18.06.2025
FTI

Spinoffs: Die noch schlummernde Standort-Superpower

Vom Labor direkt in den Venture-Modus: Mit Noctua Science Ventures will Philipp Stangl Österreichs Forschungstalent in globale Deep-Tech-Erfolge verwandeln. Im brutkasten-Interview verrät er, welche Hebel Forscher:innen, Politik und Unis jetzt umlegen müssen, damit heimische Spinoffs durchstarten.
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Philipp Stangl | Foto: Franziska Safranek

Dieses Interview erschien zuerst in der neuen Ausgabe des brutkasten-Printmagazins „Neue Welten“. Das Magazin wird exklusiv an die wichtigsten Stakeholder des österreichischen Innovations-Ecosystems zugestellt. Eine Möglichkeit zum Download findet sich am Ende des Artikels.


Philipp Stangl kennt beide Seiten des Spielfelds: Als Mitbegründer und CEO von Rebel Meat brachte er bis 2024 forschungsbasierte Food-Innovationen in die Supermarktregale, parallel dazu war er als Investor bei Speedinvest aktiv – Erfahrungen, die er nun in Noctua Science Ventures bündelt, einer gemeinsamen Tochter von Speedinvest und TU Wien. Seit März 2025 baut Stangl dort die Plattform auf und wird künftig gezielt in heimische Spinoffs investieren. Im Interview verrät er, welche Hürden Forschende bremsen, wie man sie aus dem Elfenbeinturm lockt und welche Stellschrauben Politik und Unis jetzt drehen müssen, damit Österreich im globalen Deep-Tech Wettbewerb stärker wird.


brutkasten: Welche ersten Schritte habt ihr bei Noctua gesetzt, seit ihr im März gestartet seid?

Philipp Stangl: Wir haben uns als neue Initiative etabliert. Im Prinzip haben wir zwei wesentliche Schritte gesetzt: Erstens haben wir mit einer Vielzahl von Universitäten und Forschungseinrichtungen Kontakt aufgenommen; insbesondere mit den Teams, die an Spinoffs arbeiten. Dabei wollten wir verstehen, welche Aktivitäten dort bereits laufen, welche Projekte entstehen und wo diese stehen, wenn sie ausgegründet werden. Auf diese Weise haben wir das gesamte Ökosystem kennengelernt und, wie ich meine, inzwischen ziemlich gut verstanden.

Zweitens haben wir in vielen sehr detaillierten Gesprächen herausgearbeitet, was die Teams tatsächlich brauchen. Wo liegen die typischen Hürden im Spinout-Prozess? Welche IP-Fragen stellen sich? Wie gelingt die Teamfindung, und wie bewältigt man die kulturelle Transformation, wenn eine Forschungsgruppe zum Unternehmen wird? Diese Themen sind extrem spannend, und wir haben sie jetzt so gut durchdrungen, dass wir das Wissen gezielt für unsere künftigen Aktivitäten nutzen können. Unser Ziel ist es, mit Herbst operativ zu werden.

Wie hat dich dein Weg von Rebel Meat und Speedinvest zu Noctua geführt?

Mich hat das Thema Pre-Seed-Investments schon immer begleitet. Bereits früh habe ich bei Speedinvest kleine Tickets platziert, etwa über die Speedinvest-Scouts. Gleichzeitig hat mich Deep Tech stets fasziniert. Rebel Meat begann ja als ausgesprochen technologielastiges Unternehmen: Gemeinsam mit meiner Co-Founderin Cornelia Habacher, einer Biotech-Gründerin, haben wir verschiedenste Deep-Tech-Ansätze geprüft. Später entwickelte sich Rebel Meat stark in Richtung Consumer Goods und hatte mit Deep Tech kaum noch zu tun, aber ursprünglich war es eine klare Tech-Gründung. Letzten Herbst kam Speedinvest auf mich zu und stellte mir das gemeinsame Projekt mit der TU vor. Das hat mich sofort begeistert, weil ich merkte: Hier kann ich meine beiden Leidenschaften, Pre-Seed-Investments und Deep Tech, perfekt zusammenführen.

Wie bewertest du das Innovationsumfeld in Österreich, speziell beim Thema Spinoffs?

