26.05.2026
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Quasi-Equity: Warum Erste Social Finance auf gesellschaftliche Rendite statt auf schnelle Exits setzt

Social Entrepreneurs stehen oft vor einer Finanzierungslücke, wenn Bankkredite nicht ausreichen und klassisches Venture Capital nicht zum eigenen Modell passt. Mit dem Instrument „Quasi-Equity“ bietet Erste Social Finance (ESF) ein Nachrangdarlehen an, das ohne persönliche Bürgschaften und Anteilsverlust auskommt. Mit seiner Mission als Impact-Unternehmen erlangte ESF zuletzt auch die Zertifizierung als “B Corp”.
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Margit Mayr, Impact Investment Managerin bei Erste Social Finance | (c) Theresia Kaufmann
Margit Mayr, Impact Investment Managerin bei Erste Social Finance | (c) Theresia Kaufmann

Dass es Erste Social Finance (ESF) um mehr geht als reine Finanzkennzahlen, zeigt ein kürzlich erreichter Meilenstein: Das Unternehmen wurde offiziell B-Corp-zertifiziert. Damit zählt die Tochtergesellschaft der ERSTE Stiftung und der Erste Group zu einem exklusiven Kreis, denn in Österreich gibt es aktuell nur rund ein Dutzend Unternehmen, die dieses Zertifikat tragen.

Das B-Corp-Label ist die weltweit renommierteste Zertifizierung, die die sozialen, ökologischen und Governance-Auswirkungen eines Unternehmens nach strengen Vorgaben des B Lab überprüft. Für Stakeholder – von Kund:innen über Mitarbeitende bis hin zu Investor:innen – ist das Siegel ein klares Signal, dass sich ein Unternehmen verantwortungsvollen Geschäftspraktiken verschrieben hat, die Mensch und Umwelt zugutekommen, nicht nur den Anteilseignern. Unternehmen wie Patagonia oder Ben&Jerry’s, die weltweit für ihre Nachhaltigkeit und ihre soziale Verantwortung bekannt sind, sind zum Beispiel ebenfalls mit diesem Standard ausgezeichnet. „B Corp zu sein unterstreicht, dass Impact für uns kein Zusatz ist, sondern der Ausgangspunkt”, sagt Margit Mayr, Impact Investment Managerin bei Erste Social Finance.

“Vermehrung des Impacts wichtiger, als reinen Profit zu generieren“

Genau diese Mission spiegelt sich auch in der täglichen Arbeit wider. Erste Social Finance agiert bewusst anders und hat es sich zur Aufgabe gemacht, gesellschaftlichen Mehrwert und Wohlstand durch den Zugang zu den jeweils richtigen Finanzdienstleistungen zu ermöglichen. Für den Mehrheitseigentümer ERSTE Stiftung ist echter Impact wichtiger, als der reine Profit der unterstützten Unternehmen. Ein wichtiges und innovatives Werkzeug dafür ist das sogenannte Quasi-Equity, ein Finanzierungsinstrument, das gezielt auf die Bedürfnisse von grünen und sozialen Startups zugeschnitten ist.

Was ist Quasi-Equity und wie funktioniert es?

„Im Grunde genommen ist es ein Nachrangdarlehen für soziale und grüne Unternehmer“, so die Investment-Managerin. Im Falle einer Insolvenz wird Quasi-Equity also nachrangig behandelt. Der Name rührt daher, dass Banken es in der Bilanz des Startups als Eigenkapital anrechnen können. Das Volumen bewegt sich zwischen 50.000 und 500.000 Euro, wobei die meisten vergebenen Tickets laut Mayr zwischen 100.000 und 250.000 Euro liegen.

