13.07.2023

SP-Matznetter im Interview: Was bedeutet Bablers linker Kurs für Innovation und Startups?

Im brutkasten-Interview erklärt SPÖ-Wirtschaftssprecher, Christoph Matznetter, wie sich der deutlich linkere Kurs des neuen SPÖ-Chefs Andreas Babler auf Wirtschaft und Innovation auswirken könnte.
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SPÖ-Wirtschaftssprecher, Christoph Matznetter, erklärt, wie sich der Führungswechsel in der SPÖ auf Wirtschaft und Innovation in Österreich auswirken kann. © Parlamentsdirektion / PHOTO SIMONIS

Als Parteilinker gilt der frischgebackene SPÖ-Chef Andreas Babler als “echter Sozialdemokrat”, der sich vor allem für die “einfachen Leute” einsetzen möchte. Das wird auch in seinem Forderungsprogramm deutlich. Der 50-jährige Parteichef fordert sowohl die Einführung der 32-Stunden-Woche als auch die Einführung der Vermögenssteuer. Letztere versprach der Bürgermeister von Traiskirchen sogar zur Koalitionsbedingung zu machen. Greifen soll die “Millionärssteuer” ab einem Nettovermögen von einer Million Euro. Besteuert werden soll der Betrag, der über eine Million Euro hinausgeht. Die Einführung einer Vermögensteuer für Superreiche ist nicht nur ein Thema der SPÖ, sondern wird auch von Grünen-Chef Werner Kogler und dem Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) unterstützt.

Rund 50 Prozent des gesamten Nettovermögens in Österreich gehört nur einem Prozent der Bevölkerung – den Superreichen. Das geht aus Zahlen des ÖGB hervor. Um zu diesem einen Prozent zu gehören, brauche man ein Vermögen von mehr als 2,1 Millionen Euro. Es sei daher an der Zeit, dass auch die Superreichen ihren Beitrag zum Gemeinwohl leisten. Die Industriellenvereinigung (IV) zeigt sich über diese Forderungen äußerst verärgert und startet eine Gegeninitiative zur “Schnüffelsteuer”. Die Vermögenssteuer schaffe gläserne Bürger:innen und sei ein bürokratischer Albtraum, so die IV, die die Interessen der Unternehmer:innen in Österreich vertritt. Wie sich der Führungswechsel und der deutlich “linkere” Kurs in der SPÖ auf Wirtschaft und Innovation in Österreich auswirken kann, haben wir den Wirtschaftssprecher der SPÖ, Christoph Matznetter, im brutkasten-Interview gefragt. 

brutkasten: Die SPÖ unter Andreas Babler positioniert sich sehr links. Was bedeutet das jetzt für die Wirtschaftspolitik in Österreich?

Christoph Matznetter: Das bedeutet, dass einige bisher wenig diskutierte Themen, über die man normalerweise nicht sprechen darf, in den Vordergrund rücken. Beispielsweise rückt die Frage der Vermögensverteilung und der wirtschaftlichen Verhältnissen stärker in den Mittelpunkt. Es gibt eine zunehmende Konzentration von Vermögen und Gewinnen bei großen Konzernen, während viele Einpersonenunternehmen und Kleinbetriebe, die einen wichtigen Beitrag zur Versorgung mit Waren und Dienstleistungen leisten, vor großen Herausforderungen stehen. Bereits in der Covid-Zeit haben wir die unkontrollierte Vergabe von Fördermitteln kritisiert. Es gibt viele Fälle, in denen Großkonzerne trotz der Krise ihre Gewinne deutlich steigern konnten, oft mit Unterstützung von Steuergeldern, die von allen Bürgerinnen und Bürgern aufgebracht werden. Diese Diskussion wird nun weiter verschärft.

Viele empfinden die Forderung nach Erbschafts- und Vermögensbesteuerung als eine wirtschaftsfeindliche Maßnahme. Das ist völliger Unsinn, denn die meisten Wirtschaftstreibenden sind eher mit der Frage konfrontiert, wie sie ihre Schulden verwalten können, und verfügen nicht über Millionen- oder gar Milliardenvermögen. Wenn man Vermögensbesteuerung nur auf das internationale OECD-Niveau hebt, würde man Milliardenspielräume schaffen, um zum Beispiel die Arbeits- und Leistungsbesteuerung zu senken. Ein Programmierer, der Einkommensteuer zahlt, kriegt nur dann eine Reduktion der Einkommensteuer, wenn die Konzerne, die derzeit keine Steuern zahlen, einen Beitrag in Form von Körperschaftssteuer leisten und auch die Milliardenbesitzer ebenfalls einen Anteil beitragen. Nur in der Balance kann man die Struktur verbessern. 

