30.06.2021

Pornhub: Nach Vorwürfen, ist die Adult-Site als Werbeplattform noch tragbar?

Campagion ist ein Wiener Startup, das für seine Kunden Werbung auf Adult-Seiten wie Pornhub, Youporn und Redtube schaltet. Gründer Günter Fischer berichtet, warum Advertising auf Porno-Plattformen Sinn macht, nennt unglaubliche Statistiken, macht Frauen als Zielgruppe aus und geht auf die Frage ein, ob Ad-Schaltungen auf die massiv in die Kritik geratene Pornographie-Seite für Unternehmen überhaupt noch denkbar sind.
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Campagion, Pornhub, Kritik, Rape,
(c) Stock.Adobe/ asiraj - Pornhub geriet in letzter Zeit aufgrund von illegalen Inhalten auf der Website, darunter "rape videos" und Kinderpornographie, massiv in die Kritik.

Es sind unglaubliche Zahlen, mit denen die Pornographie-Plattform Pornhub aufwarten kann: Bis zu 3,5 Milliarden monatliche Besucher, 6.597 Petabyte an Video-Content 2019. Im internationalen Alexa-Ranking (globales Ranking-System von Amazon) belegt Pornhub Platz 46. In Deutschland liegt die Seite auf Platz 17, in Österreich auf 22 und in der Schweiz kommt sie unter die Top 50.

Die Verweildauer der Nutzer betrug im selben Jahr knapp zehn Minuten und 30 Sekunden. Zudem finden 25 Prozent aller Website-Aufrufe im Internet auf Adult-Seiten statt – das sind 68 Millionen jeden Tag. 43 Prozent aller Internet-User schauen Adult-Content, über ein Drittel in Deutschland und Österreich sind Frauen. Konkret: rund 35 Prozent.

Mindgeek und das Pornhub-Netzwerk

Gegründet wurde Pornhub 2007 vom kanadischen Webentwickler Matt Keezer. Drei Jahre später wurde das Unternehmen von Fabian Thylmann gekauft, einem Entrepreneur des Medien- und IT-Unternehmens Mindgeek (ehemals Manwin). Daraufhin wurde das Pornhub-Network geschaffen, das unter anderen aus den Seiten Pornhub, YouPorn, RedTube, Tube8, PornMD, Thumbzilla, XTube, Peeperz und GayTube besteht.

Im Oktober 2017 erklärte Vizepräsident Corey Price, dass die Website Künstliche Intelligenz und Maschinelles Sehen einsetzen werde, um Videos zu identifizieren und zu klassifizieren. Heuer wurde bekannt, dass es sich beim Eigentümer der Muttergesellschaft Mindgeek um den Österreicher Bernd Bergmair handelt, dem es bis dahin gelungen war, als mehrfacher Milliardär in der Öffentlichkeit unbekannt zu bleiben.

Mastercard und Visa zogen sich zurück

Massiv in die Kritik geriet Pornhub, als sich rund drei Dutzend Frauen zusammenschlossen, um die Porno-Plattform zu verklagen. Wie die Washington Post berichtete, bezeichnet die Gruppe Pornhub als „klassisches kriminelles Unternehmen, das von Inhalten profitiert, die Vergewaltigungen, Kinderpornografie, Sexhandel und andere nicht-einvernehmliche Aktivitäten zeigen“. New York Times Kolumnist und Pulitzer-Preisträger Nicholas Kristof schreibt gar: „the platform is infested with rape videos“. Pornhub lösche Videos nicht konsequent genug, die den Missbrauch Minderjähriger zeigen, so die Kernaussage des US-Journalisten. Ende 2020 haben sich als Folge Mastercard und Visa von der Plattform zurückgezogen.

