03.08.2022

Share-Gründerin Iris Braun: „Frauen haben weniger Führungsstile zur Verfügung“

Share hat sich bewusst entschieden, im Ukraine-Krieg leise zu helfen. Ein kleiner Blick hinter die Kulissen des Social-Startups offenbart schwere Diskurse, was Nicht-Kommunikation bedeuten kann und welchen täglichen Problemen sich Frauen im Unternehmertum - und in der Startup-Szene - stellen müssen. Gründerin Iris Braun erzählt.
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(c) Max Threlfall - Iris Braun von share.

Sprache ist Macht. Dies sieht man vor allem am Beispiel des Social-Startups share und seinem Umgang mit dem Ukraine-Krieg. Korrekterweise müsste es in dem Fall, des in Berlin sitzenden Unternehmens heißen: auch Nicht-Kommunikation ist machtvoll.

Co-Founderin Iris Braun erzählt von Internas ihres Startups rund um den Ukraine-Krieg, warum sie am Anfang ihrer Karriere gegen Frauenquoten war und welche rhetorischen Mittel gegen Gründerinnen eingesetzt werden, um Misogynie und Sexismus zu verschleiern.

Share und der Ukraine-Krieg

Man weiß, es gibt die Maxime „Tu Gutes und sprich darüber“. Doch bei diesem Credo schwingt seit jeher die Frage mit, wann wird aus einer Hilfsaktion ein PR-Zweck, ein reines Marketing-Event, ein Pendant zu „Greenwashing“, wie es manche Unternehmen betreiben und lieber ihr Budget in die Außenwahrnehmung stecken, statt schlicht zu helfen.

Man ist geneigt den Begriff „Helpwashing“ zu kreieren und den Vergleich zur Politik herzustellen, wenn sinnlose Spendenaktionen zur Foto-OP verkommen. Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat im Unternehmertum exakt dieses Thema wieder befeuert und viele Firmen dazu gebracht, sich aus dem russischen Markt zurückzuziehen oder zu spenden. Auch bei share war der Ukraine-Krieg intern ein stark diskursives Thema, wie Braun erzählt.

(c) Max Threlfall – Co-Founderin Iris Braun mit den share-Produkten.

Zur Erklärung: Das Unternehmen spendet für jedes seiner verkauften Produkte ein zweites an einen Menschen, der Hilfe benötigt. Darunter: Trinkwasser, Ernährung, Hygiene und Bildung. User:innen können per Tracking-Code nachverfolgen, welches Projekt sie mit ihrem Kauf unterstützten. Zu finden sind share-Erzeugnisse u.a. bei: DM, REWE, Rossmann, Müller und Decathlon.


Share, so Braun, hat viele Kollegen, die durch diesen Krieg persönlich betroffen waren. Russische Mitarbeiter, Menschen aus Osteuropa und Partnerunternehmen, die in Kiev sitzen und Teile der Software herstellen.

Lauter oder nicht lauter – das war die Frage

„Es hat sich alles so nah angefühlt. Wir sind schließlich eine Truppe, die sich für diese gesellschaftlichen Themen interessiert und aufgeschlossen ist“, sagt sie. „Es gab (Anm.: zu Kriegsbeginn) bei uns sehr viel Bedarf, unsere Rolle als Unternehmen zu bereden. Die eigentliche Diskussion war, dass es eigentlich an uns liegt und wir mehr tun müssen, als andere. Ob wir nicht noch lauter sein sollen. Uns war schlussendlich sehr wichtig, dass wir unsere Hilfe nicht als Medienaktion darstellen. Wir haben dann entschieden, uns auf das zu konzentrieren, worin wir gut sind.“

Und so haben sich Iris Braun und Team umgehört, was eigentlich gebraucht wird, bei NGOs wie „Save the Children“ und „Aktion gegen den Hunger“ nachgefragt und Informationen gesammelt, die sie an Handelspartner weitergegeben haben. Um Wege zu bauen, damit Spenden ankommen.

Harter Diskurs bei share

Ein weiterer harter Diskurs im Sharing-Startup war die Erkenntnis, dass der Ukraine-Krieg andere Krisenfelder nicht verschwinden lässt und sie eher aufheizt. So haben Braun, Sebastian Stricker und Co. weiterhin Projekte für sauberes Trinkwasser unterstützt, die eigenen „Commitments“ eingehalten und eruiert, was sie noch zusätzlich tun können.

