31.03.2025
TRUNK TOOLS

Sarah Buchner: „Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der es negativ gesehen wird, Risiko zu nehmen“

Sarah Buchner gab ihre Konzernkarriere in Österreich auf, um in den USA zu gründen. Für ihr KI-Startup holte sie 30 Mio. Dollar Kapital – und will jetzt die Baubranche aufmischen.
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Sarah Buchner, Gründerin und CEO von Trunk Tools
Trunk-Tools-Gründerin Sarah Buchner | Foto: Trunk Tools

Dieser Text über Sarah Buchner und Trunk Tools ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2025 “Hoch hinaus” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Mit 19 war sie als Bauleiterin bereits für 50 Personen verantwortlich, mit Mitte 20 war sie Führungskraft bei der Strabag und auf dem besten Weg, eine steile Konzernkarriere zu machen – doch Sarah Buchner entschied sich dagegen und ging in die USA. Nach einem MBA in Stanford gründete sie 2021 das Startup Trunk Tools, das mit künstlicher Intelligenz die Baubranche verändern will. Investoren steckten in zwei Finanzierungsrunden insgesamt 30 Millionen Dollar in das Unternehmen mit Sitz in New York. Mit dem Kapital will die heute 33-jährige Buchner nun in den „Hypergrowth-Modus“ schalten und ihr Team bis Jahresende auf 100 Personen verdoppeln.


Das Team des Startups Trunk Tools rund um Gründerin Sarah Buchner am Times Square
das Trunk-Tools-Team rund um Gründerin Sarah Buchner (dritte von rechts)

„Nasdaq congratulates Trunk Tools on its 20 $ M Series A“. Das prangte am 24. August 2024 in großen Lettern auf dem Billboard, das die US-Aktienbörse am New Yorker Times Square angebracht hat. Davor stand das Team von Trunk Tools. Mittendrin: Sarah Buchner, die das US-Startup gegründet hat und es als CEO führt. Trunk Tools hat sich zum Ziel gesetzt, mit künstlicher Intelligenz die Baubranche zu verändern.

Die Geschichte des Startups beginnt aber 6.600 Kilometer weiter östlich: in der 900-Einwohner-Gemeinde Eitzing im oberösterreichischen Innviertel. Hier ist Buchner aufgewachsen. Schon in der Schule zeigte sich ihr spezielles Talent für Mathematik; sie nahm an mehreren Mathematik-Olympiaden teil und gab Fußballern des geografisch nahe gelegenen Bundesligavereins SV Ried Nachhilfe – als sie selbst noch Schülerin war.

Doch ebenso früh kam Buchner mit Handwerk in Berührung: Ihr Vater war als Tischler selbstständig. Schon im Alter von zwölf Jahren arbeitete sie selbst mit und wurde von ihrem Vater auf Baustellen mitgenommen.

Sarah Buchner
Sarah Buchner | Foto: Trunk Tools

„Harte Arbeit und Bildung“

„Für mich waren es vor allem zwei Dinge, die mir meine Eltern mitgegeben haben: harte Arbeit und Bildung“, sagt Buchner im Gespräch mit brutkasten. „Wenn ich ein besseres Leben haben will, braucht es das. Das habe ich wirklich verinnerlicht.“ Um Geld zu verdienen, arbeitete Buchner auch als Kellnerin, unter anderem am Oktoberfest in München. „Geld war Freiheit, Geld war Sicherheit“, sagt sie heute. Buchner maturierte mit einem Notenschnitt von 1,0 und ging dann nach Wien, um zu studieren.