Pornhub löscht Millionen Videos

Noch im Dezember 2020 entfernte Pornhub Millionen Videos von ihrer Plattform und ließ nur noch verifizierte User Inhalte uploaden. „Im Rahmen unserer Policy, unverifizierte Uploader zu sperren, haben wir jetzt auch alle zuvor hochgeladenen Inhalte gesperrt, die nicht von unseren Content-Partnern oder Mitgliedern des Model Programms hochgeladen wurden“, hieß es damals in einer Ankündigung. „Das bedeutet, dass alle Inhalte auf Pornhub von verifizierten Uploadern stammen – eine Bedingung, die Plattformen wie Facebook, Instagram, TikTok, YouTube, Snapchat und Twitter erst noch einführen müssen.“

Und weiter: „Führende gemeinnützige Organisationen und Interessengruppen bestätigen, dass unsere bisherigen Bemühungen zur Bekämpfung illegaler Inhalte effektiv waren. In den letzten drei Jahren meldete Facebook selbst Millionen Fälle von Material über sexuellen Kindesmissbrauch. Im gleichen Zeitraum meldete die unabhängige ‚Internet Watch Foundation‘ 118 Vorfälle auf Pornhub. Das sind immer noch 118 zu viel, weshalb wir uns verpflichtet fühlen, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen.“

Gezielte Kampagnen, denen auch der Playboy zum Opfer fiel?

In diesem Statement zeichnet das Adult-Unternehmen am Ende noch eine vorherrschende und feindselige Agenda diverser Organisationen, die es auf Adult-Sites abgesehen hätten. Im Wortlaut: „Es ist klar, dass Pornhub nicht wegen unserer Richtlinien und wie wir im Vergleich zu anderen Unternehmen dastehen, ins Visier genommen wird, sondern weil wir eine Plattform für Erwachseneninhalte sind. Die beiden Gruppen, die die Kampagne gegen unser Unternehmen angeführt haben, sind das ‚National Center on Sexual Exploitation‚ und ‚Exodus Cry/TraffickingHub‚. Dies sind Organisationen, die sich für die Abschaffung von Pornografie, das Verbot von Material, das sie als obszön bezeichnen, und die Schließung von kommerzieller Sexarbeit einsetzen. Es sind dieselben Kräfte, die 50 Jahre damit verbracht haben, den Playboy, das ‚National Endowment for the Arts‘, Sexualerziehung, LGBTQ-Rechte, Frauenrechte und sogar die ‚American Library Association‘ zu verteufeln. Heute ist Pornhub dran.“

Campagion-Gründer Günter Fischer: „Missbrauch kann zur Rechenschaft gezogen werden“

Günter Fischer, Gründer von Campagion, einem Wiener Startup, das für seine Kunden Werbung auf Adult-Seiten wie Pornhub schaltet, kennt die Problematik und die schwerwiegenden Vorwürfe, mit der sich das kanadische Unternehmen befassen muss. „Vorweg halten wir fest, dass wir natürlich auf der Seite der Betroffenen sind und uns wünschen, dass so etwas nie wieder passiert. Ende 2020 hat Pornhub alle Videos, die von anonymen Nutzern hochgeladen wurden, gelöscht, fast dreiviertel aller Videos. Und auch weiterhin dürfen nur verifizierte User Videos hochladen. So können bei Missbrauch der Richtlinien die verantwortlichen Personen zur Rechenschaft gezogen werden“, sagt er.

Seine Kunden, die eine gewisse Unternehmensgröße und eine Compliance-Abteilung im Haus haben, befassen sich ebenfalls kritisch mit dem Thema und stellen Fragen wie, ob es zum Beispiel möglich ist, vertraglich festzuhalten, dass Werbung nicht bei Clips ausgespielt wird, die Straftaten beinhalten.

Fischer möchte natürlich nicht für Pornhub sprechen, verweist aber in dieser Thematik seine Kunden auf die Trust and Safety-Seite von Pornhub. In den dortigen AGBs unter free content und paid content werden User davor gewarnt: „Inhalte zu posten, die sexuelle Handlungen von Minderjährigen, nicht einvernehmliche sexuelle Handlungen, Rache-Pornos, Erpressung, Einschüchterung, Snuff, Folter, Tod, Gewalt, Inzest, rassistische Verunglimpfungen oder Hassreden darstellen.“

„YouTube und Facebook mit gleichen Problemen“

„Auch YouTube und Facebook hatten und haben Probleme damit, illegale und unerwünschte Videos zu finden und zu löschen. Das dürfte bei der Menge an Daten, und mit einem gewissen kriminellen Prozentsatz der Uploader und User, den es leider nun mal gibt, schwierig sein“, glaubt Fischer, der als Argument seinen Kunden eine einfache Werbeweisheit in Erinnerung ruft: „Wirb dort wo deine Kunden sind. Und deine Kunden sind garantiert auf Pornhub.“

An dieser Stelle und der Rückbesinnung auf das tägliche Geschäft bricht Fischer eine Lanze für die Pornographie, kehrt gedanklich zum Business sowie potentiellen Kunden zurück und meint, dass gesellschaftlich die Enttabuisierung von Pornographie schon längst stattgefunden hat. Pornographie als „Männer-Domäne“ sei pas­sé. Man müsse sich für den Pornokonsum nicht mehr schämen.

