27.11.2025
GASTBEITRAG

Wenn der Shift zu D2C ein besserer Weg für Produktlinien ist

Im Gastbeitrag im Rahmen der Serie "Corporate Venturing" erklärt Philippe Thiltges, Co-Founder und CEO von whataventure, wann Direct-to-Consumer-Ansätze sinnvoll sind.
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Phillippe Thiltges über Venture Building | (c) whataventure
Phillippe Thiltges | Foto: whataventure

Die brutkasten-Serie „Corporate Venturing“ is powered by AKELA, Raiffeisen Bank International AG, UNIQA Insurance Group, Mavie Next, Verbund, whataventure — New business. Powered by entrepreneurs. und Wien Energie GmbH.


Nicht jedes Produkt braucht einen direkten Kanal zum Kunden. Aber manche.
Insbesondere bei „Ready-to-use“-Lösungen – also Produkten, die keine professionelle Installation erfordern – sehen wir bei Industrie- und Fertigungsunternehmen regelmäßig denselben Verlauf: Sie landen in B2B-Kanälen, die auf Volumen und Marge optimiert sind.
Das Resultat: Das Produkt wird nicht aktiv verkauft, verschwindet in der Masse, und verliert im Preis an Attraktivität.

Der bessere Weg? Dort, wo das Produkt nicht durchkommt, selbst zum Verkäufer werden.

D2C: Ein pragmatischer Ausweg, kein radikaler Umbruch

Direct-to-Consumer ist kein Strategiewechsel. Es ist ein Werkzeug. Und wie jedes gute Werkzeug entfaltet es seine Wirkung dort, wo es richtig eingesetzt wird. D2C ersetzt nicht das bestehende B2B-Geschäft. Es ergänzt es.

Um erfolgreich zu sein gilt es den richtigen Zeitpunkt zu erkennen – und das richtige Setup zu wählen. Denn was nicht passt, lässt sich selten durch mehr Vertrieb oder größere Rabatte lösen. Manchmal braucht es einfach einen anderen Kanal.

Woran man erkennt, ob D2C eine Option ist

Nicht jede Produktlinie eignet sich für D2C. Aber wenn folgende Punkte zutreffen, lohnt sich eine ernsthafte Prüfung:

  • Das Produkt ist „ready-to-use“ oder DIY-kompatibel und benötigt nicht zwangsläufig professionelle Verarbeitung
  • Der Nutzen ist klar verständlich und adressiert ein konkretes Problem
  • Die Zielgruppe ist groß und digital erreichbar
  • Der Preis bleibt auch mit D2C-Marketing konkurrenzfähig

Wie ein D2C-Venture in drei Monaten live geht

Wir haben in den letzten Jahren D2C-Projekte mit und für Industrie und Fertigungsunternehmen aufgesetzt, die vorher noch nie direkt an Endkunden verkauft haben.

Ein Beispiel von einem Marktführer im produzierenden Gewerbe, der bisher nur an B2B verkaufte: Für eine Produktlinien, die anders als die Kernprodukte, ohne professionelle Installation direkt vom Endkunden genutzt werden kann, haben wir in nur drei Monaten einen vollständigen D2C Vertriebskanal aufgebaut. Das umfasste: Ausgründung des Ventures, eigene Brand, Logistik, Kundenservice, und Performance-Marketing-Kanäle.

Der Schlüssel dabei: ein fokussiertes Setup, ein kleines, unternehmerisches Team mit den richtigen Expertisen – und der Mut, es einfach zu tun.

Eine klare, pragmatische Roadmap ist entscheidend

Die Roadmap basiert auf vier Phasen:

  1. Analyse & Planung: Marktpotenzial bewerten, Business Case aufstellen
  2. Setup: Team, Marke, Shop und Logistik aufbauen
  3. Test & Learn: Launch, erste Kunden, iteratives Marketing
  4. Skalierung: Optimierung, neue Kanäle, Portfolio-Entwicklung

Das Ergebnis: Ein messbarer Proof-of-Concept mit echten Kunden, echten Umsätzen und klarer Perspektive. Was am Papier komplex klingt, lässt sich – mit dem richtigen Team und unternehmerischer Klarheit – in der Realität schnell und fokussiert umsetzen.

Warum D2C auch strategisch ein Gewinn ist

Ein D2C-Kanal bringt mehr als Umsatz:

  • Direkte Kundensignale
  • Bessere Steuerbarkeit von Preis und Marke
  • Neue Fähigkeiten im Unternehmen
  • Schnellere Innovationszyklen

In vielen Fällen wird aus einem einzelnen D2C-Projekt ein Impulsgeber. Für neue Denkweisen. Für neue Geschäftsmodelle. Aus meiner Sicht ist das oft der eigentliche Wert: Nicht nur die Marge, sondern die unternehmerische Bewegung, die dadurch entsteht.

Fazit: Nicht jedes Produkt braucht einen direkten Kanal zum Kunden. Aber wer Potenzial erkennt, muss es auch heben. Nicht jedes Produkt braucht D2C – aber jedes unterperformende Produkt verdient eine ehrliche Prüfung.

