12.09.2018

ServiceSpace-Gründer Nipun Mehta über Werte und Sinn als Anker in rasanten Zeiten

Nipun Mehta gründete den ServiceSpace, über welchen unentgeltlich Dienste von über 500.000 im Wert von vielen Millionen Dollar umgesetzt werden. Derzeit arbeitet er daran, andere Arten von Kapital in den Markt einfließen zu lassen. Am 11. Okt. spricht er auf dem Austrian Innovation Forum in Wien.
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Nipun Mehta gründete den ServiceSpace, über welchen unentgeltlich Dienste von über 500.000 im Wert von vielen Millionen Dollar umgesetzt werden. Derzeit arbeitet er daran, andere Arten von Kapital in den Markt einfließen zu lassen.
(c) Nipun Mehta.

In Zeiten der Gier gründete Nipun Mehta mit ServiceSpace ein internationales und komplett ehrenamtliches Ökosystem, das Dienste im Wert von mehreren Millionen Dollar umsetzt und über 500.000 Mitglieder hat. Er inspiriert Millionen von Menschen und arbeitet gerade an einem Konzept, andere Arten von Kapital wie Zeit oder Gemeinschaft, Natur oder Aufmerksamkeit in den Markt einfließen zu lassen. „Die Frequenz der Paradigmenwechsel schrumpft stetig durch die digitale Transformation, wir steuern auf eine unbekannte Zukunft zu“, sagt Mehta, „eine starke inneren Verankerung und ein klares Werteset erleichtert den Umgang mit dem Unbekannten.“

Dieses Interview wurde von Julia Weinzettl geführt und erstmals auf dem Blog der Plattform Taskfarm veröffentlicht.

+++ Fokus: Corporate Innovation +++


Der ServiceSpace-Gründer spricht am 11.Okt. 2018 am Austrian Innovation Forum in Wien. Dort steht dieses Jahr der “Umbruch” und seine Auswirkungen auf Innovationsstrategien und deren menschliche Komponente im Zentrum.

Video-Interview mit Initiator Helmut Blocher beim Austrian Innovation Forum 2017

Live vom Austrian Innovation Forum, mit dem Gründer und GF Helmut Blocher, Walter Kreisel CEO von Kreisel Systems, Martin Johann Fröhlich, Startup-Manager der Deutsche Bahn Konzern und Christina Rami-Mark, GF des österreichischen Weltmarktführers MARK Metallwarenfabrik.

Gepostet von DerBrutkasten am Donnerstag, 12. Oktober 2017


Eure Idee war einfach nur Gutes in die Welt zu bringen. Daraus entstand ein internationales Ökosystem, das kostenlose Dienste im Wert von Millionen Dollar umsetzt und mittlerweile 500 000 Mitglieder hat. Es wird rein ehrenamtlich betrieben. Wie ist das entstanden?

Nipun Mehta: Servicespace.org hat nie wirklich versucht, sich selbst zu erschaffen. Wir begannen 1999 im Silicon Valley, wo die Gier in der Luft lag. Jeder gründete eine Dotcom-Firma mit dem Ziel diese für Millionen zu verkaufen. Wir waren vier Freunde und wollten etwas anderes machen, nämlich vorbehaltlos Gutes tun. Wir starteten in einer Obdachlosenunterkunft und boten an eine Website zu erstellen. Ich war Student aus dem Silicon Valley in einer Zeit in der niemand wusste, was eine Website war. Wir mussten den Verantwortlichen erklären, worum es ging und sie von der Sinnhaftigkeit überzeugen.

Einmal drückte mir eine Frau einen Schraubenzieher in die Hand und sagte: ‘Ihr seht aus wie gute Leute, hier ist ein Schraubenzieher, hier ist mein Computer, ihr könnt alles hineinstecken, was ihr wollt.’(Nipun lächelt) Als ich erklärte, dass wir von zu Hause aus arbeiten würden, runzelte sie die Stirn und fragte: ‘Was für eine Art von Hilfe ist das?’

Mit diesem Akt begann eine Revolution. Der Nebeneffekt war ein riesiger Markt für ehrenamtliche Tätigkeit, es wurden Unmengen Websites für NGO´s entwickelt und eine Vielzahl an weiteren Projekten wie Smile Card, KarmaKitchen, Awakin Circle oder  DailyGood ins Leben gerufen.

