13.12.2021

So treibt Europa die „Dezentrale Digitale Identität“ voran

In einem Gastbeitrag analysiert Blockchain-Experte Andreas Freitag, wie "Self Sovereign Identity" die Kontrolle über persönliche Daten neu verteilt.
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Andreas Freitag schreibt über
Andreas Freitag schreibt über "Dezentrale Digitale Identitäten" © beigestellt/Montage

Was sind Dezentrale Digitale Identitäten?

Die eigene Identität und der Schutz von dieser und der eigenen Daten wird wichtiger. Die Bevölkerung und die Regierungen wollen sich nicht weiter den Internetgiganten ausliefern. Im Falle der sozialen Medien haben wir in den letzten Jahren gesehen, wohin das führen kann.

Das Konzept Dezentraler Digitaler Identitäten, im englischen Self Sovereign Identity (SSI), hat in den letzten Jahren immer mehr Aufmerksamkeit erhalten. Dezentral meint in diesem Fall, dass Daten über die Person unter der Kontrolle der Person sind und bei der Person gespeichert sind. Im Normalfall im Smartphone, in einer sogenannten wallet. In SSI Systemen kann eine Blockchain verwendet werden, muss aber nicht. Dies ist wichtig, da das Thema SSI sehr oft mit Blockchain gleichgesetzt wird. 

„SSI ≠ Blockchain“

In derzeitigen Identitätssystemen liegen die Daten zentral auf einem Server. Diese zentrale Stelle oder Identitätsanbieter hat die Kontrolle über die Daten und weiß was wir mit ihnen machen.

Das dezentrale Konzept ist für Europa besonders interessant, um ein Gegenmodell zu dem chinesischen Modell, der Staat kontrolliert die Daten, und amerikanischen Modell, die Unternehmen kontrollieren die Daten, zu entwickeln.

Eigentlich sollten wir, wie in der physischen Welt, unsere Daten kontrollieren.

Wie funktioniert SSI? 

Das Prinzip ist einfach. Es gibt 3 Rollen. Ein Aussteller, einen Besitzer und einen Prüfer. 

Der Aussteller signiert Daten und übergibt sie dem Besitzer. 

Der Besitzer speichert diese bei sich in seiner wallet. Muss er sie bei einem Prüfer vorweisen, schickt er die Daten, oder nur Auszüge oder im Extremfall nur einen Beweis das er die Daten hat zum Prüfer. 

Der Prüfer kann die Daten kryptographisch prüfen. 

Oft wird vom Vertrauensdreieck gesprochen, wie in der unteren Grafik dargestellt.

Eine Plattform für alle?

Eine SSI Implementierung ist mehr als eine Applikation, es stellt eine digitale öffentliche Infrastruktur dar, die jeder mit sehr niedrigen Einstiegshürden nützen kann. Jedes Dokument in Papierform kann als sogenanntes credential ausgestellt und in einer wallet gespeichert und verwendet werden. Der Sportverein kann Mitgliedskarten digital ausstellen, Mobilitätsdienstleister ihre Tickets und Vorteilskarten, Ärzte Rechnungen, die man sofort an die Versicherung weiterleiten kann, usw. die Beispiele sind unendlich.

Mehrere credentials, oder nur einzelne Daten davon, können kombiniert und digital verarbeitet werden. Prüfer haben den Vorteil, dass die Echtheit automatisch mittels Kryptographie kontrolliert werden kann.

Behörden und Bezahlsysteme, der Schlüssel zum Erfolg.

Um SSI erfolgreich zu machen, braucht es Anwendungen, die für einen großen Teil der Bevölkerung relevant sind. Das kann zum einen durch Behörden erfolgen, die auf Basis von SSI Technologie Dokumente wie einen Führerschein, Reisepass oder Personalausweis ausstellen. Diese hoheitlichen Identitätsdokumente sind die Basis für unzählige Anwendungen in unserem täglichen Leben. Stehen diese in einer digitalen Form zur Verfügung kann man physische Prozesse digital abbilden, vereinfachen und beschleunigen. Derzeitige Studien gehen von einem Potential von 3-4% des BIPs aus. 

Ein zweiter Anwendungsfall sind Bezahlsysteme. Jeder von uns nutzt fast täglich seine Plastikkarten und neuerdings auch sein Smartphone. Bezahlsysteme kombinitert mit einer SSI wallet, könnten so gestaltet werden, dass außer der Bank und der Empfänger kein anderer Wissen über die Transaktion erhält.

