31.03.2025
TRUNK TOOLS

Sarah Buchner: „Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der es negativ gesehen wird, Risiko zu nehmen“

Sarah Buchner gab ihre Konzernkarriere in Österreich auf, um in den USA zu gründen. Für ihr KI-Startup holte sie 30 Mio. Dollar Kapital – und will jetzt die Baubranche aufmischen.
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Sarah Buchner, Gründerin und CEO von Trunk Tools
Trunk-Tools-Gründerin Sarah Buchner | Foto: Trunk Tools

Dieser Text über Sarah Buchner und Trunk Tools ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2025 “Hoch hinaus” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Mit 19 war sie als Bauleiterin bereits für 50 Personen verantwortlich, mit Mitte 20 war sie Führungskraft bei der Strabag und auf dem besten Weg, eine steile Konzernkarriere zu machen – doch Sarah Buchner entschied sich dagegen und ging in die USA. Nach einem MBA in Stanford gründete sie 2021 das Startup Trunk Tools, das mit künstlicher Intelligenz die Baubranche verändern will. Investoren steckten in zwei Finanzierungsrunden insgesamt 30 Millionen Dollar in das Unternehmen mit Sitz in New York. Mit dem Kapital will die heute 33-jährige Buchner nun in den „Hypergrowth-Modus“ schalten und ihr Team bis Jahresende auf 100 Personen verdoppeln.


Das Team des Startups Trunk Tools rund um Gründerin Sarah Buchner am Times Square
das Trunk-Tools-Team rund um Gründerin Sarah Buchner (dritte von rechts)

„Nasdaq congratulates Trunk Tools on its 20 $ M Series A“. Das prangte am 24. August 2024 in großen Lettern auf dem Billboard, das die US-Aktienbörse am New Yorker Times Square angebracht hat. Davor stand das Team von Trunk Tools. Mittendrin: Sarah Buchner, die das US-Startup gegründet hat und es als CEO führt. Trunk Tools hat sich zum Ziel gesetzt, mit künstlicher Intelligenz die Baubranche zu verändern.

Die Geschichte des Startups beginnt aber 6.600 Kilometer weiter östlich: in der 900-Einwohner-Gemeinde Eitzing im oberösterreichischen Innviertel. Hier ist Buchner aufgewachsen. Schon in der Schule zeigte sich ihr spezielles Talent für Mathematik; sie nahm an mehreren Mathematik-Olympiaden teil und gab Fußballern des geografisch nahe gelegenen Bundesligavereins SV Ried Nachhilfe – als sie selbst noch Schülerin war.

Doch ebenso früh kam Buchner mit Handwerk in Berührung: Ihr Vater war als Tischler selbstständig. Schon im Alter von zwölf Jahren arbeitete sie selbst mit und wurde von ihrem Vater auf Baustellen mitgenommen.

Sarah Buchner
Sarah Buchner | Foto: Trunk Tools

„Harte Arbeit und Bildung“

„Für mich waren es vor allem zwei Dinge, die mir meine Eltern mitgegeben haben: harte Arbeit und Bildung“, sagt Buchner im Gespräch mit brutkasten. „Wenn ich ein besseres Leben haben will, braucht es das. Das habe ich wirklich verinnerlicht.“ Um Geld zu verdienen, arbeitete Buchner auch als Kellnerin, unter anderem am Oktoberfest in München. „Geld war Freiheit, Geld war Sicherheit“, sagt sie heute. Buchner maturierte mit einem Notenschnitt von 1,0 und ging dann nach Wien, um zu studieren.

Parallel zum Studium arbeitete sie schon Vollzeit und war als Bau- und Projektleiterin tätig. Dass sie einmal selbst gründen würde, stand damals noch nicht auf ihrer Agenda. Beruflich kam sie schnell voran: Ab 2016 arbeitete sie beim Strabag-Tochterunternehmen Züblin, später bei der Strabag selbst. „Ganz viel von meiner Geschichte ist sicherheitsgetrieben“, blickt Buchner zurück. „Dann gab es plötzlich diese Konzernjobs, die relativ viel Geld zahlen und komplett abgesichert sind. Das hat mir viel Spaß gemacht.“

Allerdings hätten ihr diese Konzernjobs auch „ein falsches Gefühl von Sicherheit“ gegeben, sagt Buchner. „Ich kannte halt auch keine wirklich andere Variante.“ Das begann sich aber allmählich zu ändern: „Ich lernte immer mehr Menschen mit anderen Lebenswegen kennen, die etwas auf die Beine gestellt hatten“, erinnert sich die Gründerin.

