impact auf die ganze Unternehmung. Einer, der Digitalisierungsprozess mitunter auch antreibt.
„Heutzutage geht es vor allem darum, wie ein Unternehmen gegenüber jungen Mitarbeitenden dasteht. Die Generation um die 20 bis 25 erwartet eine ‚Durchdigitalisierung‘. Da geht es um ‚Basics‘. Und jeder muss mithelfen.“
Indien, Disruption und Megaprojekte: Was wir von Indiens Innovationswucht lernen müssen
Thomas Greiner, Innovationsleiter der Asfinag, hat im Sommer 2026 das Innovationsökosystem in Mumbai bereist, vom IIT Bombay bis zur RAHSTA Expo. In seinem Gastbeitrag erklärt er, warum Europa beim Tempo von Indien lernen sollte.
Indien, Disruption und Megaprojekte: Was wir von Indiens Innovationswucht lernen müssen
Thomas Greiner, Innovationsleiter der Asfinag, hat im Sommer 2026 das Innovationsökosystem in Mumbai bereist, vom IIT Bombay bis zur RAHSTA Expo. In seinem Gastbeitrag erklärt er, warum Europa beim Tempo von Indien lernen sollte.
Thomas Greiner | Konzernsteuerung - Strategie Owner Innovation | Asfinag | (c) LinkedIn-Profil Thomas Greiner
Extremtemperaturen, Monsungüsse und schärfstes Streetfood: Die Ankunft in Mumbai ist ein sensorischer Weckruf. Um das Land und seinen Modernisierungshunger zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Zahlen im direkten Kontrast zu Österreich: Mit über 1,4 Milliarden Menschen ist Indien das bevölkerungsreichste Land der Erde. Das durchschnittliche BIP bzw. Einkommen liegt bei rund 2.300 bis 2.500 Euro pro Kopf im Jahr, in Österreich sind es rund 50.000 bis 55.000 Euro. Auch bei der Lebenserwartung klafft mit etwa 68 bis 71 Jahren in Indien gegenüber über 82 Jahren in Österreich eine Lücke von mehr als einem Jahrzehnt.
Den wohl drastischsten Tribut fordert das Wachstum auf den Straßen: Während Österreich jährlich rund 350 bis 400 Verkehrstote zählt, verzeichnet Indien offiziell über 150.000 bis 170.000 Opfer – mehr als 450 tödlich verunglückte Menschen an einem einzigen Tag. In Gesprächen mit den dortigen Behörden über Vermeidungsstrategien wurde schnell deutlich: Sicherheit ist hier untrennbar mit dem rasanten Ausbau und der Modernisierung resilienter Infrastruktur verknüpft.
Gleichzeitig verlangt einem der Alltag vor Ort alles ab. Der permanente Geräuschpegel, die drückende Schwüle, die spürbare Luftverschmutzung und die sprachlichen Nuancen zwischen rasantem indischem Englisch und lokalen Dialekten fordern die eigene Anpassungsfähigkeit fortwährend heraus. Diese Reibungspunkte machen jedoch schonungslos bewusst, auf welch hohem Niveau unsere europäische Lebensqualität angesiedelt ist, eine Grenzerfahrung, die extrem fordernd, aber genau deshalb ungemein lehrreich war.
Indien klettert im Global Innovation Index unaufhörlich nach oben (mittlerweile fest unter den weltweiten Top 40) und stellt nach den USA und China das drittgrößte Startup-Ökosystem der Welt. Wer begreifen will, wie skalierbare Technologien und Großinfrastrukturen unter extremen Rahmenbedingungen entstehen, muss hierherblicken und Zeit vor Ort investieren.
Bildung als knappes Privileg & als Treibstoff
Der Kontrast zu unserer gewohnten akademischen Welt ist gewaltig: Während ein Studium bei uns oft als Selbstverständlichkeit wahrgenommen wird, ist der Zugang zu universitärer Bildung in Indien ein hart erkämpftes Gut. Das resultiert in einer beispiellosen Leistungsbereitschaft. Am renommierten Indian Institute of Technology (IIT) Bombay, wo ich einen Teil meiner Zeit verbracht habe, ist der Wissensdurst und der unbedingte Umsetzungswille der Studierenden mit Händen greifbar. Die Universitäten fungieren nicht als Elfenbeintürme, sondern als agile Brutstätten, die ein kompromissloses unternehmerisches Mindset tief in den Köpfen verankern. Die Begegnungen mit zahlreichen Studierenden, deren unbändige Motivation und gelebtes Erfindertum wirkten förmlich ansteckend.