Man hat auch den Eindruck, dass der alte Kampf Arbeitnehmer:innen gegen Arbeitgeber:innen wieder aufgewärmt wird. Ist das 2023 nicht ein Anachronismus?

Matznetter: Die Mehrheit der Menschen in unserem Land bestreiten ihren Lebensunterhalt durch ihre eigene Arbeit. Dies bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass sie Arbeitnehmer sind. Es gibt Hunderttausende von Menschen, die in prekären Situationen leben, aber formell keine Arbeitnehmer sind. Ein gutes Beispiel dafür sind die Tausenden von Menschen, die für die neuen Lieferdienste arbeiten. Sie sind üblicherweise nicht angestellt, haben keine Arbeitsrechte, keinen Anspruch auf Urlaub, keinen Anspruch auf Krankengeld und sind dennoch verpflichtet, in Uniform für einen Auftraggeber zu arbeiten. Sie befinden sich in Wirklichkeit in ähnlichen Situationen wie die Arbeitnehmer vor 100 Jahren. Deshalb ist es wichtig, diejenigen zu schützen, die in ihren Vertragsgestaltungen schwächer sind und weniger Macht haben, etwas durchzusetzen. Diejenigen, die bereits die Macht haben, müssen Einschränkungen hinnehmen. 

Wir haben ein gutes Kollektivvertragssystem, das von Wirtschaft und Gewerkschaften ausgehandelt ist. Aber immer mehr Menschen fallen aus diesem System heraus. Das System der Kollektivverträge erodiert, da viele in die Selbstständigkeit ausgelagert werden, was aber keine wirkliche Selbstständigkeit ist. In diesem Bereich, glaube ich, wird die SPÖ unter Andreas Babler stärker auf die soziale Sicherheit für kleine Unternehmer drängen. Es geht darum, dass diese Unternehmer, wenn sie scheitern und arbeitslos werden, nicht auf Sozialhilfe angewiesen sind. Sie sollen ein Krankengeld wie Arbeitnehmer erhalten und keinen Selbstbehalt beim Arzt zahlen müssen. Das sind nur einige der Anforderungen, die wir stellen. Diese gelten nicht für Arbeitnehmer, sondern für formal Selbstständige, die sich in Wirklichkeit in einer prekären Situation befinden.

Was ist das Angebot der SPÖ an Unternehmer:innen? Warum sollten sie rot wählen?

Matznetter: Das ist relativ einfach. Es stimmt, dass es Unternehmerinnen und Unternehmer gibt, die bei ÖVP und NEOS besser aufgehoben sind. Wir kennen zum Beispiel die Chatverläufe von Sigi Wolf mit dem Finanzministerium. Wenn du viele Millionen an Steuern zu zahlen hast und du möchtest zwei Millionen weniger zahlen, dann glaube ich, bist du bei der ÖVP besser aufgehoben. Auch wenn du ein Milliardenvermögen hast, also wenn du ein Milliardenerbe bist, dann bist du bei den NEOS besser aufgehoben. Milliardäre müssen woanders anklingeln, dieses Service haben wir nicht. 

Wer jeden Tag kämpfen muss, wer nicht weiß, wie er am Ende des Monats die Löhne zahlen soll, wie er am 15. eines jeden Monats die Steuern und Abgaben zahlen soll, oder wer Einzelunternehmer ist, der ist bei uns besser aufgehoben. Wir wollen ein gesichertes System, in dem auch die Schwächeren auch entsprechende Sicherheitsnetze und die Chance haben, ihre Ideen innovativ zu verwirklichen. 

Die Regierung hat im Mai das Startup-Förderungsgesetz in Begutachtung geschickt. Wie steht die SPÖ zu FlexKap und Co, die vom Startup-Komitee kritisiert wurde? Gibt es eine rote Startup-Strategie?