Nipun Mehta: Ja. In gewisser Weise fing es so an. Wir suchten nicht nach einem Weg unseren Service zu monetarisieren. Wir gründeten nicht einmal eine Non-Profit-Organisation, es war einfach nur Liebe. Und es wuchs. Tausende von Freiwilligen meldeten sich für die einfache, schnörkellose Idee, gemeinnützigen Organisationen beim Aufbau von Websites behilflich zu sein. Es floß niemals Geld.

Hast du einen Plan, wohin die Zukunft dich führen wird?

Nipun Mehta (lacht): Die wirkliche Antwort ist nein. Aber wenn du möchtest, dass ich intelligent klinge, dann kann ich dir ein paar Antworten geben.

Vielleicht nur eine Idee?

Nipun Mehta: Ich finde das Konzept von verschiedenen Formen von Kapital faszinierend. Wir haben viele Systeme, die die Räder des Geldes am Laufen halten, Märkte, Derivate, Menschen, die auf jede erdenkliche Art und Weise Handel treiben. Aber wir haben noch nicht damit begonnen anderen Formen des Kapitals wie Zeit oder Gemeinschaft, Natur oder gar Aufmerksamkeit auszubauen. Es gibt eine Million verschiedene Arten von Kapital. Daher wollen wir einen Marktplatz schaffen, der mehrere Formen von Kapital als Zahlungsmittel akzeptiert.

Kannst du dafür ein Beispiel nennen?

Nipun Mehta: Ganz simpel – sagen wir, ich stricke eine kleine Mütze, die ich online verkaufe. Beim Bezahlen kann man statt verschiedener Kreditkarten zum Beispiel Gemeinschaftskapital wählen. Ich tue etwas Gutes und erzähle dir davon. Oder man wählt Meditationskapital. Ich meditiere eine Stunde, schreibe eine Reflektion und teile sie mit dir. Oder du möchtest mit Kindnesskapital bezahlt werden. Ich verbringe Qualitätszeit mit meinen Kindern und schicke dir ein Foto.
Genauso gut kann man auch die Quittung einer Spende an einen gemeinnützigen Verein schicken.
All diese Dinge haben einen Wert. Die handgestrickte Mütze, hat auch einen gewissen Wert, aber es muss nicht immer ein finanzieller Wert sein.

Wie ist diese Idee zustande gekommen?

Nipun Mehta: Viele Menschen fragen uns, wo sie ihre Gaben teilen können. Im Moment ist  in unserer Marktwirtschaft kein Platz für die Weitergabe dieser Geschenke, auf diese Weise könnten wir sie in den Verkehr bringen. Ich denke, dass diese Idee ein echter Wendepunkt für die Gesellschaft sein kann.

Glaubst du, dass bedingungsloses Grundeinkommen in diesem Prozess hilfreich sein könnte? Bisher wird Arbeit oft nur bei Erwerbstätigkeit geschätzt, dadurch wäre es möglich, dass ehrenamtliche Tätigkeit den gleichen Status bekäme.

Nipun Mehta: Meiner Meinung nach ist bedingungsloses Grundeinkommen eine reine Abwehrmaßnahme. Schon jetzt werden viele Arbeitsplätze aufgrund der Automatisierung abgebaut, viele weitere werden folgen. Ich denke, bedingungsloses Grundeinkommen wird notwendig sein. Aber wenn wir eine wirklich revolutionäre Sichtweise auf das Leben haben wollen, müssen wir die Mindsets und Herzen der Menschen verändern.

Themen wie Werte, die Frage nach dem Sinn und wie man zur Gesellschaft beitragen kann, werden daher immer bedeutender.

Nipun Mehta: Die Herausforderungen sind auch anders gelagert. Wir werden zum Beispiel in Zukunft in Arbeitskontexten arbeiten zu denen es keine Erfahrungswerte gibt, auf die wir zurückgreifen können.

Welche wären das?

