29.03.2018

SPENDIT: 4 Mio. Euro Kapital für Gutschein-Startup hinter „Lunchit“

Das Münchner Startup SPENDIT macht mit seinem Gutschein-Modell "Lunchit" Sodexo und Accor Konkurrenz. In Österreich sei man der "am schnellsten wachsende Player". Wir sprachen mit Co-Founder und CEO Florian Gottschaller.
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SPENDIT: Die Co-Founder Florian Gottschaller und Ralph Meyer
(c) SPENDIT: Die Co-Founder Florian Gottschaller und Ralph Meyer

Prinzipiell ist das Modell des Münchner Startups SPENDIT AG nicht neu. Mit dem Gutschein-Modell „Lunchit“ können Arbeitgeber ihren Angestellten zusätzliche Benefits geben, die rechtlich als Sachleistung gelten und daher steuerlich begünstigt sind. Das Prinzip ist durch die globalen Platzhirsche Sodexo und Accor bekannt. Punkten will SPENDIT durch sein digitales, flexibles Modell. „Wir schielen nie auf das Rest-Guthaben der Mitarbeiter sondern berechnen ganz transparent eine monatliche Gebühr und sonst nichts“, erklärt Co-Founder und CEO Florian Gottschaller im Gespräch mit dem Brutkasten.

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Lufthansa und REWE Digital unter 3000 Firmenkunden

Auf die Frage, wie man es mit den etablierten Riesen aufnehmen will, antwortet der Gründer: „So wie Spotify es erfolgreich in der Musikindustrie geschafft hat: mit Innovation und Agilität. Wir drehen jeden Stein um und erreichen so die Kunden, die auf bessere, digitale Lösungen nur gewartet haben“. Und tatsächlich kann das 2014 gegründete Startup einige namhafte Kunden vorweisen: Lufthansa, REWE Digital und Porr sind drei der Aushängeschilder. Insgesamt zählt das 40-Mitarbeiter-Unternehmen mehr als 3000 Firmenkunden.

Schönes Mittagessen in Österreich „Teil der kulturellen DNA“

Eine Auslandsexpansion gab es bisher aber nur nach Österreich. Hier ist man seit zwei Jahren am Markt. „Meines Wissens nach sind wir der am stärksten wachsende Player hier. Für uns ist Österreich ein sehr spannender Markt, weil die Bedeutung eines schönen Mittagsessens Teil der kulturellen DNA ist“, sagt Gottschaller im Gespräch mit dem Brutkasten. Nun sollen weitere Expansionsschritte folgen. Dazu nahm SPENDIT weitere vier Millionen Euro an Kapital auf.

Archiv: Florian Gottschaller im Video-Interview:

Kombination aus Investment und Kredit

Nicht alles davon kommt in Form eines Investments. Einerseits haben die Bestandsinvestoren, darunter die Familie Reimann, und ein neuer Investor aus Südtirol, der nicht namentlich genannt wird, ihre Anteile erhöht. Andererseits vergibt die Deutsche Handelsbank einen Kredit an SPENDIT. Über die genaue Zusammensetzung der Summe gibt Gottschaller keine Auskunft.

„Genügend Platz“ für österreichische Spendit-Konkurrenz

Auch bei der Frage, wo die Expansion genau hingeht, bleibt der Gründer vage: „Wir haben Anfragen von einigen unserer großen Kunden, die ihren Mitarbeitern Lunchit auch in anderen Ländern anbieten wollen. Über eine derartige Anfrage sind wir vor zwei Jahren übrigens auch nach Österreich gekommen“. Die Konkurrenz hier vor Ort, etwa das Wiener Startup Paybon, das ein Gutschein-Modell über Smartphone anbietet, sieht man gelassen. „Der Markt – also Mitarbeiter, die Mittags Essen gehen – ist auch in Österreich so groß, dass genügend Platz ist für mehrere Player. Wir sehen vielmehr Vorteile von innovationsgetriebenem Wettbewerb: denn digitale Lösungen bieten nur Vorteile gegenüber analogen Lösungen und das über verschiedene Anbieter in den Markt zu transportieren, davon profitieren alle“, sagt Gottschaller diplomatisch.