Parallel zum Studium arbeitete sie schon Vollzeit und war als Bau- und Projektleiterin tätig. Dass sie einmal selbst gründen würde, stand damals noch nicht auf ihrer Agenda. Beruflich kam sie schnell voran: Ab 2016 arbeitete sie beim Strabag-Tochterunternehmen Züblin, später bei der Strabag selbst. „Ganz viel von meiner Geschichte ist sicherheitsgetrieben“, blickt Buchner zurück. „Dann gab es plötzlich diese Konzernjobs, die relativ viel Geld zahlen und komplett abgesichert sind. Das hat mir viel Spaß gemacht.“

Allerdings hätten ihr diese Konzernjobs auch „ein falsches Gefühl von Sicherheit“ gegeben, sagt Buchner. „Ich kannte halt auch keine wirklich andere Variante.“ Das begann sich aber allmählich zu ändern: „Ich lernte immer mehr Menschen mit anderen Lebenswegen kennen, die etwas auf die Beine gestellt hatten“, erinnert sich die Gründerin.

„Wenn ich weiß, dass ich es eh schaffe, ist es keine Herausforderung mehr“

Während sie beruflich aufstieg, studierte Buchner parallel. Sie schloss sogar zwei Studiengänge jeweils als Diplom-Ingenieurin ab. In der Strabag übernahm sie dann die Leitung einer Gruppe, die auf die Digitalisierung der Baubranche spezialisiert war. Sie war gerade Ende 20 und hatte eine realistische Perspektive, langfristig in den Vorstand aufzusteigen.

Auf Anraten eines Mentors in der Strabag entschied sie sich, eine Dissertation im Bereich Civil Engineering & Data Science zu schreiben. Die an der Technischen Universität Wien verfasste Doktorarbeit trägt den Titel „Disruptive Innovations in the Field of Construction“; sie legte später auch den Grundstein für die Arbeit mit Trunk Tools. Doch bis dahin sollten noch ein paar Jahre vergehen.

Indes reifte in Buchner immer stärker der Gedanke, eine neue Herausforderung zu suchen. „Mir war klar, wenn ich Vorstand werden will, dann kann ich das. Das wird vielleicht zehn Jahre dauern, vielleicht 20 Jahre, und vielleicht nicht bei der Strabag sein, sondern bei einem anderen Unternehmen; aber ich wusste, dass ich es schaffen kann“, erinnert sie sich heute. „Und dann war es für mich schon wieder uninteressant. Wenn ich weiß, dass ich es eh schaffe, ist es keine Herausforderung mehr.“

„Um mit den ganz Großen mitzuspielen, muss ich ins Silicon Valley“

Sarah Buchner
Sarah Buchner | Foto: Trunk Tools

Für Buchner kristallisierte sich immer mehr heraus: Sie wollte selbst gründen. Auf eine Konzernkarriere zu verzichten, um ein Startup zu gründen, ist schon per se ein großer Schritt. Buchner dachte aber noch größer: Sie wollte in die USA – und dort gründen: „Wenn ich mir selbst beweisen will, dass ich mit den ganz Großen mitspielen kann, muss ich ins Silicon Valley.“

Auch bezüglich des unternehmerischen Spirits fühlte sich Buchner in den USA besser aufgehoben: „Jedes Mal, wenn ich in Europa gründen wollte, hat man mir eingeredet, dass damit meine Karriere vorbei sei“, sagt Buchner. Und auch unabhängig vom Startup-Thema sah die spätere Gründerin einige Dinge kritisch: „In Europa herrscht häufig die Einstellung, dass Normalität das Ziel ist. Das habe ich nicht ausgehalten.“ So sei ihr etwa ständig gesagt worden, sie solle doch nicht am Samstag oder Sonntag arbeiten: „Mein Drive ist als negativer Einfluss auf andere dargestellt worden – das ist absurd.“

Dabei bräuchte es ihrer Meinung nach genau das Gegenteil: „Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der es negativ gesehen wird, Risiko zu nehmen. So werden wir niemals nach vorne kommen.“

„Ohne Stanford hätte ich das nie so geschafft“

Ein Risiko ist es sicherlich, in den USA zu gründen. Zu Beginn stellt sich schon einmal die Frage: Wenn man in ein anderes Land geht, noch einmal von vorne anfängt – wie bekommt man die Glaubwürdigkeit bei den Investor:innen, wie die notwendigen Kontakte? Buchner entschied sich, ein MBA-Programm in Stanford zu absolvieren. Es ging ihr dabei zum einen um das Business-Know-how – denn auch, wenn sie mehrere Studienabschlüsse und einen starken akademischen Track Record hatte, war dieser eher im technischen Bereich angesiedelt.

