19.03.2021

Schramböck: „Neue Kapitalgesellschaft ist Bereicherung für den Standort“

Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck spricht mit dem brutkasten über Erleichterungen bei der Startup-Gründung, Finanzierungshilfen, Fachkräfte aus dem Inland und kündigt einen neuen Wasserstoffcluster an.
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Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck © der brutkasten - Rot-weiß-rot-karte - aba
Margarete Schramböck | © der brutkasten

Die EU-Kommission hat einen „Standard of Excellence“ für Startup-Politik formuliert, den neben vielen anderen Ländern auch Österreich unterschrieben hat. In dieser Startup Declaration sind einige Best Practices zur Förderung von Startups formuliert – was sind da aus Ihrer Sicht die wichtigsten Punkte?

Margarete Schramböck: Das Wichtigste ist das Commitment, dass Europa eine Startupregion ist und dass Österreich ein Startupland ist und wir Rahmenbedingungen schaffen für Startups, damit sie gut und rasch wachsen können. Zu diesen Bedingungen gehören sehr praktische Dinge. Für mich ganz wichtig ist die innovative öffentliche Beschaffung. Wir haben in Österreich dafür eine eigene Plattform gegründet und sind damit sicher Vorreiter in Europa. Startups, die bereits im öffentlichen Bereich eingesetzt werden, können dort ihre Lösungen präsentieren. So können andere öffentliche Bereiche diese Lösungen auch leichter finden. Das soll zu einer Art Vertriebskatalysator für Startups im öffentlichen Sektor werden. 

Öffentliche Beschaffung ist auch ein Punkt, der in dieser Deklaration aufgeworfen wird. Wo sehen Sie bisher die Hürden zwischen der Welt der Startups und der Welt öffentlicher Auftraggeber?

Oft ist es einfach eine praktische Hürde. Startups kennen den öffentlichen Sektor vielleicht nicht so gut. Wenn sie es aber einmal geschafft haben, in einem Bereich etabliert zu sein, wollen wir ihnen helfen, dass sie das Rad nicht immer wieder neu erfinden müssen. Das ist für mich sehr wichtig und deshalb habe ich auch im Bund den neuen Digitalfonds aufgelegt. 160 Millionen Euro stehen in den nächsten beiden Jahren zur Verfügung, um die öffentliche Verwaltung stärker zu digitalisieren. Jedes Ministerium bekennt sich dazu, dass die Lösungen dann allen zur Verfügung gestellt werden. Ein einfaches Beispiel: Wir haben mit einem Startup zusammengearbeitet, wo wir die Lösung für den digitalen Chatbot beim Amt eingesetzt haben. Wenn die anderen Ministerien einen Chatbot nutzen, dann erklären sie sich bereit, diese bereits erprobte Lösung einzusetzen. Das kann für Startups ein Katalysator sein. 

Laut der Declaration der EU soll ein Startup binnen 24 Stunden und um nur 100 Euro gegründet werden können. Ist das realistisch?

Es ist ein wichtiger Weg, der eingeschlagen wird. Wir müssen bei der Bürokratie herunterkommen – nicht nur für Startups, sondern für alle Unternehmen. Wir haben in Österreich auch im Coronajahr viele Unternehmensgründungen gehabt und das sollte so einfach wie möglich sein. Wir sind auch hier Vorreiter mit unserem Unternehmensservice-Portal und der rein digitalen Gründung für Einzelpersonen-Unternehmen. Wo wir noch besser werden können, ist bei der Gesamtdauer. Alles, was digital über das Unternehmensservice-Portal läuft ist sehr schnell. Was noch braucht, ist die Eintragung in bestimmte Register. Wir reden hier in Österreich von maximal einer Woche. Das bedeutet aber auch ein gewisses Grad an Sicherheit für die Unternehmen.

