23.03.2026
GASTKOMMENTAR

Public AI: Wie Österreich versucht, die digitale Verwaltung neu zu denken

Gastkommentar. Mit der Initiative „Public AI“ macht Österreich zwar einen längst überfälligen Schritt zur Digitalisierung der Verwaltung, hinkt echten Vorreitern wie Estland aber strukturell noch weit hinterher. KI-Experte Mathias Lipp-Rosenthal erklärt in seinem Gastkommentar, warum Insellösungen nicht ausreichen und der Staat endlich das enorme Potenzial der heimischen Tech-Szene nutzen muss.
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Am 19. März hat Staatssekretär Alexander Pröll im Haus der Digitalisierung in Tulln fünf KI-Anwendungen für die öffentliche Verwaltung präsentiert, unter dem Label „Public AI“. GovGPT für 180.000 Bundesbedienstete auf Basis von Mistral, KI im elektronischen Akt, ein parlamentarischer Rechercheassistent, ein Wissensassistent auf Basis von Schulungsunterlagen und ein erster Ausblick auf agentische KI. Die Botschaft: Österreich bringt KI strukturiert in den Staat. Das verdient grundsätzliche Anerkennung und gleichzeitig eine ehrliche Einordnung.

Richtig und notwendig aber längst überfällig

Ja, es ist wichtig, KI in die öffentliche Verwaltung zu bringen. Die demografische Realität lässt keinen Spielraum: 44 Prozent der Bundesbediensteten gehen in den nächsten 13 Jahren in Pension. Wer glaubt, diese Lücke ohne technologische Unterstützung schließen zu können, betreibt Wunschdenken. Insofern: Der politische Wille ist da, die Richtung stimmt.

Aber seien wir präzise: Was vorgestellt wurde RAG-Chatbots, Dokumentenzusammenfassung, generative KI für Mitarbeitende, Wissensassistenten ist in der Privatwirtschaft seit zwei bis drei Jahren gelebter Alltag. Jedes mittlere Technologieunternehmen in Wien oder Graz hat solche Tools intern bereits im Einsatz. Das ist kein Innovationssprung. Das ist das Aufschließen zu einem bereits etablierten Status quo.

Der Blick nach Norden: Was Estland anders macht

Wer verstehen will, wie digitale Staatstransformation wirklich aussieht, sollte nach Tallinn schauen. Estland betreibt seit über 20 Jahren eine vollständig digitale Verwaltung nicht als Pilotprojekt, sondern als Infrastruktur. Die X-Road-Plattform verbindet Behörden, Unternehmen und Bürger:innen in einem einzigen interoperablen Datennetz. KrattAI, der öffentlich-rechtliche KI-Assistent, ist keine Ankündigung er läuft. KI-gestützte Entscheidungsunterstützung in Behördenverfahren ist dort Realität, nicht Roadmap.

Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der KI selbst, sondern in der Grundinfrastruktur. Österreich hinkt Estland nicht nur bei KI hinterher, sondern bei der digitalen Architektur darunter: Dateninteroperabilität, eindeutige digitale Identitäten, behördenübergreifende Prozessintegration. Solange diese Basis fehlt, bleiben KI-Anwendungen Insellösungen gut gemeint, aber strukturell begrenzt.

Ein Hackathon aber warum nicht die eigene Stärke nutzen?

Auch ein Hackathon mit der TU Austria wurde angekündigt. Gut. Akademische Zusammenarbeit ist wertvoll. Aber hier drängt sich eine Frage auf, die mich ehrlich gesagt irritiert: Österreich hat ein außergewöhnlich starkes KI- und Tech-Startup-Ökosystemeines, das international weit mehr Gewicht hat, als es innenpolitisch wahrgenommen wird. Drei der einflussreichsten Tech-Persönlichkeiten Europas sind Österreicher. Peter Steinberger, einer der aktuell gefragtesten Köpfe in der globalen Tech-Szene, hat mit Open Claw gerade wieder gezeigt, was technische Innovation aus Österreich heraus bedeuten kann.

Warum greift die Bundesregierung bei der Entwicklung öffentlicher KI-Infrastruktur nicht gezielt auf genau dieses Netzwerk zurück? Ein Hackathon als Feigenblatt für Innovationsnähe reicht nicht. Was gebraucht würde, ist ein strukturierter, Einbezug der besten heimischen Köpfe als Berater, als Technologiepartner, als kritische Sparringspartner für das Bundesrechenzentrum. Das wäre echter Technologietransfer. Was stattdessen passiert: Man organisiert ein Event, während das vorhandene Potenzial ungenutzt bleibt.

Was der mutigere nächste Schritt wäre

Statt reaktiver Antragsbearbeitung mit KI-Unterstützung: proaktive Bürgerservices. Estland macht vor, wie das aussehen kann dort informiert der Staat Bürger:innen automatisch über Leistungen, die ihnen zustehen, noch bevor sie selbst einen Antrag stellen. Ein System, das weiß, dass jemand bald in Pension geht, und ihn proaktiv durch den Prozess begleitet – ohne Behördenmarathon, ohne Formularstapel.

Der entscheidende Hebel liegt nicht in der KI selbst – es ist die Datenvernetzung. Solange Daten in getrennten Silos operieren, bleibt jede KI-Anwendung eine Insellösung. Was Österreich braucht, ist eine konsequente Interoperabilitätsstrategie quer durch die gesamte Verwaltung vergleichbar mit dem, was andere europäische Länder bereits umgesetzt haben. Und statt eines einmaligen Hackathons bräuchte es einen dauerhaften, institutionalisierten Austausch mit dem heimischen Tech-Ökosystem.

