24.07.2024
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Porr-CEO Strauss: “Wir sollten weniger jammern und einfach tun”

Aktuellen Prognosen zufolge könnte man meinen, Europa steht im globalen Rennen rund um Innovation und Wettbewerbsfähigkeit vor einem Super-GAU. Porr-CEO Karl-Heinz Strauss sieht das anders und zeigt Methoden, um die Großwetterlage aufzuheitern.
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Karl-Heinz Strauss, CEO von PORR | Foto: brutkasten

“Ich glaube, dass die Großwetterlage viel besser ist, als wir heute annehmen. Aber wir stehen vor ernsten Herausforderungen. Diese heimliche, stille und leise De-Industrialisierung von Europa wird uns in den nächsten zwei, drei Jahren sicher auf den Kopf fallen.”

Klare Worte von einem der zehn einflussreichsten österreichischen Manager, unter denen ihn das österreichische Industriemagazin 2020 listete. Er bezeichnet sich als Stimme der Zuversicht – und schätzt die wirtschaftliche Großwetterlage in Österreich nicht als derart schlecht ein, wie es vielen graut. Man müsse allerdings essentielle Schritte setzen. Einer davon: Weniger jammern und mehr tun.

„Wenn man Zuversicht hat, investiert man“

“Ich glaube, wir haben viel Potenzial, aber wir sollten weniger jammern und das Ganze einfach tun. Wir sollten uns einen Plan machen, wie wir mit den Herausforderungen der Zeit umgehen. Wenn wir klare Aussichten haben, wo es hingeht, dann kann man zielgerichteter investieren, man kann Leute besser ausbilden und vor allem gibt es mehr Zuversicht.”

Die Folge: “Wenn man Zuversicht hat, investiert man. Man geht kalkulierte Risiken ein. Und das bringt uns weiter. Alles andere bringt uns nicht weiter.”

Diese Worte stammen von Karl-Heinz Strauss, CEO der Baufirma Porr. Er war zu Gast im brutkasten-Studio und sprach mit Dejan Jovicevic nicht nur über die wirtschaftspolitische Großwetterlage unseres Landes und Europas, sondern verriet auch Erfolgsrezepte als Manager.

Nicht zu kurz kamen die Themen Umwelt, Industrie, internationaler Wettbewerb und die Chancen und Risiken der Baubranche in Österreich und Europa. Auch Digitalisierung, Innovation, Nachhaltigkeit und Regulatorik sowie internationale Arbeitskräfte wurden im Studiolicht diskutiert.

Unüberhörbar rief Strauss zu entideologisiertem Handeln auf: “An der Nachhaltigkeit kommt niemand mehr vorbei” und “es gehört alles viel mehr entideologisiert” sind nur zwei der vielen Appelle, mit denen sich der Manager nicht nur an Wirtschaftstreibende, sondern vor allem an die Politik richtet. Die wichtigsten Studio-Momente gibt es hier im Überblick:

Lieber halb voll als halb leer

“Ich bin eher jemand, der das Glas halb voll sieht als halb leer. Und deswegen sind wir, glaube ich, auch die letzten Jahre gut gefahren.” Karl-Heinz Strauss ist gebürtiger Klagenfurter, absolvierte seine Matura an der HTL Mödling mit Schwerpunkt Tiefbau und studierte an der Harvard University, an der Management Business School in Sankt Gallen und erwarb seinen MBA an der IMADEC University in Wien.

Bevor er 2010 zum Generaldirektor der Porr AG gewählt wurde, war er in diversen Funktionen bei der Raiffeisen Zentralbank tätig. Im Studiotalk schneidet er relevante Themen rund um die Wirtschaftsfähigkeit Europas an. Eines davon: Die Politik muss Vieles anders tun, um Österreich durch die Herausforderungen der kommenden Jahre zu manövrieren.

“Schauen wir uns das Beste ab und tun es selber”

Strauss plädiert für einen konkreten Zehn-Jahres-Plan für Österreich. Die Wirtschaft müsse moderat-liberal und sozial gerecht gestaltet werden. Der CEO fordert ein bestmögliches Verhältnis mit “Nachbarn, mit Konkurrenten, mit Bewerbern” und appelliert: “Schauen wir uns das Beste von den anderen ab und tun es selber.”

