12.01.2022

Startup-Investor Hansmann: „Das private Kapital modert vor sich hin“

Für österreichische Startups war 2021 ein Rekordjahr. Die Politik habe aber keinen Grund, sich dafür auf die Schulter zu klopfen, sagt Hansi Hansmann im Interview.
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Hansi Hansmann © Maximilian Rosenberger
Hansi Hansmann | © Maximilian Rosenberger

Johann „Hansi“ Hansmann ist Österreichs bekanntester und aktivster Business Angel. Er steht als Investor hinter Erfolgsgeschichten wie Runtastic, MySugr, Shpock, Busuu oder durchblicker und ist bekannt für einen besonders guten Riecher für die Startup-Stars der Zukunft. Im großen Interview mit dem brutkasten spricht er nicht nur darüber, dass er 2021 wieder aktiv zu investieren begonnen hat. Er geht mit der Politik hart ins Gericht und erklärt die wichtigsten Themen, die sich ändern müssen, damit die Bedingungen für Startups in Österreich besser werden.

2021 war was Investments angeht ein Rekordjahr für österreichische Startups. Wie ist das Jahr für dich gelaufen? Wieviel hast du investiert und ich glaub einige Exits waren auch dabei?

Hansi Hansmann: 2021 war ein großartiges Jahr für mich. Als Business Angel war es sogar mit Abstand mein bestes Jahr bisher. Ich habe insgesamt 6 Exits gemacht, davon mit Busuu und Durchblicker zwei sehr große. Ich habe zwei große Series-B-Finanzierungsrunden in meinem Portfolio gehabt, das sich insgesamt sehr gut weiterentwickelt hat. Hätte ich Anfang des Jahres eine Wunschliste geschrieben, wäre eigentlich alles davon aufgegangen.

Wieviel ist die Hansmen Group mittlerweile wert – ist sie als Gruppe bereits ein Unicorn?

Hansmann: Bei der Hansmen Group muss man unterscheiden. Die aktiven Portfolio Companies und die Alumni, also jene, die bereits einen Exit gemacht haben. Alle zusammen sind weit mehr als ein Unicorn. Mittlerweile habe ich aber mehr nicht aktive Companies in der Gruppe.

Du bist einer der aktivsten Investoren in Österreich, dabei sagst du seit Jahren, dass du nicht mehr investierst. In welchen Fällen brichst du mit diesem Vorsatz?

Hansmann: Dass ich nicht mehr investiere muss ich tatsächlich relativieren. Ich habe Anfang 2017 aufgehört Neuinvestments zu machen. Ich habe aber nicht aufgehört, in mein bestehendes Portfolio zu investieren und ich habe sie auch bei Series-A und Series-B-Runden begleitet. 2021 habe ich nun wieder begonnen, neu zu investieren. Ich habe in diesem Jahr acht neue Investments gemacht. Aber ich habe meine Strategie geändert. Ich mache keine Lead-Investments mehr, sondern Co-Investments und zwar dort, wo ich den Lead-Investor gut kenne.

2021 gab es in deinem Portfolio 6 Exits, darunter sehr frühe Investments von dir. Busuu und Playbrush wurden von österreichischen Gründern im Ausland aufgebaut. Haben sich die Rahmenbedingungen in Österreich seither gebessert – denkst du, würden sie jetzt in Österreich bleiben?

Hansmann: Playbrush ist in Österreich und England parallel aufgebaut worden, weil einer der Gründer nur in London eine Arbeitserlaubnis hatte und in Österreich keine bekam. Und Busuu wurde in Spanien gegründet, nicht weil Österreich nicht zur Debatte stand, sondern weil die beiden Gründer damals in Spanien gelebt hatten. Allerdings, als sie 2012 von Spanien nach London übersiedelt sind, ist auch Wien zur Debatte gestanden. Nach Abwägung aller Chancen und Möglichkeiten und Vergleich der Ökosysteme war die Entscheidung aber sehr eindeutig für London. Ich glaube, dass die Entscheidung auch heute noch für London fallen würde und nicht für Wien.

Was spricht gegen Wien als Standort?

Hansmann: Er ist zu klein. Er ist ein Zehntel von dem was er sein könnte.

