24.04.2026
WIRTSCHAFTSPOLITIK

Senkung der Lohnnebenkosten: Langjährige Startup-Forderung könnte Realität werden

Die NEOS knüpfen ihre Zustimmung zum Doppelbudget an eine deutliche Senkung der Lohnnebenkosten. Für die heimische Wirtschaft und insbesondere das Startup-Ökosystem könnte damit eine zentrale Forderung Realität werden.
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Seitenansicht Nationalratssaal mit Glaskuppel - © Parlamentsdirektion/​Johannes Zinner

Das Ringen um das anstehende Doppelbudget spitzt sich zu. Noch in dieser Woche soll eine Verständigung über die zentralen Grundlinien des Budgets für die Jahre 2027 und 2028 erzielt werden. Im Zentrum der politischen Debatte stehen die NEOS, die ihre Zustimmung explizit von einer Senkung der Lohnnebenkosten abhängig machen.

Wichtige Entscheidung für Wirtschaftsstandort

Es ist eine Entscheidung, die den gesamten Wirtschaftsstandort Österreich prägen könnte: Die Forderung nach einer Senkung der Lohnnebenkosten eint derzeit KMU, die Industrie und etablierte Konzerne. Doch auch für die heimische Innovationsszene wird diese Entscheidung von großer Bedeutung sein.

In Österreich fallen nämlich zusätzlich zum Bruttolohn etwa 29,6 Prozent an Lohnnebenkosten an – ein im internationalen Vergleich hoher Anteil. Die wirtschaftlichen Folgen dieser Abgabenlast zeigen sich exemplarisch im Startup-Sektor: Österreichische Startups beschäftigen rund 35.000 Menschen. Zwar planen 73 Prozent Neueinstellungen, doch hohe Fixkosten bremsen das Wachstum – eine Senkung der Lohnnebenkosten könnte hier eine günstigere Lage für heimische Startups schaffen.

Mit 56,3 Prozent ist die Entlastung bei Steuern und Abgaben, insbesondere die Reduktion der Lohnnebenkosten, auch die wichtigste Forderung der österreichischen Startups an die Politik. Gerade für stark wachsende Scaleups ist dieser Faktor mit 69 Prozent sogar noch relevanter (Austrian Startup Monitor 2025). Nun könnte diese jahrelange Forderung im Rahmen der Budgetverhandlungen tatsächlich Realität werden.

WKO und IV fordern Entlastung

Deutlich positionieren sich auch die Wirtschaftsvertreter. Neben der Industriellenvereinigung (IV), die auf eine rasche Entlastung der Betriebe drängt, untermauert die Wirtschaftskammer (WKÖ) die Dringlichkeit mit Zahlen. WKÖ-Experte Gleißner argumentiert, dass die heimischen Lohnnebenkosten im internationalen Spitzenfeld liegen und Arbeit dadurch massiv verteuern. Gestützt auf Berechnungen von EcoAustria betont er, dass bereits eine Senkung um einen Prozentpunkt bis zu 12.000 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen könne.

Auch Martha Schultz, Präsidentin der Wirtschaftskammer Österreich, sowie WKÖ-Generalsekretär Jochen Danninger betonen: „Der Wirtschaftsstandort Österreich hat in den vergangenen Jahren massiv an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Das gefährdet heimische Arbeitsplätze. Neben anderen Faktoren sind die im europaweiten Vergleich extrem hohen Lohnnebenkosten ein wesentlicher Grund dafür, deren Senkung daher jetzt rasch auf den Weg gebracht werden muss“.

Gewerkschaft warnt vor „Angriff auf den Sozialstaat“

Genau dieses Narrativ stößt bei der Arbeitnehmervertretung auf vehementen Widerstand. Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) wehrt sich scharf gegen die Vorhaben der Wirtschaftsseite und der NEOS. ÖGB-Bundesgeschäftsführerin Helene Schuberth weist das Versprechen neuer Arbeitsplätze entschieden zurück: „Es gibt keine Garantie, dass Unternehmen die Einsparungen tatsächlich in Jobs investieren.“ Da die Abgaben essenzielle Pfeiler wie Pensionen, die Arbeitslosenversicherung oder die Gesundheitsversorgung finanzieren, hätte eine Reduktion weitreichende Konsequenzen für die Bevölkerung. „Wer hier kürzt, greift direkt in die soziale Absicherung der Beschäftigten ein“, warnt Schuberth. Sie bezeichnet die aktuelle Debatte als einen „Angriff auf den Sozialstaat durch die Hintertür“, der umgehend gestoppt werden müsse.

Auswirkungen auf das Startup-Ökosystem

Für das Startup-Ökosystem geht es in diesen Tagen um viel. Für Gründer:innen mit personellen Wachstumsambitionen wäre eine Senkung der Fixkosten ein wichtiger Hebel. Eine Reduktion der Lohnnebenkosten würde die Kapitalausstattung von Startups direkt entlasten, den Runway verlängern und das Setup auch für heimische und internationale Investor:innen deutlich attraktiver machen. Sollten die Verhandlungen zugunsten einer Entlastung ausgehen, würde die Politik der größten Forderung des heimischen Startup-Sektors nachkommen.

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Anton Osika, Gründer und CEO von Lovable, bei der Slush 2025 in Helsinki | (c) brutkasten / Martin Pacher

Lovable hat am Mittwoch eine Series C über 400 Mio. US-Dollar bekanntgegeben. Die Bewertung des schwedischen Unternehmens liegt damit bei 13,3 Mrd. US-Dollar. Lead-Investor ist Menlo Ventures, co-angeführt wird die Runde vom Scaleup Europe Fund, der von EQT gemanagt wird.

