20.01.2026
PERIVALLON-TECHNOLOGIES

Nach 360kompany-Exit: Russell Perry baut europaweites Luftraum-Datennetz mit 35.000 Stationen auf

Nach dem Exit von 360kompany startet Serienunternehmer Russell Perry erneut: Mit Perivallon Technologies baut er derzeit ein europaweites Netzwerk aus rund 35.000 Stationen auf, um den bislang kaum erfassten bodennahen Luftraum systematisch zu erfassen. Im Gespräch mit brutkasten beleuchtet Perry seine ambitionierten Pläne und den Aufbau dieser neuen Infrastruktur.
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Russell Perry | (c) brutkasten

Mit dem Verkauf des Wiener RegTech-Startups 360kompany an die US-Ratingagentur Moody’s schrieb Russell Perry im Jahr 2021 österreichische Startup-Geschichte. Zu welchen Konditionen Moody’s das Unternehmen übernommen hat, wurde damals nicht bekannt gegeben. Branchenbeobachter:innen zählen den Deal dennoch zu den größten internationalen Exits eines österreichischen Startups. Kompany hatte sich als Anbieter von Echtzeit-Firmenbuchdaten für KYC- und Compliance-Prozesse international etabliert und war zu einem zentralen Infrastrukturpartner für Banken, Konzerne und Behörden geworden.

Perry blieb nach dem Exit noch eine Zeit lang an Bord, zog sich dann aber bewusst zurück. Es folgte eine Auszeit – aus gesundheitlichen Gründen, vor allem aber, um Abstand zu gewinnen und Zeit mit der Familie zu verbringen. Öffentlich war es ruhig um den Serienunternehmer, der zuvor über Jahre hinweg tief im operativen Geschäft gestanden war.

Was in dieser Phase jedoch nicht passierte: Stillstand. Perry nutzte die Zeit, um Ideen weiterzudenken, die ihn seit vielen Jahren begleiten – Themen, für die es früher schlicht noch nicht die technischen Voraussetzungen gab. Rund zwei Jahre später tritt er nun wieder nach außen. Nicht als Investor oder Beirat, sondern erneut als Gründer.

Die Gründung von Perivallon Technologies

Das neue Unternehmen heißt Perivallon Technologies und wurde Ende 2024 in Wien als FlexCo gegründet. Für Perry ist es das bislang ambitionierteste Projekt seiner Laufbahn. Ziel ist der Aufbau einer europäischen Infrastruktur für den bodennahen Luftraum. Dieser gewinnt an Bedeutung, weil immer mehr Drohnen, unbemannte Systeme und neue Mobilitätsanwendungen in niedrigen Höhen operieren und bestehende Überwachungs- und Messsysteme dafür nicht ausgelegt sind. Anfang 2026 entschied sich das Team nun bewusst dafür, mit dem Projekt an die Öffentlichkeit zu gehen.

Russel Perry zu Gast bei brutkasten | (c) brutkasten

Erste Ideen bereits in den 2000ern

Die Grundidee hinter Perivallon war keine spontane Eingebung nach dem Exit. Perry und sein langjähriger Wegbegleiter und kompany-Co-Founder Peter Bainbridge-Clayton beschäftigen sich seit den frühen 2000er-Jahren mit Sensortechnologie, Mobilfunknetzen und der Frage, wie sich physische Welt und digitale Infrastruktur sinnvoll verbinden lassen. „Das Thema begleitet uns seit mehr als zwanzig Jahren“, sagt Perry.

Sensoren waren lange teuer, Konnektivität begrenzt, Echtzeit-Datenfusion kaum möglich. „Theoretisch hat das Konzept Sinn gemacht“, sagt Perry. „Praktisch war es nicht skalierbar.“ Die Idee verschwand nie, wurde aber bewusst zurückgestellt. „Mit kompany hatten wir ein Thema, das marktreif war und international skaliert hat“, so Perry.

Erst in den vergangenen Jahren änderten sich die Voraussetzungen grundlegend. Hardware wurde günstiger, Mobilfunknetze leistungsfähiger, und mit KI wurde es erstmals möglich, große Mengen heterogener Sensordaten in Echtzeit zu korrelieren. „Jetzt ist die Technologie so weit, dass man es richtig bauen kann“, sagt Perry.

Der blinde Fleck im Luftraum unter 1.000 Metern

Perivallon adressiert eine strukturelle Lücke: den Luftraum unter 1.000 Metern. Klassische Radar- und Überwachungssysteme sind historisch darauf ausgelegt, in größere Höhen zu blicken. Doch immer mehr Aktivität verlagert sich in den bodennahen Bereich – durch Drohnen, unbemannte Fluggeräte, neue Mobilitätskonzepte und veränderte Sicherheitsanforderungen.