Dennoch klopfen sich viele Player aus dem Startup-Ökosystem und auch Politiker gerne auf die Schultern für den guten Startup-Standort Österreich. Sind wir aus deiner Sicht zu wenig ehrlich mit uns selbst und reden uns die Startup-Welt schön?

Hansmann: Ja, da sind wir unehrlich. Die Politik hat am allerwenigsten Grund, sich auf die Schulter zu klopfen. Dass in Österreich sehr viel Positives passiert ist, liegt an vielen Faktoren aber vor allem auch an der Leistung einzelner, herausragender Unternehmer-Persönlichkeiten. Die wird es immer geben, trotz der Politik. Es wird auch in Zukunft noch viel mehr herausragende Startups in Österreich geben. Das ist aber leider nicht das Resultat einer systematischen Förderung der Startup-Szene.

Das Interview mit Hansi Hansmann als Podcast

Im aktuellen Regierungsprogramm ist viel Startup enthalten. 3 von 18 Punkten wurden laut Austrian Startups umgesetzt – die Entrepreneurship Week, Gründung per Videokonferenz und FinTech-Sandbox. Was wären deiner Meinung nach die wichtigsten drei Punkte gewesen?

Hansmann: Da kann ich jetzt meine Schallplatte aus der Tasche holen, die ich seit ungefähr zehn Jahren abspiele. Doch zunächst muss ich sagen, dass ich die Entrepreneurship Week für enorm wichtig halte. Die kann mittel- und langfristig wirklich etwas bewirken. Das hat einen Multiplikations- und Lawinen-Effekt, weil es wirklich bewirken kann, dass Unternehmertum einen besseren Stellenwert bekommt.

Aber bei den Dingen, die wirklich wichtig wären, haben wir leider keinen Fortschritt erzielt. Auf meiner Schallplatte finde ich nach wie vor, dass wir eine Rot-Weiss-Rot-Karte haben, mit der wir ausländisches Talent nach Österreich bringen können sollten. Die Rot-Weiß-Rot-Karte funktioniert nicht. Sie dauert zu lange, ist mit zu vielen administrativen Hürden verbunden. Es kann ja nicht sein, dass das vier bis sechs Monate dauert, wenn ich als Startup mit einem wirklichen Spezialisten einen Deal habe. Der muss binnen zwei Wochen da sein und arbeiten dürfen. Nur dann funktioniert diese Karte.

Der zweite wichtige Punkt ist die Rechtsform. Die GmbH ist wirklich ungeeignet für Startups. Sie ist für Familienunternehmen gedacht, bei denen es einmal im Jahr eine Generalversammlung gibt und die Dividenden beschlossen werden und sich im Prinzip nicht viel an der Firma ändert. In einem Startup gibt es jährlich mitunter mehrere Kapitalerhöhungen. Das Startup muss agil agieren können. Das geht mit der GmbH nicht. Das beginnt damit, dass ein Umlaufbeschluss nur dann wirklich funktioniert, wenn alle Gesellschafter einverstanden sind. Das ist bei Startups oft nicht so einfach, wenn Gesellschafter in Australien sitzen.

Damit einher geht auch das Thema der Mitarbeiterbeteiligung, die in der GmbH nicht geregelt ist. Die GmbH kann keine eigenen Anteile halten und hat nicht die Möglichkeit, stimmrechtslose Anteile für Mitarbeiter herzugeben. Das Thema Mitrabeiterbeteiligung ist aber für ein funktionierendes Startup-Ökosystem ungemein wichtig. Wir wissen, dass ein Startup in der frühen Phase nicht die Möglichkeit hat, Marktgehälter zu bezahlen und gleicht das durch Anteile an der Firma aus. Das geht derzeit nur über Systeme wie die Phantom Stocks, die aber nicht die gleiche Motivation bei Mitarbeitern auslösen, weil man ja nicht wirklich Anteile hat. Ein Phantom Stock ist eigentlich nichts anderes als ein Bonus, den man einem Mitarbeiter im Fall eines Exits ausbezahlt.

Das ist unpraktikabel…

Hansmann: Steuerlich macht das auch einen großen Unterschied. Bei echten Anteilen bezahlt man im Exitfall 27,5 Prozent KeSt. und bei Phantom Stocks oder einem Bonus wird die volle Lohnsteuer fällig. Die wirklich guten Mitarbeiter, die man aus dem Ausland holt – da geht es ja um Key Positions – bekommen das am Anfang vielleicht gar nicht mit und sind dann sehr verärgert.