Noch wichtiger war ihr aber ein anderer Aspekt: „Die meisten fachlichen Inhalte hätte ich auch online lernen können, über YouTube oder Google. Der Grund, warum ich einen richtigen MBA gemacht habe, war, dass ich in Amerika nicht von null beginnen wollte“, erläutert Buchner. Mit dem MBA gibt es einerseits ein Visum; und andererseits kann man sich ein Netzwerk aufbauen: „Ich habe das in Europa in der Baubranche schon gesehen, dass das Netzwerken einer der wichtigsten Aspekte für meinen Karriereerfolg war. Und das wollte ich in Amerika wiederholen.“

Dieses Netzwerk aufzubauen ermöglichte das Studium in Stanford, wie Buchner sagt: „Ohne Stanford hätte ich das nie so geschafft. Auch meine Firma gäbe es so nicht. Man muss das schon klar sagen: Man kauft sich ein Network.“

Das sei eine Investition wie alles andere. Ein MBA in Stanford kostet inklusive aller Neben- und Lebenskosten wahrscheinlich 200.000 bis 250.000 Dollar. „Das habe ich in meine berufliche Zukunft investiert.“ Der Return on Investment (ROI) eines Stanford-Studiums liege bei rund sechs Millionen Dollar, so Buchner. Beim Abschluss schwöre man, dass man auf jede Kontaktaufnahme eines anderen Stanford-Alumnus reagiere. „Das zeigt, wie das Mindset dort funktioniert. Ich muss auf jede Mail antworten, die mir jemand schickt, der in Stanford war“, so die Gründerin.

„Create genuine relationships“

Ein Selbstläufer ist es aber dennoch nicht. Das Geheimnis, ein gutes Netzwerk aufzubauen, ist laut Buchner auf eine einfache Formel zu bringen: Create genuine relationships. „Wenn mich einer meiner Kunden oder Mitarbeiter oder auch Ex-Mitarbeiter nach Hilfe fragt, würde ich das immer machen, weil ich mich für diese Menschen und deren Leben wirklich interessiere.“

Das sei der Unterschied zu manchen Sales-Personen, die auf den schnellen Deal aus seien und dann nie wieder von sich hören ließen: „Ich bin immer noch in Kontakt mit meinen Mentoren bei der Strabag oder mit meinem Bauleiter, der mir mit 15 Jahren beigebracht hat, wie man einen Bauplan liest“, so Buchner. Wenn echtes Interesse dahinter stehe, können Beziehungen fürs Leben entstehen.

Im Silicon Valley angekommen versuchte Buchner direkt, eine erste Idee umzusetzen. „Ich habe das nach einem halben Jahr wieder aufgegeben“, erzählt sie heute; sie habe nicht ausreichend Daten von Bauunternehmen erhalten, um ihre Idee umzusetzen. Doch Buchner gab nicht auf. „Ich habe mir gesagt: ‚Jetzt schaue ich mir mal ein, zwei Jahre an, wie das System hier funktioniert, und verstehe, wie man das Spiel spielt. Dann komme ich zurück und spiele!‘“, blickt sie auf ihre Anfangszeit in Kalifornien zurück. So kam es dann auch.

„Wer sollte mir nicht glauben, dass ich weiß, was ich tue?“

Sarah Buchner
Sarah Buchner | Foto: Trunk Tools

2021 schloss Buchner den MBA ab. Sie war nun bereit für den nächsten Schritt: ihr Startup Trunk Tools. Dabei traf sie eine weitere nicht alltägliche Entscheidung: Sie gründete Trunk Tools alleine, ohne Co-Founder:in.