Matznetter: Wir brauchen in bestimmten Bereichen deutliche Erleichterungen, weil wir ein sehr altes und formalisiertes System haben. Insbesondere bei der Kapitalerhöhung von Gesellschaften mit beschränkter Haftung. Hier ist das System zu restriktiv und zu teuer für die Gesellschafter, vor allem was die Notargebühren betrifft. Wir befürworten Erleichterungen, damit Startups schneller wachsen können. Mein Vorschlag ist die Gründung einer Kommanditgesellschaft. Da ist man einfach flexibler, denn bei einer GmbH geht die Hälfte der Kapitalerhöhung allein für die Notarkosten drauf. Hier etwas zu ändern, wäre bestimmt gut.

Was ich bei der FlexKap nicht einsehen kann, ist, dass sich die Unterstützung nicht auf echte Startups mit bis zu zehn Mitarbeitern und einem Umsatz von zehn Millionen Euro fokussiert. Diese Unternehmen befinden sich in einer Phase, in der sie wenig oder gar kein Kapital haben und Unterstützung am dringendsten benötigen. Es erscheint uns nicht sinnvoll, Begünstigungen auf Unternehmen mit einem Umsatz von 40 Millionen Euro auszuweiten.

Unser Fokus liegt daher darin, jungen Menschen, die eine Idee haben, aber kein Startkapital, eine Chance zu geben. Wir müssen zu dem Zeitpunkt fördern und helfen, wo diese Startups aus dem Boden sprießen. Bei Förderungen wie Double Equity, wo Startups zwei Millionen brauchen, aber dafür erst eine Million sammeln müssen, um die zweite Million zu erhalten, hielten wir es für viel sinnvoller, wenn die ÖBAG hier als Risikokapitalgeber einsteigt, wenn die Geschäftsidee vielversprechend ist. 

Eine weitere große Forderung der SPÖ ist die Vermögenssteuer. Dazu eine konkrete Frage: Wenn ein Startup bei einer Finanzierungsrunde eine hohe Bewertung bekommt, muss der Gründer dann eine entsprechende Vermögenssteuer entrichten, auch wenn das Unternehmen vielleicht noch lange nicht in der Gewinnzone ist und er sich kaum Gehalt auszahlt?

Matznetter: Wir wollen in unseren Vermögenssteuerplänen relativ hohe Freibeträge vorsehen. Das bedeutet, dass das Nettovermögen bis zu einer Million Euro steuerfrei bleibt. Nur eine kleine Anzahl von Startups erreicht sehr schnell eine Bewertung von zehn oder gar hundert Millionen Euro. In diesen Fällen ist die Frage des ausgezahlten Gehalts nicht mehr wirklich relevant und es sollte erwartet werden, dass ein Teil für die Gemeinschaft geleistet wird. Wir möchten anderen Startups die Möglichkeit geben, ebenfalls erfolgreich zu sein. Daher denke ich, dass es akzeptabel ist, ein Startup mit einem Vermögenswert von beispielsweise fünf Millionen Euro, einige tausend Euro Steuern zahlen zu lassen. Wir brauchen Fairness in diesem Bereich.

Ein weiteres großes Thema ist aktuell die Vier-Tage-Woche, die auch von der SPÖ gefordert wird. Die WKÖ ist der Meinung, dass dies angesichts des Fachkräftemangels nicht umsetzbar ist. Kann die Vier-Tage-Woche laut SPÖ trotzdem umgesetzt werden?

Matznetter: Die Zunahme der Teilzeitbeschäftigung, die insbesondere Frauen betrifft, ist eine Herausforderung, die wir adressieren müssen. Frauen sollten die Möglichkeit haben, ihren Karrieren genauso nachzugehen wie Männer, um Altersarmut zu vermeiden. Dies erfordert eine vollständige Kinderbetreuung, wenn möglich kostenfrei. Eine Vier-Tage-Woche könnte diese Teilzeitbeschäftigung ersetzen, indem alle laut Kollektivveretrag ein paar Stunden weniger arbeiten und somit Frauen ermöglichen, Vollzeit zu arbeiten. Das wäre mir auch viel lieber. Die Forderung nach einer kürzeren Arbeitswoche ist nicht neu. Kritiker haben schon im 19. Jahrhundert behauptet, dass durch solche Veränderungen sowohl die Wirtschaft als auch die Gesellschaft zusammenbrechen würden. Man hat das trotzdem durchgesetzt.