Für mich bedeutet Entbürokratisierung in diesem Zusammenhang das Once-Only-Prinzip. Warum sollen Firmen immer und immer wieder ihre Daten unterschiedlichen Behörden geben. Der brutkasten ist zum Beispiel gerade übersiedelt, das ist ein gutes Beispiel. Da muss man in Österreich heute sieben verschiedenen Stellen informieren und die gleichen Informationen immer wieder in unterschiedlicher Form eingeben. Deshalb haben wir für das Once-Only-Prinzip den gesetzlichen Rahmen geschaffen. In Zukunft muss man die Daten bei einer Übersiedlung dann nur einmal eingeben. Das Unternehmensservice-Portal wird uns dabei helfen, das real umzusetzen – das wird noch ein bisschen dauern, weil wir ja jede unterschiedliche Situation von Unternehmen aufarbeiten müssen. 

Wird der Vorschlag der EU, binnen 24 Stunden um 100 Euro gründen zu können, in die aktuelle Debatte um eine mögliche neue Gesellschaftsform in Österreich einfließen?

Wir werden sicher darüber diskutieren. Mir ist diese neue Gesellschaftsform sehr wichtig. Wir haben diese Gespräche mit dem Team von Alma Zadic (Justizministerium, Anm.) vor ihrer Babypause begonnen. Ich freue mich, dass sie jetzt wieder zurück ist und ich werde sicher die Gelegenheit ergreifen, dass wir da wieder ansetzen. Eine neue Kapitalgesellschaft ist eine Bereicherung für den Standort Österreich und aus meiner Sicht keine Gefahr. Ich weiß, dass es viele Kritiker gibt, die sagen, es muss alles genauso bleiben, wie es war. Ich weiß, dass sie (Zadic, Anm.) das nicht so sieht und ich auch nicht. Ich bin überzeugt, dass wir da jetzt schnell voran kommen werden. Das ist auch mein Ziel. 

Wie ist da der Fahrplan – wann ist bei der Unternehmensgründung mit Erleichterungen zu rechnen?

Die Erleichterung einer digitalen Gründung, die gibt es jetzt schon. Wir sind da auch viel weiter als in anderen Ländern. Bei digitaler Verwaltung liegen wir auf Platz 3 in Europa. Wir reden uns da oft kleiner als wir sind. Nur Estland und Malta sind noch vor uns. Die Startups können also bestehende digitale Strukturen, die wir in der Verwaltung haben und weiterentwickeln, jetzt schon nutzen. Wie schnell es mit der neuen Kapitalgesellschaft vorangeht, hängt davon ab, wie schnell wir mit dem Justizministerium wieder ins Gespräch kommen. Ich werde mich dafür sehr einsetzen. 

In der Startup Declaration der EU geht es auch um die Finanzierung von Startups. Da wird zum Beispiel angeregt, den EU Recovery Fonds zu nutzen, um Startups stärker zu fördern. Wie sind da die Pläne Österreichs?

Ich sehe da zwei Komponenten. Die eine ist dieser Recovery Plan. Darum kümmert sich unsere Europaministerin Karoline Edtstadler. Die zweite Komponente liegt unmittelbar in meinem Verantwortungsbereich. Das ist das Thema der Förderung im Pre-Seed- und Seed-Bereich. Für diese Anfangsphase sind wir wirklich sehr gut, wir sind da fast Weltmeister. Wenn Startups weiter wachsen und skalieren wollen, da ist unser Kapitalmarkt nicht gut genug aufgestellt. Wir haben hier zu wenige Investoren-Möglichkeiten. Ich habe ins Regierungsprogramm hineinverhandelt, dass wir da besser werden müssen. Jetzt hat uns Covid ein wenig aufgehalten, das soll uns aber nicht grundsätzlich aufhalten. Da stehen Dinge drinnen wie Mitarbeiterbeteiligung, die neue Kapitalgesellschaft und für mich ganz wichtig: Wie kann man Investieren attraktiver machen – das ist sicher auch ein steuerliches Thema. Da werden wir mit dem Finanzminister reden und ich gehe davon aus, dass wir Covid diesen Sommer im Griff haben werden und solche Dinge wieder angehen können. 

Wie ist der Stand bei dem Runway-Fonds – ist bereits Geld geflossen?

Der Runway-Fonds ist ausgeschrieben, das Management definiert und die ersten Finanzierungen werden sehr bald im April stattfinden. Es war schon der Hilfsfonds sehr gut angenommen und es gab viel Feedback, den zu verlängern. Wir haben uns entschieden, etwas neues aufzulegen und nicht wieder das Gleiche. Das ist der Runway-Fonds mit den Garantien. 