Konkret haben sie folglich Produkte aus dem Lager in die Ukraine geschafft, Flüchtlinge in eigenen Wohnungen aufgenommen, privat vermittelt und dabei stets ein Auge darauf behalten, wie es in anderen Regionen aussieht.

„Die restlichen Krisen auf der Welt werden schlimmer. Zum Beispiel die Ernährungssicherheit in manchen Ländern. Das ist es, was wir kommunizieren wollen, denn das haben wenige Unternehmen gemacht. All die Entwicklungen in diesem Krieg haben weitreichende Auswirkungen“, erklärt Braun.

Der Weltenschock und Nicht-Kommunikation

Allgemein erkannte das share-Team einen Schock durch die Welt laufen. Dazu kamen Angst vor Kosten, Sorge um Energie, und die Furcht, weniger Geld im Tascherl zu haben.

Auch bei den eigenen Lieferketten-Partnern gab es viel Unruhe und verlängerte Vorlaufzeiten. Viele Unternehmen, so ihr Eindruck, wollten sich einsetzen, hinterließen aber beim Konsumenten das Gefühl, dass sie nur etwas aus „Kommunikationszwecken hinknallen“.

Das share-Team indes sprach intensiv miteinander, legte mehr Lager an und entschied, seine Hilfsleistungen nicht als Kommunikationsanlass zu vermarkten.

Man mag als Leser dieser Zeilen darüber diskutieren, ob über das „Gute zu reden“ in diesem Fall nicht positive Synergien freigesetzt hätte, oder doch eher den gegenteiligen Weg eingeschlagen. Einen, der den Fokus von anderen Hilfsbedürftigen abzieht und womöglich einen schalen PR-Beigeschmack hinterlässt.

„Fand die Frauenquote absurd“

Wie es sich auch immer verhält, bei share war es die Nicht-Kommunikation, die für Braun und Team der richtige Weg war.

Heute weiß man, Sprache an sich ist nicht bloß ein Mittel der Informationsweitergabe, sondern kann gesprochen, wie unausgesprochen Agenden verfolgen und welche kreieren. Ein Umstand, den Gründerinnen und Frauen in Startups womöglich besser kennen, als andere.

Braun selbst war vor ihrer Unternehmerinnenkarriere Angestellte und erinnert sich, dass damals der Begriff Frauenquote aufkam.

„Ich fand das damals total absurd. Eine Quotenfrau zu sein, das brauchte ich nicht. Frauen wurden ja sowieso gefördert“, beschreibt sie ihre damalige Sichtweise.

Mechanismen am Werk

Heute hat sie gemerkt, dass besonders bei Führungspositionen Mechanismen am Werk sind – teilweise unbewusst, wie sie sagt – die durch geschaffene Strukturen wirken. Und Frauen abhalten oder unterminieren. Oft statt offener Diskriminierung.

Da brauche es Quoten, wie auch Studien zeigen würden. Für einen strukturellen Wandel.

Braun spricht weiter von Vorbildern, die benötigt werden, Förderern, die das befeuern und VCs, die auf gemischte Teams achten. Besonders wichtig sei es, dass Frauen Seilschaften bauen müssen, wie es Männer traditionell schon lange tun.

„Es braucht Pionierinnen und Instrumente. Financiers sowie einzelne Frauen und Männern, die sich an die Nase fassen und Vorurteile bemerken. Irgendwann werden es so viele sein, dass es als normal wahrgenommen wird“, so Braun.

Sie weiß, dass manche Frauen oft den leisen Weg wählen, wenn sie sich gegen Diskriminierung, Sexismus und „Toxic Masculinity“ wehren, weil auf den Tisch zu hauen, oft als „zickig“ angesehen wird.

Frauen würden oft bewusst nicht offensiv agieren, um Bemerkungen zu entgehen, wie „reiß dich zusammen“ oder „sei nicht so emotional“. Sätze, die Männer selten bis gar nicht zu hören bekommen, wenn sie verbalen Widerstand leisten.

Sprache als Mittel und Waffe

Und hier wiederum schließt sich der Kreis zur Sprache als Mittel von Agenden. Als Waffe. Steht eine Frau für sich ein, so werden von Tätern alte Denkmuster vorgeschoben, Frauen als emotionale Wesen bezeichnet, die nicht in „Hysterie“ verfallen sollen. Ein Mann dagegen, der auf den Tisch haut, wird als Person mit klarem Ziel wahrgenommen und auch derart als Bild gepusht. Ein Macher.