Frauen und digitale Verfügbarkeit von Pornographie

„Wer wird denn noch rot, wenn es um das Thema Pornographie geht? Für Menschen unter 40 ist es doch absurd, wenn jemand behauptet, er würde eine Website wie Pornhub nicht kennen. Und für diese Entwicklung sind natürlich Frauen entscheidend gewesen“, sagt er. „Frauen sind in allen Themenbereichen öffentlich und privat viel selbstbewusster als vor 50 Jahren, die digitale Verfügbarkeit von Pornographie hat die Hemmschwelle der Nutzung massiv reduziert, und das zusammen genommen, hat das Thema bei den Jüngeren normalisiert und enttabuisiert. Das wissen natürlich zum Beispiel Sex-Toy Anbieter schon lange, die sich ja aus diesem Grund seit vielen Jahren an die weibliche Zielgruppe wenden. Und dazu ebenfalls völlig unaufgeregte gute Werbung schalten, weit entfernt von peinlich berührenden Szenen.“

Neben Sex-Toy-Firmen definiert Fischer seine Zielgruppe schlicht als Unternehmen, die ihren Fokus auf die Erhöhung von „Conversions“ legen und ihre Markenbekanntheit steigern möchten. „Da es sich bei Pornhub um eine visuelle Werbeform handelt, ist die Markenbekanntheit und deren Steigerung ohnehin bei jeder Kampagne ein wichtiger Punkt. Denn die Steigerung der Brand-Awareness sorgt für anhaltende Steigerung der Umsätze des Unternehmens. Ohne Markenbekanntheit gibt es eben keine ‚Conversions‘. Die großen Kunden wissen das. Sonst würde keiner teure TV-Werbung schalten, bei der es ’nur‘ um Markenbekanntheit geht“, sagt er.

Das Tool für Awareness

Mit dieser Überleitung zieht Fischer das „geilste Asset“ von Werbung auf Pornhub hervor. Die Plattform sei ein Massenmedium, mit der sich die Markenbekanntheit enorm steigern lasse, die Kosten dafür aber im Vergleich zu anderen Massenmedien „fast schon lächerlich gering“ wären. Bisherige Kunden von Campagion stammen aus den Bereichen: Startups, Gaming, Dating, Sex-Toys, CBD-Shops und Coaching. „Wir durften aber auch schon erfolgreich für Sportartikelshops, für Gesundheitsprodukte und für Genuss-Lebensmittel werben“, betont Fischer und adressiert besonders Startups, die schnell ihre Marke bekannt machen wollen, und das zu deutlich günstigeren Kosten als üblich, wie er sagt.

„Wir bringen dem Kunden durch professionell gemachte Werbung, je nach Budget ca. zwischen 3.000 und 15.000 User täglich auf seine Website. Die direkten Zugriffe und die organischen Suchanfragen steigern sich ebenfalls massiv, wenn das Produkt, die Marke oder die Leistung hochwertig und passend beworben wurde und auf Anklang stößt“, so der Gründer weiter.

Campagion-Gründer: „Pornhub versteht Marketing“

Für sein Unternehmen bleibt Pornhub die stärkste Plattform, denn das Porno-Video-Portal habe das mit Abstand werbekundenfreundlichste Setting für Firmen abseits der Erotikbranche. „Das haben andere Anbieter nicht. Außerdem versteht Pornhub selbst viel von Marketing und veröffentlicht regelmäßig spannende Statistiken zu Suchanfragen, Nutzerverhalten und weiteren interessanten Daten, und kommuniziert immer mit einer guten Portion Ironie“ sagt Fischer. „Nach den reinen Nutzerzahlen ist XVideos noch größer und xHamster spielt auch bei den ganz großen Websites mit. Wichtiger ist aber das mögliche Setting, und da führt für uns eindeutig Pornhub.“