Moderne Drohnen nutzen sogenannte „Ground-Hugging“-Technologien und bewegen sich bewusst in niedrigen Höhen, um unter dem Radar zu bleiben. Gleichzeitig wächst der zivile Bedarf: Wetterdaten in Bodennähe, sichere Drohnenlogistik sowie präziseres Verkehrs- und Risikomanagement. Genau hier setzt der Dual-Use-Charakter von Perivallon an: Die zugrunde liegende Infrastruktur ist sowohl für zivile Anwendungen als auch für sicherheitsrelevante Einsatzszenarien nutzbar.

„Es gibt keine klassischen Frontlinien mehr“, sagt Perry. „Man muss zonenbasiert denken und diese Zonen können weit im Landesinneren liegen.“ Perivallon will diesen bislang kaum erfassten Luftraum nicht mit einzelnen Sensoren, sondern über ein vernetztes Lagebild systematisch sichtbar machen – als Dateninfrastruktur, die je nach Kontext unterschiedlich genutzt werden kann.

35.000 Stationen von Portugal bis Finnland

Die Antwort von Perivallon ist kein einzelnes Produkt, sondern ein Netzwerk. Das Unternehmen baut ein dezentrales, bodennahes Sensornetz, das Europa flächendeckend abdecken soll. Der Ansatz folgt einer klaren Grid-Logik: Stationen im Abstand von rund zwölf Kilometern, insgesamt etwa 35.000 Standorte.

Im Unterschied zu klassischen Einzelmessungen setzt Perivallon auf Vernetzung. Statt isolierter „Sensor-Bubbles“ entsteht ein System, in dem Messwerte gegenseitig validiert werden können. Liefert eine Station fehlerhafte Daten oder fällt aus, können benachbarte Stationen diese Abweichungen erkennen und ausgleichen.

Technologisch kombiniert Perivallon drei Ebenen: meteorologische Daten, GNSS-Informationen (GPS, Galileo) und Signal Intelligence. Durch die Fusion dieser Daten entsteht ein kontinuierliches, hochauflösendes Lagebild des bodennahen Luftraums – in einer Dichte, die es in Europa bislang nicht gibt.

Erster Praxistest in der Schweiz

Perivallon ist von Beginn an auf Größe ausgelegt. „Kleinteilig funktioniert es nicht“, sagt Perry. „Wenn man so ein Netz baut, muss man es von Anfang an europäisch denken.“ Netzwerkeffekte, Datenqualität und wirtschaftliche Tragfähigkeit lassen sich nur bei flächendeckender Abdeckung erreichen. „Einzelne Sensoren liefern Punktinformationen“, so Perry. „Der exponentielle Mehrwert entsteht erst im Netzwerk.“

Ein erster Praxistest läuft bereits in der Schweiz. Dort betreibt Perivallon seit dem Sommer ein Testnetz mit 35 Stationen und rund 330 Quadratkilometern Abdeckung. „Für uns ging es weniger um den technischen Beweis“, sagt Perry. „Wir wollten wissen, ob sich Montage, Logistik und Betrieb sauber standardisieren lassen.“ Der europaweite Rollout soll nach Abschluss einer Finanzierungsrunde innerhalb von rund 24 Monaten erfolgen.

Russel Perry im Hintergrundgespräch | (c) brutkasten

Businessmodell: Verkauf von Abdeckung

Auch das Geschäftsmodell folgt der Infrastruktur-Logik. Perivallon versteht sich nicht als klassischer Infrastrukturanbieter, sondern als Betreiber eines europäischen Daten-Netzes. Kunden sollen künftig vor allem Enterprise-Player, die verlässliche, hochauflösende Daten aus bestimmten Regionen benötigen.

Dazu zählen etwa Logistik- und Mobilitätsanbieter, Versicherungen, Wetterdienste oder Plattformbetreiber. Verkauft werden keine Sensoren oder Softwarelizenzen, sondern Coverage. „Ihr braucht Abdeckung in Deutschland, in Polen oder in ganz Europa – das ist unser Angebot“, beschreibt Perry den Ansatz.

Perivallon positioniert sich dabei bewusst als Primärdaten-Layer, auf dem andere Systeme und KI-Plattformen aufbauen können.

Finanzierung, Team und Standort Österreich

Der geplante Rollout ist kapitalintensiv. Der Finanzierungsbedarf liege, so Perry, bei rund 200 Millionen Euro. Vorgesehen sei eine Kombination aus Eigenmittel und Fremdfinanzierung für die Hardware, vergleichbar mit der Finanzierung von Rechenzentren oder Telekom-Netzen. Bisher sei das Unternehmen im siebenstelligen Bereich eigenfinanziert worden.