Über eine neue Gesellschaftsform gibt es sehr konkrete politische Diskussionen.

Hansmann: Ja, da war ich auch zum Teil eingebunden. Meine Erfahrung mit österreichischer Politik lehrt mich aber, dass am Schluss wahrscheinlich wieder nur eine second best solution dabei herauskommt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine ideale Lösung wird.

Der dritte Bereich, den ich für sehr wichtig halte: Österreich ist ein enorm reiches Land. Wir haben sehr viel privates Kapital. Das private Kapital modert vor sich hin. Um dieses Kapital der Innovation zuzuführen müsste man steuerliche Anreize setzen. Man könnte auch einen großen Fund of Funds machen. Damit könnte man Startups wirklich zu einem wesentlichen Bereich der Wirtschaft machen, den die so oder so in Zukunft einnehmen werden, aber halt in anderen Ländern. Wir müssten in Österreich kein neues System für eine steuerliche Incentivierung erfinden. Es gibt ein paar Länder, die uns das seit vielen Jahren vormachen.

In UK kann man als gut verdienender Angestellter 50.000 bis 100.000 Pfund pro Jahr in Startups investieren und direkt von der Steuer absetzen. Das hat dazu geführt, dass, obwohl in UK das meiste VC-Geld in Europa investiert worden ist, das privat investierte Geld noch immer mehr war. So sind jedes Jahr Milliarden Pfund in die Startup-Szene geflossen. Das hat dazu geführt, dass in den letzten Jahren auch sehr viele Startups in UK entstanden sind. Ich denke, dass vielleicht die durchschnittliche Qualität dieser Startups vielleicht nicht so gut ist wie in Österreich. Wenn bei 50.000 Startups nur 500 oder 1000 wirklich erfolgreich werden, also ein sehr kleiner Prozentsatz, sind die Chancen dennoch besser als wenn es nur 500 Startups gibt und 5 davon erfolgreich sind. In London gab es in den letzten Jahren so auch den größten Zuwachs an neuen Arbeitsplätzen. Das ist also volkswirtschaftlich wirklich bedeutend.

Die Punkte, die du genannt hast, sind alles Dinge, über die wir seit zehn oder mehr Jahren reden – warum denkst du passiert da nichts? Überschätzen wir die volkswirtschaftliche Bedeutung von Startups in Österreich?

Hansmann: Das glaube ich nicht. Ich bin überzeugt, dass die Wirtschaft von morgen, die erfolgreichen Startups von heute sind. Durch die Digitalisierung werden früher oder später alle bestehenden Geschäftsmodelle erneuert müssen. Überall, wo man durch den Einsatz von Software oder intelligenter Hardware Prozesse schneller, einfacher oder effizienter machen kann, wird das auch passieren. Und das ist überall. Die großen Konzerne von heute werden sich umstellen müssen oder sie werden irgendwann nicht mehr da sein. Die Innovation passiert in den Startups. Startups werden eine immer wichtigere Rolle spielen, weil die Innovation dort passiert. Das wäre großartig, wenn wir das in Österreich erkennen würden. Einige haben das bereits erkannt und ich kann mir auch vorstellen, dass das der eine oder andere Politiker bereits erkannt hat. Wir sollten sehr viele Ressourcen in diese Innovation fließen lassen, damit wir zumindest in Europa ein wenig weiter vorne mitspielen können. Derzeit schaut es für mich so aus, als würden wir von der zweiten Liga in die dritte Liga absteigen.

Das heißt, es müsste jemand auf höchster politischer Ebene sein.

Hansmann: Und es müsste mehr Zusammenarbeit zwischen politischen Parteien geben. Die Startup-Szene ist im Mainstream angekommen. Deshalb muss auch in der Startup-Szene etwas passieren. Die Startup-Szene müsste ein wenig seriöser werden. Wir sind nicht mehr in den Anfängen, wo man bullshitten kann und die Dinge größer Aufblasen kann als sie sind. Das war am Anfang okay und ist jetzt nicht mehr seriös. Ein Beispiel: Wenn ein Startup die erste Seed-Runde publiziert, glauben viele, dass es wichtig ist, dass diese Runde über einer Million Euro liegt. Also lässt man es mit allen Mitteln so aussehen. Man sollte aber dazu sagen, ob Förderungen oder Double Equity hinzugerechnet wurden. Das wird sehr oft so gemacht. Das ist ja okay, wenn man es dazu sagt: die 1,5 Millionen Euro sind Equity, Förderungen und Double Equity. Aber es ist nicht okay, wenn man 1,5 Millionen Euro publiziert und nichts dazu sagt. Das sollten Gründer nicht mehr tun, obwohl ich bei Gründern vielleicht sogar noch etwas mehr Verständnis dafür habe.