„Ich bin ein Zahlenmensch und habe mir Daten angeschaut, warum Startups scheitern. Einer der Top-3-Gründe, egal welche Studie du dir anschaust, sind immer Probleme zwischen Co-Foundern“, erläutert die Gründerin. „Wenn ich einen der Top-3-Gründe, warum Startups scheitern, vermeiden kann, erhöht das meine Erfolgswahrscheinlichkeit schon einmal.“

Die Solo-Gründung brachte auch Herausforderungen mit sich: „Als weiblicher Solo-Founder aus dem Ausland gab es schon einige Themen, die einfacher gewesen wären, wenn ich ein größeres oder ein männliches Gründerteam gehabt hätte.“ Aber dennoch: „Ich war 20 Jahre in der Baubranche, ich habe ein Doktorat in dem Bereich, ich habe einen MBA von Stanford. Wer sollte mir nicht glauben, dass ich weiß, was ich tue?“

Sobald man bewiesen habe, dass es funktioniere, werde es auch nicht mehr hinterfragt, sagt Buchner. „Schwierigkeiten aus dem ersten Jahr verschwinden – und neue kommen“, blickt sie zurück. Die Gründerin startete mit drei Angestellten und setzte die ersten Monate noch auf Bootstrapping, finanzierte also Trunk Tools mit ihrem eigenen Geld. „Wir hatten ein Produkt und Umsatz, bevor ich wichtige Positionen besetzt und Geld aufgenommen habe“, erzählt die Gründerin.

Zehn Millionen Dollar Investment für erstes Produkt

Was aber war dieses Produkt? Trunk Tools begann ursprünglich mit einem digitalen Incentive-Programm, das vor allem auf die Baustellenpraxis zugeschnitten war: Es erfasste die geleisteten Stunden der Arbeiter:innen und setzte gezielte Anreize, um ihre Leistungen zu steigern und ihre Motivation zu erhöhen. „Das hat wahnsinnig gut funktioniert“, erzählt Buchner – so gut, dass es zunächst zu einem Deal über 500.000 Dollar und schließlich zu einer Finanzierungsrunde über zehn Millionen Dollar geführt hat, die im Sommer 2023 abgeschlossen wurde.

ChatGPT war damals gerade einmal ein paar Monate auf dem Markt. Der Hype rund um generative künstliche Intelligenz und Large Language Models (LLMs) war neu. Auch in den Gesprächen mit Investor:innen kam das Thema immer wieder auf. Nach dem Abschluss der Finanzierungsrunde ließ Buchner ihr Team daher untersuchen, wie man LLMs zur Skalierung des Produkts einsetzen könnte.

Das Ergebnis: Es gäbe potenziell noch viel mehr Möglichkeiten, LLMs in der Baubranche einzusetzen. Das Team ging direkt in den Austausch mit Bauarbeiter:innen – und kam mit mehreren möglichen MVPs zurück. Das beste Feedback von den Arbeiter:innen gab es für eine Lösung, die die Dokumente schnell und strukturiert durchsuchbar macht.

„Man braucht weniger Menschen, die Dokument A mit Dokument B vergleichen“

So entstand „Trunktext“, eine KI-basierte Anwendung, die große Mengen von Baudokumenten – mittlerweile fast ausschließlich in digitaler Form vorhanden – per Schnittstelle anbindet, vorab aufbereitet und mithilfe von Retrieval Augmented Generation (RAG) gezielt abfragt. „Wir nehmen all diese Daten aus den Datensilos und verwenden verschiedene deterministische und probabilistische Modelle, um diese unstrukturierten Daten in strukturierte Daten zu übersetzen“, erläutert Buchner. Darauf basierend könnten KI-Agenten dann Workflows übernehmen. Das Ergebnis: „Man braucht weniger Menschen, die Dokument A mit Dokument B vergleichen oder andere bürokratische Workflows bewältigen.“

Buchner präsentierte die Lösung ihrem Board und schlug vor, von den zehn aufgenommenen Millionen neun für das eigentliche Produkt zu verwenden und eine für den neuen Ansatz. Es sollte anders kommen: Denn tatsächlich stellte sich bald heraus, dass das neue Produkt mehr Potenzial hatte. Mittlerweile fokussiert sich Trunk Tools hauptsächlich darauf, führt aber auch das ursprüngliche Produkt weiter. Buchner hat das Startup mittlerweile vom Silicon Valley nach New York übersiedelt. Außerdem hat das Unternehmen noch einen weiteren Standort in Austin in Texas.

