16.12.2025
INDUSTRIE-READINESS

Quantentechnologie in Österreich: So kann der Transfer in die Anwendung gelingen

Österreich nimmt in der internationalen Quantenforschung eine führende Rolle ein, steht jedoch vor der Herausforderung, diesen Vorsprung in konkrete Anwendungen zu überführen. Innovationsexperte Karim-Fabian Osman zeigt auf, warum das koordinierte Zusammenspiel von Wissenschaft, Industrie, Venture Capital und Politik im Sinne der (erweiterten) "Triple Helix“ ein bisher ungenutzter effektiver Hebel sein könnte, um Quantentechnologie nachhaltig weiterzuentwickeln.
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Quantentechnologie
© zVg - Karim-Fabian Osman.

Karim-Fabian Osman studierte Physik an der Universität Wien und spezialisierte sich im Master auf theoretische Quantenphysik, mit Fokus auf konzeptionelle Arbeit statt Laborforschung.

Über Stationen als Innovation-Consultant bei Deloitte in Hamburg und in projektleitender Funktion am AIT verlagerte sich sein Schwerpunkt zunehmend von der Theorie hin zu Anwendungs- und Innovationsfragen.

Besserer Wissenschafts- und Technologietransfer nötig

Zuletzt arbeitete er in einem KI-Unternehmen sowohl als Business Developer als auch als Leiter des Vereins Quantum Connect, der als Brücke zwischen Wissenschaft, Industrie und Politik gedacht war. Obwohl der Verein aus finanziellen Gründen nur kurz bestand, fand seine Mission Anklang und prägte Osmans weiteren Weg. Daraus entstand seine Überzeugung, dass Österreich dringend besseren Wissenschafts- und Technologietransfer braucht. In analytischer Perspektive beschäftigt er sich seither mit der Frage, wie Österreich seinen Status als internationaler Spitzenreiter in der Quantenforschung wirtschaftlich nutzen kann.

Triple Helix als Schlüssel für Quantentechnologie

Österreich verfügt über eine außergewöhnliche Ausgangslage in der Quantentechnologie: Laut Gregor Weihs, Forschungsdirektor des Exzellenzclusters Quantum Science Austria, weist das Land die höchste Dichte an Quantenforscher:innen weltweit auf und gehört akademisch zur internationalen Spitzengruppe. Doch genau dieser Vorsprung droht verloren zu gehen – nicht aus Mangel an Wissenschaft, sondern wegen fehlender industrieller Umsetzung.

„Österreich ist exzellent in der Grundlagenforschung, aber wir bleiben beim nächsten Schritt hängen“, sagt Osman. „Industrie-Readiness entsteht nicht von selbst – sie ist das Ergebnis koordinierter Zusammenarbeit, einer offenen Innovationskultur in der österreichischen Industrie, ausreichend Awareness und Kenntnisse der Belegschaft in dem Gebiet. Sowie dezidierter firmeninterner F&E-Programme.“

Zusammenspiel von Wissenschaft, Industrie und Politik

Quantentechnologie ist eine klassische Systeminnovation: kapitalintensiv, langfristig und mit hoher Unsicherheit. Einzelne Förderprogramme oder bilaterale Projekte reichen dafür nicht aus. Der erweiterte Triple-Helix-Ansatz – das strukturierte Zusammenspiel von Wissenschaft, Industrie, Venture Capital und Politik – gilt hier für Osman als ein bisher ungenutzter effizienter Hebel.

„Triple Helix heißt, dass alle drei Akteure gleichzeitig Verantwortung übernehmen“, erklärt Osman. „Forschung liefert die Exzellenz, Industrie die Anwendungsperspektive und Politik die langfristige Planungssicherheit. Diese interdisziplinäre Verzahnung führt nachweislich zu gesteigertem Innovationsoutput, bringt Wertschöpfung und vermeidet Einseitigkeit und Ineffizienz.“

Der Zeitfaktor

Die wirtschaftlichen Effekte könnten dem Forscher nach erheblich sein: Quantentechnologie könnte bis 2040 einen Produktivitätsgewinn von 7,9 bis zu 23,5 Milliarden Euro für die österreichische Industrie generieren. Voraussetzung dafür ist jedoch eine frühe Industrie-Readiness, die mit dem technologischen Reifeprozess parallel verläuft.

Besonders kritisch seien hierbei Verzögerungen. Bereits ein bis zwei Jahre verspätete Implementierung können laut seiner Untersuchung zu Produktivitätseinbußen von bis zu über 30 Prozent führen – vor allem in Sektoren wie Pharma, Chemie, Finanzwirtschaft, Verkehr und Dienstleistungen, meint Osman.

„Österreichs wissenschaftliche Exzellenz sorgt für eine ideale Ausgangslage in der ökonomischen Nutzung von Quantentechnologien. Wenn unsere Industrie-Readiness jedoch der technologischen Entwicklung hinterherhinken sollte, können wir diesem Wettbewerbsvorteil Baba sagen“, warnt er. „Diese Verluste lassen sich später nur mit extrem hohem finanziellem Aufwand kompensieren – wenn überhaupt.“

Quantum Innovation Hubs als Triple-Helix-Infrastruktur

Als besonders effektive Maßnahme identifiziert die Studie den Aufbau von Quantum Innovation Hubs. Diese fungieren als physische und organisatorische Knotenpunkte der Triple Helix: Sie bündeln Forschungskompetenz, ermöglichen industrielle Pilotprojekte, fördern Patente, Spin-offs und Technologietransfer und senken Einstiegshürden für Unternehmen.