Seitdem Strauss als CEO bei Porr tätig ist – mittlerweile 14 Jahre – arbeitete man nach dem Credo: “Alles aus einer Hand, möglichst alleine und immer lernen von den Besten.” Schließlich wolle man “nicht die größte Baufirma, sondern die beste Baufirma sein.”

„Gescheite“ Branchen-Exklusion betreiben

Als ein Risiko – für Baubranche, Industrie und Wirtschaft im Allgemeinen – identifiziert er die De-Industrialisierung in Europa. Um dagegen vorzugehen, müsse man feststellen, unter welchen Bedingungen die heimische Industrie konkurrenzfähig arbeiten könne.

“Gescheite” Exklusion sei hier gefragt: “Es wird mit Sicherheit die eine oder andere Branche geben, bei der wir in Europa sagen müssen: Das können wir nicht mehr sinnvoll betreiben.”

“Es braucht mehr Selbstvertrauen und eine kluge, politische Führung”

Um souverän durch Krisenzeiten zu steuern, brauche es also Analysen des Status Quo: “Wir müssen uns anschauen: Wo kommt die Energie her, wie können wir sie leistbar machen, was sind unsere Umweltthemen und wer sind unsere ausgebildeten Fachkräfte? Wenn man das alles in ein Kalkül zieht, kommen wir auf ein paar Schlüsselindustrien, auf die wir uns fokussieren sollten.”

In Bezug auf den globalen Wettbewerb sieht Strauss den europäischen Wirtschaftsraum immer noch in einer Sonderstellung, “aber nur unter einer Bedingung: Wenn wir zusammenhalten, mit einer Stimme sprechen und uns ganz klar gegen Vereinnahmungen und gegen unfaire Praxen wehren.”

Was es dafür braucht? “Mehr Selbstvertrauen und eine kluge, politische Führung, die sich mehr traut als die letzte. Dabei muss man klar sagen: Das ist die Position Europas und darum kümmern wir uns.”

„Die Leute haben die Nase voll von Eigeninteressen“

Einen nicht unwesentlichen Teil seines kritischen Blicks richtet Strauss auf die Politik. “Die Leute haben die Nase voll davon, dass hier Eigeninteressen vertreten werden. Politiker sind in erster Linie dazu da, Österreich zu unterstützen, in zweiter Linie Europa und erst in dritter Linie die eigenen Parteiinteressen. Das klingt zwar naiv, aber so sehe ich das nun mal.”

Unüberhörbar fordert der CEO eine Entideologisierung politischer Debatten – so unter anderem jener der Klimapolitik: “Zu einem Plan für Europa gehört der Green Deal. Wir müssen Hausaufgaben machen und eine Vorbildfunktion einnehmen.” Entschieden werde das Thema Klimawandel allerdings nicht in Europa, sondern in den Verbrauchernationen China, USA und Indien, die 50 bis 60 Prozent der Emissionen ausmachen würden.

„Man muss Dinge wissenschaftlich-basiert anschauen“

“Man muss die Dinge ganz neutral und wissenschaftlich basiert anschauen. Und dann kann man diskutieren: Was ist gescheit und was nicht? Man hat ja die Glühbirne auch nicht deshalb entwickelt, weil wir mit Kerzen unzufrieden waren. Sondern man brauchte mehr Licht. Und genauso müssen wir was tun, um uns heute weiterzuentwickeln. Wenn wir uns nicht weiterentwickeln, nämlich wissenschaftlich und technisch-basiert, dann werden wir uns à la long selbst abschaffen“, zieht der CEO Schlüsse.

Hier komme auch EU-Regulatorik ins Spiel. Strauss‘ Forderung: Mehr proaktive Gestaltungsverantwortung vonseiten der Wirtschaft.

“Es muss generell ein Umdenken stattfinden. Die Politik muss lenken und Bandbreite schaffen – wie eine Porr-Straße: Die Porr-Straße hat links und rechts Leitschienen und Leitplanken, die man definieren muss. Aber wo man auf der Straße fährt – links, rechts, oben oder unten – darüber muss die Wirtschaft selbst entscheiden. Dann kommen Innovationen, dann kommt Freigeist, dann kommen Ideen. Man muss nur die Rahmenbedingungen klar definieren, damit nichts missbraucht wird.”