„Wir nehmen die Modelle, die es auf dem Markt gibt, und finetunen sie für die Baubranche“

Sarah Buchner
Sarah Buchner | Foto: Trunk Tools

Trunk Tools ist auf der Anwendungsebene von künstlicher Intelligenz positioniert. In diesem Bereich sieht Buchner auch das größte Potenzial für Startups. Demgegenüber steht erstens die Ebene der Foundational Models, das sind beispielsweise die großen Sprachmodelle, wie sie von OpenAI, Google oder Deep Seek herausgegeben werden. „Das ist unglaublich teuer und ein Race to the Bottom. Das ist etwas, das ich nicht machen wollen würde“, sagt die Gründerin. Zweitens gibt es auch noch die Infrastruktur-Ebene; dort sei der Wettbewerb „sehr hoch“.

Im Gegensatz dazu steht eben die Anwendungsebene: Startups setzen Lösungen auf bestehenden KI-Modellen auf und optimieren sie für Use Cases in bestimmten Branchen. „Wir nehmen die Modelle, die es am Markt gibt, und finetunen sie für die Baubranche“, erläutert Buchner. Doch auch in anderen Branchen gebe es für Startups hier viele Möglichkeiten, da nach wie vor viele Ineffizienzen zu beseitigen wären.

20 Millionen Dollar in zwei Wochen

Für Trunk Tools folgte im Sommer 2024 die nächste Finanzierungsrunde. Buchner und ihr Team nahmen weitere 20 Millionen Dollar auf – und zwar schneller als gedacht: Eigentlich hatte sie den Abschluss der Runde erst ein oder zwei Quartale später geplant, der Lead-Investor Redpoint Ventures sagte die von der Gründerin angepeilte Bewertung allerdings bereits direkt zu. Buchner schlug ein, zwei Wochen später war das Geld am Bankkonto.

Wichtig dabei: Die Trunk-Tools-Gründerin ist konstant im Gespräch mit Wunsch-Investoren – auch, wenn gerade keine Finanzierungsrunde unmittelbar ansteht. Sie hat dabei eine Liste mit den zehn bis 20 Investoren, die sie gern an Bord hätte, und versucht, mit diesen einmal pro Quartal im Austausch zu sein.

Rund ein halbes Jahr später sieht Buchner Trunk Tools „in einer Hypergrowth-Phase“. Das Startup ist seit dem Vorjahr von zwölf auf 50 Leute angewachsen; noch in diesem Jahr soll sich die Belegschaft auf 100 Personen verdoppeln. Aufgestockt werden soll vor allem in zwei Bereichen: im Go-to-Market- sowie im Produkt- und Engineering-Bereich.

IPO, Übernahme – und „eine Million andere Möglichkeiten“

Und langfristig? Könnte Trunk Tools an die Börse gehen oder verkauft werden? Buchner will sich hier noch nicht festlegen. Für einen Börsengang hätte Trunk Tools „definitiv das Potenzial“; allerdings sei Construction Tech „traditionell ein M&A-Bereich“. Trunk Tools habe auch bereits Übernahmeangebote erhalten, aber diese abgelehnt. Mögliche künftige Angebote werden dem Board vorgelegt, gemeinsam wird eine Entscheidung getroffen. Aber Buchner hält auch fest: „Daneben gibt es noch eine Million andere Möglichkeiten.“ Es gebe auch Startups, die die Profitabilität erreicht haben und dann ihre Investoren ausgezahlt hätten. Selbst ein Scheitern der Firma sei nicht ausgeschlossen.