„Wenn ich weiß, dass ich es eh schaffe, ist es keine Herausforderung mehr“

Während sie beruflich aufstieg, studierte Buchner parallel. Sie schloss sogar zwei Studiengänge jeweils als Diplom-Ingenieurin ab. In der Strabag übernahm sie dann die Leitung einer Gruppe, die auf die Digitalisierung der Baubranche spezialisiert war. Sie war gerade Ende 20 und hatte eine realistische Perspektive, langfristig in den Vorstand aufzusteigen.

Auf Anraten eines Mentors in der Strabag entschied sie sich, eine Dissertation im Bereich Civil Engineering & Data Science zu schreiben. Die an der Technischen Universität Wien verfasste Doktorarbeit trägt den Titel „Disruptive Innovations in the Field of Construction“; sie legte später auch den Grundstein für die Arbeit mit Trunk Tools. Doch bis dahin sollten noch ein paar Jahre vergehen.

Indes reifte in Buchner immer stärker der Gedanke, eine neue Herausforderung zu suchen. „Mir war klar, wenn ich Vorstand werden will, dann kann ich das. Das wird vielleicht zehn Jahre dauern, vielleicht 20 Jahre, und vielleicht nicht bei der Strabag sein, sondern bei einem anderen Unternehmen; aber ich wusste, dass ich es schaffen kann“, erinnert sie sich heute. „Und dann war es für mich schon wieder uninteressant. Wenn ich weiß, dass ich es eh schaffe, ist es keine Herausforderung mehr.“

„Um mit den ganz Großen mitzuspielen, muss ich ins Silicon Valley“

Sarah Buchner
Sarah Buchner | Foto: Trunk Tools

Für Buchner kristallisierte sich immer mehr heraus: Sie wollte selbst gründen. Auf eine Konzernkarriere zu verzichten, um ein Startup zu gründen, ist schon per se ein großer Schritt. Buchner dachte aber noch größer: Sie wollte in die USA – und dort gründen: „Wenn ich mir selbst beweisen will, dass ich mit den ganz Großen mitspielen kann, muss ich ins Silicon Valley.“

Auch bezüglich des unternehmerischen Spirits fühlte sich Buchner in den USA besser aufgehoben: „Jedes Mal, wenn ich in Europa gründen wollte, hat man mir eingeredet, dass damit meine Karriere vorbei sei“, sagt Buchner. Und auch unabhängig vom Startup-Thema sah die spätere Gründerin einige Dinge kritisch: „In Europa herrscht häufig die Einstellung, dass Normalität das Ziel ist. Das habe ich nicht ausgehalten.“ So sei ihr etwa ständig gesagt worden, sie solle doch nicht am Samstag oder Sonntag arbeiten: „Mein Drive ist als negativer Einfluss auf andere dargestellt worden – das ist absurd.“

Dabei bräuchte es ihrer Meinung nach genau das Gegenteil: „Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der es negativ gesehen wird, Risiko zu nehmen. So werden wir niemals nach vorne kommen.“

„Ohne Stanford hätte ich das nie so geschafft“

Ein Risiko ist es sicherlich, in den USA zu gründen. Zu Beginn stellt sich schon einmal die Frage: Wenn man in ein anderes Land geht, noch einmal von vorne anfängt – wie bekommt man die Glaubwürdigkeit bei den Investor:innen, wie die notwendigen Kontakte? Buchner entschied sich, ein MBA-Programm in Stanford zu absolvieren. Es ging ihr dabei zum einen um das Business-Know-how – denn auch, wenn sie mehrere Studienabschlüsse und einen starken akademischen Track Record hatte, war dieser eher im technischen Bereich angesiedelt.