Das Instrument ist langfristig für die Skalierung von bewährten Geschäftsmodellen gedacht und läuft meist acht bis zehn Jahre. Für Gründer:innen ist besonders der Anfang finanziell entlastend konzipiert: „Die ersten vier Jahre sind tilgungsfrei, man zahlt nur die Zinsen. Das ist natürlich relativ gut für Startups und junge Unternehmen, die in der Anfangsphase noch viel Cashburn haben“, so Mayr.

Auch für soziale Immobilienprojekte gibt es ein vergleichbares Angebot, jedoch mit Ticketgrößen von bis zu 2.000.000 Euro. Dies kann beispielsweise Projekte für soziale Wohnformen, oder Bildungs-, Gesundheits- und Arbeitsintegrationseinrichtungen umfassen. Wichtig ist, dass eine benachteiligte Zielgruppe von der entwickelten Immobilie profitiert. 

Keine persönlichen Bürgschaften und kein Anteilsverlust

Für Founder bietet das Modell handfeste Vorteile gegenüber klassischen Bankkrediten oder VC-Investments. „Ein großer Vorteil und der Grund, warum es so attraktiv ist, liegt darin, dass wir keine persönlichen Bürgschaften und auch keine dinglichen Sicherheiten verlangen“, betont die Investment-Managerin. Das bedeutet, Gründer:innen haften nicht mit ihrem Privatvermögen.

Zudem mischt sich die Erste Social Finance nicht in das Tagesgeschäft ein oder verlangt Mitspracherechte oder Anteile am Unternehmen, wie es bei Eigenkapital-Investoren üblich ist. Es finden allerdings zweimal im Jahr Gespräche statt, bei denen abseits des Geschäftsbetriebs geschaut wird, wie man das Team durch Beratung oder das eigene Netzwerk strategisch unterstützen kann.

Für wen sich das Modell eignet

Zielgruppe sind Unternehmen, die zur Lösung gesellschaftlicher oder ökologischer Herausforderungen beitragen. „Wir schauen uns an, ob eine Mission da ist, die zumindest gleichgestellt ist mit dem Ziel, Gewinn zu erwirtschaften“, so Mayr. Reine Umwelttechnologie ohne soziale Komponente wird in der Regel nicht finanziert, es sei denn, es werden beispielsweise arbeitsmarktferne Personen beschäftigt.

Finanziell müssen die Startups bereits ein validiertes Produkt am Markt haben und den operativen Break-Even erreicht haben oder in der Planung zumindest kurz davor stehen. Den Druck von Risikokapitalgebern gibt es hierbei nicht: „Für uns ist es keine Priorität, dass die Startups irgendwann einen super Exit machen“, betont Mayr. „Im Gegenteil: Wir suchen auch nach Unternehmen, die ein langsameres, aber nachhaltiges Wachstum vorweisen können.“ 

Für noch jüngere Startups gibt es das international ausgerichtete Impact-Wachstumsprogramm „Marc“, das sie gezielt auf ihrem Weg zur Finanzierungsreife begleitet. Neben einer detaillierten Business-Analyse und klaren Entwicklungsplänen umfasst das Programm auch individuelle 1:1-Betreuung, Mentoring sowie Zugang zu Investor:innen. Unterstützt durch die ERSTE Stiftung gemeinsam mit der Erste Social Finance, IFUA Nonprofit Partner und SIMPACT, sowie Impact Hub Vienna unterstützt Marc Impact-Unternehmen dabei, finanzierbar zu werden.

Kofinanzierung und nachhaltige Begleitung

In der Praxis wird Quasi-Equity oft als Kofinanzierung – etwa im 50:50-Verhältnis – gemeinsam mit der Erste Bank oder den Sparkassen vergeben. Durch die Mischung beider Finanzierungsformen sinkt der durchschnittliche Zinssatz für das Startup, während die benötigten Sicherheiten auf etwa ein Viertel massiv reduziert werden.