Wir geben in Österreich nachweislich sehr viel Geld für Forschung aus – mehr als viele andere Länder, und darauf dürfen wir auch stolz sein. Schwierig wird es, wenn nur ein geringer Teil dieser Ergebnisse tatsächlich in wirtschaftliche Nutzung übergeht. Einiges läuft über klassische Industriekooperationen, aber der Weg über Ausgründungen ist in meinen Augen der vielversprechendste – und genau hier passiert noch viel zu wenig. Spinoffs können die Innovationskraft des Standorts massiv steigern, weil sie technologische Exzellenz mit Unternehmergeist verbinden. Diese Kombination ist eine echte Superpower. Natürlich bieten größere Strukturen mitunter stärkere Hebel, aber dort werden Forschungsergebnisse auch nicht immer optimal ausgerollt. Deshalb ist es entscheidend, die Spinoffs konsequent mitzudenken und aufzuholen. Es gibt strukturell keinen Grund, warum wir in Wien weniger Spinoffs haben sollten als in München. Fakt ist aber: Wir haben deutlich weniger. Das ließe sich lösen, wenn wir den Willen dazu aufbringen. Von heute auf morgen geht das nicht, aber wir können es schaffen.

Welche Hürden siehst du aktuell für Ausgründungen an Universitäten in Österreich?

Es gibt mehrere Gründe. Erstens fehlt vielen Forschenden überhaupt das Bewusstsein, dass eine Ausgründung eine echte Karriereoption ist. Zweitens bremsen teilweise die rechtlichen Rahmenbedingungen – etwa der IP-Transfer oder die Gestaltung von Dienstverträgen, damit eine Gründung überhaupt machbar wird. Und drittens geht es natürlich ums Kapital. Genau da wollen wir ansetzen: Wir bringen nicht nur Geld, sondern auch die internationale Perspektive von Speedinvest ein und können so hoffentlich einen spürbaren Beitrag leisten.

Das Team von Noctua Science Ventures (v.l.): Antonia Rinesch (Partnerships Lead), Philipp Stangl (Investment Lead) und Lukas Rippitsch (Portfolio Support Lead) | (c) Franziska Safranek

Worin unterscheidet sich ein Spinoff von einem klassischen Startup?

Startups haben ein klar definiertes Problem und suchen verschiedene Wege, es zu lösen; Spinoffs hingegen verfügen bereits über eine Technologie und müssen erst das passende Problem – sprich: den Markt – dafür finden. Das trifft natürlich nicht immer zu, zeigt aber die unterschiedliche Herangehensweise. Spinoffs sind selten von Beginn an kundenorientiert, sondern stark technikgetrieben. Gleichzeitig besitzen sie genau diese wertvolle Technologie – und darauf muss man als Investor besonders achten.

Hinzu kommt: Bei Spinoffs, genauer gesagt bei wissenschaftsbasierten Projekten, reden wir fast immer über längere Entwicklungszyklen und haben somit höheren Finanzierungsbedarf bis zur Marktreife. Eine einzige Finanzierungsrunde reicht nicht, um direkt mit Marktkennzahlen zu punkten. Stattdessen braucht es eine Roadmap: Welche technologischen Meilensteine muss ich erreichen, um die nächste Runde aufnehmen zu können? Klassische Startups werden an Wachstums-, Kunden- oder Marktexpansionszahlen gemessen; Spinoffs müssen erst ihre Tech Reife beweisen. Das ist ein komplett anderes Mindset – und wahrscheinlich der größte Unterschied.

Wie blickt ihr bei Noctua auf die IP­-Frage zwischen Universitäten und Spinoffs?

Aus Investorensicht bleibt die Frage nach dem geistigen Eigentum zentral: Liegt die IP beim Spin-off oder bei der Universität? Die Interessen prallen hier naturgemäß aufeinander. In Österreich spüren wir inzwischen ein breites Bewusstsein dafür, dass die Rahmenbedingungen gründerfreundlicher werden müssen – bei den Konditionen, aber auch bei den Zeitleisten, mit denen Verträge abgewickelt werden. Da ist teilweise noch Luft nach oben. Gleichzeitig ist auf Entscheiderebene angekommen, dass sich etwas bewegen muss. Entscheidend wird sein, den handelnden Personen ein unternehmerisches Mandat zu geben. Eine Lizenz bringt der Universität zwar planbare Cashflows, doch wenn sie ein Patent gegen Anteile ins Spin-off einbringt, verzichtet sie auf diese Sicherheit zugunsten einer potenziell großen Upside – nimmt aber auch das Risiko in Kauf, dass die IP im Insolvenzfall nicht mehr zurückfällt. Wer diesen Weg gehen will, braucht ein klares Risikoverständnis von oben, damit sich die Verantwortlichen trauen, solche unternehmerischen Deals abzuschließen. Am Ende ist das auch ein Kulturthema: Wie unternehmerisch möchten Universitäten überhaupt sein?

