30.08.2023

Space Sustainability: „Dort oben fliegen Satelliten von Elon Musk und ein Haufen Schrott“

Weltraumkrieg, All-Kapitalismus und Müll, der unsere Weltordnung bedroht: Das Wiener SpaceTech The Impressive Company macht in seinen Datenanalysen Unglaubliches sichtbar.
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Johanna
Johanna "Jojo" Kivalo und Nikodemus Wagner setzen sich für Nachhaltigkeit im Weltraum ein. Foto: (c) The Impressive Company

Im Büro von The Impressive Company in der Wiener Leopoldstadt sieht es aus, wie in einer Studenten-WG: Ausziehcouch, Schreibtisch und ein großer Fernsehbildschirm. Über dem Schreibtisch von CEO Nikodemus Wagner hängt ein Portrait von Jeff Ricketts. Der Kult-Schauspieler spielte in Star Trek Enterprise mit. In einem anderen Raum werden zwei russische Raumfahrtanzüge aufbewahrt.

Jeff Ricketts von Star Trek

In einem von The Impressive Company entwickelten Escape Game spielte Jeff Ricketts den Antagonisten. Die Raumanzüge sind Kostüme für Videos, die lange ihr Hauptgeschäft waren.

Der wichtigste Geschäftsbereich des 12-köpfigen Teams ist aber mittlerweile die Überwachung des Verkaufsaufkommens im Weltraum. „Das Weltraumprojekt hat inhaltlich die Firma komplett übernommen“, erzählt CEO Wagner. The Impressive Company macht Datenauswertungen und Visualisierungen von Dingen, die im Weltraum umherfliegen. Objekte, die unsere Leben stärker beeinflussen, als vielen bewusst ist.

Wollen wir eine Rakete raufschießen?

„Der Weltraum war immer ein Thema in sämtlichen Medien, die wir konsumiert, aber auch produziert haben“, erzählt CEO Wagner über die Weiterentwicklung seines Unternehmens zum SpaceTech.

Die Sehnsucht nach dem Weltall sei plötzlich stark geworden. Kurz entschlossen rief er seinen jetzigen Kooperationspartner Valentin Eder von Space Analyses an. „Valentin, ich möchte eine Rakete rauf schießen, bist du dabei?“, sagte er zu ihm. Eder erteilte ihm eine Abfuhr, er wollte nicht zur weiteren Vermüllung des Weltraums beitragen. „Damit hat unsere Radikalisierung begonnen, weil wir uns mit den Themen Weltraumschrott und Verkehr auseinandersetzen. Uns wurde ein Problem präsentiert, das einer Lösung bedarf“, erklärt Wagner den Ursprung des aktuellen Weltraumprojekts.

Videoproduktion in SpaceTech verwandelt

„Von der inhaltlichen Überschrift her ist unser Weltraumprojekt anders, von der technischen gar nicht so: Es ist ein System, wo Daten automatisiert verarbeitet werden“, so Wagner. „Software Automation im medialen Kontext ist der gemeinsame Nenner zwischen dem, was wir tun“, erklärt er. Zuvor automatisierten sie die Videoproduktion für B2B-Kund:innen. Jetzt machen sie eben automatisierte Datenanalysen über Verkehrsaufkommen im Weltall.

„Dort oben fliegen Satelliten, aber auch ein Haufen Schrott. Kaputte Satelliten und Raketenstufen, die Satelliten rauf bringen. Aber auch Trümmer von Dingen, die zusammengekracht und zersplittert sind“, erzählt Wagner.

Die Objekte, die um unsere Erde kreisen, werden immer mehr. Das zeigen ihre Analysen: „Wir sind wie die Google-Stauanzeige und sagen: In dem Bereich ist es rot oder gelb, da ist viel los, da ist es langsam“, erklärt Johanna „Jojo“ Kivalo. Die Systemprozess-Expertin leitet die technische Umsetzung des Weltraumprojektes.

Furcht vor Kettenreaktion

Mit dem Verkehr steige das Risiko von Kollisionen. „Das große Gefahrenszenario, vor dem wir uns fürchten, trägt den Namen Kessler-Syndrom. Das ist eine Kettenreaktion, die das alles gefährdet“, sagt Wagner. „Wenn zwei Satelliten zusammenkrachen, entstehen 10.000 Trümmer. Ein Teilchen hat die kinetische Energie eines Artilleriegeschosses. Das reicht für eine Kettenreaktion, die sämtliche Satelliten zerstört“.