Nipun Mehta: Wir wissen nicht, was es bedeutet, in einem Umfeld zu arbeiten, in dem man mit sehr unterschiedlichen Playern wie künstlicher Intelligenz, augmentierten Menschen und Biotech-Unternehmen zusammenarbeitet. Unser Bildungssystem ist darauf ausgerichtet, uns auf eine bekannte Zukunft vorzubereiten, es bereitet uns nicht auf den Umgang mit dem Unbekannten vor. Mit der Geschwindigkeit der exponentiellen Veränderungen sehen wir uns aber bald einer unbekannten Zukunft gegenüber. Derzeit ist ungewiss was in 40 bis 50 Jahren geschieht, wir steuern aber auf eine ungewisse Zukunft in fünf Jahren zu.

Wir sind beinahe an dem Punkt, an dem wir vor einer unbekannten Zukunft stehen, aber unsere Population ist so ausgebildet, dass sie nur mit dem Bekannten umgehen kann. Ich glaube nicht, dass es bereits ausreichend Personen gibt, die das Unbekannte mit Leichtigkeit meistern können, denn es gibt kein Rezept dafür. Mit einer starken inneren Verankerung ist es leichter in diesem Terrain zu manövrieren.

Wie können wir unsere Ausbildung anpassen um uns darauf vorzubereiten?

Nipun Mehta: Die Bildung von Erfahrungen in Werten zu verankern, könnte eine Strategie sein. Der frühere Bildungsprozess basierte auf dem Gedanken, dass die Schüler leere Eimer sind, die mit Wissen gefüllt werden müssen. Ein anderer Ansatz könnte darin bestehen, über Bildung als das Entzünden einer Kerze nachzudenken, die die Flamme im Inneren erhellen wird.
Es ist nicht so, als ob wir bankrott geboren worden wären, und man muss erst das komplette Erziehungsspektrum auf uns loslassen um uns zu handlungsfähigen Menschen zu machen. Es geht darum, das zu erwecken, was bereits vorhanden ist.

Es dauerte 38 Jahre bis das Radio 50 Millionen Nutzer erreichte, 13 Jahre brauchte das Fernsehen, das Android-Betriebssystem nur 18 Monate – die Timeline schrumpft und schrumpft. Es geht so schnell, der einzige Weg, um sich in der Veränderung nicht zu verlieren, ist, eine Grundlage von Werten zu haben. Ich denke, wenn wir Menschen Sicherheit aus der inneren Flamme und einer starken Verinnerlichung der Werte schöpfen können, ist es kein Problem, wenn sich die Umstände ständig ändern. Das stimmt mich optimistisch für die Zukunft.

Über Nipun Mehta

Nipun Mehta ist der Gründer von ServiceSpace, einem Inkubator von Projekten, der an der Schnittstelle von Freiwilligenarbeit, Technologie und Geschenkökonomie arbeitet. Was als Experiment mit vier Freunden im Silicon Valley begann, ist heute zu einem globalen Ökosystem mit über 500.000 Mitgliedern herangewachsen, das Leistungen in Millionenhöhe gratis umgesetzt hat hat. Nipun wurden viele Auszeichnungen, unter anderem der Jefferson Award for Public Service, der Wavy Gravy’s Humanitarian Award und Dalai Lama’s Unsung Hero of Compassion, verliehen. Im Jahr 2015 ernannte ihn Präsident Barack Obama in einen Rat über Armut und Ungleichheit. Nipun wird routinemäßig eingeladen, seine Botschaft des “Hochbegabten” an ein breites Publikum weiterzugeben, von der innerstädtischen Jugend in Memphis über Akademiker in London bis hin zu internationalen Würdenträgern bei den Vereinten Nationen; seine Rede auf dem UPenn-Start im Mai 2012 wurde von Millionen von Menschen gelesen. Er ist Mitglied der Beiräte der Seva-Stiftung, der Dalai Lama-Stiftung und des Greater Good Science Centers.


Zur Gastautorin

Julia Weinzettl startete ihre Karriere nach dem Wirtschaft-, Politik- und Kommunikationswissenschaften-Studium als Marketingmanagerin der damaligen Startups sms.at, uboot.com und handy.at. Nach Tätigkeiten als Mobile Business Development Manager bei bwin (damals auch noch im Startup-Stadium) und als Data Protection Counselor bei der Personensuchmaschine www.123people.com wurde Weinzettl selbst zur Gründerin. Gemeinsam mit ihrem Mann Mike Weinzettl startete sie 2011 www.taskfarm.com als Marktplatz zur Projektvermittlung. Später folgte der Pivot zu einem Fokus auf Softwareentwicklung und Consulting. Mit dem Taskfarm-Blog legt die Gründerin eine große Interview-Serie zum Thema “Future of Work” vor.