Idee kam durch einen Pornostar namens Hanna Secret

Die Idee zu Campagion kam dem Gründer vor rund sieben Monaten. Ein Sales-Trainer aus Deutschland namens Dirk Kreuter interviewte auf YouTube das Porno-Starlett Hanna Secret. Inhaltlich ging es darum, welche globalen Unternehmen hinter der Porno-Industrie stehen. Ihr „Call to Action“ selbst mal zu recherchieren führte dazu, dass Fischer noch am selben Tag Ansprechpartner über LinkedIn anschrieb und der Idee „Werbung auf Pornhub“ verfiel. Einen Monat später verließ der junge Mann seinen gut bezahlten Job und startet mit Johannes Smeh, der sich um die Umsetzung, Videoerstellung, Gifs und statische Banner, die auf Pornhub und YouPorn ausgespielt werden kümmert, sein Unternehmen.

(c) Compagion – Compagion-Gründer Günter Fischer wirbt für Werbung auf Adult-Seiten.

Heute verfügt Campagion über 28 Bestandskunden aus dem Dating-, Gaming-/iGaming- und Startup-Bereich, darunter Flirtcoaches, Sex Toys-Unternehmen, CBD-Firmen, Hotels und einige B2B Kunden. Dieses Jahr wurden aktuell 125.000 Euro Umsatz gemacht und das Team ist auf drei Angestellte angewachsen. „Wir arbeiten mit einem Data Scientist zusammen, sodass unsere Kunden eine detaillierte, eigens entwickelte Auswertung bekommen. Und haben einen Investor gefunden, mit dessen Investitionsbeitrag (Anmerkung: sechsstelliger Betrag) wir drei bis vier Vertriebsmitarbeiter, einen Social Media Profi und eine Assistentin einstellen und in ein neues Büro ziehen werden. Zudem starten wir im Sommer den Podcast ‚The Black Sheep Shop Stories‘, in dem all die ’schwarzen Schafe‘ des Online-Business zu Wort kommen und ihre Story erzählen. Ungeschminkt, echt, hart und überraschend“, erklärt Fischer.

„Bei Kunden häufig Scheu zu bemerken“

Sorgen von Kunden auf Porno-Portalen Werbung zu schalten, zerstreut der Founder, indem er auf die Zahlen und niedrigen Kosten für Ads hinweist. „Es ist häufig eine Scheu zu bemerken, und Bedenken für die ‚Brand Safety‘ kommen auf. Und hier ist es fast immer dasselbe. Diese Bedenken haben meist ihren Ursprung in einer befürchteten Außenwahrnehmung, und fußen nur selten auf der persönlichen Überzeugung. Unsere Taktik in dieser Situation ist ganz einfach. Wir weisen darauf hin, dass er mit seiner persönlichen nicht ablehnenden Meinung nicht allein ist, sondern bei Millionen Nutzern auf Pornoseiten, seine Einstellung der Mehrheitsmeinung entspricht. Der User selbst – dem vielleicht potentiellen Käufer des Produkts einer Marke – befindet sich gerade auf Pornhub, und fühlt sich gerade richtig gut und positiv. Somit kann bei diesem möglichen Kunden auch keine Abwertung einer Marke stattfinden. Voraussetzung dafür ist, dass hier eine gut gelungene Bannerwerbung der Marke gezeigt wird“, sagt er.

Und fährt fort: „Die Brand ist präsent in einer ungewöhnlichen Umgebung, in der sich der User bewusst und in erwartetem Wohlgefallen begeben hat. Die Konkurrenz ist gering, und die Aufmerksamkeit muss man nicht mit vielen anderen Unternehmen teilen. Zudem werden viele Unternehmen durch neue Richtlinien (YouTube-Richtlinie) von herkömmlichen Werbeplattformen verdrängt. Für jene ist Werbung auf Pornhub eine ideale Alternative, um die Kunden weiterhin ansprechen zu können.“

Bei Adblocker keine Kosten

Laut der Statistik-Seite statista.de benutzen allerdings bis zu 25 Prozent der Internetnutzer einen Adblocker. Angesprochen auf die Frage der Sinnhaftigkeit von Werbung mit Ad-blockender Software, meint Fischer, dass Campagion von diesem Problem nicht stark betroffen wäre. „Da wir hauptsächlich Werbung auf Smartphones schalten. Adblock auf Smartphones ist noch nicht sehr etabliert. Außerdem kostet es dem Kunden natürlich nichts, wenn Werbung durch einen Adblocker nicht ausgespielt wird“, sagt er.