Pain Point Digitalisierung

Ein Pain Point der Selbstverantwortung sei die Digitalisierung. Springe Österreich auf die Digitalisierungswelle nicht auf, ziehe sie vorbei. Bei Porr habe man mittlerweile die richtige Ratio aus Automatisierung, digitaler Transformation und Effizienzsteigerung sowie Mitarbeiterförderung erarbeitet.

Dennoch weiß der Manager: “Porr ist und bleibt ein Bauunternehmen – und baut möglichst viel selbst. Denn Bauen ist People Business und Local Business.” Das heißt: Porr lässt sich nicht von Strömungen mitreißen, sondern bleibt Kernkompetenzen treu.

Die Industrie als Verbündeter der ESG-Wende

Im Interview sprach Strauss auch ein in der Wirtschaft häufig zwiespältig betrachtetes Thema an, nämlich Nachhaltigkeit. An dieser komme heute nämlich “niemand mehr vorbei”, so der CEO.

ESG (Environmental Social Governance) sei nicht nur “en vogue”, sondern vor allem für das zukünftige Wirtschaften unabdingbar. Denn: “Wer Nachhaltigkeit nicht nutzt, der wird aus dem Prozess ausgeschieden. Selbst die öffentliche Hand kann es sich nicht leisten, nicht nachhaltig mit unseren Ressourcen umzugehen. Das kann nicht von heute auf morgen mit einer Verordnung aus Brüssel gelöst werden. Da ist die Industrie ein Verbündeter der positiven Wende.”

Megatrend Urbanisierung und klimafitte Gebäudesanierung

Exkludieren dürfe sich die Bauindustrie aus der Umweltdebatte nicht. Schließlich ist sie für 37 Prozent des CO2-Ausstoßes und damit auch “verantwortlich dafür, dass wir diese Quote ständig verbessern.” In puncto ESG skizziert Strauss Bau-Trends in Richtung “klimafitte Gebäudesanierung” – nicht zuletzt als notwendige Maßnahme zur CO2-Reduktion.

Einen Megatrend sieht der Bauexperte auch in der Urbanisierung: 2050 würden 80 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben – und dies benötige entsprechende architektonische Maßnahmen, um Verkehr, Wohnbau und Erholungs- und Grünflächen bei gleichbleibender Fläche lebens- und umweltfreundlich zu gestalten.

Zähe Regularien als Bremse

Dafür notwendig seien bessere Abstimmung zwischen Branchen und eine umfassende Evaluierung einzelner Maßnahmen. Auch hier hält Strauss nichts von ideologischen Entscheidungen und viel von wissenschaftlichen Fundamenten.

Mit Verweis auf zähe Regularien und langsames Fortschreiten in Bau-, Innovations- und Energieprojekten wundert es Strauss keineswegs, dass die großen Nationen der Weltwirtschaft – darunter China – in puncto Infrastruktur davonziehen:

“Wenn Verfahren für Bauprojekte, die dringend notwendig sind, 12 bis 15 Jahre dauern, dann darf man sich doch nicht wundern, wenn jeder mit dem Finger auf uns in Europa zeigt und sagt, was ist mit denen los? Da werden mittlerweile 20 Flughäfen in China gebaut und die Stromleitungen werden gemacht”, so Strauss und meint schließlich weiter:

“Und bei China muss man auch eines sagen, ja, sie sind derzeit die größten Verschmutzer, aber andererseits sind sie mit Abstand die größten, die in nachhaltige, erneuerbare Energie investieren. Und das wird sich in ein paar Jahren drehen. Und wir müssen heute auch Dinge in Europa einfach annehmen und tun, damit wir in vier, fünf Jahren Resultate sehen werden.”

Die vier Ds zur Innovationswende

Es zeichne sich also kein einfacher Weg für Europa ab. Insofern brauche es Fokus – in erster Linie auf vier die Ds, wie sie Strauss definiert: „Erstens, die De-Globalisierung – also ein klarer Fokus auf Regionalisierung und Partnerschaften im lokalen Bereich.“ Zweitens, die Dekarbonisierung – und zwar “nicht nur um des Nachhaltigkeitswillens, sondern auch im wirtschaftlichen Sinne.”

Drittens, die Digitalisierung und Automatisierung – einhergehend mit technologischer Innovation. Und viertens, die Demografie. Hierbei sollte ein Hauptaugenmerk auf attraktive und barrierefreie Akquisition von Arbeitskräften gelegt werden: “Wir müssen Modelle kreieren, die qualifizierte Fachkräfte ansprechen”, so der CEO, “denn aus Österreich allein wird es nicht mehr gehen. Aus Europa auch nicht mehr.”