Gibt es ein ideales Modell für IP­Verwertung oder braucht es unterschiedliche Ansätze?

Ich möchte gar nicht das eine Modell herausheben – die Situation ist von Universität zu Universität verschieden, und das ist grundsätzlich in Ordnung. Wichtig ist, bei jedem Ansatz die Bedürfnisse des Startups und der Investor:innen im Blick zu behalten. Im Kern geht es darum, Cashflows in die Zukunft zu verlagern und dafür eine höhere Upside zu ermöglichen. Ob das über Lizenzen, direkte oder virtuelle Beteiligungen, Optionen oder andere Konstrukte geschieht, ist zweitrangig. Entscheidend ist, genügend Flexibilität einzubauen, sodass sich das Modell an die Entwicklung des Startups anpassen lässt. Was keinesfalls passieren darf: dass ein junges Unternehmen wegen hoher Lizenzraten oder eines teuren Patentkaufs in finanzielle Schwierigkeiten gerät. Das wäre der Worst Case – und den müssen wir unbedingt vermeiden.

Wie ist Noctuas Verhältnis zur TU Wien und zur neuen „Spin­off Factory“ – und auf welche Spinoffs fokussiert ihr euch?

Noctua Science Ventures ist eine gemeinsame Tochter von Speedinvest und der TU Wien. Mit der „Spin-off Factory“ sind wir organisatorisch nicht verzahnt, betrachten die Initiative aber als großen Gewinn: Die TU will gezielt mehr Ausgründungen hervorbringen, und genau da setzen auch wir an; perfekt für uns, wenn wir später in diese Spinoffs investieren oder sie anders unterstützen können! Unser Investmentfokus reicht zudem weit über die TU hinaus: Wir wollen Spinoffs aus ganz Österreich finanzieren – egal von welcher Universität oder Forschungseinrichtung –, bleiben dabei aber klar auf den Standort Österreich konzentriert.

Welche Erwartungen haben VC-­Fonds an Spinoffs – und wo liegen deren spezifische Vorteile?

Ein Venture-Capital-Fonds muss auch bei Spinoffs nach klassischer VC-Logik investieren. Heißt: Es braucht die Aussicht auf einen richtig großen Erfolg, den sprichwörtlichen Hundert-X-Return. Dieses Potenzial muss also auch ein Spinoff liefern. Gleichzeitig haben Spinoffs einen enormen Vorteil: Durch das wissenschaftlich fundierte geistige Eigentum gibt es einen Plan B. Sollte sich das Geschäftsmodell selbst nicht tragen, kann die Technologie immer noch in ein größeres Unternehmen überführt oder als IP-Asset verkauft werden. Bei klassischen Startups ist es oft eins oder null; ein Spinoff hat durch seine IP einen zusätzlichen Exit-Pfad, und den darf man nicht unterschätzen.

Die Politik will die Zahl der Spinoffs bis 2030 verdoppeln. Ist das realistisch – und was braucht es dafür?

Im Prinzip halte ich es für erreichbar, weil wir derzeit von einem relativ niedrigen Ausgangsniveau starten. Aber wichtiger als die reine Zahl ist die Qualität der Spinoffs. Entscheidend ist, dass wir die Rahmenbedingungen und die Finanzierungsmöglichkeiten verbessern. Ich verstehe, dass öffentlicher Budgetdruck besteht. Doch wenn gleichzeitig bei jenen Förderprogrammen gespart würde, die für Spinoffs essenziell sind, wäre das ein herber Schlag. Sobald Teams die Universität verlassen, müssen sie in der Regel weiter am Produkt arbeiten – und das läuft bei den allermeisten über öffentliche Förderungen. Werden diese Mittel gekürzt, trifft das die Spinoffs unmittelbar.



Noctua Science Ventures und „The Spinoff Factory“ der TU Wien sind Partner der neuen brutkasten-Serie From Science to Business. Die Serie beleuchtet den Technologie-Transfer von Wissenschaft und Forschung in die Wirtschaft, um durch effektiven Wissensaustausch Österreichs Wettbewerbsfähigkeit und nachhaltiges Wachstum zu stärken.