Wie oft der Satellit Sentinel-5P während 33 Stunden beinahe mit anderen zusammenstößt, zeigt ein Video von The Impressive Company. Der Satellit gehört der ESA und dient der Beobachtung und Messung von Treibhausgasemissionen. Er ist ein wichtiges Tool, um die Auswirkungen der Klimakrise und die Veränderungen in der Atmosphäre zu überwachen.

Wohlstand, Waldbrände und Lieferketten

Satelliten sind wichtig. Wettervorhersagen, die über Schiff- und Luftfahrt entscheiden, sind davon abhängig. Ausfälle können Missernten, mit Dürren und Hungerkatastrophen zur Folge haben. Auch für die Bekämpfung von Waldbränden sind Satellitendaten wichtig.

„Der Wohlstand, den wir uns aufgebaut haben, basiert auf Services aus dem All“, meint Wagner. Denn der Ausfall von GPS habe einen Zusammenbruch der globalen Lieferketten zur Folge. „Man hat gesehen, was passiert, wenn ein einziges Schiff einen Kanal blockiert oder es in einem Hafen an der Westküste der USA zu wenig Leute gibt, die es entladen“, sagt Kivalo.

Das Problem sei, dass momentan im Weltraum alle machen, was sie wollen. Derzeit seien die Orbits, in denen unsere Satelliten und andere Dinge fliegen, unregulierter Raum. „Ähnlich wie der internationalen Schifffahrt gilt im All die Jurisdiktion des Landes, dem der Satellit gehört“, erklärt Kivalo. „Es ist wieder ein bisschen diese Tragedy of the Commons-Geschichte: Wenn sich alle zusammenreißen und einer nicht, hat der einen Vorteil“.

Wilder Weltraum: Musk gegen China

„Für die meisten aktiven Satelliten ist gerade Elon Musk zuständig. Und will Elon Musk Regulierungen? Fuck no“, meint Wagner. Tatsächlich zeigen die Dashboards von The Impressive Company deutlich, dass die Starlink-Satelliten in den letzten Jahren immer mehr wurden. Aber nicht nur die.

„Bei der Regulierungsfrage gibt es verschiedene Gruppen, die diametrale Interessen haben. Elon Musk gegen China. Etwa auf dieser Ebene spielt sich das ab. Natürlich werden die Amerikaner keine Regulierungen beschließen, von denen die Chinesen auch profitieren“, meint Wagner.

Herzlich willkommen im Weltraumkrieg.

Nikodemus Wagner

Kivalo und Wagner schauen aber genau hin, wer sich im Weltraum benimmt und wer nicht. Eine Spitze in ihrer Datenvisualisierung zeigt, dass Anfang 2022 etwas passiert ist. „Herzlich willkommen im Weltraumkrieg. Das ist der russische Antisatelliten-Waffen-Test“, kommentiert Wagner diese Auffälligkeit. Ein paar Monate nach dem Kriegsbeginn hätten die Russen einen eigenen Satelliten abgeschossen. „Dessen Trümmer-Teile haben im All für Furore gesorgt“, sagt er. Die Trümmer hätten sich nach und nach verteilt. „Das ist unser Business-Case: In den Nachrichten wird berichtet, dass die Russen einen Satelliten abgeschossen haben. Der Satellitenbetreiber will dann wissen, wie das seine Satelliten beeinflusst“, erklärt Wagner. The Impressive Company stellt dann Analysen bereit.

Eine weitere Auffälligkeit im Diagramm zeigt, dass Starlink zu einem gewissen Zeitpunkt Anfang 2023 etwas an seiner Konstellation verändert hat. „Wir wissen nicht was. Wir sehen aber, dass die Begegnungen von Starlink mehr und mehr werden – relativ steady bis zum Jänner. Und auf einmal gehen die Begegnungen von Starlink mit anderen Satelliten wieder runter“, so Wagner. „Die Daten erzählen, dass etwas passiert ist. Eine Reaktion auf eine Situation oder ein Versuch. Die Konstellation wird jedenfalls aktiv geändert, es gibt aber keine öffentlichen Statements dazu.“

Elon Musk okkupiert das Weltall

„Es ist nicht so, dass Starlink der Villian ist. Aber dadurch, dass Starlink so viele Satelliten hat, ist es ist einfach ein gutes Anschauungsbeispiel. Andere Betreiber wären auch gern dort und bei denen würde das genauso ausschauen. Aus irgendeinem Grund hat der Musk es aber schneller hingekriegt“, meint Kivalo. Mittlerweile gebe es so viele Starlink-Satelliten, dass andere kaum mehr Platz hätten. „Die chinesische Regierung sagt, die Amerikaner haben hier einen hochrelevanten Orbit für die Versorgung der Erde mit Internet mit ihrem System okkupiert. Die Chinesen haben dort keinen Platz, kein eigenes Satelliten-Internet aufzubauen“, fügt Wagner hinzu.