Und auch, wenn aktuell nichts darauf hindeutet, hat Sarah Buchner keine Angst, zu scheitern. Das ist auch ihr wichtigster Tipp, den sie an angehende Gründer:innen hat: „Ich bin oft gescheitert in meinem Leben. Ich habe mich zwei- oder dreimal bei McKinsey beworben und nicht einmal ein Interview bekommen – und letztes Jahr haben sie mich dann eingeladen, bei deren Konferenz in Dubai zu sprechen. Ich bin in Harvard nicht reingekommen und habe später dann den Stanford-MBA gemacht, in den es noch schwieriger war, reinzukommen. Wenn man sich mein Leben anschaut, glaubt man, es hat alles perfekt geklappt – aber das ist überhaupt nicht wahr.“


Aus dem Archiv: Sarah Buchner im brutkasten-Videotalk (September 2024)

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Mit ihrer Reverse-Mentoring-Agentur forciert Ines Hanusch Zukunftssicherheit in Wirtschaft und Politik. © brutkasten

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Wir leben in einer paradoxen Arbeitswelt: Führungskräfte werden für ihr über Jahrzehnte angesammeltes Wissen bezahlt doch exakt dieses Erfahrungswissen kann angesichts rasanter technologischer und kultureller Umbrüche zum blinden Fleck werden. Genau hier setzt eine Methodik an, die traditionelle Rollenbilder auf den Kopf stellt: Reverse Mentoring.

Ines Hanusch, Gründerin der Reverse-Mentoring-Agentur bond & grow, begleitet Unternehmen und Politik bei diesem Paradigmenwechsel. Für sie ist der Kerngedanke simpel, aber radikal: „Beim klassischen Mentoring lernt die Jüngere von der Erfahreneren. Beim Reverse Mentoring ist es umgekehrt: Die Führungskraft sitzt in der Lernenden-Position gezielt, strukturiert und vor allem nicht nebenbei.“

Kein Kaffeetratsch und keine Therapie

Doch was genau ist Reverse Mentoring in der Praxis? Hanusch wird nicht müde zu betonen, was es nicht ist: Es sei kein lockeres Kaffeegespräch, kein Coaching mit einer einzigen Zielvorgabe und schon gar keine Therapie. Auch der oft gehörte Einwand, man könne sich doch einfach mit den eigenen Kindern austauschen, greift für die Expertin ins Leere: „Mit den eigenen Kindern teile ich eine Sozialisation, ein Machtgefälle, ob ich will oder nicht.

Das Kind wird mir vieles nicht sagen, und ich werde vieles nicht hören wollen.“ Wahre Wirkung entstehe erst durch psychologische Sicherheit ohne persönliche Verstrickung eine Atmosphäre, in der ein junger Mensch kein Interesse daran hat, zu gefallen, sondern ehrlich zu sein.

Der Blick von innen: Reibung als Chance

In klassischen Organisationen verhindert die Hierarchie oft genau jenen Raum der psychologischen Sicherheit, in dem ungefiltert und ohne Angst vor Konsequenzen gesprochen werden kann. Ines Hanusch beschreibt das systematische Dilemma eindrücklich: Je weiter Führungskräfte auf der Karriereleiter nach oben klettern, desto mehr manifestiert sich die Angst vor Inkompetenz und Statusverlust. „Wenn Top-Entscheider:innen plötzlich von jemandem lernen, der dreißig Jahre jünger ist, entsteht unweigerlich intensive Emotion, Irritation und Reibung“ – doch exakt in diesen Momenten verankert sich laut Hanusch der größte Lerneffekt.