Weniger Verständnis habe ich, wenn das von Investoren ausgeht. Im brutkasten-Jahresrückblick mit einigen wichtigen Investoren gibt es zum Teil seriöse Antworten. Seriöse VCs können gar nicht anders als die richtigen Zahlen zu präsentieren. Dann gibt es solche, die sagen, man habe „gemeinsam mit Co-Investoren“ 20, 50 oder 100 Millionen Euro investiert. Das ist wirklich Bullshit. Wenn man 100.000 Euro bei einer 10-Millionen-Euro-Runde investiert und dann sagt, man habe zusammen mit Co-Investoren 10 Millionen Euro investiert, ist das nicht seriös.

Ähnlich ist es bei der Kommunikation von Exits. Da werden oft keine Summen genannt. Das kann daran liegen, dass der Käufer das nicht will. Sehr oft ist es aber, glaube ich, deshalb, weil es der Verkäufer nicht will. Der denkt sich vielleicht, dass die Exit-Zahl nicht so gut klingt und sagt dann lieber, dass es confidential ist, aber ein sehr großer Exit. Wenn die Exit-Summe genannt wird, muss man das auch oft hinterfragen. Das wäre eine Aufgabe der Medien. Ein echter Exit ist in meinen Augen nur ein Cash-Exit. Alles andere ist kein richtiger Exit. Ein Exit, bei dem man Shares bekommt verlagert ja nur die Hoffnung auf den Erfolg des einen Unternehmens auf das andere Unternehmen. Das ist eigentlich eher ein Merger oder bestenfalls ein Teil-Exit.

Wie wird Österreich international als Standort wahrgenommen und haben die Unicorns die Sichtbarkeit Österreichs erhöht?

Hansmann: Die zwei Unicorns sind großartig und geben uns sicher mehr Sichtbarkeit international. Diese Unicorns sind aber die Konsequenz von zwei großartigen unternehmerischen Leistungen und den Gründern dieser Unternehmen. Das liegt nicht an dem österreichischen Ökosystem. Die hätten diese Leistung überall anders auch erbracht, vielleicht sogar schneller. Es ist gut, dass wir sie haben, aber ich glaube nicht, dass es dazu führt, dass Gründer aus dem Ausland jetzt sagen, sie wollen unbedingt nach Wien, weil man dort Unicorns machen kann.

Aber Investoren werfen vielleicht eher einen Blick nach Österreich.

Hansmann: So ist es. Aber internationale Investoren tun das ohnehin. Inzwischen screenen auch US-Investoren jedes gute Startup in Europa. Die finden ein potenzielles Unicorn sogar in Wien oder irgendwo in Österreich. Kein Startup arbeitet so still und leise vor sich hin. Wenn man ein Pitch Deck wohin schickt und das ist interessant, dann ist das ein, zwei Wochen später in der Hand von hundert Leuten. Wenn die KPIs gut genug sind, gibt es momentan jede Menge Geld. Die Kriegskassen der VCs sind sehr gut gefüllt. Da gibt es einen Investitionsdruck. Die großen US-VCs, die Milliarden geraised haben, müssen das ja in ein bis zwei Jahren deployen. Wenn sie es in den USA nicht mehr können, schauen sie verstärkt nach Europa. Die gehen jetzt auch stark nach Osteuropa. Zum Teil sind die Ökosysteme dort jetzt schon größer als das österreichische. Es gibt Länder wie Kroatien, die mehr Unicorns haben als wir.

Was sich in den nächsten Jahren noch ändern könnte.

Hansmann: Ich bin ganz sicher. Und ich hoffe auch, dass das in meinem Portfolio der Fall sein wird. Der Trend geht dorthin, es kann aber auch sein, dass durch hohe Inflation und die Geldpolitik der FED und EZB noch einen Krach gibt. Ich glaube aber nicht, dass das langfristig die Tendenz stören wird. Das Geld ist ja da.