Das Portfolio der Erste Social Finance umfasst bereits zahlreiche bekannte Namen der heimischen Impact-Szene: Zu den geförderten Unternehmen zählen unter anderem das Lebensmittelrettungs-Startup Unverschwendet, der E-Cargo-Bühnen-Entwickler VeloConcerts, sowie das Betreuungs-Netzwerk Zeitpolster. Zuletzt berichtete brutkasten über eine Co-Finanzierung für das Wiener EdTech-Startup SchuBu.

Am Ende geht es dabei um mehr als Finanzierungskonstrukte: Es geht um Kapital für Geschäftsmodelle, die sonst durchs Raster fallen würden. Genau dort setzt Erste Social Finance an – nicht als klassischer Investor, sondern als Brücke zwischen Wirkung und Kapital.

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Wiewohl die Debatte rund um den Klimawandel in den vergangenen Jahren nachweislich leiser geworden ist, bleibt die Energiewende großes Ziel – in Österreich und Europa alleine schon wegen der brandaktuellen Frage der Souveränität. Dabei versteht man unter Energiewende keineswegs weltweit das selbe, meint Angela Wilkinson, Secretary General und CEO des World Energy Council (WEC) im Interview.

Wir trafen die Chefin der in London ansässigen Dach-Organisation, die über 3.000 Partner-Organisationen in mehr als 100 Ländern hat, beim Verbund Venture Day 2026 an der WU Wien, wo sie auch eine Keynote hielt und an einer Podiumsdiskussion teilnahm. Ihre Kernaussage: Die Menschheit brauche in der Energiewende eine positive gemeinsame Vision.


brutkasten: Was macht das World Energy Council eigentlich genau?

Angela Wilkinson: Das World Energy Council wurde vor 100 Jahren am Ende des Ersten Weltkriegs gegründet. Die ursprüngliche Mission lautete: Wie verhindern wir am Ende der großen Weltreiche eine Situation, in der Nationalstaaten wegen knapper Ressourcen gegeneinander Krieg führen? Das sind die Wurzeln unserer Organisation. Seit 100 Jahren arbeiten und wachsen wir als globale Gemeinschaft – ein verteiltes Netzwerk aus Expertinnen und Experten, Entscheidungsträgern, Unternehmern und Innovatoren, die eine gemeinsame Mission teilen: mehr und bessere Energie für alle Menschen auf der Welt.

Wie kann man sich die konkrete Arbeit des WEC vorstellen?

Wir haben drei Hauptaktivitäten: Erstens erstellen wir Berichte – keine rein technischen Datenstudien wie die IEA (Anm. Internationale Energieagentur), sondern nutzen eigene Frameworks wie den „World Energy Trilemma“-Ansatz. Damit erfassen wir praktische Erfahrungen aus verschiedenen Ländern dazu, wie Regierungen Versorgungssicherheit, Leistbarkeit und Nachhaltigkeit bei der Gestaltung ihrer Energiesysteme in Einklang bringen. Wir analysieren Praxisbeispiele, um Märkte und Politiken zu verbessern.

Zweitens organisieren wir Veranstaltungen: Wir bringen unsere Gemeinschaft aus 120 Ländern zusammen. Unser nächster World Energy Congress findet vom 26. bis 29. April 2027 in Riad statt und führt über 100 Ministerinnen und Minister, mehr als 5.000 CEOs und rund 18.000 Teilnehmende zusammen. Angesichts der globalen Elektrifizierungswelle untersuchen wir, was das System zusammenhält – von Verträgen über Vertrauen, Narrative und Daten bis hin zur Infrastruktur. Wir agieren dabei technologieagnostisch.

Drittens betreiben wir Community Building: Nachhaltige Veränderungen erfordern echte Gemeinschaften. Wie hier beim Ökosystem von Verbund X schafft eine Gemeinschaft das nötige Vertrauen für konstruktive Debatten und arbeitet pragmatisch mit den vorhandenen Stärken, statt in polarisierte Diskussionen zu verfallen.

