28.12.2023

Risikokapital in der Krise: So lief 2023 für heimische Business Angels und VCs

Einige der bekanntesten heimischen Startup-Investor:innen haben uns verraten, wie viel sie dieses Jahr investiert und wie sie ihre Strategie an die Krise angepasst haben.
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Wir haben Österreichs Business Angels und VCs um einen Rück- und Ausblick zum Jahresende 2023 gebeten
Wir haben Österreichs Business Angels und VCs um einen Rück- und Ausblick zum Jahresende 2023 gebeten

Noch nie in der kurzen Geschichte der heimischen Startup-Szene gab es so viele Insolvenzen wie dieses Jahr. Nach den Gründen dafür gefragt, kommt von den Gründer:innen sehr oft die selbe Antwort: Ein Investor ist abgesprungen, eine Finanzierungsrunde fand nicht wie geplant statt. Andere Startups und Scaleups konnten eine durch die veränderte Funding-Situation verursachte existenzbedrohende Lage nur abwenden, indem sie durch Kündigungen und weitere Einschnitte die Kosten drastisch reduzierten. Hinter der Startup-Krise steht also ganz klar eine Risikokapital-Krise.

Überzogene Erwartungen von 2021 werden zum Problem für Startups und Scaleups

Die (internationalen) Statistiken dazu sprechen eine klare Sprache: Das Investmentvolumen und auch die Anzahl der Investmentrunden sind seit der zweiten Hälfte 2022 insgesamt massiv zurückgegangen. Zum Problem für Startups und Scaleups werden vor allem die überzogenen Wachstumserwartungen aus dem Boom-Jahr 2021. Die Planung von damals ist angesichts der wirtschaftlichen Gesamtlage, die in den meisten Fällen zu gesunkenen Einnahmen und gestiegenen Kosten führt, nicht haltbar. Und die nötige Anschubfinanzierung, um den Plan doch durchzuziehen, will bzw. kann kaum ein Business Angel oder VC momentan bieten – vor allem nicht zur Bewertung von vor zwei Jahren.

Jahresrückblick der Business Angels und VCs nicht nur düster

Doch wie immer gilt: Ausnahmen bestätigen die Regel. Nicht nur auf Startup- und Scaleup-Seite, auch bei den heimischen Business Angels und VCs zeigt sich im Blick auf das vergangene Jahr ein differenziertes Bild. Das zeigt eine kleine brutkasten-Umfrage unter einigen der bekanntesten Startup-Investor:innen des Landes zum Jahresende. Einige davon verrieten uns auch, wie viel sie 2023 investiert haben.

Hansi Hansmann: 4 Mio. Euro investiert – viel davon in bestehende Beteiligungen

Bei Österreichs bekanntestem Business Angel Hansi Hansmann etwa waren es rund vier Millionen Euro. „Wir haben sechs Neuinvestments getätigt – das sind weniger als 2022. Dafür gab es relativ viele Follow-Ons, weil wir unsere Bestands-Companies stärker unterstützen bzw. unterstützen müssen – der wirtschaftlichen Situation geschuldet“, schreibt Hansmann. „Insgesamt bin ich aber mit meinem Portfolio sehr zufrieden. Im Großen und Ganzen haben sich unsere Companies sehr gut geschlagen.“

Fast 2 Mio. Euro und „viel Energie in Turn-Around-Startups“ bei Berthold Baurek-Karlic

Von einer ähnlichen Situation berichtet auch „Business Angel of the Year“ Berthold Baurek-Karlic mit seiner Gesellschaft Venionaire: „Im Jahr 2023 haben wir 1,93 Millionen Euro investiert und werden zum Jahresende voraussichtlich noch ein paar Tickets zeichnen“, schreibt er dem brutkasten. Insgesamt habe man dabei sehr viel Energie in „Turn-Around-Startups“ gesteckt. Baurek-Karlic gibt zwei konkrete Beispiele: „Wir freuen uns, dass beispielsweise Cybertrap erstarkt ist. Bei Fretello streben wir eine Sanierung an, wofür die Gesellschafter bereits das notwendige Funding bereithalten, sofern wir die Chance bekommen.“