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Mikko Hyppönen im Rahmen der TEDAI Vienna 2026. | © TEDAI Vienna / Robert Leslie

Mikko Hyppönen zählt seit drei Jahrzehnten zu den bekanntesten Stimmen der Cybersecurity-Szene. Seit Kurzem gilt sein Arbeitsalltag aber nicht mehr Viren und Hackern, sondern Drohnen: Der Finne ist Chief Research Officer beim Helsinkier Counter-Drone-Unternehmen Sensofusion, das militärische Drohnen aufspürt und abwehrt, unter anderem in der Ukraine und im Nahen Osten. Brutkasten hat Hyppönen am Rande der TEDAI Vienna 2026 in der Hofburg getroffen. Ein Gespräch über die Parallelen zwischen Malware und Kampfdrohnen, autonome Waffen, den „Black October“ der KI-Sicherheitslücken und die Frage, warum chinesische Open-Source-Modelle für Europa derzeit die privatere Wahl sind.


brutkasten: Sie gelten als einer der angesehensten Cybersecurity-Experten weltweit. Warum sind Sie in die Drohnenabwehr gewechselt?

Mikko Hyppönen: Die Antwort ist sehr einfach: Es herrscht Krieg in Europa. Ich habe mein ganzes Leben auf Cyber geschaut. Cyber hat sich von Teenagern, die zum Spaß Viren schreiben, zu organisierter Kriminalität, Cyberkrieg, Spionage und staatlichen Operationen entwickelt. Cyber spielt natürlich auch im Krieg eine Rolle, Russland hat der Ukraine schon dreimal mit Cyberangriffen den Strom abgedreht. Aber wenn man fragt, was den Ukraine-Krieg wirklich auszeichnet, dann ist es nicht Cyber, sondern es sind Drohnen. Ich habe es als meine Pflicht gesehen, die Fähigkeiten, die ich über drei Jahrzehnte im Cyber-Bereich gesammelt habe, in die Drohnenabwehr einzubringen.

Was lässt sich von der Cyberabwehr auf die Drohnenabwehr übertragen?

Es gibt viele Ähnlichkeiten, aber auch viele Unterschiede. In beiden Fällen versucht man, etwas zu entdecken, das nicht entdeckt werden will. Bei Cyberangriffen sammelt man ein Sample, analysiert es, baut eine Signatur, erstellt eine Datenbank und schickt die Updates an alle Nutzer weltweit. So funktionieren Antivirenprogramme. Bei Drohnen ist es dasselbe: Wir zeichnen den Funkverkehr militärischer Drohnen auf, dekodieren die Protokolle, bauen Erkennungssignaturen und schicken die Updates an alle Kunden, die unsere Hardware einsetzen.

Wir kaufen Panzer, was keinen Sinn ergibt, wenn künftige Kriege so aussehen wie in der Ukraine oder im Nahen Osten.

Bei Drohnen ohne Funkverbindung, etwa Glasfaserdrohnen mit einem Kabel zwischen Pilot und Drohne oder Drohnen, die autonom Koordinaten abfliegen und wie eine Rakete einschlagen, nutzen wir andere Sensoren: Kameras, Radar, Akustik. Und in beiden Welten gilt: Sobald der Gegner merkt, dass er erkannt wird, verändert er sich, und man steht wieder am Anfang. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel. Ich musste viel lernen, aber es gefällt mir. Übrigens gibt es noch eine Gemeinsamkeit zwischen altem und neuem Job: In beiden Fällen waren die meisten Gegner, gegen die ich gekämpft habe, Russen.

Wie funktioniert die Abwehr konkret?

Sobald wir wissen, wo die Drohne ist, können wir sie bekämpfen. Bei funkgesteuerten Drohnen stören wir das Signal: Wir kennen die Frequenzen und Protokolle und senden ein stärkeres Signal zwischen Pilot und Drohne. Das machen wir seit Jahren. Ist die Drohne nicht funkgesteuert, braucht es andere Lösungen. Wir forschen intensiv an elektromagnetischen Impulsen, also künstlichen Blitzen, die die Elektronik der Drohnen zerstören. Wir arbeiten an Lasern, an klassischen Geschützen mit unserer Zielerfassung, und wir haben eine eigene Drohnenfabrik in Containergröße, die kleine Abfangdrohnen baut. Die fliegen 380 Kilometer pro Stunde und treffen die großen gegnerischen Drohnen in der Luft.