Noch wichtiger war ihr aber ein anderer Aspekt: „Die meisten fachlichen Inhalte hätte ich auch online lernen können, über YouTube oder Google. Der Grund, warum ich einen richtigen MBA gemacht habe, war, dass ich in Amerika nicht von null beginnen wollte“, erläutert Buchner. Mit dem MBA gibt es einerseits ein Visum; und andererseits kann man sich ein Netzwerk aufbauen: „Ich habe das in Europa in der Baubranche schon gesehen, dass das Netzwerken einer der wichtigsten Aspekte für meinen Karriereerfolg war. Und das wollte ich in Amerika wiederholen.“

Dieses Netzwerk aufzubauen ermöglichte das Studium in Stanford, wie Buchner sagt: „Ohne Stanford hätte ich das nie so geschafft. Auch meine Firma gäbe es so nicht. Man muss das schon klar sagen: Man kauft sich ein Network.“

Das sei eine Investition wie alles andere. Ein MBA in Stanford kostet inklusive aller Neben- und Lebenskosten wahrscheinlich 200.000 bis 250.000 Dollar. „Das habe ich in meine berufliche Zukunft investiert.“ Der Return on Investment (ROI) eines Stanford-Studiums liege bei rund sechs Millionen Dollar, so Buchner. Beim Abschluss schwöre man, dass man auf jede Kontaktaufnahme eines anderen Stanford-Alumnus reagiere. „Das zeigt, wie das Mindset dort funktioniert. Ich muss auf jede Mail antworten, die mir jemand schickt, der in Stanford war“, so die Gründerin.

„Create genuine relationships“

Ein Selbstläufer ist es aber dennoch nicht. Das Geheimnis, ein gutes Netzwerk aufzubauen, ist laut Buchner auf eine einfache Formel zu bringen: Create genuine relationships. „Wenn mich einer meiner Kunden oder Mitarbeiter oder auch Ex-Mitarbeiter nach Hilfe fragt, würde ich das immer machen, weil ich mich für diese Menschen und deren Leben wirklich interessiere.“

Das sei der Unterschied zu manchen Sales-Personen, die auf den schnellen Deal aus seien und dann nie wieder von sich hören ließen: „Ich bin immer noch in Kontakt mit meinen Mentoren bei der Strabag oder mit meinem Bauleiter, der mir mit 15 Jahren beigebracht hat, wie man einen Bauplan liest“, so Buchner. Wenn echtes Interesse dahinter stehe, können Beziehungen fürs Leben entstehen.

Im Silicon Valley angekommen versuchte Buchner direkt, eine erste Idee umzusetzen. „Ich habe das nach einem halben Jahr wieder aufgegeben“, erzählt sie heute; sie habe nicht ausreichend Daten von Bauunternehmen erhalten, um ihre Idee umzusetzen. Doch Buchner gab nicht auf. „Ich habe mir gesagt: ‚Jetzt schaue ich mir mal ein, zwei Jahre an, wie das System hier funktioniert, und verstehe, wie man das Spiel spielt. Dann komme ich zurück und spiele!‘“, blickt sie auf ihre Anfangszeit in Kalifornien zurück. So kam es dann auch.

„Wer sollte mir nicht glauben, dass ich weiß, was ich tue?“

Sarah Buchner
Sarah Buchner | Foto: Trunk Tools

2021 schloss Buchner den MBA ab. Sie war nun bereit für den nächsten Schritt: ihr Startup Trunk Tools. Dabei traf sie eine weitere nicht alltägliche Entscheidung: Sie gründete Trunk Tools alleine, ohne Co-Founder:in.