Christiane Holzinger: „Zwei bis drei mal länger nachgedacht, bevor ich eine Entscheidung getroffen habe“

Auch im Statement von „Business Angel of the Year“ Christiane Holzinger ist die Krise ablesbar: „Ich habe in vier neue Startups investiert, musste aber auch einige Bridgerunden mitmachen und hier Kapital reservieren. Zusätzlich habe ich zwei bestehende Beteiligungen aufgestockt“. Im Vergleich zum Vorjahr habe sich einiges geändert: „Generell habe ich sicher zwei bis drei mal länger nachgedacht, bevor ich eine Entscheidung getroffen habe. Meine Recherchen habe ich ebenso ausgeweitet und ich bin viel stärker auf das Thema Team & Leadership eingegangen. Diese kritischere Auswahl hat auch dazu geführt, dass ich mehr gelernt habe“, so Holzinger, die einräumt: „Gegen Ende des Jahres ist mir aber die Energie ausgegangen“. Einige Entscheidungen habe sie nun bewusst auf 2024 verschoben.

tecnet: 2,7 Mio. Euro für „sieben bestehende sowie auch neue Unternehmen“

Rund 2,7 Millionen Euro hat der niederösterreichische Landes-VC-Fonds tecnet equity dieses Jahr in Startups investiert. Dabei sei Kapital in „sieben bestehende sowie auch neue Unternehmen“ geflossen. „Auch wenn das Umfeld schwieriger wurde, konnte tecnet neue schlagkräftige Co- Investoren gewinnen und hat sich auch in diesem Umfeld als verlässlicher Partner für seine Portfoliounternehmen erwiesen. Wir glauben, dass Geschäftsmodelle, die sich in schwierigen Zeiten bewähren, das höchste Potenzial haben, Highflyer zu werden. Diese Unternehmen sind in der Regel widerstandsfähiger, haben ein größeres Wachstumspotenzial und werden sich am Markt durchsetzen“, heißt es in einem Statement des VC-Unternehmens gegenüber brutkasten.

Laura Raggl: „großartiges Jahr“ – 14 Kapitalrunden über 900.000 Euro mit ROI Ventures

Ein sehr postives Bild zeichnet Laura Raggl mit ihrer noch sehr jungen Beteiligungsgesellschaft ROI Ventures. Man habe in 14 Kapitalrunden insgesamt 900.000 Euro investiert (davon 100.000 in Österreich). Nach 2023 habe man zwölf neue Startups im Portfolio. „Es war ein großartiges Jahr für ROI Ventures. Nach dem Start Mitte 2022 haben wir uns 2023 intensiv auf unsere Angel Investments fokussiert, starke Deallfow-Sharing Partnerschaften aufgebaut und unseren Fokus und Netzwerk im Bereich B2B-SaaS geschärft“, so Raggl.

Triple Impact Ventures: „Haben unser Tempo beibehalten“

Ebenfalls positiv fällt das Statement von Andrei Podlesnyi, Investment Manager bei Markus Linders Triple Impact Ventures, aus: „Im Jahr 2023 haben wir vier neue Investments in Startups getätigt, darunter auch Fermify aus Österreich. Bei den Neu-Investitionen haben wir unser Tempo beibehalten, und erfreulicherweise haben wir auch noch zusätzlich an zwei Folgerunden unserer Beteiligungen aus dem Jahr 2022 teilgenommen.“

eQVenture: 24 Mio. Euro in österreichische Startups investiert

Bernhard Ungerböck, Principal bei eQVenture, sieht die Grazer Investment-Gesellschaft in der aktuellen Situation im Vorteil: „Unsicherheiten durch Inflation, Zinssätze, unterbrochene Lieferketten haben auch uns veranlasst, stärker das eigene Portfolio zu unterstützen. Unser starker Technologiefokus bewies sich in dieser Phase jedoch als werthaltig – nahezu alle Unternehmen konnten sich operativ weiterentwickeln und jede zweite Finanzierungsrunde fiel siebenstellig aus.“ Insgesamt investierte eQVenture dieses Jahr 24 Millionen Euro in österreichische Startups – gemeinsam mit Co-Investoren sei man auf 38 Millionen Euro Volumen gekommen, so Geschäftsführer Herbert Gartner gegenüber dem brutkasten.