Zu den nächsten Zielen des Wiener Unternehmens gehören, mit dem Kapital des Investors, der als Geschäftsführer eines großen Konzerns als privater Financiers auftritt, das Team auf acht bis zehn Leute zu erhöhen, wie Fischer betont: „Und als einzige professionelle Marketingagentur in Europa Werbung auf Pornhub in den Mainstream zu bringen.“

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GoStudent
© brutkasten - Felix Ohswald, Gründer GoStudent.

Im November 2024 habe ich hier geschrieben, dass wir bei KI in der Bildung an einem Wendepunkt stehen. Die entscheidende Frage war damals, ob wir KI nutzen, um Lernen zu verbessern, oder nur, um es zu beschleunigen. Zwei Jahre später haben wir die Antwort, zumindest für die Schule: Die Kinder beschleunigen. Verbessert wird wenig.

Ich sage es direkt: Die Debatte über KI an Schulen läuft in die falsche Richtung. Wir reden über Tablets, Apps und Prompt-Kurse. Dabei fehlt vielen Jugendlichen die Voraussetzung, um mit KI überhaupt etwas Sinnvolles anzufangen.

Was die Zahlen zeigen

Für den GoStudent Bericht zur Zukunft der Bildung 2026 haben wir in sechs europäischen Ländern 3.001 Eltern, ihre Kinder zwischen 8 und 16 Jahren und 300 Lehrkräfte befragt, in Österreich 500 Familien.

  • 65 Prozent der österreichischen Schülerinnen und Schüler, die KI für die Schule nutzen, haben nach eigenen Angaben schon KI-Inhalte als eigene Arbeit abgegeben.
  • 43 Prozent wurden noch nie im Umgang mit KI unterrichtet. Nur 15 Prozent hatten eine strukturierte Stunde dazu.
  • Nur 24 Prozent der Eltern meinen, die Regierung tue genug für klare KI-Regeln an Schulen. Das ist der niedrigste Wert aller sechs Länder.
  • Nur 36 Prozent sehen ihr Kind gut auf das Leben nach der Schule vorbereitet. Auch das ist der niedrigste Wert.

Die Kinder nutzen KI also längst. Die Schule bringt ihnen nicht bei, wie man es richtig macht. Und sie sichert immer seltener das, was man dafür braucht.

Wer nicht lesen kann, kann keine KI prüfen

Eine KI schreibt in Sekunden einen Aufsatz, löst eine Textaufgabe, fasst ein Buch zusammen. Ob das Ergebnis stimmt, erkennt nur, wer selbst genau lesen kann, ein Ergebnis im Kopf überschlagen kann und einen eigenen Gedanken zu Papier bringt. Der größte Teil von KI-Kompetenz ist schlicht Grundkompetenz.

Genau dort verlieren wir gerade. Bei PISA 2025 liegt Österreich in Lesen und Mathematik auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebung. Die Hälfte der von uns befragten Lehrkräfte sagt, das Leseverständnis ihrer Schülerinnen und Schüler sei in den letzten fünf Jahren schlechter geworden, 42 Prozent sehen einen Rückgang in Mathematik.

Ein Jugendlicher, der einen Text nicht versteht, wird durch KI nicht klüger. Er wird nur schneller darin, Dinge abzugeben, die er nicht versteht. Deshalb ist mein erster Punkt nicht technisch: Lesen, Schreiben und Rechnen zuerst. Jeden Tag, auch in der Oberstufe.

Handys gehören nicht in die Schule

Ich bin persönlich dafür, dass private Smartphones an allen Schulen tabu sind, nicht nur bis zur achten Schulstufe, sondern bis zur Matura. Frankreich hat sein Verbot im September auf die Oberstufe ausgeweitet. Österreich sollte nachziehen.

Die Gründe stehen in unseren Daten. Fast zwei Drittel der befragten Lehrkräfte sagen, ihre Schülerinnen und Schüler können sich schlechter konzentrieren als vor fünf Jahren. Mehr als die Hälfte der österreichischen Eltern ist ohnehin für ein vollständiges Handyverbot.