Interoperabilität unter den Anbietern und wann ist es so weit?

Ein Ziel von SSI ist Interoperabilität, das heißt, es soll egal sein welche SSI Software benutzt wird. Die Komponenten sollen miteinander kommunizieren können, ähnlich wie bei E-Mail. Dies erfordert Abstimmungs- und Diskussionsaufwand damit sich alle auf einen gemeinsamen Standard einigen. 

Zurzeit wird an einem gemeinsamen Protokollfamilie gearbeitet, die die Probleme der ersten Generation löst und offen für alle gestaltet ist. Ich gehe davon aus, dass ab Ende 2022 erste Implementierungen verfügbar sind, die für einen Produktiveinsatz geeignet sind. Auch Jolocom verfolgt diesen Zeitplan.

Dezentrale Digitale Identität: Was tut sich in Europa?

Deutschland:

In Deutschland wurden vom BMWi (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie) vier Projekte, die sogenannten Schaufensterprojekte Digitale Identitäten, gestartet. Die Projekte haben eine Laufzeit von 2-3 Jahren, umfassen ca. 100 Partner und haben ein Fördervolumen von ~60 Mio.€, was einem Investitionsvolumen von ~100 Mio € entspricht.

Im Bundeskanzleramt wurde im letzten Jahr ein weiteres Pilotprojekt im Bereich SSI gestartet. Das Pilotprojekt wurde vor der Wahl in Deutschland überhastet ausgerollt, Stichwort ID-wallet.

Schweiz:

In der Schweiz gab es zu Beginn 2021 eine Volksabstimmung über das e-ID Gesetz. Die Bevölkerung hat sich gegen eine Ausstellung von eIDs von privaten Firmen stellvertretend für den Staat ausgesprochen. Auf Basis der Volksabstimmung und einer öffentlichen Konsultation wurde ein „Zielbild E-ID“ vom Bundesamt für Justiz erstellt. In den nächsten 1-2 Jahren wird darauf aufbauend ein neuer Gesetzesentwurf erstellt. Das Zielbild beschreibt, wie wichtig das Thema Datenschutz ist und orientiert sich sehr stark an den Prinzipien einer SSI Architektur. Die Chancen stehen gut, dass die Schweiz auf die SSI Prinzipien setzen wird.

Europa:

In Europa wurde auf Basis der derzeitigen eIDAS Regulierung ein neuer Vorschlag, eIDAS 2, erstellt. Dieser beinhaltet sehr viele Aspekte von SSI. Konkreteres wird in ca. einem Jahr vorliegen.

Über den Autor

Andreas Freitag arbeitet seit mehr als 15 Jahre in der Beratung. 2015 hat ihn die Blockchaintechnologie in seinen Bann gezogen. Seitdem konnte er umfangreiche Erfahrungen sammeln und begleitetet internationale Projekte im Finanz-, Öffentlichen-, Logistik- und Energiebereich.
In den letzten Jahren hat er sich auf Dezentrale Digitale Identitäten (SSI)spezialisiert.

Bei Jolocom verantwortet Andreas den Beratungsbereich und bringt seine Expertise in der Produktentwicklung mit ein.

Über Jolocom

Jolocom wurde 2014 in Berlin gegründet. Wir sind auf das Thema Dezentrale Digitale Identitäten spezialisiert. Unser Werte sind Datenschutz, Interoperabilität und Transparenz. Unser Leitspruch lautet “Own your digital self“.  Damit unsere Werte bestand haben sind diese rechtlich verankert. Wir sind eine purpose-company und nicht dem Druck von externen Investoren ausgesetzt.

Zurzeit arbeiten 15 MitarbeiterInnen an Self Sovereign Identity (SSI) Software und Produkten und wir stellen unsere Expertise in Beratungsprojekten zur Verfügung. 