Ähnliche Vorgänge sehe man, laut Braun, in anderen Bereichen. Weibliche Politikerinnen werden stärker angegriffen, im Diskurs oft als „zu jung“ oder „zu schüchtern“ gebrandmarkt.

Share-Gründerin: „Schmaler Grat für Frauen“

„Aktuell ist es noch immer so, dass Frauen weniger Führungsstile zur Verfügung haben, die anerkannt sind. Angela Merkel hat sich einen Platz geschaffen, weil sie nicht zu weiblich auftrat. Sobald es um weiblichere Stile geht, heißt es gleich, es passt nicht für den Job, ist zu schrill, zu sehr auf Leute fokussiert, zu weich“, meint die share-Founderin.

Es bleibe ein schmaler Grat und schwierig, den Weg als Frau zu finden, sich wohlzufühlen und sich nicht angreifbar zu machen.

„Es ist ein täglicher, kleiner ‚Struggle‘ und nicht immer dramatische Momente, die passieren. Wir brauchen Hilfe von Frauen in Positionen, sowie auch von Männern, die bewusst Diskriminierungen und dergleichen bemerken. Nur auf Studien hinzuweisen, dass gemischte Teams erfolgreicher sind, bringt wenig. Es benötigt eine Aufmerksamkeitsübung und Projekte, die immer wieder zeigen, dass es Mittel und Wege gibt, sich zu wehren“, so Braun abschließend. „Soziopathisches Verhalten hält nicht nur Frauen ab, sondern schadet der gesamten Szene.“

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(v.l.n.r.) Staatssekretärin Elisabeth Zehetner, CEO Lukas Püspök, Vorstandvorsitzende Erste Bank Gerda Holzinger-Burgstaller und EIB-Vizepräsident Karl Nehammer kamen zur Eröffnung des Super-Hybrid Projekts. (c) Maria Hollunder
(v.l.n.r.) Staatssekretärin Elisabeth Zehetner, CEO Lukas Püspök, Vorstandvorsitzende Erste Bank Gerda Holzinger-Burgstaller und EIB-Vizepräsident Karl Nehammer kamen zur Eröffnung des Super-Hybrid Projekts. (c) PÜSPÖK/APA-Fotoservice/Maria Hollunder

Wer auf der Autobahn A4 von Parndorf in Richtung Nickelsdorf fährt, ist ringsum bereits von modernen Windkraftwerken umgeben. An einem windigen Tag wie heute laufen hier mehrere hundert Windräder gleichzeitig. Nach gut 20 Minuten Fahrt erreicht man Nickelsdorf; die rund 1.800 Seelengemeinde liegt direkt an der ungarischen Grenze.

In der Region der Parndorfer Platte erstrecken sich kilometerweit flache Feldlandschaften, wodurch hier die besten Voraussetzungen für Windkraft- und Photovoltaikanlagen herrschen. Unweit der „Pannonia Fields“, erstreckt sich das heute eröffnete Super-Hybrid-Kraftwerk der Energiefirma püspök auf einer Fläche von circa 65 Hektar.

Zur Eröffnung, bei der brutkasten vor Ort war, fanden sich neben püspök-CEO Lukas Püspök auch Ex-Kanzler Karl Nehammer, Vizepräsident der EIB, sowie Gerda Holzinger-Burgstaller, Vorstandsvorsitzende der Erste Bank, auf dem Gelände ein. Die finanzielle Unterstützung beider Institute machte die Umsetzung dieses Großprojekts erst möglich.

Über 65 Hektar erstreckt sich das Areal rund um das Super-Hybrid-Kraftwerk. (c) PÜSPÖK/APA-Fotoservice/Maria Hollunder

Erneuerbare Energie rund um die Uhr

Die Kombination aus Windkraft, Photovoltaik und einem Großbatteriespeicher ermöglicht eine Stromerzeugung rund um die Uhr und schafft ein hohes Maße an Wetterunabhängigkeit. Während die Windkraft vor allem in den Wintermonaten liefert, laufen die PV-Anlagen im Sommer auf Hochbetrieb. Da im Tagesverlauf mit erneuerbaren Energien jedoch nicht durchgehend Strom produziert werden kann, stellt der Großbatteriespeicher laut püspök den zentralen Faktor dar, um die Energie zur richtigen Zeit zu sichern.