Das ist kein Widerspruch zu mehr KI im Unterricht. KI gehört in die Schule, gezielt, angeleitet und auf Schulgeräten. Der private Feed mit TikTok und Messenger gehört nicht in die Klasse. Wer beides gleichsetzt, verwechselt ein Werkzeug mit einer Ablenkung.

Warum das eine Standortfrage ist

Jedes Unternehmen, mit dem ich spreche, baut Prozesse gerade um KI herum neu: Angebote, Kundenservice, Buchhaltung, Software. Gesucht werden nicht Menschen, die KI bedienen können. Bedienen kann jeder. Gesucht werden Menschen, die eine KI-Antwort prüfen, verbessern und dafür geradestehen. Das ist dieselbe Fähigkeit wie vor hundert Jahren: lesen, verstehen, rechnen, urteilen.

Die Politik antwortet darauf mit einem neuen Fach: „Informatik und KI“ in der AHS-Oberstufe ab 2027/28. Ich halte das für die falsche Antwort. Ich hatte in meiner Schulzeit selbst Informatik als Fach. Es war ein Witz, und an diesem Muster ändert ein neuer Name wenig. KI-Kompetenz entsteht nicht in einer Stunde pro Woche mit eigenem Lehrplan. Sie entsteht in jeder Deutschstunde, in der ein Text wirklich verstanden wird, und in jeder Mathestunde, in der ein Kind ein Ergebnis selbst überschlagen kann. Wer gut lesen, schreiben und rechnen kann, lernt den Umgang mit KI in wenigen Wochen. Wer es nicht kann, lernt ihn auch in einem eigenen Fach nicht.

Was Schulen morgen tun können, ohne Verordnung

1. Grundlagen täglich trainieren. Zwanzig Minuten Lesen pro Tag, Kopfrechnen, Texte mit der Hand schreiben. Unspektakulär, aber die Basis für alles andere.

2. Bei der Hausübung den Weg bewerten. KI ist erlaubt, aber mit drei Beilagen: der Prompt, die ursprüngliche KI-Antwort und drei Sätze dazu, was das Kind geändert hat und warum. Dazu fünf Minuten mündliche Nachfrage in der nächsten Stunde.

3. Mehr mündlich prüfen. 44 Prozent der befragten Lehrkräfte halten Präsentationen und Prüfungsgespräche inzwischen für die wirksamste Form der Leistungsbewertung. Einen Aufsatz schreibt ChatGPT in Sekunden. Spontane Rückfragen beantwortet er nicht für das Kind.

4. KI als Fehlersuche unterrichten. Die Klasse lässt die KI eine Mathematikaufgabe lösen und sucht den Fehler. Die KI fasst einen Zeitungsartikel zusammen, die Schüler prüfen jede Aussage gegen das Original. So trainiert KI genau die Grundkompetenzen, die sie sonst ersetzt.

5. Die Lehre mitdenken. 42 Prozent der österreichischen Eltern mit klarer Präferenz wünschen sich zuerst eine Lehre für ihr Kind, nur 34 Prozent ein Studium. Dann gehört KI auch in die Berufsschule: der Elektriker-Lehrling, der ein Angebot mit KI vorbereitet und jede Position selbst nachrechnet.

Was wir selbst gelernt haben

Bei GoStudent setzen wir KI im Unterricht ein, für Zusammenfassungen und Übungsfragen nach jeder Stunde. Unsere Erfahrung: KI macht gute Lehrpersonen wirksamer, ersetzt sie aber nicht. Nur 1 Prozent der befragten Lehrkräfte glaubt, dass KI sie ersetzen könnte. Ich glaube das auch nicht.

Handy raus, Grundlagen rein, KI mit Anleitung. Dafür braucht es kein neues Fach und kein zusätzliches Budget, nur Entscheidungen der Direktionen und den Mut der Politik.

Methodik: Der GoStudent Bericht zur Zukunft der Bildung 2026 basiert auf einer Erhebung von Censuswide unter 3.001 Eltern und ihren Kindern (8 bis 16 Jahre) sowie 300 Lehrkräften in Österreich, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und dem Vereinigten Königreich (Juni/Juli 2026). Der vollständige Bericht: gostudent.org/de-at/education-report/2026

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