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Novus-Gründer und CEO René Renger mit dem Novus One
(c) Novus

Als brutkasten erstmals über Novus berichtete, war das Fahrzeug aus Braunschweig noch ein Projekt mit guter Anekdote: 75 Kilogramm leicht, Vollcarbonrahmen, Motor im Hinterrad, und ein Team, das eine Kaufanfrage von Elon Musk ausgeschlagen hatte. Inzwischen ist aus dem Prototyp ein Serienfahrzeug geworden. Jetzt gibt das 2019 gegründete Unternehmen von Gründer und CEO René Renger, einem ehemaligen Lead Designer bei Volkswagen, eine Finanzierungsrunde in Höhe eines zweistelligen Millionen-Dollar-Betrags bekannt. Angeführt wird sie von 468 Capital mit Sitz in Berlin und San Francisco. Die genaue Summe nennt Novus nicht.

Serienauslieferungen seit dem Frühjahr

Das Novus One im Stadtverkehr
Das Novus One im Stadtverkehr (c) Novus

Die Serienauslieferungen des Novus One in Europa starteten laut Aussendung im Frühjahr 2026, das Fahrzeug ist in mehreren europäischen Ländern in Kundenhand. Die Founders Edition startet bei 21.300 Euro netto. Das Fahrzeug wiegt 121 Kilogramm, beschleunigt in unter zwei Sekunden von 0 auf 50 km/h und erreicht bis zu 130 km/h. Die 6,2-kWh-Batterie bietet laut Hersteller 150 Kilometer Reichweite und lädt in 90 Minuten von 0 auf 80 Prozent.

Novus bezeichnet das Fahrzeug als „Lightbike“ und reklamiert damit eine eigene Kategorie, die die Vorteile von E-Bike, Roller und Motorrad kombinieren soll. Der eigentliche Kniff liegt in der Zulassung: Das Fahrzeug fährt in zwei per Software einstellbaren Leistungsstufen, als Rollerklasse L1e bis 45 km/h und als Motorradklasse L3e bis 130 km/h. In der Einstiegskonfiguration reicht in den USA und in Europa laut Novus ein Autoführerschein, wobei die Voraussetzungen je nach Land und in den USA je nach Bundesstaat variieren. Damit zielt das Unternehmen nach eigenen Angaben auf über 400 Millionen Autofahrer in Europa und Nordamerika statt auf die Nische des Zweiradmarkts.

„Unser Ziel ist nicht, den Motorradmarkt zu elektrifizieren oder nur ein weiteres Zweirad zu bauen. Unser Ziel ist, urbane Mobilität neu zu verteilen. Investoren dieses Kalibers an Bord zu haben, zeigt mir, dass der Markt das genauso sieht“, sagt Renger.

Vom Musk-Nein zum Tesla-Ingenieur an Bord

Das Shareholder-Ökosystem umfasst laut Novus über 30 Investoren. Mit an Bord ist Eric Bach, ehemaliger Chief Engineer bei Lucid Motors und Director of Engineering bei Tesla, der als Investor und Board Advisor an der Fahrzeugentwicklung mitwirkt. Zudem steigt Martin Hoffmann ein, der On vom Schweizer Startup zur globalen Premium-Performance-Marke skaliert und als CFO und Co-CEO an die Börse gebracht hat. Dazu kommen Gründer und Führungskräfte von Kembara VC, Adidas, Audi, BMW, Chrono24, FINN, Grover, Mercedes-AMG, New Balance, Vay und Xiaomi, Venture-Investoren aus dem Silicon Valley und Europa sowie Rennfahrerin Sophia Flörsch. Ein Zweiradhersteller findet sich unter den Gesellschaftern nicht.

„Wir haben uns nicht nach klassischen Mobilitätsinvestoren umgeschaut. Was wir aufgebaut haben, funktioniert eher wie ein eigener Y Combinator“, sagt Hannes A. H. Krieger, CSO und Gründungsmitglied von Novus.

USA 2027, Novus Two Ende 2027

Das frische Kapital soll in den Marktstart in den USA 2027, die Expansion in europäische Lifestyle-Metropolen und die Entwicklung des Novus Two fließen. Das zweite Modell soll die Lightbike-Kategorie zu einem niedrigeren Einstiegspreis in die Breite bringen, der Produktionsstart ist für Ende 2027 geplant.

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