Fazit

Public AI ist ein richtiger Schritt. Aber wer heute jubelt, unterschätzt den Abstand, den Österreich aufholen muss und wie schnell sich das Feld bewegt. Die eigentliche Frage ist nicht, ob Österreich KI in die Verwaltung bringt. Die Frage ist, ob es schnell genug geht und ob man dabei auf die richtigen Menschen setzt. Die wären zum Teil schon da. Man müsste sie nur fragen.


Über den Gastautor

Mathias Lipp-Rosenthal ist KI-Experte und unterstützt Organisationen und Unternehmen dabei, mit sicheren und souveränen KI-Lösungen schlagkräftiger und effizienter zu werden – mit Schwerpunkt auf regulatorischen Fragen. Er gründet derzeit die KI-Beratungsagentur KI Schmiede. Der ausgebildete Soziologe und Statistiker lehrt u. a. an der Quadriga University of Applied Sciences in Berlin und engagiert sich in unterschiedlichen Forschungsprojekten mit seiner Plattform AI Empowered Politics. 

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V.l.n.r. LH Stv. Stephan Pernkopf, COO Gate Space Johannes Pammer, Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner, ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher | © NLK Filzwieser

Die Zukunft des ESA-Phi-Lab Austria ist bis 2031 sicher. Das Land Niederösterreich und die ESA (über den Bund) finanzieren den Space Hub in Schwechat mit 4,4 bzw. 5,2 Millionen Euro, wie bei den Austrian Space Days bekanntgegeben wurde. Somit können weitere Unternehmen gefördert werden. Ziel für die Förderperiode ab 2028 ist, neuartige Raumfahrttechnologien schneller vom Prototyp in die industrielle Produktion zu bringen.

Unabhängigkeit und Wertschöpfung

Aufgrund der geopolitischen Lage sei es zentral, mit der „Konkurrenz aus den USA und Asien mithalten zu können“, sagt Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner. Sie präzisiert: „Wenn wir die Schlüsseltechnologien nicht in der Hand haben, dann steigt unsere Abhängigkeit sowohl politisch, aber vor allem auch wirtschaftlich. Was das heißt, haben wir in den letzten Jahren hautnah zu spüren bekommen.“

Außerdem sieht sie eine Chance für den Wirtschaftsstandort Österreich: „Wir erwarten uns neue Jobs, neue Unternehmen und dadurch auch neue Wertschöpfung, aber vor allem auch Wohlstand in der Zukunft.“ Während andere Branchen laut Mikl-Leitner wegen der wirtschaftlichen Lage verloren gingen, habe die Raumfahrt Potential. „Es gibt in der Raumfahrt ein Wachstum von zehn Prozent pro Jahr. Raumfahrttechnologie und auch Bahntechnologie sind die am schnellsten wachsenden Bereiche weltweit und da wollen wir natürlich auch mit dabei sein.“

LH-Stellvertreter Stephan Pernkopf betont: „Die Verlängerung des ESA-Phi-Lab ist wichtig, um zu zeigen, dass wir auch in angespannten Budgetzeiten in Zukunftstechnologien investieren.“

Vier Ausschreibungen, mehr als 150 Einreichungen

Seit seiner Einführung im Jahr 2024 gab es vier Ausschreibungsrunden, in denen insgesamt über 150 Projekte eingereicht wurden. Einreichungen seien weiterhin laufend möglich. Die Förderung betrage zwischen 200.000 und 500.000 Euro die Projekte würden 12 bis 24 Monate begleitet werden. Der Schwerpunkt liege auf Upstream-Technologien, also der Hard- und Software für Satelliten und Raumfahrzeuge und ihren Betrieb. Das Programm verbindet die Finanzierung mit Unterstützung u. a. bei Geschäftsmodellen, Marktanalyse und Skalierung.

Im ESA Phi-Lab Austria werden aktuell 13 Projekte umgesetzt. Dabei sind Firmen wie Peak Technology, R-Space oder auch Gate Space beteiligt. Letztere designte einen Satelliten, der im Februar nächsten Jahres von SpaceX in den Orbit geschossen werden soll. Der Beaconsat ist Österreichs erster Militärsatellit und soll Angriffe auf Navigationssignale sichtbar machen.

Der Beatconsat (Bildmitte) wurde von Gate Space im Auftrag des Verteidigungsministeriums entwickelt. | © brutkasten

Auf Space Factory folgt Ausbau von Space Hub

Im Sommer dieses Jahres wurde die Space Factory, eine Infrastruktur für Prototyping und Tests, gegründet (brutkasten berichtete). Nun folgt der Ausbau des Space Hubs, um Platz für mehr Firmen zu schaffen. Aktuell sind dort zehn Unternehmen tätig. „Als österreichischer Generaldirektor bin ich wirklich sehr beeindruckt, wie dynamisch die Szene hier ist, wie schnell sich das aufbaut und wie vorwärtsschauend die Region Niederösterreich, aber Österreich insgesamt ist. Die Industrie ist aufgewacht und sehr aktiv. Das rennt jetzt“, sagt ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher.

Space Region Lower Austria

In Niederösterreich möchte man „Raumfahrt weiterdenken“ und arbeitet daher an der Initiative „Space Region Lower Austria“. Von Seibersdorf über Wiener Neustadt bis zum Flughafen Wien-Schwechat sollen Forschungseinrichtungen und Unternehmen besser vernetzt werden und unter einer Dachmarke auftreten. „Wir stehen für Raumfahrttechnologie, wir wollen im internationalen Wettbewerb auch mitspielen können. Wir wollen uns von den USA und letztendlich auch von Asien abheben können“, sagt Mikl-Leitner.

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