11.11.2022

“Ich habe jede Möglichkeit genutzt, Quotenfrau zu sein” – Selma Prodanovic über Diskriminierung

Im brutkasten-Interview spricht Startup-Grand-Dame und Keynote-Speakerin, Selma Prodanovic, über ihre Erfahrungen mit Diskriminierung und sexueller Belästigung in ihrer bisherigen Karrierelaufbahn.
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Selma Prodanovic spricht im brutkasten-Interview über ihre Erfahrungen mit Diskriminierung und sexueller Belästigung. (c) brutkasten
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Startup-Grand-Dame Selma Prodanovic über ihre Erfahrungen mit Diskriminierung und sexueller Belästigung in ihrer Karrierelaufbahn.

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Selma Prodanovic wurde vor einigen Wochen als Vizepräsidentin des European Business Angel Networks (EBAN) wiedergewählt. Als einflussreichste Frau in der gesamten europäischen Business-Angel-Szene führte sie nach ihrer Wiederwahl ein Manifesto for a Gender Balanced Angel Investing Ecosystem ein, welches folgende drei Ziele bis 2030 definiert:

  • Erhöhung der Anzahl an weiblichen Angel-Investorinnen in Europa von zehn auf 30 Prozent
  • Ein Drittel der Investment-Portfolios sollten in frauengeführte Start-ups fließen
  • Mehr Frauen in Aufsichtsräte von Netzwerken und Portfoliounternehmen aufnehmen

„Female-Empowerment ist mir ein Herzensanliegen“, sagt Prodanovic und erklärt im brutkasten-Interview, welche Herausforderungen sie in ihrer bisherigen Karrierelaufbahn als weibliche Business-Angel der ersten Stunde überstehen musste. 

Du hast dich als weibliche Investorin in einer sehr männerdominierten Szene, wo es nur fünf Prozent weibliche Business Angels in Österreich gibt, durchgesetzt. Wie hast du das geschafft?

Selma Prodanovic: Das war eine sehr spannende Erfahrung. Man muss klar sagen, dass das Thema Mann vs. Frau mit einem Machtspiel zu tun hat. Dadurch, dass ich teilweise die ganze Startup- und Business-Angels-Szene in Österreich geshaped habe, war ich selbst in dieser Machtposition – und das von Anfang an. Daher habe ich mich mit der Zeit daran gewöhnt, die einzige Frau im Raum zu sein. Ich habe jede Möglichkeit genutzt, die Quotenfrau zu sein.

Wenn ich die Möglichkeit hatte, bei einem Panel dabei zu sein, habe ich gewusst, dass ich gerufen wurde, weil ich eine Frau bin. Meine Aufgabe war es dann, dort aufzutreten und zu zeigen, dass ich die Qualität auch dazu habe. Das ist mir sehr wichtig. Oft, wenn wir über Quoten und Zahlen sprechen, wird immer wieder behauptet, dass das etwas Schlechtes wäre. Ehrlich gesagt kotzt mich das an, weil ich das als einen absolut falschen Zugang empfinde.

Es geht nur darum, die Möglichkeit und die Gelegenheit zu haben, sein Wissen zu zeigen. Es gibt so viele großartige Expertinnen da draußen, die so vieles machen können. Zu behaupten, dass eine Quote bedeutet, dass man sich für etwas Schlechteres einlässt – sei es die Führungskraft oder ein Startup Investment – ist ein Blödsinn. Es geht nur darum, die Möglichkeit zu haben. Darum bestehen Quoten. Da sist auch der Grund, wieso ich absolut dafür bin, so wie ich das nun mit dem Manifesto erreichen möchte. Natürlich bedeutet das, dass wir ein bisschen mehr daran arbeiten müssen.

Viele Frauen in der Szene wagen den Schritt in die Welt der Business Angels nicht. Mit welchen Herausforderungen werden sie sowohl in dieser Szene als auch generell in der Arbeitswelt, konfrontiert? 