Die letzte Arbeitszeitverkürzung liegt schon 50 Jahre zurück, sie fand in den 70er-Jahren statt. Die Geschichte zeigt, dass Wirtschaft und Gesellschaft gestärkt aus diesen Veränderungen hervorgegangen sind. Im Vergleich zu anderen Ländern in Westeuropa waren wir damals ein Wirtschaftswunderland, hatten in den 80er-Jahren sogar Deutschland überholt. Jetzt kann man sagen, dass die Arbeitszeitverkürzung eine Katastrophe für die Wirtschaft sein wird, aber durch die letzte Arbeitszeitverkürzung wurde Österreichs Wirtschaft zu einer der stärksten in Westeuropa, weil sie zu einer gewissen Effizienzsteigerung geführt hat. Die Verkürzung der Arbeitszeit wird auch ohne staatliches Eingreifen stattfinden, denn wenn man das nicht tut, dann schlägt im Kapitalismus die Marktwirtschaft zu. Allerdings können die Auswirkungen negativer sein und zu einer höheren Arbeitslosigkeit führen, als notwendig wäre. 

Das größte Digitalisierungsthema ist seit Monaten die Künstliche Intelligenz. Mit dem rasanten Wachstum in diesem Bereich werden viele gesellschaftspolitische Auswirkungen erwartet, vor allem durch Automatisierung. Wie soll der Staat damit umgehen?

Matznetter: Wir haben die sozialen Medien unreguliert wachsen lassen. Das hat dazu geführt, dass amerikanische Großkonzerne nun ihre 100 Milliarden Dollar damit verdienen. Jedoch haben wir die Auswirkungen auf Staat, Gesellschaft und Wirtschaft zu wenig beachtet und erst sehr spät – auch auf Drängen der SPÖ – mit Regulierungen begonnen. Das Beispiel Social Media hat an den Tag gelegt, dass mangelnde Kontrolle zu unerwünschten Folgen in der Gesellschaft führen kann. Daher ist es auch wichtig zu erkennen, dass Algorithmen Biases und Vorurteile verstärken können, wie es in Österreich durch den Versuch des Arbeitsmarktservice bewusst wurde. Das AMS wollte Algorithmen für die Arbeitsvermittlung einsetzen und die Bewerber nach den besten Erfolgsaussichten auswählen. Die Erkenntnis war, dass KI nur Männer für Führungspositionen bevorzugt hat. Diese Vorurteile waren in den Daten verankert und die KI hat die Muster aus der Vergangenheit reproduziert. Daher ist es dringend erforderlich, Regeln für den Umgang mit KI festzulegen. 

Darüber hinaus können KI-Algorithmen sowohl für die Nutzer als auch für die Programmierer selbst undurchschaubar sein. Es gibt Beispiele, bei denen ChatGPT in der höchsten Version unerklärliche Ergebnisse produziert und sogar Liebeserklärungen an Journalisten oder Hasskommentare generiert hat. Keiner weiß, wie sie zustande gekommen sind, weil das selbstadaptive Verhalten der Algorithmen den Weg zu diesem Ergebnis versperrt. Es gibt auch Beispiele wie das schreckliche SocialScoring in China. Um solche Szenarien zu verhindern, plädieren wir in der SPÖ dafür, dass Hersteller und Dienstleister auf europäischer Ebene eine ethische und rechtliche Verantwortung tragen. Nur so können wir sicherstellen, dass ethische Standards, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der KI-Branche gewährleistet werden. 

Wie sehen Sie die Rolle der Aus- und Weiterbildung in Bezug auf KI und Innovation? Müssen wir unsere Bildungssysteme anpassen, um auf diese Technologien vorzubereiten?

Matznetter: Wir werden eine Bildungsreform brauchen. Ich finde es vollkommen grenzgenial, dass wir Menschen immer noch mit Ziffernnoten bewerten. Diese Schüler sollen dann in der Lage sein, ein Problem sorgfältig zu beurteilen oder eine verbale Beurteilung eines anderen Menschen differenziert vorzunehmen. Sie lernen ja etwas ganz anderes. Ich fürchte, mit unserem jetzigen Bildungssystem werden wir das ohne radikale Reformen nicht schaffen. Vielleicht wäre es schon ein Fortschritt, wenn man Menschen wie Menschen behandeln würde.

Hat die SPÖ ein konkretes KI-Programm?