Getragen wird Perivallon von einem Gründerteam, das bereits mehrfach gemeinsam Unternehmen aufgebaut hat. Neben Russell E. Perry gehören Boris Kersten, Stefan Schneider und Peter Bainbridge-Clayton zu den Co-Foundern. Kersten fungiert als Managing Director und verantwortet den operativen Aufbau sowie regulatorische Themen. Schneider bringt als Serienunternehmer und Investor strategische Erfahrung ein. Bainbridge-Clayton, langjähriger Weggefährte von Perry, zeichnet für die technische Architektur und die Integration von Mobilfunk- und IT-Systemen verantwortlich. Zudem ist er auch als Founding-Investor am Unternehmen beteiligt.

Trotz internationaler Ausrichtung fiel die Standortentscheidung bewusst wieder auf Österreich – wegen des Netzwerks, des Talentpools und erfolgreicher Zusammenarbeit mit Förderstellen wie AWS und FFG. Auch geopolitisch sieht Perry Vorteile, etwa durch die österreichische Neutralität im Dual-Use-Kontext.


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Die Quivo-Geschäftsführer Christoph Glatzl und Georg Weiß | (c) Quivo
Die Quivo-Geschäftsführer Christoph Glatzl und Georg Weiß | (c) Quivo

Mit rund 55 Millionen Euro Schulden war die Insolvenz des von Katharina Schneider aufgebauten Unternehmens MediaShop im Februar eine der aufsehenerregenderen in diesem Jahr. Zunächst war die Zukunft der Marke ungewiss. Mit dem Unternehmer Christoph Bauer mit One Spot fand sich ein Käufer, der die Marke seit Anfang Juni weiterführte und neu aufstellte. Im Zuge dessen wird nun auch die Logistik am deutschen Markt umgestellt. Dieser ist mit rund der Hälfte der Gesamtumsätze der wichtigste Einzelmarkt des Unternehmens. In den drei Monaten nach dem Neustart Anfang Juni wurden dort nach Unternehmensangaben mit rund 60.000 Bestellungen mehr als vier Millionen Euro Umsatz erzielt.

Neuer Partner im Fulfillment ist das vom österreichischen Gründer-Duo Christoph Glatzl und Georg Weiß geführte Scaleup Quivo, das stark auf Automatisierung setzt. Dieses war 2022 aus der Fusion des Wiener Startup Logsta mit der deutschen Ancla hervorgegangen und hat seinen formellen Hauptsitz in Deutschland, seinen operativen Sitz aber in Wien. Vor etwa einem Jahr machte es mit einer großen Finanzierungsrunde auf sich aufmerksam, wie brutkasten berichtete.

Logistische Herausforderungen durch kurzfristige Peaks

Mit der Logistik-Umstellung von MediaShop in Deutschland werden nun rund 10.000 Paletten Ware vom bisherigen Zentrallager in Augsburg nach Frankfurt verlagert. Das ist aber nur die erste von vielen zu erwartenden logistischen Herausforderungen, will das Teleshopping-Unternehmen seine Präsenz am deutschen Markt doch noch stärker ausbauen. So steigerte man die TV-Einschaltungen in Deutschland seit dem Neustart von zwischenzeitlich nur drei Sendern auf zwölf. International stieg die Zahl der Sender seit dem Neustart von 16 in zwei Ländern auf 50 in fünf Ländern.

Das Geschäftsmodell von MediaShop stelle enorme Anforderungen an Geschwindigkeit und Flexibilität, sagt Quivo-CEO Weiß: „Bei MediaShop zeigt sich besonders deutlich, dass modernes Fulfillment weit mehr ist als Lagerfläche und Paketversand. Wenn innerhalb kurzer Zeit große Bestellmengen eingehen, müssen Technologie, Prozesse und Personal nahtlos zusammenspielen.“ Die Plattform verbinde unterschiedliche Systeme und automatisiere große Teile der Bestellabwicklung. „Gleichzeitig haben wir die Infrastruktur und die personellen Ressourcen, um auch kurzfristige Nachfragespitzen abzufangen. Genau für solche Wachstumsszenarien haben wir Quivo aufgebaut“, so der Gründer.

„Wir haben MediaShop in sehr kurzer Zeit neu aufgestellt und sind wieder auf Kurs. Dafür brauchen wir eine Logistik, die nicht nur unser heutiges Bestellvolumen zuverlässig bewältigt, sondern auch mit uns wachsen kann“, kommentiert der neue MediaShop-Inhaber und -Chef Christoph Bauer. „Mit Quivo haben wir einen Partner gefunden, der Technologie, operative Erfahrung und die notwendige Skalierbarkeit verbindet. Das ist für uns insbesondere in einem Geschäft entscheidend, in dem Nachfrage sehr kurzfristig entstehen kann.“

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