„Innovation Hubs sind die operative Übersetzung der Triple Helix“, sagt Osman. „Sie schaffen Räume, in denen Wissenschaft, Industrie und Staat nicht nebeneinander, sondern miteinander arbeiten.“

Startups als Bindeglied

Ein funktionierender Triple-Helix-Ansatz braucht zudem starke Startups als Bindeglied zwischen Labor und Markt. Dafür sind Risikokapital, professionelles IP-Management und internationale Vernetzung zentrale Faktoren.

Gleichzeitig bleibt Human Capital der limitierende Engpass. „Ohne der Industrie-Awarness für das Thema und folglich gezielten Ausbildungs- und Weiterbildungsprogrammen wird keine nachhaltige Quantenindustrie entstehen“, so Osman. „Triple Helix bedeutet auch, Stärkefelder systematisch entlang der gesamten Innovationskette herauszusuchen.“

Triple Helix mag wie ein Buzzword klingen, ist für Osman jedoch – richtig umgesetzt – die Voraussetzung für Wertschöpfung: „Die Niederlande, Deutschland und viele weitere europäische Innovationsstandorte machen es bereits vor: Wenn wir Wissenschaft, Industrie, Venture Capital und Politik jetzt strukturiert zusammenbringen, kann Quantentechnologie zu einem echten Wachstumstreiber für Österreich werden.“

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Easelink
© Luxshare - (v.l.) Hermann Stockinger, Gründer & CEO Easelink und Harvey Yuan, General Manager Luxshare.

2022 schloss das Grazer Startup Easelink eine 8,3 Millionen Euro schwere Series-A-Finanzierungsrunde ab, der im Oktober 2024 ein 1,5 Mio. Euro-Investment von Verbund X Ventures folgte. Im November 2025 gründete man die Matrix Charging Interest Group (MCIG), eine Branchenkooperation zur Standardisierung der „Matrix Charging Technologie“, die vom österreichischen High-Tech-Unternehmen entwickelt wurde. Dem folgte heuer eine Kooperation mit SEG Automotive – brutkasten berichtete. Nun hat man in China den ersten Technologie-Lizenzpartner gewinnen können.

China gilt als der weltweit größte Markt für Elektromobilität und war für Easelink schon immer von zentraler strategischer Bedeutung – siehe 2018. Für die Industrialisierung und Bereitstellung von Matrix Charging verlangen die spezifischen Anforderungen des chinesischen Automobilmarkts einen Local-for-Local-Ansatz. „Mit Luxshare gewinnt Easelink einen dedizierten Lizenznehmer für China – ein weiterer Schritt in der Strategie, in allen wichtigen Automobilmärkten Lizenz- und Industrialisierungspartner für Matrix Charging aufzubauen“, liest man in der Aussendung. Die Partnerschaft hat bereits zu konkreten Marktaktivitäten geführt: Beide Unternehmen arbeiten an ersten OEM-Projekten (Original Equipment Manufacturer), um die Technologie in künftige Fahrzeugplattformen zu integrieren.

„Wir sehen großes Potenzial in unserer Zusammenarbeit mit Easelink, die es uns ermöglicht, neue Kundensegmente im Bereich der automatisierten Abrechnung zu erschließen. Darüber hinaus sind wir uns der entscheidenden Rolle bewusst, die die Standardisierung neuer Schnittstellen spielt, und setzen uns daher in der ‚Matrix Charging Interest Group‘ für die entsprechenden Standardisierungsbemühungen ein, um Interoperabilität und eine breite Marktakzeptanz sicherzustellen“, sagt Harvey Yuan, General Manager von Luxshare.

„Wachsende Präsenz in China“

Die Zusammenarbeit baut auf Luxshares Erfahrung auf, gemeinsam mit führenden internationalen Technologieunternehmen Produkte zu industrialisieren und „in großem Maßstab“ zu fertigen. Gleichzeitig wird Easelink sein lokales Team in China weiter ausbauen, um die technische und projektbezogene Zusammenarbeit mit Luxshare und chinesischen OEMs eng zu begleiten.

„Wir freuen uns sehr über die Zusammenarbeit mit einem global so bedeutenden Unternehmen wie Luxshare – einem komplementären Partner mit starkem Engineering-Know-how“, sagt Hermann Stockinger, Gründer & CEO Easelink. „Gemeinsam konzentrieren wir uns darauf, Kunden in China vor Ort zu betreuen und Matrix Charging in bestehende Wertschöpfungsketten der Automobilindustrie zu integrieren. Diese Partnerschaft ist ein wichtiger Meilenstein für unsere wachsende Präsenz in China und ein zentraler Baustein unserer Mission, den globalen Industriestandard für automatisiertes Laden zu setzen.“

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