Es gibt noch ein Thema über das wir seit Jahren reden, ohne dass sich wirklich etwas tut: Es gibt recht wenige Gründerinnen, aber noch viel weniger Investorinnen. Wir wissen aber, dass wir weibliches Risikokapital brauchen, um Innovationen zu fördern, die auch für Frauen gemacht sind. Ich denke kaum jemand liebt das Business Angel Dasein so sehr wie du. Wie können wir mehr Menschen und auch mehr Frauen motivieren, in Startups zu investieren?

Hansmann: Es gibt die Austrian Angel Investors Association, wo ich mich als Präsident zwar zurückgezogen habe, die ich aber noch immer unterstütze. Ich weiß, dass einer der Schwerpunkte des neuen Managements dort ist, mehr Frauen dazu zu motivieren, als Business Angel aktiv zu werden. Grundsätzlich sprichst du da ein großes Problem an, dessen ich mir bewusst bin. Ich unterstütze auch Organisationen wie die Female Founders, die auch einen Fonds aufsetzen. Ich glaube, wenn wir Gründerinnen nicht stark genug unterstützen, berauben wir uns als Gesamtwirtschaft eines großen Teils dessen, was möglich ist. Auf Investorenseite gilt das auch.

Ich setze auch da Taten. Ich habe seit 1. Jänner mit Lisa Pallweber eine Investmentmanagerin, die Fulltime für mich arbeitet. Ich sehr gute junge Frau, die viel Investmenterfahrung mitbringt. Ich habe bewusst eine Frau gesucht, weil ich davon ausgehe, dass sie, weil sie ja auch die Neuinvestitionen betreut, ein gutes Auge für Gründerinnen haben wird. Da muss viel getan werden und es gibt auch viele Bestrebungen – etwa auch von Speedinvest. Es ist auch eine Chance für Österreich und für Wien im Speziellen, sich in einem guten Thema zu positionieren. Wir haben schon sehr viele Chancen im Startupbereich verpasst. Das Thema Female Founders ist eine neue Chance, um in Wien eine Power aufzubauen. Wien könnte ein europäischer Hotspot für Gründerinnen werden.

Du schreibst auf Facebook, dass du dich etwas mehr zurückziehen willst und in Zukunft eine neue Investmentstrategie verfolgst. Wie sieht die Zukunft der Hansmen Group aus?

Hansmann: Ich habe seit 1. Jänner Lisa Pallweber bei mir. Sie wird ein paar meiner bestehenden Startups betreuen. Und sie wird sich vor allem um die Neuinvestments kümmern. Ich werde wieder aktiv stärker investieren. Ich habe auch relativ viel Spielgeld jetzt. Zum Glück. Ich habe mir irgendwann gedacht, ich höre damit auf. Auf der anderen Seite ist das, was da gerade im Startup-Bereich passiert so unglaublich spannend und ich glaube, dass wir erst ganz am Anfang der goldenen Ära der Startups stehen. Die Hansmen Group wird also wieder wachsen, auch, was aktive Member angeht.

Hansi Hansmann im Video-Interview

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Es ist eine Wette darauf, dass sich die Wärmeversorgung europäischer Städte in den nächsten Jahren grundlegend verändert. Den Beweis, dass der Markt dafür bereit ist, hat Roots Energy nach eigener Darstellung bereits erbracht. „Wir haben bewiesen, dass Menschen dafür bezahlen“, sagt Gründer Gerald Stangl. Das Wiener Unternehmen hat eine vorgefertigte Nahwärme-Plattform aus Hardware und Software entwickelt, die die heute übliche Einzelplanung jedes Heizraums durch ein industriell gefertigtes System ersetzen soll – und damit europäische Städte unabhängig von fossilen Energie-Importen machen will. Die Investitionskosten sinken laut Unternehmen gegenüber konventionell geplanten Anlagen um bis zu 50 Prozent.