Weniger „Rot-Weiß-Rot“-Hürden

Aktuell habe man um die 220 Arbeitskräfte aus Indien akquiriert, die mittlerweile an Porr-Standorten in Rumänien, bald auch in Tschechien und der Slowakei arbeiten. Für Österreich müsse die Aufnahme von internationalen Arbeitskräften zeitnahe einfacher und barrierefreier gestaltet werden, appelliert Strauss: Weniger bürokratische Barrieren, vor allem in puncto Rot-Weiß-Rot-Karte und Sprache, würden Hürden senken und Integration erleichtern: “Die Sprache ist für uns nicht so wichtig, auf unseren Baustellen spricht man Englisch.”

Abschauen könne man sich auch hier etwas von anderen Nationen: “In Norwegen brauchst du ohne Polinnen und Polen gar nicht arbeiten. Auch unsere Porr-Akademie, in der wir Arbeitskräfte ausbilden, hat bei unseren polnischen Kolleginnen und Kollegen super funktioniert. Ich glaube, man ist da schon auf einem richtigen Weg, man muss sich nur mehr trauen”, meint Strauss abschließend und äußert Zuversicht: “Wenn wir auf die vier Ds achten und Taktiken kreieren, die uns durch Herausforderungen der Zukunft manövrieren, sehe ich die Großwetterlage viel heiterer, als sie prophezeit wird.”

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KI-Risiko, KI Risiko, Risiko, Summt, Wasner,
(v.l.) Carina Zehetmaier, Raoul Maier, Alexander Brix, Clemens Wasner | © AustrianStartups

Eine Künstliche Intelligenz würde vielleicht schreiben: „Als Carina das Wort ergriff, wurde der Saal plötzlich still. Ein Windhauch durchbrach das betretene Schweigen und das, was Carina sagen sollte, würde den gesamten Abend prägen und alles verändern. Damit hatte niemand gerechnet und Schockwellen gingen durchs ganze Land.“

KI: Wie stehts denn mit dem Vertrauen?

Derart extrem war es nicht, als Carina Zehetmaier, Co-Founderin und CEO von paiper.one, Raoul Maier, Founding Partner bei Eudemian Ventures und Alexander Brix, CCO bei fonio im Rahmen des AustrianStartups Summit zusammentrafen, um mit Moderator Clemens Wasner (Founder und CEO EnliteAI) die Risiken von KI zu diskutieren. Doch die Aussage der Vorsitzenden der Arbeitsgruppe Künstliche Intelligenz bei Austrian Standards hinterließ Eindruck. Und zeigte am Ende vielleicht genau das, worum es beim KI-Risiko wirklich geht: um den Vertrauens- und Skalierungsgedanken. Doch dazu später.

KI kann halluzinieren, KI kann sich, vor dem menschlichen Gehör versteckt, mit anderer KI austauschen. KI kann Server hacken, Daten lesen und Datenschutz ignorieren. Sie umgeht Grenzen, um Aufgaben zu erledigen und bleibt dabei intransparent. Vor allem aber kann sie automatisieren, Effizienz steigern und dort beschleunigen, wo es gewünscht wird. All das mit Gefahren verbunden, wenn man sich dieser nicht bewusst ist.

Risiko für Investor:innen verändert

Die Risiken Künstlicher Intelligenz werden hierzulande und weltweit auf mehreren Ebenen diskutiert. Etwa aus Fondsperspektive, wie Maier erklärte: Laut dem Experten habe KI das Risikoprofil für Investor:innen grundlegend verändert. Für das einzelne Unternehmen sei das Risiko gestiegen, für das gesamte Portfolio dagegen gleich hoch geblieben oder sogar niedriger geworden. Der Grund liege im sogenannten Power Law: In der Startup-Finanzierung entscheiden meist wenige Volltreffer über den Erfolg eines Portfolios, und weil KI die Entwicklung günstiger und schneller macht, könnte es künftig mehr solcher Treffer geben, so seine Prognose.

Zudem sinke Maier zufolge das Produkt- und Technologierisiko, das Teamrisiko bleibe in etwa gleich. Höher seien dagegen das Wettbewerbsrisiko, da Konkurrenten sehr schnell auftauchen könnten, das Umsetzungsrisiko, weil Startups bei schwacher Exekution rasch überholt würden, und auch das regulatorische Risiko.

