13.12.2022

Sind Nachhaltigkeit & Wachstum im Startup-Umfeld vereinbar?

Gastbeitrag. Gernot Schwendtner, Co-Founder von weGrow, streicht vier Trends beim Thema "nachhaltiges Wachstum" heraus.
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weGrow, Sustainability
(c) weGrow - Gernot Schwendtner über Nachhaltigkeit und Wachstum.

Gernot Schwendtner ist Experte im Bereich Startups und Internationalisierung. Bevor er weGrow International mitgründete, expandierte er mit TravelBird als Country Manager und VP International Marketing in 17 Märkte. Davor etablierte er für Medienunternehmen neue Geschäftsmodelle und einen Venture-Builder und war als Intrapreneur selbst Gründer eines Online-Reiseunternehmens und anderer e-Commerce-Unternehmen. Er lehrte an der Fachhochschule St. Pölten „Strategisches Management“ und ist zudem Mentor für verschiedene Startups in Europa und Nordamerika. Er ist auch Expansion-Coach beim „EIC Scaling Up“-Programm für 100 „High Potential Players“ im Sustainability und DeepTech Bereich tätig.


Sind Nachhaltigkeit und Wachstum im Startup-Bereich ein Widerspruch oder doch vereinbar? Absolut. Auch Investoren erkennen die Wichtigkeit von nachhaltigem Wachstum und den Fokus auf Sustainability. Aber welche Trends zeigen sich im Detail?

Trend 1: Sustainability-Startups und -Investments als Krisen-Gewinner und Hoffnungsträger?

Zumindest im Vergleich zu anderen Bereichen wie zum Beispiel E-Commerce und Crypto, die aktuell stark unter down-rounds und zögerlichen Investments leiden, präsentieren sich Purpose-, Impact- und Sustainability-Player als resilienter. Wir befinden uns mitten in einer Energiewende, weg von fossilen Brennstoffen und hin zur Dekarbonisierung. Schwerpunkte sind effizientes Energiemanagement, Digitalisierung der Netze und alternative Mobilitätsangebote.

Vor allem in Europa beschleunigt sich diese Welle – wie auch eine aktuelle Momentaufnahme auf der „NOAH-Konferenz“ in Zürich zu diesem Thema bestätigt. Dieser Space ist zwar noch stark fragmentiert und oft von langen Entwicklungszyklen geprägt – doch viele Investoren, sowohl VCs als auch Privat Equity und Banken, investieren hier in Nachhaltigkeit und die Zukunft.

Ist es ein Gebot der Stunde? Ja – vor allem in Europa, wo auch das „European Innovation Council“ (EIC) starke Zeichen setzt und die Weichen stellt.

Trend 2 – Software beschleunigt die Nachhaltigkeit – Investoren als Turbo?

Software-as-a-Service-Start- und Scaleups aus Bereichen wie ClimateTech, Food & Waste-Management, Mobility-Players, EV-Charging, GreenTech, Food & AgriTech und auch FinTech revolutionieren.

Es gibt genug Beispiele aus Europa: Das holländische Seenons (Top 5 der European Startups laut Emerce) etwa hilft Unternehmen bei ‘zero waste’. Everysens aus Frankreich und mittlerweile erfolgreich in Deutschland gestartet, sagt: „Dekarbonisierung des Güterverkehrs, ein Zug nach dem anderen“. Oder das noch junge, aber rasch wachsende, österreichische Startup EfficientIO spart Heizkosten bei kommerziellen Gebäuden mit seiner smarten Software.

Es entwickeln sich auch alternative Asset-Klassen für Privatanleger in diesem Bereich, wie Carbon-Equity. Denn eines ist klar, ohne Risiko-Kapital, Förderungen und aktuell fairen Bewertungen gerät diese Bewegung ins Stottern.

Trend 3 – Blitzscaling is over. Nachhaltiges Wachstum als Zauberwort?

Nachhaltigkeit kann aber auch auf das Wachstum von Startups an sich umgelegt werden. “Blitzscaling is over – sustainable growth drives value”.

War die Devise vor kurzem noch ‘Growth at all costs’, gibt nicht nur das Markt- und Investment-Umfeld (Stichwort: Runway-Optimierung und verzögerte Funding-Runden) eine nachhaltigere Strategie vor.

Und das ist teilweise gut so, denn bei der Skalierung und beim internationalen Markt-Rollout können jede Menge Ressourcen (sprich Geld, Zeit, Energie und Vertrauen) verschwendet werden – falls Gründer und Investoren auf Teufel komm raus das Wachstums-Gaspedal drücken und etwa in falsche Märkte expandieren.