Wenn wir über die Investment-Szene und die Business-Welt sprechen, ist es immer ein Thema der Macht. Insbesondere ältere Männer, die in einer Machtposition sind und Frauen, die eventuell noch nicht so weit sind. Da gibt es sehr viele Situationen, die passieren und nicht sehr angenehm sind. Vor allem sind es immer wieder diese Kleinigkeiten, die passieren. So oft wurde ich in Meetings als diejenige wahrgenommen, die Kaffee bringen oder Notizen machen sollte, nur weil ich eine Frau bin. Niemand wusste, wer ich war oder welche Rolle ich hatte. Es wurde automatisch so angenommen.  

Das war damals so und das ändert sich jetzt. Das tut etwas mit einem. Das tut etwas mit mir, weil ich jedes Mal irgendwie darauf entweder reagiere oder nicht reagiere. Aber ich muss darüber nachdenken und mich meinen Kolleg:innen gegenüber behaupten. Das sind Kleinigkeiten, aber sie wirken etwas aus. Selbstverständlich gibt es aber noch viel Schlimmeres. 

Sexismus-Erfahrungen prägen ja den Alltag von vielen Frauen in der Arbeitswelt. Gibt es Fälle, an die du zurückdenkst und dir bewusst wird, da hätte ich eventuell besser handeln können?

Es gibt immer wieder interessante Situationen, die passieren. Ich hätte mal mit einem Mann arbeiten sollen. Eines Tages kam er zu mir und sagte, dass er nicht mit mir arbeiten kann, weil seine Frau eifersüchtig ist. Eines Tages kam er zu mir und sagte, dass er nicht mit mir arbeiten kann, weil seine Frau eifersüchtig ist. Ich dachte mir, ich möchte doch nicht mit dir schlafen, sondern arbeiten. Das war ein prägender Moment, wo ich mich gefragt habe, was er denkt, was ein Arbeitsverhältnis mit einer Frau bedeutet. Ist das nur eine Ausrede, die er benutzt hat, weil er dachte, dass das akzeptiert wird? Oder ist es tatsächlich so, dass seine Frau ein Problem daraus macht, wenn er mit anderen Frauen zusammenarbeitet? Wo sind wir hier gesellschaftlich? Das löst schon etwas aus in einem aus. Tatsächlich habe ich einen großen Auftrag damit verloren, weil ich eine Frau war und wir andere Geschlechter hatten. Aber ich habe auch Sachen erlebt, insbesondere als ich jünger war. Das ist tatsächlich noch immer das Problem von vielen jungen Frauen, die in ihren 20ern oder 30ern sind und somit am Anfang ihrer Karriere stehen und nicht wissen, wie die Arbeitswelt funktioniert. Sie akzeptieren viel mehr am Anfang. Ich finde das beginnt bei Kommentaren darüber, wie man aussieht, bis hin zu Aussagen, dass man schön ruhig sitzen und Notizen machen soll, bis der Termin fertig ist. Das muss nicht sein und ich hoffe, dass es jüngeren Frauen heute leichter geht. 

Was würdest du Frauen empfehlen, wie sie auf Belästigungs- und Diskriminierungsfälle reagieren sollten? 

Wenn du auf diesen Job angewiesen bist, ist es natürlich schwer, mutig zu sein. Ich denke, dass viele in der Gesellschaft – vor allem viele Männer aber auch Frauen – wissen nicht, dass das nicht okay ist. So wie ich zum Beispiel heute bestimmte Sachen sehe oder lese, weiß ich, dass das zu meiner Zeit normal war oder akzeptiert wurde. Heute ist das nicht mehr der Fall. So sehe ich, dass bestimmte Sachen einfach nicht mehr normal und üblich sind. Ich glaube, dass es Teil unserer Aufgabe ist, zu eduzieren, zu zeigen und das Problem offen anzusprechen, ohne zu sagen. Ich glaube, dass es viele machen, ohne dass es ihnen bewusst ist, was da passiert. Es gibt abhängig davon, welche Kultur du aufgewachsen bist, wer um dich herum ist, wie du dein Leben lebst und welche Position du hast. Die meisten Männer sind nicht so und ich will nicht, dass wir da in einer Situation landen, wo es darum geht, dass jeder Mann böse ist. Manchmal machen wir alle Fehler, so wie Frauen und Männer. Es findet ein Wertewandel statt und es ist wichtig zu wissen, wie wir diesen unterstützen können, die Mehrheit der Männer und Frauen auf einen gemeinsamen Nenner bringen und uns bemühen, den Anteil der Belästigenden zu reduzieren um zu zeigen, dass das nicht okay ist. 