Matznetter: Wir sind gerade dabei, unser KI-Programm auszuarbeiten. Wir haben dazu mehrere Expertensitzungen im Parlament abgehalten und unsere Position zur KI-Regulierung auf EU-Ebene festgelegt. Unsere Abgeordneten im Europäischen Parlament sind dabei stark in die Ausarbeitung der KI-Regulierung involviert. In jenen Bereichen, wo unmittelbar die Interessen vieler Menschen betroffen sind, bleiben wir natürlich sehr kritisch. Die Gesamtstrategie ist und bleibt ein Work-in-Progress. Und nein, wir verwenden keine KI-Technologien, um unser Programm für Künstliche Intelligenz zu erstellen. Bei uns ist es nicht die KI selbst, die uns vorschlägt, wie wir sie regeln sollen. 

Vor wenigen Tagen wurde eine Startup Heatmap präsentiert, die zeigt, dass Österreich auf Platz 20 der beliebtesten Startup-Standorte abgerutscht ist. Auf den Plätzen eins und zwei liegen Berlin und London, vor Österreich liegen Malaga und Sofia. Woran liegt es, dass Österreich auf diesen Platz abgerutscht ist?

Matznetter: Ich kenne die Startup-Szene in Berlin sehr gut. Dort herrscht ein ganz tolles Surrounding, vor allem was die Co-Working Spaces betrifft. Auch was das Thema Zugang zu Investitionskapital betrifft, waren die großen Player in Deutschland mehr bereit als die Österreicher. In Österreich liegt das Problem auf der Investorenseite, weil wir eine sehr tradierte Bankenfinanzierung haben, die aufgrund ihrer gesamten Risikoanlage nicht für die Finanzierung von Startups geeignet ist. Man muss sich trauen, in mehrere Unternehmen zu investieren. Ein Startup schafft es, die anderen kann man abschreiben. Das mögen Banken nicht, da ständig hinterfragt wird, warum man Geld verliert. 

Auch auf der betrieblichen Seite ist es schwierig. Wir haben tolle Unternehmen in Österreich, die großteils Familienbetriebe sind. Für diese ist die Startup-Szene fremd und sie trauen sich nicht, dort einzusteigen, weil die Entscheidungsprozesse nicht ihren entsprechen. Wir haben in Österreich wahnsinnig kreative und junge Menschen mit tollen Ideen. Das Problem ist, dass sie sich fragen: “Wie komme ich an das erste Kapital?” Daher müssen wir versuchen, hier substitutiv zu handeln und diese Lage zu verbessern. Wir sollten auch die Strategie der Deutschen Telekom in Berlin umsetzen, indem beispielsweise die ÖBAG in Startups finanziert und ihnen den Start ermöglicht. Da müssen wir nachziehen. 

In welchen Bereichen sehen Sie in Österreich den dringendsten Digitalisierungsbedarf, wo muss dringend gehandelt werden? 

Matznetter: Ich wäre froh, wenn diese Regierung das macht, was frühere Regierungen gemacht haben. Nämlich dafür zu sorgen, dass Österreich im Bereich der Digitalisierungsinfrastruktur in den vordersten Plätzen ist. Wir waren in den 90er-Jahren unter den ersten drei Ländern, was die Anbindung ans Netz, Breitbandanbindung und andere Themen betrifft. In diesem Bereich sind wir zurückgefallen. Wir haben Regionen in Österreich, wo es schwierig ist, 20 Megabit zu bekommen, wenn überhaupt. Trotz Breitbandmilliarde. Wir haben jetzt viele Leerverrohrungen, aber es fehlen die Glasfaserkabel. Auch der drahtlose Ausbau eines 5G-Netzes ist bei den vielen Alpen und Bergen, die wir haben, herausfordernd. Deshalb müssen wir, was die Infrastruktur betrifft, stärker planerisch eingreifen. Das ist der eine Teil.

Das zweite Problem ist, dass wir eines der ersten Länder waren, die ein E-Government  ausgerollt haben, wie beispielsweise in der Finanzverwaltung mit FinanzOnline. Auch in diesem Bereich sind wir zurückgefallen. Jetzt haben wir endlich den jahrelang diskutierten digitalen Führerschein. Ich habe den auch auf meinem Handy. Das heißt aber nicht, dass ich den Zulassungsschein meines Autos nicht mitnehmen muss. Seit einem Jahr wird etwas versprochen und keiner kann erklären, warum man einen digitalen Führerschein, aber keinen digitalen Zulassungsschein haben kann. Das bleibt völlig rätselhaft. Das sind die Themen, die unseren Fortschritt behindern und da sollte auch die Politik in die Gänge kommen.

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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