„Das ist die Grenze, die wir nicht überschreiten sollten. Die Russen haben sie bereits überschritten.“

Gegen Jet-Drohnen funktioniert das nicht. Unsere Abfangdrohnen erreichen heute etwa zwei Kilometer Höhe, das reicht für Drohnen mit Verbrennungsmotor. Jets fliegen auf sieben Kilometern und verhalten sich eher wie Marschflugkörper. Die bekämpft man mit Raketen und Kampfjets. Aber das ist extrem asymmetrisch: Drohnen sind billig, und man kann es sich nicht leisten, sie dauerhaft mit teuren Raketen abzuschießen. Wir brauchen neue Lösungen, und daran denken wir gerade.

Es heißt oft, die Ukraine sei zu Innovation gezwungen und die NATO-Staaten könnten von ihr lernen. Stimmt das?

Absolut. Wir haben ein Büro in Kiew, unsere Leute aus Helsinki sind ständig vor Ort und testen mit verschiedenen Teilen der ukrainischen Streitkräfte. Dieser Krieg ist anders als alles, was wir bisher gesehen haben. 70 bis 80 Prozent der Verluste gehen auf Drohnen zurück. Wenn das stimmt, müsste man meinen, dass auch 80 Prozent der Verteidigungsausgaben in die Drohnenabwehr fließen. Tatsächlich ist es wohl eher ein Prozent. Weltweit denken wir noch in den Kategorien des alten Krieges. Wir kaufen Panzer, was keinen Sinn ergibt, wenn künftige Kriege so aussehen wie in der Ukraine oder im Nahen Osten.

Welche Szenarien kommen auf uns zu?

Wir können vor allem bei den Russen erwarten, dass sie immer stärker auf vollständig autonome Waffen setzen, die die Entscheidung zu töten selbst treffen. Das ist die Grenze, die wir nicht überschreiten sollten. Die ukrainischen Soldaten, mit denen ich spreche, sagen mir, dass sie diese Grenze nicht überschreiten werden, sie wollen immer einen Menschen in der Entscheidung behalten. Die Russen haben sie bereits überschritten. Sie haben Zugang zu westlichen Chips, auch von Nvidia, haben sie in Langstreckendrohnen verbaut und damit Menschen getötet, ohne dass ein Mensch beteiligt war. Die New York Times hat vor zwei Monaten die Hardware auseinandergenommen und den Code dekodiert. Diese Drohnen haben Zivilisten getötet.

Worin liegt der Vorteil einer autonomen Drohne?

Das ist aus Sicht des Angreifers klar. Der Schwachpunkt jeder Drohne ist die Verbindung zwischen Pilot und Drohne. Funk kann man stören, ein Glasfaserkabel kann man durchtrennen. Also nimmt man die Verbindung weg, und damit den Piloten. Dann gibt es nichts mehr, das man unterbrechen kann. Logisch betrachtet ergibt der Schritt zu autonomen Waffen Sinn. Aber ich glaube, alle Menschen würden zustimmen, dass es eine schlechte Idee ist, Killerroboter zu bauen. Genau das sind sie: Maschinen, deren Zweck es ist, Menschen zu töten, und die diese Entscheidung selbst treffen.

Bisher haben wir das nur bei Flugdrohnen gesehen. Stellen Sie sich tausend Bodendrohnen vor, die über die Grenze kommen und nach Menschen suchen. Das wäre das Albtraumszenario, und die Technologie dafür existiert heute. Es will sie nur niemand bauen, und wir hoffen, dass das so lange wie möglich so bleibt. Ich muss betonen: Wir bauen ausschließlich Systeme zur Abwehr. Wir haben keine Drohnen, die Menschen töten. Wir töten Drohnen, nicht Menschen. Wir schützen Menschen, das ist unsere Mission.

Auf der TEDAI-Bühne sprechen Sie über KI und Cybersecurity. Was ist Ihre Botschaft?