Paybon-Co-Founder Richard Lutschounig ist übrigens beim Brutkasten Meetup #3 zum Thema DSGVO am Podium.

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Opening Fireside Chat bei der aIQon: Peter Allan (accilium) diskutierte mit Alexia Feick (Microsoft) und Paul Strunz (Wien Energie) über KI im Unternehmensalltag. (c) Zsolt Marton

Keine Charts, keine Keynotes, nur Dinge, die funktionieren. Mit dieser Regel eröffnete Peter Allan, AI Lead und Managing Partner bei accilium, am 22. Oktober die erste aIQon im 15. Stock des Juwel Wien. Das Format lehnt sich an Tech-Konferenzen an: Ein Team stellt ein Problem vor, zeigt live, was es dagegen gebaut hat, und erklärt, was es dabei gelernt hat. Allan nannte den Nachmittag ein Experiment. Wer Organisationen das Potenzial von KI vermitteln wolle, komme mit Folien nicht mehr weit, man müsse es zeigen.

Von der Beratung zum Bauen

accilium ist eine österreichische Strategie- und Managementberatung mit Sitz am Wiener Schubertring, die unter anderem für den öffentlichen Sektor arbeitet. Erst im September erhielt das Unternehmen den Zuschlag für einen Rahmenvertrag der Bundesbeschaffung GmbH (BBG) zur Digitalisierung der Verwaltung mit einem Volumen von bis zu 39 Millionen Euro.

Mit der aIQon zeigt accilium eine weitere Seite: Das Unternehmen hat heuer ein eigenes Team aus Forward Deployed Engineers aufgebaut, also Entwickler:innen, die direkt mit den Kunden arbeiten und Lösungen nicht nur konzipieren, sondern auch bauen. Die Rolle kommt aus der Software-Industrie und wird derzeit von führenden KI-Anbietern etabliert. Für eine Beratung heißt das: Strategie und Umsetzung aus einer Hand. Die gezeigten Agenten stammen alle aus diesem Team und laufen bei accilium selbst im Echtbetrieb.

(c) Zsolt Marton

Eine Kollegin, die alles mitliest

Aurelia ist ein eigenes Mitglied in einem Teams-Kanal. Sie hat ein eigenes Konto, liest Kanal, Postfach, Planner und Kalender eines Projekts mit und tut, was das Team ihr sagt. Im Szenario der Demo kehrt Projektleiterin Pia aus zwei Wochen Urlaub zurück und fragt Aurelia, was passiert ist. Statt Dutzende Nachrichten nachzulesen, bekommt sie in einer Antwort, was entschieden wurde und was für sie offen ist. Eine Kollegin ist krank: Aurelia findet deren fällige Aufgaben, schlägt Vertretungen vor und hängt die Aufgaben nach Pias Zustimmung im Planner um. Als die Kundin per Mail den Lenkungskreis vorziehen will, meldet sich Aurelia von selbst, weist darauf hin, dass eine Kollegin an dem Tag im Urlaub ist, und fragt nach, bevor sie den Termin verschiebt. Zum Jour fixe steht die Agenda in der Einladung, und eine Kollegin wird an ihren Kurzbericht erinnert.

(c) Zsolt Marton

Die Regeln dahinter sind klar: Aurelia liest alles mit, meldet sich von selbst aber nur dort, wo das Team es ihr aufgetragen hat. Planner und Kalender ändert sie erst nach einem Ja, Mails nach außen schickt sie nicht. Was sie darf, steht laut accilium im Code und nicht im Prompt. Die Regeln selbst gibt ihr das Team im Kanal, in ganz normalen Sätzen, so wie einer neuen Kollegin. Technisch läuft alles in einem Microsoft-Tenant auf Azure in der EU, das Sprachmodell in der EU-Datenzone.