Hinzu komme das Bewertungsrisiko, besonders in den USA. Bei den hohen Bewertungen werde es zum Problem, wenn der erwartete Exit-Wert ausbleibt: „Wir als Investoren müssen darauf vorbereitet sein, diese Risiken zu verstehen und sie auf sinnvolle Weise zu mindern“, sagte Maier. „Ich denke, es wird große Unterschiede geben, weil, wenn man sieht, dass ein Konkurrent sehr schnell auftaucht und sehr schnell an Fahrt gewinnt, wird es weniger darum gehen, zu versuchen ‚Zombies‘ zu pflegen, sondern sich wirklich auf seine Gewinner zu konzentrieren und auch die Diversifizierung des Portfolios tief bei den Gewinnern auszuspielen.“

Er sieht beim VC-Portfolio einen künftigen Trend hin zu einer „Gewinner-nimmt-das-Meiste“-Mentalität: „Was wir gesehen haben, ist, dass derzeit die Top 1 Prozent der Startups in den USA etwa 50 Prozent des Exit-Wertes einfangen. Das kann man mit der Ära von 2010 bis 2020 vergleichen, wo sie etwa 30 bis 35 Prozent des Exit-Wertes einfingen, davor — in der Ära von 2000 bis 2010 — waren es weniger als 20 Prozent. Wir haben also eine viel höhere Konzentration der Gewinner. Es geht nun viel mehr darum, diese Gewinner zu finden“, sagte Maier.

„Vertrauen, Fairness und Compliance von Anfang an“

Zehetmaier rückte danach die Risiken beim Bauen von KI-Produkten selbst in den Fokus. Wer ein Produkt in einer Hochrisiko-Sphäre entwickle, solle sich früh fragen, ob und wie man es in der Gesellschaft haben wolle, und es resilient, cybersicher und sicher aufsetzen. Austrian Standards arbeite derzeit an den risikobezogenen Standards zum EU AI Act, die klären sollen, womit Unternehmen konform sein müssen und welche Schritte nötig sind. Langfristig könne das für Gründerinnen und Gründer ein Vorteil sein, auch wenn die frühe Auseinandersetzung Zeit koste. „Wenn wir nicht Vertrauen, Fairness und Compliance von Anfang an einbauen, ist es hinterher viel schwerer“, sagte sie.

Zentral sei die Frage nach „Human in the Loop“, „Human in Command“ und „Human in Control“. Lösungen, wie Menschen tatsächlich im Entscheidungsprozess eingebunden bleiben, sind für Zehetmaier noch weitgehend offen: „Es kann nicht sein, dass man einfach einen Menschen hinsetzt und sagt: ‚Hak die Kästchen 1.000-mal am Tag ab‘. So bindet man keine menschliche Aufsicht ein.“

Die Frage nach dem: „Worum geht es eigentlich?“

Aus europäischer Perspektive frage sie sich manchmal, wofür das alles geschehe, so Zehetmaier. Gehe es am Ende darum, Beschäftigte loszuwerden, das Unternehmen hochzuskalieren und an ein weiteres US-Unternehmen zu verkaufen?

„Wir sollten die Idee des nachhaltigen Skalierens wirklich überdenken“, riet sie. Die erste Frage, die sich ein Startup stellen müsse, sei: „Was will ich bauen und wo will ich in der Zukunft sein? Was ist die Zukunft, in der meine Kinder leben werden, und wie sieht sie aus?” Das Ziel sei letztlich „nicht, es einfach hochzuskalieren und einfach an irgendwen zu verkaufen“, sondern eine bewusstere Reise zu gestalten. „Ich denke wirklich, dass es Chancen gibt, die Zukunft aktiv zu verändern und dazu beizutragen, das anzugleichen, was wir wollen“, sagte sie. „Um sicherzustellen, dass die Technologie für uns so frei von Voreingenommenheit und für so viele Menschen wie möglich funktioniert.“

Daran knüpfte Maier zustimmend an und griff Zehetmaiers Überlegungen zur Frage auf, welche Zukunft Technologieunternehmen eigentlich gestalten wollen. Die Frage unserer Zeit sei jedoch nicht nur, wie diese Zukunft aussehen solle, sondern auch, wer sie definiere und wer tatsächlich in der Lage sei, sie umzusetzen.