Wie stehst du zu Meinungen von anderen Frauen, die behaupten, dass diese Probleme in der Arbeitswelt nicht existieren oder nur diesen Frauen passiert, die sich potentiell auch flirtend verhalten?

Damit habe ich ein Problem, denn ich glaube, dass sie das teilweise nicht sehen wollen.Ich kann sagen, dass es mir heute kaum mehr passiert, dass ich belästigt werde. Das ist mir in meinen jüngeren Jahren passiert. Aber das bedeutet nicht, dass ich das nicht sehe, wenn das passiert. Es muss mir nicht passieren. Es geht nur darum, was ich da draußen sehe. Und zu behaupten, das passiert mir nicht, ich sehe es nicht bei den anderen und das ist kein Thema, das verstehe ich nicht.  

Ich habe das vor kurzem bei einem großen Kongress erlebt. Ich stand auf der Bühne, als eine der Speaker:innen – ich war die einzige Frau, die auf der Bühne war. Ein anderer Speaker kam auf die Bühne und begrüßte alle Männer und mich nicht. Er hat offensichtlich gar nicht daran gedacht, dass ich jemand war, die auf diese Bühne gehört. In seinem Kopf dachte er wahrscheinlich, dass ich jemand war, die ausgeholfen hat.  Früher hätte ich mich in dieser Situation zurückgezogen und hätte mir gedacht, dass ich etwas falsch gemacht habe. Heute gehe ich dann auf die Person zu, begrüße ihn und stelle mich vor. Damit war sofort klar, dass er das nicht böse gemeint oder nicht absichtlich gemacht hat. Aber das sind die Biases, die wir im Kopf haben. Wenn wir schon darüber reden, darf man nicht die Situation, die Ursula von der Leyen in der Türkei hatte, vergessen. Sie hat keinen Sitzplatz bekommen. Das passiert also auch den bekannteren Frauen. Es ist nicht so, dass das nicht passiert.  

Damit sind wir bei einem anderen Problem angelangt. Es gibt auch Menschen, die so etwas betrachten, aber still bleiben. Was würdest du diesen Menschen raten, die sich nicht sicher sind, ob sie etwas sagen oder tun sollen, da die betroffene Person sich nicht diskriminiert oder belästigt fühlen könnte

Das kann durchaus sein und ist abhängig davon, aus welcher Kultur du kommst und wie du aufgewachsen bist. Aber es kann auch durchaus sein, dass man in den eigenen Gefühlen so stark getroffen wird, dass man nicht die Kraft, darauf zu reagieren. Natürlich kann es auch sein, dass sich bestimmte Menschen nicht dazu äußern möchten, weil sie es nicht als ihr Problem oder ihre Aufgabe verstehen. Das passiert bei Männern genauso wie bei Frauen.  

Wie ist das Verhältnis zwischen Business Angels und weibliche Founder? Hast du mitbekommen, dass da Diskriminierungen und Belästigungen stattfinden?