Wie sich dieser Rollentausch in der Realität anfühlt, schildert eine 21-jährige Mentorin, die im Rahmen von bond & grow Top-Entscheider:innen begleitet. Kristin Barnowsky sieht in ihrer Aufgabe eine enorme Verantwortung: Für sie bedeutet Reverse Mentoring, erfahrenen Führungskräften neue Perspektiven mit auf den Weg zu geben und dabei auch hin und wieder Reibung zu erzeugen“. Nervosität vor dem ersten Aufeinandertreffen ist keine Seltenheit, wie sie verrät. Ihr persönlicher mentaler Trick für das erste Meeting? „Ich stelle mir einfach vor, dass die Person mich bereits mag und ich sie auch. Dadurch gehe ich wesentlich natürlicher, authentischer und positiver in das Gespräch.“

Die größte Herausforderung im laufenden Prozess ist für sie das Gespür dafür, wie tief man in die Glaubenssätze des Mentees eindringen darf. Wenn auf Mentee-Seite Widerstand entsteht, stecke dahinter oft eine unbewusste Angst; etwa das Gefühl, nicht gehört oder gesehen zu werden. Es erfordere Empathie und präzises Timing, unangenehme Themen anzusprechen, ohne die Führungskraft emotional zu überfordern, erklärt die 21-Jährige.

Für wen das Konzept geeignet ist – und wann es scheitert

Die Zahlen sprechen für sich, doch Reverse Mentoring ist kein Selbstläufer. Laut Hanusch eignet es sich primär für Führungskräfte, die Nichtwissen als Startpunkt und nicht als Schwäche betrachten. In hierarchisch geprägten Unternehmen erfordere das immense Größe. „Statusverlust berührt das Selbstbild direkt, und das ist unbequem“, analysiert Hanusch. Viele Führungskräfte fürchten den Moment, in dem sie erkennen müssen, dass jemand, der viele Jahre jünger ist, über entscheidendes Know-how verfügt – sei es über moderne Arbeitskulturen, neue Konsumgewohnheiten oder schlicht den Umgang mit Unsicherheit in Krisenzeiten.

Wann also scheitert Reverse Mentoring? Die Expertin zieht eine klare Grenze: „Ich rate ab, wenn Unternehmen Reverse Mentoring als Imagemaßnahme einsetzen wollen, ohne wirkliche Bereitschaft, etwas zu verändern.“ Ohne intrinsische Motivation beider Seiten, einen geschützten Rahmen und professionelles Matching wird das Format zur reinen Simulation.

Innovation durch unbefangenes Denken

Wenn die Rahmenbedingungen jedoch stimmen, entpuppt sich Reverse Mentoring als machtvoller Innovationsmotor. In vielen Branchen sind junge Menschen näher an der Zielgruppe oder stellen diese gar selbst dar. Sie spüren kulturelle Trends früher und besitzen den Mut, Unbequemes auszusprechen. Kristin Barnowsky erlebt das regelmäßig in ihren Mentoring-Sessions, etwa wenn es um künstliche Intelligenz, Automatisierung von Workflows oder den Einsatz von Social Media geht. Doch der tiefere Wert liegt oft jenseits der Technologie: Es geht um das Hinterfragen erstarrter Prozesse. „Oft sehen die Dinge, die uns Sorgen machen, nur für uns so aus; aus einer anderen Perspektive sind sie plötzlich Chancen für innovative Veränderungen“, resümiert die Mentorin.

Letztlich profitiert nicht nur die Führungskraft auch die jungen Mentor:innen wachsen, bauen sich ein Netzwerk auf und erleben direkte Selbstwirksamkeit. Die wichtigste Frage für Ines Hanusch: „Was, wenn du von denen lernst, die bisher nicht gefragt wurden? Es tut manchmal weh, sich spiegeln zu lassen. Aber nur so entsteht Fortschritt.“ In einer Wirtschaft, die händeringend nach Fachkräften und neuen Wegen sucht, könnte die Bereitschaft, vom Nachwuchs zu lernen, bald über die Existenz von Unternehmen entscheiden. Oder wie Ines Hanusch sagt: „Wer heute keine Kultur des gegenseitigen Lernens etabliert, verliert morgen den Anschluss bei existenziellen Themen wie Mitarbeiterbindung und Innovation.“

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