In den letzten Jahren waren wir an dutzenden nationalen und internationalen SSI Projekten beteiligt. Unter anderem sind wir zurzeit in einer der größten globalen SSI Initiativen, „Schaufenster Digitale Identitäten“, als technischer Partner beteiligt und in Standardisierungsgremien (DIF, W3C, etc.) aktiv. Darüber hinaus arbeiten wir an einer neuen Version unserer SSI Produkte. Diese werden Ende 2022 für den Einsatz verfügbar sein.
Wir erweitern unser Team und suchen in den Bereichen DevOps, Project Management, Scrum Master, Product Owner, Product Manager, (Junior) Developer Front und Backend und UI/UX Design nach Verstärkung. Wenn dich das Thema SSI interessiert melde dich bei uns unter [email protected]

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Von 24. August bis 4. September findet das European Forum Alpbach unter dem Jahresthema "How Europe Wins" statt. © Luiza Puiu / EFA

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


„How Europe Wins“ lautet heuer das Jahresthema des European Forum Alpbach. Gesucht werden die Antworten dort traditionell im Austausch über Generationen, Fachrichtungen und Grenzen hinweg. Genau das hat brutkasten zum Anlass genommen und zwei Perspektiven zusammengeführt, die im Security Committee des Forums aufeinandertreffen: Antonella Mei-Pochtler, Vizepräsidentin des Forums, ist internationale Beraterin, Investorin und Mitglied mehrerer Aufsichtsräte; davor leitete sie die Strategieeinheit im Bundeskanzleramt. Franz-Stefan Gady analysiert als Associate Fellow am International Institute for Strategic Studies moderne Kriegsführung, berät Unternehmen und stellt selbst Risikokapital bereit. Er ist Autor des Buchs „Die Rückkehr des Krieges“.

Mei-Pochtler sagt, Europa habe kein Ressourcenproblem, sondern ein Übersetzungsproblem; Gady sieht die Lücke zwischen dem, was finanziert wird, und dem, was Streitkräfte tatsächlich brauchen. Ein Gespräch über eine Beschaffung der zwei Geschwindigkeiten, die Grenzen des ukrainischen Vorbilds und darüber, warum mehr Verteidigungsfähigkeit paradoxerweise weniger Europa bedeuten könnte.

brutkasten: Herr Gady, Ihr Buch „Die Rückkehr des Krieges“ hat die These, dass Europa lernen muss, mit Krieg umzugehen. Haben wir das seit 2022 gelernt?

Franz-Stefan Gady: Wir haben viel Fortschritt gemacht, aber es gibt nach wie vor großen Nachholbedarf. Ich spreche hier davon, dass der Friede nur durch die Androhung militärischer Gewalt abgesichert werden kann. Das nennt man Abschreckung. Es geht also darum, ein glaubwürdiges Abschreckungspotenzial gegenüber dem potenziellen Hauptaggressor Russland aufzubauen. Hierzu muss den Russen vermittelt werden, dass europäische Länder im Ernstfall gewillt sind, militärische Macht einzusetzen.

Franz-Stefan Gady ist unter anderem Associate Fellow am International Institute for Strategic Studies. © Katharina Zimmermann

Gilt der Nachholbedarf auch für die Finanzierung?

Gady: Teilweise. Ab den größeren Runden kommt das Kapital oft aus den Vereinigten Staaten. Ich muss allerdings sagen, dass dort teilweise eine Goldgräberstimmung herrscht. Als Militäranalyst, aber auch als jemand, der Unternehmen berät und teilweise selbst Unternehmen Risikokapital bereitstellt, sehe ich eine große Lücke zwischen der Streitkräfteebene und der Investorenebene. Oft ist gar nicht klar, warum gewisse Produkte überhaupt auf den Markt kommen, weil es aufseiten der Streitkräfte keinen direkten Bedarf gibt oder der Markt übersättigt ist. Mein Appell an alle Gründer: Reden Sie bitte mit der Truppe und identifizieren Sie ein klares militärisches Problem, das Sie lösen wollen!

Woran liegt das?

Gady: Was nicht funktionieren wird, ist, bei Defence Tech eins zu eins zu übernehmen, was in anderen Tech-Sektoren funktioniert hat. Es wird letztlich immer nur einen oder zwei Regierungskunden geben. Die Bewertung eines Unternehmens sagt nichts darüber aus, was es tatsächlich für das Militär leisten kann. Gleichzeitig braucht es aber ein Umdenken auf der militärischen Seite; weg von 100-Prozent-Lösungen zu 60- bis 80-Prozent-Lösungen – also ein Minimal-Viable-Product-Ansatz. Wir müssen uns in den Streitkräften und Beschaffungsämtern klar sein, dass wir kein perfektes Produkt mehr bekommen werden. Bei Drohnen oder in der unbemannten Kriegsführung im Allgemeinen wird das nicht möglich sein.