Genauso wie in jeder anderen Branche. Das ist nicht etwas, was nur der Startup-Welt zuzuschreiben ist. Aber es ist durchaus eine sehr männlich geprägte Welt. Insbesondere, wenn es um das einfache Verhältnis geht – du willst Geld und ich gebe dir Geld, aber wir schauen mal, was wir dafür bekommen. Das kann durchaus vorkommen. Ich weiß von einem konkreten Fall , der vor einigen Jahren passiert ist und wo diese Person tatsächlich aus der gesamten europäischen Szene ausgeschlossen wurde, nachdem es bekannt wurde. Er hatte gesagt „Investment gegen Sex“. Daraufhin hat sich die Frau gewehrt und ihre Erfahrung publik gemacht. Er bestätigte den Fall und entschuldigte sich, aber der Schaden war schon getan. Ich denke nicht, dass es in der Investoren-Szene viel mehr passiert als in anderen Branchen. Ich glaube sogar, dass es vielleicht weniger ist, weil die Grundaufgabe von einem Business Angel ist zu supporten. Und das ist ein bisschen anders. Wenn ich ein Chef bin und eine Angestellte habe, ist da das Verhältnis möglicherweise ein bisschen anders. Aber das, was wir in unserer Szene sehen, ist ein Caring-Prinzip. Andererseits ist es mein Ziel, dass wir mehr Frauen in die Szene bekommen, denn mit mehr Frauen werden sich die Regeln dementsprechend verändern. Das bedeutet nicht, dass nur Frauen in Frauen investieren. Es geht einfach um die Sprache und darum, das Ganze ein bisschen anders zu machen. Letztendlich ist die Szene noch immer sehr männlich dominiert. Ich war letztens in Brüssel, wo über 30 Prozent der Teilnehmerinnen Frauen waren. Das macht schon einen Unterschied und schafft eine andere Atmosphäre.  

Welche Tipps möchtest du abschließend anderen Frauen mitgeben? 

Unsere erste Aufgabe ist Awareness-Building. Wenn wir sowohl über die schlechten, als auch über die guten Erfahrungen sprechen, können wir Menschen diese Themen näher bringen. Unabhängig davon, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Das zweite ist Capacity Building, wie in diesem Beispiel mit unserem Manifesto. Wie können wir den Gender-Investment-Bias überwinden? Letztendlich ist auch das Thema „Money Talks“ wichtig. Wir brauchen mehr Investorinnen und Role-Models. Es hat sich in den letzten Jahren einiges ins Positive verändert. Wir wünschen uns alle, dass das noch schneller geht, aber möglicherweise müssen wir ein wenig Geduld mit uns selbst und mit unseren Mitmenschen haben. Am Ende des Tages sollen alle ihrem Bauchgefühl vertrauen.  

Oft wird genau das benutzt, um dich klein zu machen und klein zu halten. Es geht gar nicht darum, was getan oder gesagt wird, sondern wie. Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben. Wenn jemand die Wahl hat, sollte die Person das Unternehmen verlassen und nach Gerechtigkeit suchen. Niemand möchte in einem Unternehmen arbeiten, das so ein Verhalten begrüßt. Aber wie gesagt, nur wenn das möglich ist. Geht es um einen Business Angel, der nicht der Kultur entspricht, gibt es tausende andere Business Angels.

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Martin Ohneberg am World Venture Forum in Kitzbühel | (c) brutkasten

Beim World Venture Forum in Kitzbühel hielt Martin Ohneberg auf Einladung von Initiator Berthold Baurek-Karlic die Rede zum Gala-Dinner: über Europa im globalen Kontext. Seine Botschaft, die er im brutkasten-Gespräch wiederholt: Europa hat kein Ideen-, sondern ein Umsetzungs- und Kapitalproblem. Und: „Wir reden nicht von einer Krise, sondern von einer Transformation.“ In der Transformation bringe Warten nichts.

Ohneberg weiß, wovon er spricht. Der Vorarlberger Industrielle übernahm 2011 die HENN Gruppe und baute den Verbindungstechnologie-Spezialisten zum Nischen-Weltmarktführer bei Ladeluft-Schnellkupplungen für die Automobilindustrie aus – eine Position, die das Unternehmen bis heute hält. Während die Branche mitten in einer schmerzhaften Transformation steckt, richtet er seine Gruppe nun auf einen Megatrend aus, der von KI-Rechenzentren bis zu humanoiden Robotern reicht: Kühlung.