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Vom Co-Living-Projekt zum Wärme-Standard

Die Geschichte beginnt nicht mit Energie, sondern mit Wohnen. Hinter Roots steht mit Gerald Stangl ein Gründer, der bereits eine der bekanntesten österreichischen Health-Tech-Erfolgsgeschichten mitgebaut hat: Das von ihm mitgegründete Unternehmen mySugr, eine App zum Diabetes-Management, wurde 2017 an den Pharmakonzern Roche verkauft. Die Parallele zieht Stangl selbst – mySugr sei erfolgreich gewesen, weil das Team sein eigenes Problem gelöst habe. Bei Roots ist es dasselbe Muster: Die Wärmelösung entstand aus dem konkreten Bedarf eines eigenen Bauprojekts. 2021 gründete er gemeinsam mit Dr. Hüseyin Özcelik und Florian Hackl-Kohlweiß die Roots Urban Villages GmbH, ein Co-Living-Konzept für die Stadt. Bei der Suche nach einer Wärmelösung für ein rund 20.000 Quadratmeter großes Areal stieß das Team auf ein grundsätzliches Problem: „Wir haben gemerkt, es gibt nichts. Entweder man geht auf Fossil oder auf Fernwärme, wo man extreme Preisabhängigkeit hat“, erinnert sich Stangl. 

(c) Nicky Webb

Den Ausschlag gab schließlich der russische Einmarsch in die Ukraine 2022. Die Energiepreise schossen nach oben, die Immobilienpreise nach unten – und damit verschob sich die Logik des gesamten Vorhabens. Erst in diesem Moment, so Stangl, sei dem Team das eigentliche Marktversagen aufgefallen – und damit der Moment gekommen, „all in“ zu gehen: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Das Team ließ das große Immobilienprojekt fallen, holte Energietechnik-Pionier Wieland Moser ins Gründer-Team, kaufte ein Gebäude als Forschungszentrum und entschied sich bewusst gegen frühes Investorenkapital: Ausschlaggebend war für Stangl der Zeitpunkt: Mit Kriegsbeginn sei die Stimmung unter Investoren schlecht gewesen, ein schneller Start mit hohem Tempo damals kaum finanzierbar. „Da haben wir gesagt, wir bootstrappen das.” 2023 wurde aus Roots Urban Villages die Roots Energy GmbH.

(c) Nicky Webb

Das Marktversagen: zwischen Fernwärme und Sackgasse

Warum es für dichte Städte bisher keine industrielle Wärmelösung gibt, lässt sich an drei Optionen festmachen, die alle nicht skalieren. Klassische Fernwärme erreicht nur profitable Kernzonen; bestehende Hochtemperatur-Netze (80 bis 135 Grad Vorlauf) sind faktisch nicht erweiterbar und verlieren über 30 Prozent ihrer Energie auf dem Transportweg. Wer dennoch ausbaut, riskiert hohe tote Investitionen, wenn die Anschlussquoten zu gering bleiben. Luftwärmepumpen und Heizcontainer wiederum scheitern im dichten Bestand an Platz, Schallschutz und Genehmigungen. Und individuell von Ingenieurbüros geplante Erdwärme-Anlagen funktionieren zwar technisch, bleiben aber teure Einzelstücke.

(c) Nicky Webb

Genau hier setzt die zentrale These vom „CapEx at Risk“ an. Das klassische Modell baut ein großes, zentrales Werk und steckt vorab viel Kapital hinein – in der Hoffnung, damit Tausende Haushalte zu versorgen. Bleiben die Anschlüsse aus, ist das Geld verloren. „Bei uns gibt’s dieses CapEx at Risk nicht“, sagt Stangl. „Die Energiequelle entsteht in diesen Netzen Schritt für Schritt.“ Statt eines Großkraftwerks liegen viele kleine Module vor; das System wächst mit der Nachfrage, nicht auf Verdacht.

Als Vorbild dient ausgerechnet Wien selbst. Nach den Ölpreisschocks Ende der 1970er-Jahre stellte die Stadt die dezentrale Ölheizung auf Gas um – und zwar, indem man günstig nur die Gasleitungen bis vor die Wohnungen legte. Ab da konnte jeder Haushalt frei entscheiden, wann er von Öl auf die überlegene Gastherme wechselt. „In weniger als einer Generation war das abgeschlossen“, erzählt Stangl. „Und wir machen genau das Gleiche.“ Roots verlegt schlanke, kostengünstige Soleleitungen – im Kern eine kalte Wasserleitung mit Alkohol-Wasser-Gemisch –, und jede Wohnung tauscht ihre Gastherme nach Bereitschaft gegen eine Soletherme.