Das wichtigste Learning kam aus dem eigenen Betrieb: Das richtige Maß ist für jedes Team ein anderes. Manche wollen täglich einen Status, andere jemanden, der im Hintergrund die Fäden zusammenhält und sich nur auf Nachfrage meldet. Deshalb lässt sich heute einstellen, wie proaktiv Aurelia ist. Und weil Teams einen Agenten als Kollegin wahrnehmen, gelte dasselbe wie bei jeder neuen Mitarbeiterin: Beide Seiten müssen sich aneinander gewöhnen.

Dasselbe Prinzip auf drei Ebenen

(c) Zsolt Marton

Zwei weitere Demos zeigten, dass der Ansatz auch jenseits des Projektteams funktioniert. „Linda Legal“ bündelt das Erfahrungswissen einer Rechtsabteilung und prüft direkt in Outlook Verträge gegen Richtlinie und Verhandlungsprotokoll. In der Demo entdeckte sie, dass in einem Paragrafen „jeweils“ statt des vereinbarten „zusammen“ stand, womit pro Wochenabruf 8.000 statt 4.000 Euro fällig geworden wären. Ihr Wissen liegt in lesbaren Dateien, die die Fachabteilung ohne IT selbst pflegt. „Erich Aigner“ wiederum ist ein persönlicher Assistent: Ein Berater erzählt ihm nach einem Kundentermin eine Minute lang, was zu tun ist, danach stehen Nachricht, Folgetermin und Mailentwürfe bereit. Gesendet wird nichts, das entscheidet der Mensch.

(c) Zsolt Marton

Drei Agenten, drei Ebenen: Team, Fachwissen, einzelne Person. Allen gemeinsam ist dasselbe Prinzip. Lesen, sortieren und vorbereiten tun die Agenten selbstständig, ändern und nach außen kommunizieren nur nach menschlicher Freigabe. Und diese Grenze ist technisch verankert, nicht bloß im Prompt versprochen.

Die Technik ist nicht der Engpass

Dass genau das die eigentliche Arbeit ist, zeigte auch der Opening Fireside Chat, in dem Peter Allan mit Alexia Feick und Paul Strunz über KI im Alltag, Top-down und Bottom-up in der Transformation und die Messbarkeit von KI-Projekten sprach. Strunz leitet das Digital Competence Center der Wien Energie, Feick war früher bei accilium und arbeitet heute im Customer Success bei Microsoft. Ihr gemeinsamer Befund: Die heutigen Modelle sind gut genug, der Hebel liegt in Prozessen, Governance und Befähigung. Feick riet, bei konkreten Pain Points anzusetzen statt bei dem Wunsch, „KI zu haben“. Der Output nach sechs Monaten solle eine veränderte Arbeitsweise mit messbarem Ergebnis sein, und lieber ein Use Case im crossfunktionalen Team als 30 kleine Proof-of-Concepts. Strunz ergänzte, dass Effizienzgewinne verpuffen, wenn die Prozesse dahinter nicht angepasst werden; bei der Wien Energie misst man unter anderem die Zahl aktiver Citizen Developer, eingesparte Stunden und eingespartes Geld.

(c) Zsolt Marton

Allan sieht in Agenten vor allem eine Wachstumschance: Es gebe unendlich viel Nachfrage nach Services, und wer es clever mache, nutze Agenten, um jeden einzelnen Job besser und kreativer zu machen. Bei accilium selbst sei keine Stelle durch KI ersetzt worden, wohl aber viel administrative Arbeit weggefallen. Intern begleitet das Unternehmen den Wandel mit einem eigenen Rhythmus: Jede Woche gibt es einen neuen „Build“ mit Skills, Tools und Trainings, wie bei einem Software-Unternehmen.

Alle Demos, Baupläne, Prompts und Skills stellt accilium offen zum Download bereit. Wer nicht dabei war, kann die Agenten also nachbauen. Auch das ist für eine Beratung ungewöhnlich und passt zum Anspruch des Formats: zeigen statt erklären.

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