Das erste Mal habe ich 1983 über künstliche Intelligenz gelesen, da war ich 13. Ich habe mein ganzes Leben auf die Systeme gewartet, die wir heute haben. Wie bei jeder technologischen Revolution bekommen wir große Vorteile und große Probleme. In der Cybersecurity ist die Lage gerade richtig schlecht. Wir nennen diesen Monat den „Black October“, weil die Zahl der entdeckten Sicherheitslücken in den letzten 30 Tagen explodiert ist. Gefunden werden sie von den Frontier-AI-Labs, Menschen kommen da nicht mehr mit. Und es sind nicht nur Kriminelle, die KI für Angriffe nutzen. Es gibt Dutzende Fälle, in denen KI-Systeme selbst ausgebrochen sind, viel mehr, als öffentlich bekannt ist.

„China ist im Moment überraschenderweise privater als die amerikanischen Optionen.“

Meine Botschaft ist: Programmieren verändert sich. Der Grund, warum Ihr Windows oder Mac gehackt werden kann, ist, dass ein Mensch den Code geschrieben hat. Menschen machen Fehler, Fehler im Code werden zu Bugs, Bugs in vernetzten Systemen zu Sicherheitslücken. Die Lösung ist offensichtlich: Man nimmt den Menschen raus. Genau das passiert gerade. Künftig wird aller Code von Maschinen geschrieben, und Maschinen werden viel schneller besser als menschliche Programmierer. Irgendwann haben wir fehlerfreien Code, und es gibt keine Schwachstellen mehr, die Angreifer ausnutzen können. Bis dahin wird es aber eine sehr holprige Fahrt.

Wie hat sich das Verhältnis zwischen Angreifern und Verteidigern im KI-Zeitalter verschoben?

Die Reaktionszeit ist verschwunden. Früher hatte der Verteidiger Zeit: Eine Schwachstelle wurde gemeldet, man konnte einen Fix entwickeln und die Systeme patchen. Dieses Fenster ist inzwischen so klein, dass es keine Rolle mehr spielt.

Europa hat keinen Zugang zu den besten Modellen. Was bedeutet das geopolitisch?

Als Europäer ist die Lage ziemlich traurig. Es wird diskutiert, ob man die KI-Forschung wegen der Risiken bremsen sollte. Die USA bremsen, China überlegt. Europa muss nicht bremsen, weil wir gar keine Frontier-Labs haben. Der einzige echte Lichtblick sind Open-Source-Frontier-Modelle. Die können wir lokal betreiben, ohne Erlaubnis von irgendjemandem, auf unseren eigenen Systemen. Kritische Daten müssen wir nicht nach Kalifornien schicken. Ironischerweise bekommen wir mehr Privatsphäre und Sicherheit von offenen Systemen, und alle offenen Systeme sind chinesisch. Modelle wie GLM oder Kimi kann man vom Internet trennen und den Code prüfen. Selbst wenn irgendwo eine Hintertür versteckt wäre, könnte sie keine Daten abziehen. Mit Claude, Gemini, GPT oder Grok geht das nicht, die müssen online sein, und die Daten gehen in die USA. China ist im Moment überraschenderweise privater als die amerikanischen Optionen.

Hat Europa das KI-Rennen verloren?

Wir können hoffen, aber ich sehe wenige Anzeichen dafür. Interessant ist allerdings, dass ein großer Teil des Trainings und der Inferenz in Europa stattfindet, weil hier so viele Rechenzentren gebaut werden, vor allem in Nordeuropa mit billigem Strom und kaltem Klima. Google baut riesige Rechenzentren in Finnland, Nebius hat sein größtes Rechenzentrum in Mäntsälä. Ein Teil der KI-Revolution passiert also in Europa. Leider ist es der Billiglohn-Teil der Wertschöpfungskette. Aber immerhin etwas.

Haben Sie als 13-Jähriger eine Zukunft wie diese erwartet?

Ich habe darauf gehofft. Es hat viel länger gedauert, als ich dachte, alle haben schon vor 20 Jahren auf solche Systeme gewartet. Diese Revolution baut auf der Internet-Revolution auf: Vor dem Internet war alles Wissen auf Papier. Heute ist alles Daten, und wir haben auch das alte Wissen digitalisiert, Bücher, Filme, Radio, mit dem die Modelle jetzt lernen. Wir leben in aufregenden Zeiten. Aufregend und beängstigend zugleich, genau so, wie ich es mag.

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