Im Gespräch mit brutkasten erklärt Ohneberg, warum Europa beim Thema Souveränität den letzten Moment erreicht hat, weshalb das Self-driving Car der echte Game Changer wird und was passieren muss, damit der Kontinent nicht zum reinen Anwender fremder Technologien wird.


brutkasten: In deiner Rede beim World Venture Forum hast du die Formel „Europe discusses, America decides, Asia acts“ aufgegriffen. Gleichzeitig läuft gerade die Debatte um Europas digitale Souveränität. Ist da ein Momentum?

Martin Ohneberg: Wenn Europa jetzt beim Thema Souveränität nicht aufwacht, wird es ganz schwierig. Ich glaube, es ist der letzte Moment. Das wurde erkannt, der Draghi-Report hat seinen Teil dazu beigetragen. Jetzt muss gehandelt werden. Die Frage ist: Haben wir noch eine Chance, das Ruder herumzureißen? Die Gefahr ist, dass wir vom Land der Innovation und der Produktion zum Land der Anwender werden. Und leicht wird das nicht: Kapital ist der Rohstoff der Zukunft. Wenn man sich den Börsengang von SpaceX anschaut, sind das Dimensionen, da können wir in Europa nicht mit. Wir haben tolle Ideen und viele tolle Startups. Aber wenn man anschaut, wo sie skalieren und wo sie das Geld holen, ist es dann doch Amerika.

Was muss auf europäischer Ebene passieren? Sollte die öffentliche Beschaffung etwa gezielt europäische Lösungen bevorzugen?

Man kann das leicht sagen, aber es ist diffiziler, als oft geglaubt wird. Unsere Abhängigkeiten sind in vielen Technologien und bei seltenen Erden inzwischen so groß, dass es extrem schwierig ist, sich stärker gegen andere Nationen aufzustellen. Dazu fehlt die Geschlossenheit: 27 Länder, jeder agiert selbst, Frankreich anders als Deutschland. Natürlich macht es Sinn, die europäische Wirtschaft stärker zu schützen. Aber die eigentlichen Probleme liegen tiefer: Wir haben keinen einheitlichen Kapitalmarkt, weshalb das Geld, das in Europa durchaus vorhanden ist, hauptsächlich nach Amerika geht. Die Bürokratie ist überbordend. Und wir müssen wegkommen von den Überschriften, ob das jetzt Green Deal heißt oder Industrial Acceleration Act, und in die Umsetzung kommen. Europa ist prädestiniert für tolle Strategien und Visionen. Am Ende mangelt es an der konsequenten Umsetzung.

Woran scheitert die?

Wir haben tolle Universitäten, Innovationen, eine starke Industrie. Aber wir bringen es nicht auf die Straße, weil Europa ein zu komplexes Gebilde ist. Allein die Geschwindigkeit: Bis etwas durch Parlament und Kommission ist, vergehen im Schnitt rund 18 Monate. Bis es in Kraft tritt, reden wir von zwei, drei Jahren. Wir sind aber in einer Zeit angekommen, in der Speed der Key ist. Es passieren ja Dinge, aber sie passieren halt außerhalb Europas. Das ist eigentlich das Thema. Die Konsequenz: Bei uns wird gegründet und entwickelt, skaliert wird in Amerika. Und dann importieren wir die Produkte wieder, die wir selbst erfunden haben.

Du bist mit HENN Zulieferer der Automobilindustrie. Bei VW und anderen ist enormer Druck im System. Wie nimmst du die Lage wahr?

Das, was jetzt in Europa passiert, ist meiner Ansicht nach erst der Beginn. Da wird noch mehr kommen. Vor ein paar Jahren hat man für diese Zeit von 125 Millionen produzierten Autos weltweit gesprochen, wir sind jetzt bei rund 90 bis 92 Millionen. Global wird wenig Wachstum vorhanden sein, dafür kommt ein massiver Verdrängungswettbewerb zwischen den Regionen, der nach aktuellem Stand zugunsten Asiens ausgehen wird. Wichtig ist mir die Unterscheidung: Wir reden nicht von einer Krise, sondern von einer Transformation. Eine Krise geht vorbei, ob Corona, Suezkanal oder Energiepreise. Die Transformation bleibt. In der Krise kannst du durchtauchen, in der Transformation bringt Warten nichts. Du musst handeln und gestalten.