Wie geht es 2024 weiter? „Auch zukünftig Fokus auf Erhalt anstelle aggressivem Wachstum“

Und wie geht es 2024 weiter? „Vorausblickend erwarten wir weiterhin Zurückhaltung bei Finanzierungsrunden sowie Exits, zumindest im ersten Halbjahr 2024. Startups werden daher auch zukünftig den Fokus auf Erhalt anstelle aggressivem Wachstum legen“, schreibt Bernhard Ungerböck und stellt in den Raum: „Fraglich ist jedoch, wie VCs diesen Fokus gutheißen und geringeres, nachhaltigeres Wachstum bewerten werden“. Besonders Themen rund um ClimateTech und Healthcare sehe man weiterhin stark in den nächsten Jahren.

Triple Impact Ventures plant „deutliche Aufstockung“

Auf erstgenannte Branche setzt wenig überraschend auch Andrei Podlesnyi von Triple Impact Ventures: „Insgesamt wird 2024 ein herausforderndes Jahr für das gesamte Ökosystem bleiben, aber wir bleiben optimistisch für unseren Sektor. Wir beobachten, dass ClimateTech weiterhin Top-Talente anzieht, was eindeutig die zunehmende Bedeutung und das Interesse an der Lösung der Umweltkrisen widerspiegelt“. Für das nächste Jahr plane man daher sogar eine deutliche Aufstockung und wolle acht neue Investments in den Bereichen Klima, Biodiversität und Umweltverschmutzung tätigen.

„Nehmen Interesse an Exits unseres Portfolios wahr“

Optimismus versprüht man auch bei tecnet: „Trotz der aktuellen Herausforderungen sind wir für 2024 positiv gestimmt. Aus verschiedenen Kanälen nehmen wir Interesse an Exits unseres Portfolios wahr und in den letzten Monaten wurden auch wieder vielversprechende Leads identifiziert.“ Laura Raggl erwartet für 2024 „viele Anschlussfinanzierungsrunden“ im Portfolio. Und Christiane Holzinger meint: „2024 wird sich wieder besser entwickeln. Diejenigen, die heuer an sich gearbeitet haben, sind resilienter geworden.“ Und sie hoffe, „dass sich die Politik ein Beispiel an der Szene nimmt. Schnelleres Agieren, Offenheit gegenüber KI und neuen Technologien und Teamarbeit wären wichtige Punkte.“

Venionaire will 2024 selbst Kapital aufnehmen

Berthold Baurek-Karlic erwartet im Portfolio von Venionaire in mehreren Fällen starke Entwicklungen, unter anderem in der Hoffnung auf einen erneuten Krypto-Frühling, für den man bereits Anzeichen sehe. Und der Investor verrät: „Wir selbst – Venionaire Capital AG – planen eine Reihe neuer Projekte, wozu wir selbst Kapital aufnehmen, da wir an die historische Chance von Vintage Fonds aus Krisenjahren glauben.“

Hansmann: „Werden viele Startups sehen, die zusperren oder in einem unattraktiven Deal verschwinden“

Hansi Hansmann schließlich macht eine differenzierte Voraussage für das kommende Jahr: „Ich glaube, dass 2024 nicht besser wird, eher umgekehrt. Und wir werden wohl viele Startups sehen, die entweder zusperren müssen oder in einem unattraktiven Deal verschwinden – der dann oft als gar nicht so unattraktiv verkauft wird“, so die Business Angel Legende. Es werde daher aber auch ein „Jahr der guten Opportunities sein, wenn man cash hat“. Denn dass vielen Startups das Geld ausgehen werde, werde auch zu mehr Übernahmen führen.