Denn selbst wenn es eine gesellschaftliche Einigung darüber gäbe, welche Richtung eingeschlagen werden sollte, sei keineswegs klar, wer die Macht habe, diese Vorstellungen durchzusetzen. Theoretisch seien es vor allem große Regierungen, die die Entwicklung der Technologie regulieren könnten. Doch gerade im Bereich der Künstlichen Intelligenz zeige sich, wie begrenzt dieser Handlungsspielraum sei.

„Europa nicht mehr auf Agenda“

Maier berichtete von einem Gespräch mit David Sacks (Mitglied des Podcasts All-In), der unter Donald Trump als KI-Beauftragter tätig war. Sacks habe ihm erklärt, dass die USA Künstliche Intelligenz nicht regulieren könnten, weil sie andernfalls Gefahr liefen, das Rennen gegen China zu verlieren.

„Das ist die Aussage des obersten US-Beraters für KI. Was uns das zeigt, ist, dass wir uns derzeit in einem chaotischen Zustand befinden, in dem wir im Wesentlichen ein Rennen zwischen zwei Supermächten haben“, sagte Maier. „Europa steht gar nicht mehr auf der Agenda. Es tut mir leid, euch das so beibringen zu müssen. Aber das ist der beängstigende Teil. Ich habe nicht die perfekte Antwort, aber ich stimme Zehetmaiers grundlegenden Fragen völlig zu.“

Aufsetzen ist nicht genug

Auch ohne Schockwellen führte die Diskussion der drei Expert:innen weiters zur Frage, wie sich KI-Startups in einem Markt behaupten können, in dem neue Wettbewerber schnell entstehen. Für Maier liegt die Antwort in der Verteidigungsfähigkeit des Geschäftsmodells. Ein bloßer „Wrapper“, also eine Anwendung, die lediglich auf ein bestehendes Sprachmodell aufsetzt, reiche kaum aus. Attraktiv seien Unternehmen, die sich durch proprietäre Daten, Branchen-Wissen, Kundenzugang oder komplexe Workflows abheben. Alexander Brix von fonio ergänzte, dass Startups ihren Wettbewerbsvorteil auch erst mit der Zeit entwickeln könnten – etwa durch eine starke Marke, Vertrauen und effiziente Vertriebsstrukturen. Gerade im B2B-Bereich sei Vertrauen entscheidend.

Carina Zehetmaier bestätigte diese Einschätzung aus der Perspektive eines Unternehmens, das sich auf KI-Compliance spezialisiert hat. Für paiper.one sei die Komplexität der Regulierung einerseits ein Hindernis, andererseits aber auch eine Chance, sich durch Fachwissen und Vertrauen zu differenzieren. Da sich gesetzliche Anforderungen von Land zu Land unterscheiden und laufend verändern können, lasse sich das Produkt nicht ohne Weiteres über verschiedene Märkte hinweg skalieren.

Wettbewerbsvorteil

„Was wir bisher beobachtet haben, ist, dass unser Wettbewerbsvorteil Vertrauen ist“, präzisierte Zehetmaier. Große Konzerne vertrauten dem Team aufgrund seiner Expertise und sähen paiper.one als Ansprechpartner, der sie bei der Einführung und Umsetzung neuer Anforderungen begleiten könne. Zugleich warnte sie davor, dass Europa seine Innovationskraft nicht allein aus der Regulierung schöpfen dürfe. Die Komplexität könne zwar einen Wettbewerbsvorteil schaffen, erschwere aber auch schnelles Wachstum.

Für sie liege eine zentrale Herausforderung jedoch nicht allein in der Technologie oder der Einhaltung von Vorschriften, sondern darin, KI tatsächlich in Unternehmen zu verankern.

Viele Unternehmen würden ihren Beschäftigten zwar entsprechende Lizenzen zur Verfügung stellen, doch diese würden nicht immer genutzt. Deshalb wolle sich paiper.one verstärkt darauf konzentrieren, Organisationen und ihre Mitarbeiter bei der Einführung von KI mitzunehmen und den Wandel aktiv zu begleiten. Denn, so Zehetmaier: „Wenn wir die beste Technologie haben, aber niemand sie nutzt, werden wir am Ende nicht glücklich sein.“

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