Du siehst den nächsten großen Schub bei Self-driving Cars. Warum ausgerechnet dort?

Weil sich die Mobilität damit noch einmal fundamental verändert. Beim E-Auto ist der Customer Benefit de facto der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Das ist ideologisch, ob das ein riesiger Kundenvorteil ist, kann man diskutieren. Das Self-driving Car hat den echten Customer Benefit: Ich muss nicht mehr selbst fahren und kann jederzeit einsteigen. Wenn man sich anschaut, was Waymo, Huawei und andere schon auf der Straße haben und welche Datenmengen dort täglich generiert werden, kann man sich vorstellen, wie schnell das gehen wird. Für die Zulieferindustrie heißt das: extreme Standardisierung und Konsolidierung. Autos werden modular. Man kauft künftig ein „Skateboard“ mit vier Rädern, Batterie und integrierter Software, das Self-driving-Modul wird eingeschoben wie früher das erste Navi ins Auto. Und es wird die Foxconns geben, die das komplette Modul fertigen.

Wie stellt sich HENN darauf ein?

Wir kommen aus einer Nische, in der wir bis heute Weltmarktführer sind, der Ladeluft, und transformieren uns in einen Markt, der groß, aber extrem kompetitiv ist. Wir sind de facto in einem Red Ocean unterwegs. Deshalb richten wir die Gruppe stark auf den Megatrend Kühlung aus. Überall, wo verstärkt Elektrizität eingesetzt wird, braucht es Kühlung, und künftig immer öfter Wasserkühlung, weil die Leistungen so hoch sind. Die Rechenzentren, die jetzt gebaut werden, müssen alle wassergekühlt werden. Das ist unser Heimspiel: Da haben wir erste Anwendungen, Prototypen und intensive Gespräche. Dazu kommen Renewables wie Windkraft. Und humanoide Roboter, die aktuell noch luftgekühlt sind, künftig aber ebenfalls wassergekühlt werden müssen.

Stichwort Humanoide und Physical AI: Hat Europa dort überhaupt eine Chance?

Die Voraussetzungen wären da: Wir haben die Ingenieure, die klassische Industrie, hohe Innovationstätigkeit. Und die Notwendigkeit ist hundertprozentig gegeben: Demografisch müssen wir in Automatisierung und Robotik investieren, Punkt. Aber aktuell passiert wieder fast alles außerhalb Europas. Wenn Europa Souveränität ernst nimmt, muss spätestens bei den Humanoiden sichergestellt sein, dass es ein europäisches Produkt gibt, weil der Vergleich zum Menschen so nahe ist. Wenn China, die USA oder andere unsere Humanoiden in den Produktionshallen steuern, weiß ich nicht, ob das so angenehm ist. Es gibt positive Schritte wie die große Finanzierungsrunde von Neura Robotics mit Partnern wie Bosch und Schaeffler. Aber das Kapital fließt insgesamt wiederum nicht nach Europa. Die große Frage wird sein: Wie hoch ist unser Wertschöpfungsanteil? Dass wir anwenden werden, davon bin ich überzeugt. Ob wir ein eigenes Ökosystem aufbauen können, das entscheidet sich jetzt.

Zum Abschluss: Was gibst du Gründer:innen mit, die jetzt starten?

Es gibt nichts Besseres, als Unternehmer zu sein. Das ist die Champions League der Wirtschaft. Es kann jeder Unternehmer werden. Man braucht den Mut zu sagen: Jetzt mache ich den Sprung. Und dann Konsequenz. Aber es muss klar sein: Eine Unternehmerkarriere hat immer Höhen und Tiefen. Der Unternehmer ist der Einzige, der wirklich Risiko nimmt. Er ist bis zum Schluss auf dem Schiff.

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