„Irgendwann geht es sicher wieder bergauf“

Er hoffe darauf, dass es im Laufe des Jahres Börsengänge gebe, „die dann in einer Kettenreaktion zu mehr großen Funding-Runden und irgendwann auch wieder zu einer besseren Funding-Situation führen“, so Hansmann, „aber das dauert dann seine Zeit“. Der „Funding-Kreislauf“ sei auch deswegen unterbrochen, weil viele VC-Gesellschaften schon länger keine lukrativen Exits mehr hatten. „Aber irgendwann geht es sicher wieder bergauf“, schließt der Business Angel.

Christiane Holzinger: Learning und guter Vorsatz für das neue Jahr

Sich diesen Optimismus zu erhalten, formuliert Christiane Holzinger als ganz persönliches Ziel: „Die allgemeine Großwetterlage hat mich teilweise negativ beeinflusst. Ich habe mich auch von der Negativspirale, den allgemeinen Ängsten und Sorgen eine Zeit lang mitreißen lassen“, so die Investorin. In einer persönlichen Auszeit im Herbst habe sie dann die eigene finanzielle Situation analysiert. „Ich habe mir für alle Vorhaben angesehen, welche Ziele ich erreicht habe. Meine ‚Hausübungen‘ haben mir die Augen geöffnet: Mein Jahr 2023 war eines der erfolgreichsten überhaupt. Leider habe ich das ob der gesamten Lage nicht gesehen“, erzählt Holzinger. „Ich werde meine persönlichen Hausübungen 2024 wieder in viel kürzeren Abständen machen und auch bei meinen Agenden stärker ausmisten“.

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(V.l.) Manuela Mohr-Zydek (Salesforce Österreich) und Isabella Tomás (Open Austria) in San Francisco. © brutkasten

Zwei Perspektiven, ein Hotspot: San Francisco. Isabella Tomás sitzt seit vier Jahren an der Schnittstelle zwischen Österreich und dem Silicon Valley. Als Konsulin und Co-Direktorin von Open Austria leitet sie das gemeinsam von Außenministerium (BMEIA) und Wirtschaftskammer Österreich (WKO) betriebene Außenwirtschafts- und Innovationsbüro und vernetzt heimische Gründerinnen, Gründer und Unternehmen mit dem wohl dichtesten Innovationsökosystem der Welt. Manuela Mohr-Zydek blickt aus der Unternehmensperspektive darauf: Seit eineinhalb Jahren verantwortet sie als Country Leaderin das Österreich-Geschäft von Salesforce und begleitet heimische Betriebe dabei, den Schritt von der digitalen Transformation zur produktiven Skalierung autonomer KI-Agenten zu schaffen.

Im exklusiven Gespräch mit brutkasten ziehen die beiden Bilanz: Wie steht es um Österreich in Sachen KI-Anwendung? Was können heimische Unternehmen von der Risikobereitschaft und Umsetzungskraft des Silicon Valley lernen und wo sollte man mit dem KI-Einsatz trotz allem Potenzial vorsichtig bleiben? Von der Rolle des Kapitals bis hin zu den Stärken österreichischer Ingenieure, Tomás und Mohr-Zydek liefern einen ehrlichen Blick auf zwei Innovationswelten, die einander viel zu sagen haben.


Brutkasten: Ihr seid beide viel zwischen Österreich und San Francisco unterwegs. Welche Learnings möchtest du von hier sofort mit nach Österreich nehmen, Manuela?