Startups: Tempo, 7-Tage-Woche und radikale Kostenvorteile
Dieser Geist setzt sich nahtlos in der Gründerszene fort. Bei meinen Treffen mit lokalen Startups war die Dynamik greifbar. Man gewinnt schnell das Gefühl, die Arbeitswoche hätte hier grundsätzlich sieben Tage und ein Urlaub wirkt wie ein Luxusgut für spätere Zeiten.
Deepdive im Indian Institute of Technology Bombay
Besonders im Software- und KI-Umfeld verblüffen die Kennzahlen für Ingenieurleistungen: Gründer nannten mir gegenüber wiederholt Werte von halber Entwicklungszeit bei einem Drittel der Kosten im Vergleich zu Europa. Auch wenn sich solche Relationen im Detail schwer unabhängig verifizieren lassen, steht fest: Die Kombination aus hochqualifizierten Fachkräften, niedrigen Stundensätzen und bedingungslosem Einsatzwillen verschafft dem indischen Tech-Sektor eine enorme Hebelwirkung. Auch wenn „Made in Europe“ zu Recht einen hohen Stellenwert genießt, sollten gerade bei uns junge Startups über strategische Zeit- und Kostenvorteile durch gezielte Kooperationen mit indischen Partnern nachdenken.
Deep Tech & Infrastruktur: Von Quanten-KI bis RAHSTA Expo
In gemeinsamen Workshops am Civil Engineering Department des IIT Bombay drehte sich die Diskussion um handfeste Zukunftstechnologien. Dabei zeigten insbesondere Impulse zur Optimierung von Energieprofilen in Immobilien mittels quantencomputergestützter Algorithmen auf, wie CO₂-Fußabdrücke im Gebäudesektor auf mathematisch völlig neuem Niveau minimiert werden können.
Den praktischen Gegenpol lieferte die RAHSTA Expo, Asiens Leitmesse für den Straßen-, Brücken- und Tunnelbau. Von KI-gestütztem Asset-Monitoring über Baugeräteautomatisierung bis hin zu lückenlosen Digital Twins und Low-Carbon-Baumaterialien: Das Tempo, mit dem Indien seine lebenswichtigen Verkehrs- und Großinfrastrukturen digitalisiert, ist beeindruckend.
Fazit: Was wir lernen müssen
Indien wartet nicht auf globale Standards, es gestaltet sie durch schiere Geschwindigkeit und Pragmatismus mit. Für das europäische Innovations-Ökosystem liegt der wichtigste Lerneffekt nicht allein im Technologietransfer, sondern vor allem im Mindset: Hunger auf Fortschritt, radikale Umsetzungsstärke und der Mut, Spitzenforschung und Unternehmertum ohne Berührungsängste zu verschmelzen.
Während bei uns in Europa dichte Regulatorien oft für lange Verfahrensdauern und zähe Bauzeiten sorgen, geht Indien den umgekehrten Weg. Ein ausgewogenes Mittelding aus europäischer Sorgfalt und indischem Tempo wäre für beide Welten ein echter Gewinn. Was wir zudem ganz konkret lernen können, ist der Umgang mit extremen Wetterereignissen: Wie Großinfrastruktur immenser Hitze und sintflutartigem Starkregen trotzt, zeigt uns Indien eindrucksvoll. Blicken wir also öfter über den eigenen Fahrbahnrand hinaus.
„Fortschritt entsteht dort, wo wir die Komfortzone der Standards verlassen und über den gewohnten Fahrbahnrand hinausdenken.“ Thomas Greiner. Im Bereich der Verkehrssicherheit wird viel geforscht, es gibt hier aber auch viel aufzuholen, eine Change für Firmen aus Österreich.
Mein Dank gilt Alexander Redlein (TU Wien) für die Ermöglichung dieser Studienreise, Rashmi Jois für die Begleitung durch die Metropole Mumbai sowie den Partnern am IIT Bombay für den profunden akademischen Dialog sowie der Trade Commission Indien für die wertvolle Vernetzung vor Ort.
Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.