Egal ob Elon Musk oder die Russen – sie und die Entwicklungen im Weltall beobachten Wagner und Kivalo in ihrem Office in der Wiener Leopoldstadt genau.

EU als Auftraggeber

Die Datenanalysen und -Visualisierungen von Impressive Company erzählen viele neue Geschichten über die Machtverhältnisse im Weltraum. Die Mächte, die sich hier gegenüberstehen, sind die gleichen wie auf der Erde. Aber wo ist eigentlich die EU im Weltall und was macht The Impressive Company zu einem Zukunftsunternehmen?

„Irgendwelche Milliardäre stellen Behauptungen auf und wir sagen: Nein, das stimmt nicht, du Arschloch“, sagt Wagner scherzhaft. Er und seine Teamkolleg:innen nennen sich selbst Aktivist:innen, weil sie sich gemeinsam mit der EU für mehr Regulierung im All einsetzen möchten. „Wir wollen, dass die Arschlöcher belangbar sind“, meint Wagner.

Finanziert wurde das Weltraumprojekt bisher über die FFG mit Fördermitteln der European Space Agency (ESA). „Im Rahmen des Auftrags, sollten wir ein Daten-Tool für die europäischen Institutionen entwickeln“, erklärt Wagner. „Weil man nur etwas regulieren kann, wenn man es messen kann. Sonst kann man keine Gesetze schreiben“, ergänzt Kivalo. The Impressive Company will die Informationen bereitstellen. Wenn erst die Regulatoren ihre Daten verwenden, würden die Satellitenbetreiber später nachziehen, glauben sie.

Gegründet wurde The Impressive Company 2020 von Wagner. Ihre Analysen liefern sie an EU-Einrichtungen. Die Daten stammen aus verschiedenen Quellen.

Umweltschutz im Weltraum

Nicht ohne Grund bezeichnen sich Wagner und Kivalo als „Radikale“ oder „Aktivisten“. Ihr wichtigstes Stichwort lautet: „Space Sustainability“, Nachhaltigkeit im Weltraum.

Das sei aber nicht immer einfach zu vermitteln. „Zusammenräumen ist im Weltall extrem schwierig. Die Dinger sind so schnell. Man kann sie nicht einfach einfangen, das ist, als ob man mit so einem Schmetterslingnetz eine Gewehrkugel einfangen will“, so Kivalo. „Es ist ein Umweltschutzthema. Das Machtgefälle zwischen denen, die den Dreck verursachen und denen, die das verhindern oder aufräumen wollen, ist einfach riesig. Die Daten sind deswegen so wichtig, weil du damit überhaupt erst die Grundlage für Regulatorien schaffst“, so Kivalo.

Warum heißt das Unternehmen eigentlich The Impressive Company? Die Namensfindung sei der introvertierten Natur der Mitarbeiter:innen geschuldet, erzählt der Gründer: „Das war eine ganz bewusste Entscheidung, mit Stolz aufzutreten“, so Wagner.

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Die Stadtwerke Klagenfurt versorgen die Region unter anderem mit Strom, Gas, Fernwärme, Wasser und verantworten den öffentlichen Personennahverkehr. © Stadtwerke Klagenfurt

Ob E-Mails, vertrauliche Kunden-Dokumente oder interne Richtlinien: Viele österreichische Unternehmen haben verstanden, dass der Einsatz von künstlicher Intelligenz unausweichlich wird, stehen allerdings vor der Herausforderung, KI sicher in die eigenen Arbeitsabläufe zu integrieren. Bei den Stadtwerken Klagenfurt entschied man sich bewusst gegen Standard-Lizenzen externer US-Hyperscaler und entwickelte stattdessen eine maßgeschneiderte Inhouse-Lösung: den „Stadtwerke GPT“, auch liebevoll „Susi-Sorglos“ genannt.