Manuela Mohr-Zydek: Man kann viel Innovation und Inspiration mit nach Österreich nehmen. Wobei ich auch sagen muss, dass wir in Österreich bereits unglaublich viel Innovation und viele neue Ideen haben. Ich bin nun seit eineinhalb Jahren als Country Leaderin für Salesforce in Österreich tätig und sehe das täglich. Was man aus dem Silicon Valley mitnehmen kann, ist die enorme Umsetzungskraft und die Pionierarbeit. In Österreich befinden wir uns in manchen Bereichen gefühlt noch ganz am Anfang – vor allem beim Thema künstliche Intelligenz. Wir haben viele Kunden, die sich bereits damit auseinandersetzen oder KI skalierbar im Einsatz haben. Im Silicon Valley ist man vermutlich schon ein Stück weiter, und genau dieses Mindset können wir mitnehmen. Wir müssen weg von „Wir probieren aus“ hin zu „Wir setzen künstliche Intelligenz skalierbar im Unternehmen ein“. Damit lässt sich einerseits der Fachkräftemangel adressieren und andererseits dem wirtschaftlichen Kostendruck begegnen. Die Strategie sollte aus unserer Sicht aber nicht sein, Arbeitsplätze abzubauen. Im Gegenteil: Wir sehen viele Chancen für junge Menschen, sich im Bereich KI weiterzubilden, umzuschulen und eine klare Zukunftsperspektive aufzubauen.

Isabella Tomás: Ich kann bestätigen, was Manuela gesagt hat. Ich bin für Open Austria seit vier Jahren im Silicon Valley. Ein wesentlicher Unterschied ist die höhere Risikobereitschaft. Gründerinnen und Gründer werden hier ermutigt und unterstützt, mutig zu agieren. Die Menschen haben keine Angst vor Innovation. In Österreich haben wir sehr viele innovative Köpfe, aber man hat oft das Gefühl, dass sie nicht immer optimal gefördert werden, um sich voll zu entfalten – das beginnt an den Universitäten und setzt sich in den Unternehmen fort. Der zweite Punkt ist die Skalierbarkeit: Hier steht eine enorme Menge an Risikokapital zur Verfügung, mit dem Startups viel schneller skalieren können. Zudem spielt der US-Markt eine entscheidende Rolle: Wer sich hier etabliert, kann relativ leicht in andere Märkte vorstoßen und weltweit skalieren. Das ist in Österreich und auf EU-Ebene aufgrund der Marktstrukturen leider noch nicht ohne Hürden möglich.

Salesforce-CEO Marc Benioff hat in seiner Eröffnungs-Keynote ein eher verhaltenes Bild von Europa in Bezug auf KI gezeichnet. Wie beobachtest du die Adaption von KI-Applikationen bei österreichischen Unternehmen, Manuela?

Manuela Mohr-Zydek: Über die letzten Monate hat sich eine sehr positive Dynamik entwickelt. Wir führen nahezu mit jedem Kunden Gespräche zum Thema künstliche Intelligenz. Es geht nicht mehr nur um erste Pilotprojekte oder Proofs of Concept, sondern darum, wie Unternehmen tatsächlich mit autonomen Agenten arbeiten können – Hand in Hand zwischen Mensch und Agent. Wir sehen eine große Offenheit dafür, Geschäftsprozesse agentenbasiert zu unterstützen. Wir befinden uns in der nächsten Stufe: weg vom reinen Ausprobieren, hin zum Etablieren einer Kultur im Sinne von „Human in the Loop“. Der Mensch bleibt entscheidungsfähig, wird aber autonom durch Agenten unterstützt.

Welche konkreten Use Cases beobachtest du, auch im Vergleich zwischen größeren Unternehmen und Startups?