Frau Mei-Pochtler, gibt es genug Kapital?

Antonella Mei-Pochtler: Europa hat überhaupt kein Ressourcenproblem. Ich bin im Verwaltungsrat der UnternehmerTUM Venture Labs, wir haben dort den ersten großen Defence-Tech-Hub in Europa und sehen, wie starke Unternehmen entstehen.

Wir haben ein anderes Problem: ein massives Übersetzungs- und Umsetzungsproblem. Wir gehen viel in Forschung, etwas in Venture Capital, aber eher Early Stage, und wir gehen nicht in die Skalierung. Beim Defence-Markt kommt hinzu: Für ein Defence-Tech-Unternehmen ist der nächste Auftrag wichtiger als die nächste Kapitalrunde. Wir brauchen konsolidiertes Procurement, und das findet nicht statt, weil wir eine Fragmentierung auf 27 haben und eine Konkurrenz der Beauftragung. Wir fragmentieren selbst das, was wir haben, und das ist nicht wenig.

Antonella Mei-Pochtler ist unter anderem Vizepräsidentin des European Forum Alpbach © Pochtler Industrieholding

Und beim Kapital selbst?

Mei-Pochtler: Wir haben eine Sparquote, die ungefähr viermal so groß ist wie die amerikanische. Aber das Geld liegt auf Sparguthaben und wird nicht im Finanzmarkt investiert. Wir akkumulieren Ersparnisse, die USA mobilisieren Kapital. Das ist der Unterschied.

Was heißt das für die Beschaffung?

Mei-Pochtler: Wir haben Prozesse und Institutionen, die aus einer analogen Welt stammen, mit langen Entwicklungs- und Beschaffungszyklen. Jetzt bewegen wir uns in eine digitale und KI-gesteuerte Welt, in der die Entwicklungszyklen massiv schneller sind. Wir müssen auf Economies of Speed gehen, und diese Institutionen haben wir nicht.

Deshalb brauchen wir ein Procurement der zwei Geschwindigkeiten: eine solide Beschaffungsbasis für die bestehenden Systeme, für Panzerhaubitzen, klassische Artillerie und Langstreckenwaffen – und parallel einen Mechanismus, der auf Geschwindigkeit und schnelle Skalierung ausgelegt ist, für autonome Systeme.

Was lässt sich aus der Ukraine lernen?

Mei-Pochtler: Ich war mit Startups und Automobilzulieferern aus dem UnternehmerTUM-Venture-Labs-Umfeld dort und habe mir unter anderem die Beschaffung angesehen. Es gibt eine Onlineplattform, Brave1; ein, vereinfacht gesagt, Amazon für das Militär – dort können Bataillone und Regimente entsprechend ihrem Bedarf über autorisierte Beschaffungsoffiziere aus einem Live-Katalog mit Tausenden verifizierten Produkten mit ePoints direkt bestellen. Das sind Behelfsmechanismen, die man, adaptiert, auf einer europäischen Basis einsetzen könnte. Wir haben einen Krieg nicht vor der Haustür, sondern im europäischen Haus. Wir brauchen nicht noch eine Strategie für die nächsten fünf Jahre. Diese fünf Jahre haben wir nicht.

Herr Gady, taugt die Ukraine als Vorbild?

Gady: Sie zeigt zwei Dinge. Erstens, dass ein Land mit einer stark horizontalen und dezentralisierten Unternehmenskultur innovative Produkte schnell auf dem Gefechtsfeld einsetzen kann; zweitens die Limitationen dieses Ansatzes. Die Ukraine hat es nicht geschafft, breite Standards zu etablieren, es gibt enorme Probleme mit der Interoperabilität einzelner Systeme, und es fehlt auch dort die Skalierbarkeit. Ich warne immer davor, die Ukraine als Blaupause zu sehen. Das ist allerdings Jammern auf hohem Niveau, denn sie hat wahrscheinlich den innovativsten Ansatz in ganz Europa – aus Notwendigkeit.

Sie sagen also, mehr Verteidigungsfähigkeit könnte weniger Europa bedeuten?