Start- und Scaleups müssen wachsen, das liegt in der Natur der Sache und im disruptiven Charakter. Zur Risikominimierung kann aber eine gut vorbereitete Go-To-Market-Strategie beitragen. Internationale Märkte zu testen, bevor man neue Teams anstellt, empfiehlt sich. Oft sehen wir nämlich, dass sich Startups wieder aus bereits geöffneten internationalen Märkten zurückziehen (müssen). Da wird leider viel Geld und Wert – aber auch Zeit und persönliche Energie vernichtet.

Auch für Kapitalgeber ist es essentiell, dass bei allem Risikoappetit ihr Geld nachhaltig und wertsteigernd in die Expansion investiert wird. Statt ‘Spray & Pray’ sollte ein rasches, zielgerichtetes und somit nachhaltiges Wachstum Dogma sein. Das führt zu: Win-Win.

Trend 4 – Radikale Shifts sind notwendig?

Es ist schwierig, einen Blick in die Zukunft zu werfen – aber Startups sind an der Vorfront von Innovation. Ist ein Shift von ClimateTech zu NatureTech, von Carbon neutral zu Nature positive, von „reuse & recyle“ zu „reserve, restore & rewild“ zu weit gedacht?

Absolut nicht – und wir werden hoffentlich noch viele spannende Startup-Initiativen in diesem Bereich wachsen sehen, wie auch bereits das heimische Startup Damn Plastic als Alumni der „Born Global Academy“ mit einer erfolgreichen Expansion vormacht.

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© fonio/canva - Alexander Brix.

Das Scaleup fonio.ai von Daniel Keinrath und Matthias Gruber ist eines der aufstrebendsten Startups Österreichs. Im Juni sicherte man sich ein 14,6 Millionen Euro Seed-Investment und knackte rund zwei Monate später die 10-Mio.-ARR-Marke. Am AustrianStartups Summit verkündete CCO Alexander Brix gegenüber brutkasten die nächsten Ziele. Und die sind ambitioniert.

fonio: Globaler Rollout

Fonio.ai möchte im kommenden Jahr seine Präsenz global ausbauen. „Wir wollen 20 neue Märkte in Nord Amerika und Europa aufgreifen“, sagt Brix. „Wir streben aber auch Asien an, um auf der globalen Landkarte präsent zu bleiben und eine global führende Marke aus Wien heraus aufzubauen. Auch ein Büro in New York ist geplant. Das größte Risiko für uns ist momentan, langsamer zu werden und unsere schnelle Arbeitskultur zu verlieren.“

Mehr Arbeitskraft geplant

In diesem Sinne möchte das Wiener KI-Startup 2027 auch 300 neue Mitarbeiter:innen einstellen und schielt schon, zumindest peripher, auf einen Decacorn-Status hin. Eine genaue Timeline dafür hat das Team nicht, aber das Mindset dafür wohl bereits inhaliert, wenn Brix sagt: „Es ist kein Status, auf den man hinarbeitet, sondern man möchte einen guten Job machen und das Produkt in möglichst viele Unternehmen bringen. Dass man dann vielleicht Decacorn wird, ist ein Nebeneffekt. Einen Zeitrahmen, bis wir das schaffen, haben wir uns nicht gesetzt, aber es ist unsere Ambition einen Global Player zu bauen und sicherzustellen, dass der ‚AI Communication Layer‘ aus Europa kommt und nicht von amerikanischen oder vielleicht chinesischen Unternehmen besetzt wird. Wer die Kommunikation beherrscht, der hat sehr viel Macht. Und wir wollen diese Macht auf jeden Fall in Europa halten. Das heißt, um das zu schaffen, ist es der natürliche Weg, dass wir ein Decacorn werden.“

Series-A steht an

Auf diesem Weg habe man aktuell ein Angebot entwickelt, das mittlerweile sämtliche textbasierten Kommunikationskanäle sowie Telefonsysteme in Form von PBX umfasse. Damit könne man die gesamte „Communication Suite“ mittelständischer Unternehmen bereits vollständig abdecken, erzählt Brix von einer weiteren Neuerung. Eine andere Neuigkeit betrifft die Finanzierung. Zwar gibt sich Brix dazu etwas bedeckt, lässt aber fallen, dass man kurz vor einer Series-A-Finanzierung stehe. Details sollen im kommenden Jahr folgen.

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