Manuela Mohr-Zydek: Gerade für kleinere Unternehmen und Startups bietet KI eine riesige Chance, weil Technologie demokratisiert wird. Mit Low-Code- und No-Code-Ansätzen braucht man keine tiefe Coding-Erfahrung mehr, um einen Agenten zu bauen und eine Idee zu verwirklichen. Anfänglich haben wir sehr stark im Servicebereich mit autonomen Agenten begonnen. Über die vergangenen Monate hat sich das stark in Richtung Marketing, Sales und Commerce weiterentwickelt. Es gibt Beispiele wie PayPal oder Anwendungsfälle, bei denen Agenten automatisiert Outbound-Leads generieren, Inbound-Anfragen abarbeiten oder Marketing-Journeys erstellen, bevor der Mitarbeiter übernimmt. Im Commerce-Bereich unterstützen Agenten bei Produktauskünften auf Webseiten. Autonome Agenten befreien Mitarbeiter von wiederkehrenden, maschinellen Aufgaben, sodass sich der Mensch wieder auf seine Kernstärken besinnen kann: Kreativität und soziales Miteinander. Das ist das Schöne am Konzept des „Agentic Enterprise“.

Isabella, was beobachtest du bei österreichischen Gründern, die ins Silicon Valley oder nach San Francisco kommen? Wie sieht dort die KI-Adaption aus?

Isabella Tomás: Die meisten, die herkommen, sind bereits tief im Thema drin oder kommen genau deshalb hierher, weil San Francisco das Mekka der KI ist. Wer das Thema noch nicht mitbringt, arbeitet sich sehr schnell ein. Zu Beginn gibt es meist einen gewissen Wow-Effekt. Das Beispiel der autonomen Autos verdeutlicht das gut: Für meine Volksschulkinder ist es mittlerweile völlig normal, sich in ein fahrerloses Auto zu setzen. Europäer, die das erste Mal in San Francisco sind, sind davon meist fasziniert. Der Unterschied liegt darin, dass die Menschen hier eine ausgeprägte Early-Adopter-Mentalität haben. Sie sind überdurchschnittlich bereit, etwas völlig Neues auszuprobieren, und haben weniger Berührungsängste. Das verhilft innovativen Ideen schneller zum Durchbruch und schafft einen ersten Use Case, mit dem man zeigen kann, dass es in der Praxis funktioniert.

Welche Stärken bringen Gründerinnen und Gründer aus Österreich mit, die man im Silicon Valley schätzt?

Isabella: Man schätzt auf jeden Fall die hervorragende Ausbildung an unseren Universitäten und Fachhochschulen. Die Ausbildung steht den Top-Universitäten in den USA in nichts nach. Auch das technische Fundament, etwa von Ingenieuren im Industriebereich, wird sehr geschätzt. Die Leute wissen genau, wovon sie sprechen, und arbeiten extrem solide. Wenn sich dieses Fachwissen mit der innovativen Dynamik vor Ort verbindet, entsteht eine hervorragende Kombination. Österreicher sind vielleicht nicht immer diejenigen mit den verrücktesten Ideen, aber sie sind extrem stark darin, diese Ideen pragmatisch und erfolgreich umzusetzen.

Überspitzt gefragt: Haben Gründer:innen aus Europa im Silicon Valley einen Nachteil, weil das Vorurteil herrscht, Europäer hinkten bei KI hinterher?

Isabella Tomás: Nein, nicht unbedingt. Das Silicon Valley ist ein großer Schmelztiegel mit Menschen aus aller Welt. Österreichische Gründerinnen und Gründer, die sich gut präsentieren, haben keineswegs einen Nachteil, nur weil sie aus Europa kommen. Einen Nachteil hat man nur dann, wenn man sich schlecht präsentiert oder nicht fachkundig wirkt. Wer zeigt, dass er seinen Bereich beherrscht und etwas Interessantes auf die Beine stellt, wird hier sehr schnell anerkannt.

Manuela, Salesforce hat sich ja spätestens mit AIforce der künstlichen Intelligenz verschrieben. Was ist für Geschäftsführer:innen, die KI im Unternehmen umsetzen wollen, deiner Meinung nach der beste erste Schritt?