(c) Nicky Webb

Komplexität von der Baustelle ins Werk

Technisch baut Roots auf sogenannter kalter Nahwärme – im Fachjargon 5th Generation District Heating and Cooling. Über die Soleleitungen wird Umgebungswärme aus Erdwärme, Grundwasser, Außenluft oder Abwasser vor Ort gewonnen und nahezu verlustfrei an die Gebäude geliefert. Die Plattform besteht aus drei Bausteinen: dem vorgefertigten Hydraulik- und Steuerungsmodul Roots·Hub, dem Betriebssystem Roots·OS, das das thermische Netz steuert, sowie standardisierten Kompressoren, die Wärme oder Kälte beim Endabnehmer erzeugen – inklusive der Option, im Sommer zu kühlen.

(c) Martin Holzner

Der Kerngedanke: Roots verlagert die Komplexität von der Baustelle ins Werk. Aus aufwändigen Sonderprojekten werden standardisierte, einfach einzusetzende Systemlösungen – und damit eine skalierbare Infrastruktur. Wichtig ist Stangl dabei die Abgrenzung – ein Punkt, mit dem das Unternehmen lange gerungen hat: „Wir liefern die Anlagensysteme, damit Firmen ihren Job machen können. Wir sind in keiner Konkurrenz.“ Roots sei weder Wärmepumpenfirma noch Projektierer, sondern Systemtechnik-Lieferant für Energieversorger, institutionelle Eigentümer und Contractors.

Markt mit hohem regulatorischem Druck

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Drei EU-Rechtsakte definieren bis 2040 das Ende fossiler Wärme im Gebäudebestand: Der EPBD-Recast schreibt den Ausstieg aus fossilen Heizkesseln bis 2040 vor, der EED-Recast verpflichtet jede Kommune ab 45.000 Einwohnern zu einem Wärmeplan, und ab 2028 greift mit ETS 2 eine CO₂-Bepreisung auf Gebäudewärme. Rund die Hälfte des EU-Endenergieverbrauchs entfällt auf Heizen und Kühlen – größtenteils noch fossil.

(c) Nicky Webb

Als Zielkunden hat Roots Energy Europas größte institutionelle Wohnungsanbieter im Blick. Allein die 30 größten kontrollieren nach eigener Auswertung ein Wärme-Dekarbonisierungs-Volumen von rund 65 Milliarden Euro – darunter die größten Bestandshalter aus Österreich und Deutschland. Gespräche zu ersten gemeinsamen Piloten sind in Vorbereitung.

Fünf Jahre bootstrapped, jetzt die erste Runde

Seit 2021 hat Roots Energy rund zehn Millionen Euro aus Eigen- ,Fördermitteln und geförderten Darlehen eingesetzt – je etwa fünf Millionen in Forschung und Produktentwicklung sowie in das 900 Quadratmeter große Forschungszentrum „Roots·House“ in Wien-Penzing, das der Klimafonds als „Leuchtturm der Wärmewende“ auszeichnete. Die Forschungsförderungsgesellschaft FFG steuerte 2,4 Millionen Euro bei. Das Patent ist erteilt.

Nun geht das Unternehmen erstmals an externes Kapital: Eine erste Finanzierungsrunde soll im dritten Quartal 2026 abgeschlossen werden. Gespräche laufen mit europäischen Fonds aus den Bereichen Klima-, Resilienz- und Industrietechnologie. Das Kapital fließt in technische Kundenbetreuung, den Ausbau des Vertriebs und die Serienproduktion. Operativ geführt wird Roots Energy von Hüseyin Özcelik und Katharina Steppan; Stangl verantwortet als Gründer das Fundraising.

Das erklärte Ziel: Die Wärmeversorgung europäischer Städte soll künftig industriell organisiert sein – so wie Strom oder Telekommunikation heute. Den Hebel dorthin sieht Stangl weniger im Klimaargument als in handfesten Vorteilen für die Bewohner. „Wir müssen das Narrativ ändern“, sagt er. „Klima zieht in der aktuellen politischen Lage bei den Menschen wenig – dafür stehen Resilienz, Unabhängigkeit und Wirtschaftlichkeit im Vordergrund.“


Mehr über Roots Energy könnt ihr auch hier erfahren.

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