„Ich bin ein Zahlenmensch und habe mir Daten angeschaut, warum Startups scheitern. Einer der Top-3-Gründe, egal welche Studie du dir anschaust, sind immer Probleme zwischen Co-Foundern“, erläutert die Gründerin. „Wenn ich einen der Top-3-Gründe, warum Startups scheitern, vermeiden kann, erhöht das meine Erfolgswahrscheinlichkeit schon einmal.“

Die Solo-Gründung brachte auch Herausforderungen mit sich: „Als weiblicher Solo-Founder aus dem Ausland gab es schon einige Themen, die einfacher gewesen wären, wenn ich ein größeres oder ein männliches Gründerteam gehabt hätte.“ Aber dennoch: „Ich war 20 Jahre in der Baubranche, ich habe ein Doktorat in dem Bereich, ich habe einen MBA von Stanford. Wer sollte mir nicht glauben, dass ich weiß, was ich tue?“

Sobald man bewiesen habe, dass es funktioniere, werde es auch nicht mehr hinterfragt, sagt Buchner. „Schwierigkeiten aus dem ersten Jahr verschwinden – und neue kommen“, blickt sie zurück. Die Gründerin startete mit drei Angestellten und setzte die ersten Monate noch auf Bootstrapping, finanzierte also Trunk Tools mit ihrem eigenen Geld. „Wir hatten ein Produkt und Umsatz, bevor ich wichtige Positionen besetzt und Geld aufgenommen habe“, erzählt die Gründerin.

Zehn Millionen Dollar Investment für erstes Produkt

Was aber war dieses Produkt? Trunk Tools begann ursprünglich mit einem digitalen Incentive-Programm, das vor allem auf die Baustellenpraxis zugeschnitten war: Es erfasste die geleisteten Stunden der Arbeiter:innen und setzte gezielte Anreize, um ihre Leistungen zu steigern und ihre Motivation zu erhöhen. „Das hat wahnsinnig gut funktioniert“, erzählt Buchner – so gut, dass es zunächst zu einem Deal über 500.000 Dollar und schließlich zu einer Finanzierungsrunde über zehn Millionen Dollar geführt hat, die im Sommer 2023 abgeschlossen wurde.

ChatGPT war damals gerade einmal ein paar Monate auf dem Markt. Der Hype rund um generative künstliche Intelligenz und Large Language Models (LLMs) war neu. Auch in den Gesprächen mit Investor:innen kam das Thema immer wieder auf. Nach dem Abschluss der Finanzierungsrunde ließ Buchner ihr Team daher untersuchen, wie man LLMs zur Skalierung des Produkts einsetzen könnte.

Das Ergebnis: Es gäbe potenziell noch viel mehr Möglichkeiten, LLMs in der Baubranche einzusetzen. Das Team ging direkt in den Austausch mit Bauarbeiter:innen – und kam mit mehreren möglichen MVPs zurück. Das beste Feedback von den Arbeiter:innen gab es für eine Lösung, die die Dokumente schnell und strukturiert durchsuchbar macht.

„Man braucht weniger Menschen, die Dokument A mit Dokument B vergleichen“

So entstand „Trunktext“, eine KI-basierte Anwendung, die große Mengen von Baudokumenten – mittlerweile fast ausschließlich in digitaler Form vorhanden – per Schnittstelle anbindet, vorab aufbereitet und mithilfe von Retrieval Augmented Generation (RAG) gezielt abfragt. „Wir nehmen all diese Daten aus den Datensilos und verwenden verschiedene deterministische und probabilistische Modelle, um diese unstrukturierten Daten in strukturierte Daten zu übersetzen“, erläutert Buchner. Darauf basierend könnten KI-Agenten dann Workflows übernehmen. Das Ergebnis: „Man braucht weniger Menschen, die Dokument A mit Dokument B vergleichen oder andere bürokratische Workflows bewältigen.“

Buchner präsentierte die Lösung ihrem Board und schlug vor, von den zehn aufgenommenen Millionen neun für das eigentliche Produkt zu verwenden und eine für den neuen Ansatz. Es sollte anders kommen: Denn tatsächlich stellte sich bald heraus, dass das neue Produkt mehr Potenzial hatte. Mittlerweile fokussiert sich Trunk Tools hauptsächlich darauf, führt aber auch das ursprüngliche Produkt weiter. Buchner hat das Startup mittlerweile vom Silicon Valley nach New York übersiedelt. Außerdem hat das Unternehmen noch einen weiteren Standort in Austin in Texas.