Die EU möchte auch eine Erleichterung bei Visa für GründerInnen und Schlüsselarbeitskräfte in Startups – wie sehen da die konkreten Pläne Österreichs aus?

Fachkräfte sind trotz Covid-Krise noch immer eines der wichtigsten Themen der Unternehmen. Unsere wirtschaftliche Herausforderung für den Standort wird sein, wie wir das Potenzial auch bei den bestehenden Strukturen heben können. Im Moment sind in Österreich sehr viele Menschen arbeitslos. Da bitte ich auch die Startups, einen Blick hin zu werfen. Ich weiß, der Blick von Startups schweift da oft nach Brasilien oder Russland oder Australien. Das ist gut so und das darf auch weiter so sein. Es gibt aber auch bei uns viele Menschen mit viel Erfahrung. Nehmen wir an, ein Startup ist im E-Commerce tätig – es gibt gerade viele Menschen aus dem Handel. Auch hier kann man eine Chance geben und Diversität leben – man muss nicht immer nur jung besetzen. Dann ist der nächste Schritt, Fachkräfte von außen hereinzuholen. Innerhalb Europas ist das kein Problem. In Drittstaaten haben wir die Rot-Weiß-Rot-Karte. Da verbessern wir kontinuierlich. 

Die EU will in Zukunftstechnologien sehr stark wachsen: Halbleiter, Wasserstoff, E-Antriebe. Wie ist Österreich in diesen Bereichen aufgestellt und wie sind die Pläne?

Ich komme selbst aus der IT-Branche und habe selbst miterlebt, wie viele Technologien einfach verschwunden sind. Wir müssen natürlich international zusammenarbeiten. Aber Ausverkauf von Technologien, immer nur in eine Richtung ohne Chancen für österreichische Startups und Unternehmen in anderen Ländern und Märkten, das darf nicht sein. Wir müssen in der Richtung gemeinsam etwas tun. Konkret heißt das, dass wir Halbleiter in Österreich stark unterstützen. Wir haben ja eine riesige Investiton der Infineon, wir haben aber auch NXP in Österreich, AT&S – der Bereich Semiconductors spielt in Zukunft eine wichtige Rolle, hier werden wir also ganz aktiv teilnehmen. Im zweiten Themenbereich, Wasserstoff, werden wir auch aktiv. Ich bin gerade in Gründung eines Wasserstoffclusters. Da will ich ganz viele Startups aufrufen, sich zu engagieren – Details dazu gibt es bald. Der dritte Bereich sind die Batterien und der vierte die Cloud. Das sind die Schwerpunktthemen, die wir vorantreiben. 

Wie kann man da die richtige Balance finden zwischen einem Ausverkauf und sinnvollen Investitionen aus dem Ausland?

Ich glaube, wir haben das mit dem Investitionskontrollgesetz sehr toll geschafft. Ich weiß, es ist auch in der Startupszene sehr hitzig diskutiert worden, aber wir haben jetzt ein Jahr Erfahrung und es ist sehr gut gelaufen. Es sind sehr viele Projekte eingereicht worden, wo Verkäufe stattgefunden haben und es wurde immer ein guter Weg gefunden. Wir müssen aber gleichzeitig auch die Rahmenbedingungen schaffen, dass Technologien in Europa bleiben können. 

In der Declaration der EU steht, dass Mitgliedsländer jährliche Reports zum Fortschritt in der Umsetzung liefern müssen – was nehmen sie sich vor, dass im ersten dieser Reports stehen soll?

Man muss sich da noch austauschen darüber, was genau gemeint ist. Monitoring hat für mich als Zusammentragen von Vergangenheitsdaten nicht viel Mehrwert. Ich war selbst Controllerin. Viel interessanter ist, was in der Zukunft ist. Ich habe in der EU schon zu viele Berichte gesehen, die vielleicht eineinhalb Jahre danach entstehen. Viel interessanter ist, was in den nächsten sechs oder 12 Monaten ist. Ich werde den Fokus auf den Forecast legen. 

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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