Sie haben in Ihrer Keynote gesagt, es gebe weltweit recht klare Ziele für die Energiewende, aber es fehle an einer positiven Vision. Können Sie das näher ausführen?

Energiewende ist zu einem der am meisten missverstandenen Begriffe geworden. Europäer verstehen darunter den Verzicht auf fossile Brennstoffe, Golfstaaten das Eliminieren von Treibhausgasemissionen, während man in den USA den Begriff derzeit überhaupt meidet und lieber von „Energieüberfluss“ spricht. Die Realität ist jedoch: Energie ist das Betriebssystem und das Fundament des Ökosystems unserer Zivilisation. Wir sprechen meist nur darüber, was die Zukunft nicht sein soll. Wir führen aber keine inspirierende Debatte mit den Menschen auf der Straße darüber, welche neuen Möglichkeiten ihr Leben verbessern können. Die Energiewende wird zu sehr als Geschichte von Verzicht und Leiden dargestellt.

Sie meinten in Ihrer Keynote auch, es brauche die Aktivierung noch nicht vorhandener Nachfrage…

Es geht darum, Nachfrage als aktiven Gestalter der Energiewende einzubinden, statt nur als deren Folge. Ein Beispiel: Meine 26-jährige Tochter arbeitet in der Modeindustrie und hat per se keinen Bezug zur Energie; aber Branchen wie die Bekleidungsindustrie besitzen reale Stellschrauben. Anstatt nur über Erzeugung, Übertragung und Speicherung zu sprechen und den Endverbraucher zu vernachlässigen, müssen wir in der Energiebranche vom konkreten Nutzen für das tägliche Leben der Menschen aus denken. Wenn Menschen verstehen, wie Energie ihr Leben verbessert, begreifen sie auch deren Wert. Wir brauchen eine Geschichte der Möglichkeiten aus dem Alltag heraus und keine reine Technologie-Story von oben.

Sie sagten in Bezug auf die Energiewende auch: „Moleküle werden bleiben.“ Wie lautet dazu Ihre Prognose?

Selbst wenn wir das Ziel von 50 bis 60 Prozent Elektrifizierung bis 2050 erreichen, bleiben 40 Prozent übrig. Meine Wette gilt sauberen Molekülen – sei es durch CO2-Abscheidung, dekarbonisierte Barrels oder wasserstoffbasierte Treibstoffe. Flüssige und gasförmige Brennstoffe bieten eine Transportfähigkeit, Energiedichte, saisonale Speichermöglichkeit und Flexibilität, die Elektronen und Batterien schlicht nicht haben. Die Zukunft gehört einer Kombination aus Elektronen, Molekülen und Qubits.

Als CEO des World Energy Council haben Sie eine globale Perspektive. Welche Rolle spielen Europa und speziell Österreich in diesem globalen System?

Österreich verfügt mit Initiativen wie dem Verbund X Accelerator über ein starkes Innovations-Ökosystem. Meine Aufgabe besteht darin, solche lokalen Innovatoren auf die globale Bühne zum World Energy Congress zu bringen, damit verschiedene Regionen voneinander lernen können. Verbund X hat Gegenstücke in vielen Ländern. Bottom-up-Initiativen sind hervorragend, aber Bottom-up und Top-down müssen sich treffen, um echte Wirkung zu entfalten.

Zum Abschluss: Wie würden Sie in sehr wenigen Worten die wichtigsten Maßnahmen beschreiben, um die von ihnen skizzierte Vision umzusetzen?

In zwei Begriffen: Energy Literacy und Energy Fluency. Die meisten der neun Milliarden Menschen verstehen das Energiesystem nicht und wissen nicht, woher ihre Energie kommt. Selbst wenn ich in Europa Energieexperten frage, wie viel Energie sie verbrauchen, können es viele nicht beantworten. Wenn wir nicht einmal unseren eigenen Energieverbrauch benennen können – was verwalten wir dann überhaupt?

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