„Wir nehmen die Modelle, die es auf dem Markt gibt, und finetunen sie für die Baubranche“

Sarah Buchner
Sarah Buchner | Foto: Trunk Tools

Trunk Tools ist auf der Anwendungsebene von künstlicher Intelligenz positioniert. In diesem Bereich sieht Buchner auch das größte Potenzial für Startups. Demgegenüber steht erstens die Ebene der Foundational Models, das sind beispielsweise die großen Sprachmodelle, wie sie von OpenAI, Google oder Deep Seek herausgegeben werden. „Das ist unglaublich teuer und ein Race to the Bottom. Das ist etwas, das ich nicht machen wollen würde“, sagt die Gründerin. Zweitens gibt es auch noch die Infrastruktur-Ebene; dort sei der Wettbewerb „sehr hoch“.

Im Gegensatz dazu steht eben die Anwendungsebene: Startups setzen Lösungen auf bestehenden KI-Modellen auf und optimieren sie für Use Cases in bestimmten Branchen. „Wir nehmen die Modelle, die es am Markt gibt, und finetunen sie für die Baubranche“, erläutert Buchner. Doch auch in anderen Branchen gebe es für Startups hier viele Möglichkeiten, da nach wie vor viele Ineffizienzen zu beseitigen wären.

20 Millionen Dollar in zwei Wochen

Für Trunk Tools folgte im Sommer 2024 die nächste Finanzierungsrunde. Buchner und ihr Team nahmen weitere 20 Millionen Dollar auf – und zwar schneller als gedacht: Eigentlich hatte sie den Abschluss der Runde erst ein oder zwei Quartale später geplant, der Lead-Investor Redpoint Ventures sagte die von der Gründerin angepeilte Bewertung allerdings bereits direkt zu. Buchner schlug ein, zwei Wochen später war das Geld am Bankkonto.

Wichtig dabei: Die Trunk-Tools-Gründerin ist konstant im Gespräch mit Wunsch-Investoren – auch, wenn gerade keine Finanzierungsrunde unmittelbar ansteht. Sie hat dabei eine Liste mit den zehn bis 20 Investoren, die sie gern an Bord hätte, und versucht, mit diesen einmal pro Quartal im Austausch zu sein.

Rund ein halbes Jahr später sieht Buchner Trunk Tools „in einer Hypergrowth-Phase“. Das Startup ist seit dem Vorjahr von zwölf auf 50 Leute angewachsen; noch in diesem Jahr soll sich die Belegschaft auf 100 Personen verdoppeln. Aufgestockt werden soll vor allem in zwei Bereichen: im Go-to-Market- sowie im Produkt- und Engineering-Bereich.

IPO, Übernahme – und „eine Million andere Möglichkeiten“

Und langfristig? Könnte Trunk Tools an die Börse gehen oder verkauft werden? Buchner will sich hier noch nicht festlegen. Für einen Börsengang hätte Trunk Tools „definitiv das Potenzial“; allerdings sei Construction Tech „traditionell ein M&A-Bereich“. Trunk Tools habe auch bereits Übernahmeangebote erhalten, aber diese abgelehnt. Mögliche künftige Angebote werden dem Board vorgelegt, gemeinsam wird eine Entscheidung getroffen. Aber Buchner hält auch fest: „Daneben gibt es noch eine Million andere Möglichkeiten.“ Es gebe auch Startups, die die Profitabilität erreicht haben und dann ihre Investoren ausgezahlt hätten. Selbst ein Scheitern der Firma sei nicht ausgeschlossen.

Und auch, wenn aktuell nichts darauf hindeutet, hat Sarah Buchner keine Angst, zu scheitern. Das ist auch ihr wichtigster Tipp, den sie an angehende Gründer:innen hat: „Ich bin oft gescheitert in meinem Leben. Ich habe mich zwei- oder dreimal bei McKinsey beworben und nicht einmal ein Interview bekommen – und letztes Jahr haben sie mich dann eingeladen, bei deren Konferenz in Dubai zu sprechen. Ich bin in Harvard nicht reingekommen und habe später dann den Stanford-MBA gemacht, in den es noch schwieriger war, reinzukommen. Wenn man sich mein Leben anschaut, glaubt man, es hat alles perfekt geklappt – aber das ist überhaupt nicht wahr.“


Aus dem Archiv: Sarah Buchner im brutkasten-Videotalk (September 2024)

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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