Neu an Bord kommen laut Aussendung Balderton Capital und Carmignac aus Europa, Kaszek Ventures und LTS Growth aus Lateinamerika, Tencent und World Innovation Lab aus Asien sowie Regent aus den USA. Von den bestehenden Investoren gehen unter anderem Accel, Antler, CapitalG, DST Global, Evantic Capital, HubSpot Ventures und Salesforce Ventures mit.

60 Millionen Projekte seit dem Start

Lovable lässt Nutzer:innen Software per Chat bauen, ohne Programmierkenntnisse. Seit dem Start im November 2024 wurden nach Unternehmensangaben mehr als 60 Millionen Projekte angelegt. Die damit gebauten Apps kommen demnach zusammen auf über 900 Millionen Besuche pro Monat.

Innerhalb des ersten Jahres erreichte Lovable eigenen Angaben zufolge Mitarbeiter:innen bei der Hälfte der Fortune-500-Konzerne, mittlerweile seien es knapp zwei Drittel. Als Referenzkund:innen nennt das Unternehmen unter anderem Adidas, Nvidia und die Deutsche Telekom sowie Zendesk, Handshake und Checkr.

Laut einer Nutzer:innenbefragung, auf die sich Lovable beruft, bauen fast acht von zehn Nutzer:innen ein Unternehmen oder ein Nebenprojekt, das sie monetarisieren wollen. Mehr als ein Drittel davon erwirtschafte bereits Umsatz.

Vom App-Baukasten zur Betriebssoftware

Die Positionierung verschiebt sich mit der Runde: Lovable will nicht mehr nur das Werkzeug sein, mit dem Software entsteht, sondern jenes, mit dem Unternehmen laufen. Seit der Series B im Dezember 2025 hat das Unternehmen Payment-Funktionen, SEO- und AI-Search-Tools sowie Integrationen zu Google Workspace, Microsoft 365, Salesforce, Stripe und ElevenLabs ergänzt. Dazu kamen automatisierte Security-Scans, Governance-Funktionen und die AIUC-1-Zertifizierung für KI-Agenten.

Drei Prioritäten nennt Lovable für die kommenden Monate. Erstens soll das Produkt proaktiver werden und Aufgaben erkennen und übernehmen, ohne dass Nutzer:innen sie anstoßen müssen. Zweitens will das Unternehmen sein System darauf trainieren, welche Bauentscheidungen zu erfolgreichen Produkten führen, gemessen an Umsatz, verbesserten Workflows und Unternehmenswachstum. Modellseitig bleibt Lovable bei einem Multi-Model-Ansatz und will weiter offene Modelle nachtrainieren. Drittens soll das Team heuer auf rund 450 Personen wachsen, vor allem in Machine Learning, Produkt, Infrastruktur und Security. Der Hauptsitz bleibt Stockholm, ausgebaut wird in London, Boston, San Francisco und New York.

Wie weit der Anspruch reicht, zeigt ein Kundenbeispiel aus der Aussendung: Beim US-Unternehmen Nursa baute ein Produktverantwortlicher ein neues Enterprise-Produkt an einem Wochenende, danach wurde Lovable auf über 200 Mitarbeiter:innen ausgerollt. Aktuell ersetze das Unternehmen zehn SaaS-Systeme durch selbst gebaute Tools.

Testfall für den europäischen Wachstumsfonds

Für Europa ist vor allem der Co-Lead relevant. Der Scaleup Europe Fund wurde von der Europäischen Kommission gemeinsam mit europäischen Investoren aufgesetzt und im Juni beim European Innovation Council Summit in Brüssel präsentiert. Der Fonds hat ein Zielvolumen von fünf Milliarden Euro, wird von EQT unabhängig und marktbasiert gemanagt und soll die Lücke bei großvolumigen Wachstumsfinanzierungen schließen, wegen der europäische Tech-Unternehmen bislang häufig auf US-Kapital angewiesen waren. Zu den Zielbranchen zählen neben Quanten- und Halbleitertechnologien, Robotik, Energie- und Weltraumtechnologien auch Künstliche Intelligenz.

Bemerkenswert ist das Tempo. Bei der Präsentation im Juni hieß es noch, die ersten Investments seien für Herbst 2026 geplant. Lovable zählt laut Aussendung nun zu den ersten Beteiligungen des Fonds, das allererste Investment war es allerdings nicht.

Victor Englesson, Partner bei EQT und Co-Head des Scaleup Europe Fund, verweist in der Aussendung darauf, dass Anton Osika, Fabian Hedin und ihr Team eines der ambitioniertesten und am schnellsten wachsenden KI-Unternehmen aufgebaut hätten. Genau dafür sei der Fonds geschaffen worden. Matt Murphy, Partner bei Menlo Ventures, argumentiert, Lovable adressiere jene Milliarden Menschen, die Ideen hätten, aber bislang an der technischen Umsetzung scheiterten.

Osika selbst hatte diese Europa-Perspektive bereits im vergangenen November auf der Slush in Helsinki betont. „Europa ist in vielerlei Hinsicht ein besserer Ort, um ein KI- oder Tech-Unternehmen aufzubauen“, sagte er dort auf der Hauptbühne.

Bemerkenswert bleibt dabei ein Detail der Investorenliste: Mit Tencent steigt zeitgleich ein chinesischer Konzern ein. Der Anspruch, ein europäisches Tech-Unternehmen mit europäischem Kapital zu skalieren, trifft damit in derselben Runde auf globale Beteiligungsstrukturen.

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