Die Vision: Ein DSGVO-konformer „Büro-Buddy“

Das Hauptziel war von Beginn an klar definiert: eine sichere Umgebung zu schaffen, in der Mitarbeiter:innen Bedenken bezüglich des Datenschutzes komplett ausräumen können. „Wir wollten unseren Mitarbeitern einen souveränen, DSGVO-konformen Chatbot anbieten, den sie komplett bedenkenlos nutzen können, wo sie personenbezogene Daten von Kunden reinkopieren und vertrauliche Dokumente hochladen können“, erklärt Peter Weratschnig, IT-Bereichsleiter der Stadtwerke Klagenfurt.

Neben der Chatbot-Funktion dient die KI als intelligenter „Büro-Buddy“. Über ein Retrieval-Augmented-Generation-System (RAG) wurden ca. 2.000 Seiten an internen Dokumenten, von Konzernrichtlinien bis hin zu IT-Anleitungen, eingebunden, um Fragen zu regulatorischen Vorgaben oder Systembedienungen direkt zu beantworten.

Der Gamechanger: Die Austria Wirtschaftsservice (aws)-Förderung

Das Projekt hat man nicht alleine umgesetzt, sondern entstand durch den Kontakt mit dem Wiener KI-Startup BReact, das 2022 von Raphael Fakhir und Nemanja Klincov gegründet wurde. Der entscheidende Impuls für die Realisierung lag in der Förderlandschaft. Denn das finanzielle Gesamtinvestment bewegte sich im fast sechsstelligen Bereich, erklärte Weratschnig im Interview.

Hier kam die IÖB-Toolbox-Förderung der Austria Wirtschaftsservice (aws) als entscheidender Beschleuniger ins Spiel. „Ohne diese Förderung hätten wir es nicht gemacht“, betont Weratschnig rückblickend. Die Förderung reduzierte das finanzielle Risiko für die Stadtwerke entscheidend und machte den Weg frei für die gemeinsame Entwicklung mit dem Startup.

Das Förderungsprogramm aws IÖB-Toolbox richtet sich an öffentliche Beschaffer und hat den Zweck, die Planung und Umsetzung von IÖB-Challenges als innovativem Instrument der Markterkundung, juristische und/oder technische Expertise für die Erstellung von Unterlagen für eine geplante Ausschreibung (Modul Prepare), sowie die Durchführung von innovativen Beschaffungen (Modul Transfer) zu ermöglichen. Damit sollen Anreize für eine verstärkte Innovationsnachfrage durch den öffentlichen Sektor gesetzt werden, insbesondere für Vorhaben mit positiven Beiträgen in den Bereichen Nachhaltigkeit und Digitalisierung.

Europäische KI-Architektur On-Premise

Auch technisch setzten die Partner auf digitale Souveränität: Als Sprachmodell dient ein Modell des französischen KI-Unternehmens Mistral, das Mitte des Jahres auch das Linzer Startup EmmiAI kaufte. Die Datenhaltung erfolgt laut Weratschnig ausschließlich On-Premise in eigenen IT-Systemen. Lediglich die reine GPU-Rechenleistung wird bei einem italienischen Anbieter angemietet. „Sobald das Modell nachdenkt, tut es das in dieser Infrastruktur ohne persistente Datenspeicherung. Danach sind keine Datenspuren außerhalb unseres IT-Systems zu finden“, erklärt der IT-Bereichsleiter. Das Resultat ist der angestrebte „Susi Sorglos“-Bot für den internen Arbeitsalltag.

Große Begehrlichkeiten & wertvolle Erkenntnisse

Nach der schrittweisen Bereitstellung als internes Web-Service stieß das Tool auf enormes Interesse in den Fachbereichen. Neben Fachfragen zu Richtlinien entstehen bereits Ideen für eigene Teil-Wissensdatenbanken oder interaktive Schulungsassistenten.

Gleichzeitig liefert das Projekt wertvolle Erkenntnisse für künftige KI-Initiativen. „Der Benefit aus unseren Lessons Learned ist fast ebenso hoch einzustufen wie das Tool an sich“, fasst Weratschnig zusammen. Seine zentralen Ratschläge an andere Unternehmen: Von Beginn an die eigene IT-Architektur und Lieferkette der Dienstleister genau prüfen sowie die Qualität der zugrundeliegenden Analog-Dokumente gründlich analysieren.


Disclaimer: Dieser Artikel ist im Rahmen einer Medienbeauftragung mit der Austria Wirtschaftsservice (aws) entstanden.

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