Gady: Paradoxerweise ja. Wenn wir unsere Verteidigungsfähigkeit mit einer reduzierten Rolle der Amerikaner herstellen wollen, müssen wir stärker auf nationale Lösungen setzen als auf europäische, weil sich militärische Stärke überwiegend auch in Zukunft national manifestiert. Wir brauchen drei, vier Länder, die die Rolle der Vereinigten Staaten übernehmen können. Eines der führenden wäre Deutschland, dann Großbritannien, Frankreich, Polen, möglicherweise Spanien oder Italien. Sie müssten nahezu das gesamte militärische Spektrum abdecken, im Fall Deutschlands ohne die nukleare Komponente, um als Integrator für andere Streitkräfte zu dienen. Das Paradoxe ist, dass diese nationalen Fähigkeiten zuerst aufgebaut werden müssen, was im Widerspruch zum gesamteuropäischen Gedanken steht.

Vor allem für Österreich ist wichtig: Die Zeiten sind vorbei, in denen ein Land die Kampfflugzeuge bringt, das andere die Panzer und das dritte die Drohnen. Die Kriegsführung hat sich derart verändert, dass diese Gedanken aus den 90er-Jahren, Pooling und Sharing, de facto tot sind.

Mei-Pochtler: Pooling und Sharing war ein schönes Gedankenkonstrukt, aber es hat eher dazu geführt, dass man sich auf den anderen hinausredet. Bei der unbemannten Verteidigung sind wir heute stark von chinesischen Komponenten abhängig. Wir brauchen wettbewerbsfähige Komponenten in skalierter Form, also Antriebe, Antennen, Sensoren, Algorithmen, und wir brauchen Daten. Jeder europäische Dual-Use-Komponentenzulieferer, dazu gehören wir auch mit unseren Gasgeneratoren, kann ohne die amerikanische Verteidigungsindustrie nicht überleben, geschweige denn skalieren, weil die europäische Verteidigungsindustrie in dem Sinn nicht vorhanden ist. Sie ist national. Deshalb brauchen wir im Komponentengeschäft nicht nur europäische, sondern globale Champions.

Othmar Karas hat angekündigt, das Forum erstmals wieder mit einem Manifest abzuschließen. Was müsste darin stehen?

Mei-Pochtler: Wir brauchen nicht noch ein strategisches, sondern ein „Just do it“-Dokument. Wir müssen auf drei Themen hinarbeiten: Skalierung, Geschwindigkeit sowie Mobilisierung und Kanalisierung von Kapital. Und es braucht ein Konzept der Launch Customers, denn gerade in diesem staatlichen Bereich ist der nächste Auftrag wirklich kriegsentscheidend. Solange es kein europäisches Programm gibt: Wo ist der nationale Launch Customer, der die neuen Systeme schneller beschafft und dann auch einsetzt? Das fehlt heute. Drittens braucht es vielleicht einen Defence Compact, eine Zusammenarbeit zwischen Streitkräften, Industrie und Investoren, damit man weiß, wo tatsächlich was benötigt wird. Sicherheitsstrategie und Wettbewerbsstrategie sind nicht auseinanderzudenken. Wenn wir keine Sicherheit haben, sind wir nicht wettbewerbsfähig.

Herr Gady, was müsste für Sie darin stehen?

Gady: Auf jeden Fall kein weiteres Prinzipienstatement; keine abgedroschenen Phrasen über geopolitischen Wandel oder Umbrüche und kein Einschwören auf europäische Einigkeit. Ich würde mir konkrete Schritte wünschen, um die Verteidigungsfähigkeit in den nächsten Jahren so schnell wie möglich zu stärken. Und man sollte mutig genug sein zu sagen: Russland bleibt der primäre Gegner. Wir befinden uns mit Moskau bereits in einem Schattenkonflikt. Gleichzeitig wird unser wichtigster militärischer Schutzschirm – jener der USA – stark reduziert, und wir können uns nicht mehr auf den großen Flugzeugträger am westlichen Horizont verlassen.


Von 24. August bis 4. September findet das European Forum Alpbach unter dem Jahresthema „How Europe Wins“ statt.

Die EFA Loggia auf dem Dach des Congress Centrum Alpbach ist der Ort für Austausch und spontane Begegnung zwischen den Sessions. © Philipp Huber / EFA
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