Manuela Mohr-Zydek: Wir setzen sehr stark bei Schulungen an – und zwar sowohl auf Führungsebene als auch auf Mitarbeiterebene. Eine Zusammenarbeit von Mensch und Agent („Agentic Enterprise“) muss von Führungskräften vorgelebt werden, was ein grundlegendes technologisches Verständnis voraussetzt. Es geht auch um die Frage der ethischen Verantwortung und darum, wo die Grenzen der Technologie liegen, damit der Mensch in der Entscheidung verbleibt. Auf Mitarbeiterebene dienen Schulungen dazu, Inspiration und Ideen zu generieren. Wir veranstalten dazu auch Hackathons mit Kunden, um Ideen in eine Roadmap zu gießen und rasch in die Umsetzung zu bringen. So entsteht sowohl Top-down als auch Bottom-up die Innovationskraft, die es für die Zukunft braucht.

Gibt es Bereiche, in denen man KI konkret noch aussparen sollte, obwohl sie viel Potenzial birgt?

Isabella Tomás: Es gibt sehr sensible Bereiche, bei denen große Vorsicht geboten ist – etwa wenn es um Gesundheitsdaten oder hochgradig personenbezogene Daten geht. Aus Sicht der öffentlichen Verwaltung gelten hier höchste Anforderungen an Datenschutz und Regelkonformität. Solange nicht zu hundert Prozent sichergestellt ist, dass alle gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden, kann KI dort nicht ohne Weiteres eingesetzt werden. Wenn es hingegen um Recherchen oder Entwürfe für Präsentationen geht, ist das unbedenklich. Grundsätzlich gilt: Je besser man sich selbst in einem Fachgebiet auskennt, desto eher kann man KI sinnvoll nutzen, weil man das Ergebnis fachlich beurteilen kann. Wenn man keine Ahnung von der Materie hat, sollte man KI-Ergebnisse nicht blind übernehmen, sondern verifizieren.

Welche Hoppalas oder Fehler konntest du im Silicon Valley beobachten, von denen Unternehmen in Österreich lernen können?

Isabella Tomás: Die Fehler sind ähnlich wie überall. Das reicht von Anwälten, die vor Gericht erfundene Präzedenzfälle zitiert haben, über Fehldiagnosen bei medizinischen Bildanalysen bis hin zu falschen Wirtschaftsdaten auf Präsentationsfolien. Wenn man Ergebnisse ungeprüft übernimmt, kann das peinlich werden. Man darf sich nicht blind auf die KI verlassen, wenn man die Fakten nicht selbst verifizieren kann.

Manuela, wie verändert sich die Arbeit in Unternehmen konkret durch den Einsatz von Agenten?

Manuela Mohr-Zydek: Wir gehen davon aus, dass sich letztlich nahezu jeder Job verändern wird. Es geht längst nicht mehr nur darum, ein Large Language Model als Assistenten einzusetzen, sondern darum, einzelne Prozessabschnitte im Unternehmen messbar und autonom abzuarbeiten. Bei Salesforce messen wir das in „Agentic Work Units“ – hier gab es von Q1 auf Q2 einen Anstieg von 97 Prozent. Um ein Unternehmen verlässlich zu führen, braucht man valide Daten, funktionierende Prozesse, Governance und Compliance. Das LLM dient als kreatives Interface nach oben, aber darunter braucht es ein solides Fundament aus Daten, Applikationen und Sicherheit.

Isabella Tomás: Das ist auch der Vorteil von spezifischen, maßgeschneiderten Modellen, die auf den konkreten Unternehmensdaten basieren. Dort ist das Risiko von Halluzinationen oder fehlerhaften Ausgaben deutlich geringer als bei rein generischen Sprachmodellen.

Manuela Mohr-Zydek: Wie Marc Benioff in seiner Keynote hervorgehoben hat, muss man zwischen wahrscheinlichkeitsbasierten und deterministischen Ergebnissen unterscheiden. Die Kombination aus beidem liefert sowohl kreative Möglichkeiten als auch die nötige Verlässlichkeit für Unternehmensentscheidungen


Transparenzhinweis: Die Reise- und Aufenthaltskosten zur Dreamforce wurden von Salesforce übernommen. Auswahl und Bewertung der Themen erfolgten unabhängig davon.

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