„Mit dem Batteriespeicher speichern wir den sauberen, heimischen Strom untertags und haben ihn am Abend auch zur Verfügung. Das ist Super-Hybrid, das senkt Kosten, das stabilisiert das Netz und es macht erneuerbare Energie konstant verfügbar“, erklärt Lukas Püspök das Projekt.

Die Zuschaltung des Speichers ist noch im Juni geplant, die offizielle Inbetriebnahme wird im Juli erfolgen. Neben Nickelsdorf sollen noch an fünf weiteren Standorten in der Gegend Super-Hybrid-Projekte entstehen. Gesamt sollen sie eine Leistung von 271 Megawattpeak erreichen.

Hunderte Schafe unter Photovoltaik-Anlagen

Ein wesentlicher Bestandteil des Projekts ist das Konzept der Agri-Photovoltaik, bei dem die landwirtschaftliche Nutzung direkt in das Kombinationskraftwerk integriert wird. Derzeit beweiden 120 Schafe und 90 Lämmer die Flächen unter den PV-Anlagen. Durch diese Doppelnutzung wird dieselbe Fläche sowohl für landwirtschaftliche Erträge als auch für die Gewinnung erneuerbarer Energie verwendet.

Raphael Dugmanits, Projektleiter bei püspök, unterstreicht den ökologischen Ansatz: „Wir wollten nicht ein normales Photovoltaik-Kraftwerk hinstellen, sondern wir wollten dezidiert die Agri-Photovoltaik machen. Die Themen Naturschutzgedanken und Biodiversität sind für uns wichtige Punkte.“

Doppelte Flächennutzung durch die Schafe und PV-Anlagen. (c) brutkasten/Hannah Fasching

EIB mit 57 Mio. Euro beteiligt

Die Europäische Investitionsbank stellte für die Errichtung des Super-Hybrid-Energieprojekts 57 Millionen Euro zur Verfügung. Damit beläuft sich das gesamte EIB-Engagement bei Projekten von püspök mittlerweile auf 200 Millionen Euro. Die EIB-Gruppe fungiert als Finanzierungsarm der EU und zählt zu den weltweit größten multilateralen Entwicklungsbanken.

Allein im Jahr 2025 wurden vonseiten der EIB 100 Milliarden Euro an neuen Finanzierungen für insgesamt 870 Projekte zugesagt, wobei Klima und Umwelt sowie technologische Innovationen zu den Kernbereichen gehören.

Auch die Erste Bank ist maßgeblich an der Finanzierung beteiligt. Vorstandsvorsitzende Gerda Holzinger-Burgstaller betont: „Dieses Projekt zeigt, wie die Energiewende hierzulande konkret umgesetzt werden kann.“

EIB-Vizepräsident Karl Nehammer und CEO Lukas Püspök vor den Großbatteriespeichern in Nickelsdorf. (c) PÜSPÖK/APA-Fotoservice/Maria Hollunder

Für die Energieunabhängigkeit Europas

Das Projekt läuft unter dem europäischen Programm REPowerEU welches darauf abzielt, Europas Abhängigkeit von Öl und Gas nachhaltig zu beenden.

„Worum geht’s immer am Ende des Tages? Um wirtschaftliche Stärke, Versorgungssicherheit, eben nicht nur für Österreich, sondern im großen Kontext gedacht für die Europäische Union. Der Ausbau erneuerbarer Energien und moderner Speichertechnologien ist entscheidend für Europas Wettbewerbsfähigkeit, Energiesicherheit und Klimaziele“, betont Nehammer bei der Eröffnung.

Climate-Tech-Startups gefragt

Obwohl Großprojekte wie diese Kraftwerksanlage laut Lukas Püspök seltener direkt von Climate-Tech-Startups realisiert werden, spielen junge Technologieunternehmen im Hintergrund eine entscheidende Rolle, um solche Vorhaben überhaupt erst „zum Laufen zu bringen“.

Als Paradebeispiel nennt er die Vermarktung und Steuerung des Systems: „Das beste Beispiel ist, dass die Vermarktung dieses Batteriespeichers von einem bekannten österreichischen Climate-Tech-Unternehmen, nämlich von enspired gemacht wird. Bei allem, was rundherum an Services und technologischen Dienstleistungen bei solchen Projekten passiert, da ist die Startup-Szene jetzt gefragt.“

Mehr zu den Chancen von Climate-Tech-Startups erzählte Lukas Püspök im brutkasten-Interview.

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