D2C ist heute kein riskantes Großprojekt mehr. Es ist eine Option, die greifbar, steuerbar und wirtschaftlich sinnvoll ist. Und manchmal reicht genau das: ein klarer Schritt raus aus dem System – und rein ins Potenzial.


Über den Autor

Philippe Thiltges, Co-Founder & CEO von whataventure, begleitet seit über einem Jahrzehnt Industrieunternehmen beim Aufbau erfolgreicher Innovationseinheiten und neuer Geschäftsmodelle. Er ist überzeugt: Unternehmerisch denken heißt, gezielt Chancen nutzen – gerade dann, wenn andere in alten Systemen steckenbleiben.


Aus dem Archiv: Philippe Thiltges im brutkasten-Corporate-Venturing-Talk (September 2025)

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Die Entrahmungsanlage und Michael Altrichter | (c) 2nd Cycle

Anfang 2024 ist 2nd Cycle mit dem Ziel gestartet, gebrauchte Photovoltaikmodule automatisiert zu prüfen und wiederzuverwerten. Nun meldet das Amstettner Startup den ersten Verkauf einer Anlage: Die DAKA Entsorgungsunternehmen GmbH & Co. KG hat als erster Kunde eine vollautomatische Entrahmungsanlage für PV-Module erworben. Die Anlage ist laut Aussendung bereits in Betrieb.

Die Anlage erkennt unterschiedliche Modulformate und entfernt die Aluminiumrahmen automatisch. Sowohl intakte als auch bereits gebrochene, gerahmte Module können ohne mechanische Umrüstung verarbeitet werden. Das Unternehmen betont, dass die Anlage besonders materialschonend arbeite. Das soll zu einer hohen Reinheit der verwertbaren Rohstoffe Glas und Aluminium führen und damit den Wert der recycelten Materialien steigern. Nach eigenen Angaben handelt es sich um die erste vollautomatische Entrahmungsanlage für PV-Module am Markt.

Baustein einer vollautomatischen Recyclingstraße

Die Entrahmungsanlage ist eine zentrale Komponente einer von 2nd Cycle entwickelten vollautomatischen Recyclingstraße für gebrauchte PV-Module. Die Prozesskette ist auf Zero-Touch-Betrieb, hochreine Wertstofffraktionen und einen Durchsatz von bis zu 90 Modulen pro Stunde ausgelegt. Weitere Module für Reinigung, Entfernung der Anschlussdose und Delamination seien teilweise bereits entwickelt oder stünden kurz vor dem Abschluss, heißt es in der Aussendung. DAKA kann die Entrahmungsanlage eigenständig betreiben und später um weitere Komponenten ergänzen.

(c) 2nd Cycle

„Mit der ersten Kundenanlage zeigen wir, dass sich die automatisierte Aufbereitung von PV-Modulen in den industriellen Betrieb eines Entsorgungsunternehmens integrieren lässt. Entscheidend sind ein stabiler Prozess, definierte Fraktionen und ein planbarer Durchsatz“, sagt Simon Prüller, CEO und Co-Founder von 2nd Cycle.

Als Argument für den Bedarf verweist das Startup auf Zahlen des Joint Research Centre der Europäischen Kommission. Dieses erwartet für die EU-27 ein kumuliertes Aufkommen von sechs bis 13 Millionen Tonnen PV-Abfall bis 2040 und 21 bis 35 Millionen Tonnen bis 2050.

Altrichter: „Dieser Stein ist ein massives Gebirge“

2nd Cycle wurde im Jänner 2024 von einem fünfköpfigen Team um Simon Prüller als FlexCo gegründet. Bereits bei der Gründung sollen Business Angel Michael Altrichter und die Amstettner Müller Gutenbrunn Group mit jeweils sechsstelligen Beträgen eingestiegen sein. Im Oktober 2025 folgte eine Finanzierungsrunde über rund eine Million Euro, unter anderem mit eQventure, Angels United und Buzzard Energy. Damals erwirtschaftete das Startup bereits erste Umsätze mit der automatisierten Prüfung von PV-Modulen, etwa mit einem Auftrag der EVN zum Test des beim Hochwasser 2024 überfluteten Photovoltaik-Kraftwerks Dürnrohr.

Altrichter ordnet den ersten Verkauf entsprechend ein: „Das erste verkaufte Produkt ist für jedes Startup ein Meilenstein. Im Falle von 2nd Cycle ist dieser Stein ein massives Gebirge: Das Produkt ist riesig, der Sales-Prozess komplex, der Markt entwickelt sich dynamisch. Umso beeindruckender ist dieser Erfolg!“

Zuletzt wurde 2nd Cycle auch mehrfach ausgezeichnet. Im September gewann das Startup beim Generali SME EnterPRIZE 2026 die Startup-Kategorie, die mit 10.000 Euro dotiert ist. Beim Riz up Genius Ideen- und Gründerpreis hatte das Projekt schon vor der Gründung den zweiten Platz in der Kategorie ökologisch genial belegt, bei der heurigen Jubiläumsverleihung war 2nd Cycle als Alumni vertreten.

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