21.03.2022

Wiener Startup MeetFox zur Auswanderung gezwungen: “Österreich ist nicht Innovations-offen”

MeetFox-Gründerin Susanne Klepsch hat kürzlich einen Exit an Sendinblue geschafft. Wie es für sie nun weitergeht und wie sie den Schritt nach New York gewagt hat, erklärt sie im brutcast-Interview.
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Susanne Klepsch gibt ihren Exit an Sendinblue bekannt. | © MeetFox
Susanne Klepsch gibt ihren Exit an Sendinblue bekannt. | © MeetFox

New York, Silicon Valley und Co – das Land der Möglichkeiten lockt viele Startup-Founder:innen aus aller Welt an. So auch die MeetFox-Gründerin Susanne Klepsch. Die Jungunternehmerin gründete erst 2019 ihr Wiener Startup MeetFox. Kurze Zeit später versetzte der Terminbuchungs- und Videokonferenz-Software-Anbieter seinen Standort nach New York. “Österreich und Deutschland sind Länder, die nicht Innovations-offen sind. Zudem fehlt es hier an Early Adopters. Viele Unternehmen behaupteten, ihre Kund:innen würden sie persönlich treffen oder anrufen wollen, anstatt einen Link anzuklicken”, sagt Klepsch. 

Um das Wachstum von MeetFox in Schwung zu bringen, zog die Founderin für ihr Startup in die Vereinigten Staaten. Das erst drei Jahre alte Wiener Startup, welches in New York ansässig ist, gab kürzlich seinen Exit an den französischen Softwareanbieter Sendinblue bekannt – der brutkasten berichtete. Der Kaufpreis wurde nicht bekanntgegeben. 

Fusion von MeetFox und Sendinblue führt zur All-in-One-Lösung 

“Mit MeetFox haben wir ein gutes Produkt entwickelt, welches bei den Kund:innen sehr gut angekommen ist. Gleichzeitig haben wir aber auch immer häufiger gemerkt, dass Kund:innen gerne alles aus einer Hand haben möchten. Viele Nutzer:innen sind frustriert, wenn sie für ihren Arbeitsablauf unterschiedliche Tools verwenden müssen”, sagt die Gründerin. Nach Partnerschafts-Diskussionen mit Sendinblue wurde Klepsch klar, wie ähnlich die Visionen beider Unternehmen waren. Aus diesem Grund wurde kurz darauf der Zusammenschluss von MeetFox und Sendinblue bekannt gegeben. “Mit Sendinblue können wir unsere Technologie einer sehr große Reichweite an Kunden anbieten, dieses mal als Teil eines großen Unternehmens”, so Klepsch. 

Mit Tränen in den Augen in den Exit

Der Zusammenschluss wird mit dem Einstieg des gesamten MeetFox-Teams bei Sendinblue abgewickelt. “Wir sind ab jetzt dafür verantwortlich, unsere Terminvereinbarungs-Lösung sowie die Videokonferenz-Technologie in den nächsten Monaten und Jahren in Sendinblue zu integrieren”, sagt die MeetFox-Gründerin. Als großes Unternehmen, das Abteilungen, Organisationen und Prozesse bereits verfestigt hat, aber trotzdem die Denkweise eines Startups verfolgt, sei Sendinblue laut Klepsch ein dennoch angenehmer Kontrast zum Startup-Leben, wo es auch sehr viel zu lernen gibt. “Der Wechsel ist spannend. Bei MeetFox lagen alle Entscheidungen bei mir und meinem Team. Da hatte ich noch einen Überblick über alles, wo was passiert. Auch Entscheidungen konnten sehr schnell gefällt werden, auch ohne Recherchen. Deswegen ist es nun sehr sehr spannend, bei Sendinblue dabei zu sein und zu sehen, wie Prozesse einem helfen, ein hoch qualitatives Produkt zu entwickeln. Es ist wirklich ein langer Prozess des Researches, der Spaß macht und sehr spannend ist”, sagt Klepsch. 

Der Tag, an dem sie ihre Unterschrift auf die Exit-Verträge gesetzt hat, sei ein sehr emotionaler gewesen, erklärt die MeetFox-Gründerin. “Mir sind die Tränen gekommen. Ich war hin- und hergerissen, denn das Startup ist natürlich dein Baby. Man kümmert sich tagtäglich darum”. Ihre Karriere wird Klepsch nun als Geschäftsführerin der österreichischen Tochtergesellschaft der Sendinblue-Gesellschaft fortsetzen. Zudem operiert sie als General-Managerin der neu gegründeten Sendinblue Meetings-Unit, die sich auf die Integration der MeetFox-Technologien in Sendinblue fokussiert. 

Von Coaching-Plattform-Idee zu Terminvereinbarungs- und Videokonferenz-Lösungen

Den Schritt in die Startup-Welt wagte Klepsch schon 2016, als sie ihr erstes Startup CoachFox gründete. Aus dem ursprünglichen Geschäftsmodell – auf einer Coaching-Plattform Video-Gespräche und Terminvereinbarungen anzubieten – war die Idee zu MeetFox geboren. “Wir haben gemerkt, dass unsere Kund:innen die Terminvereinbarungs- und Videokonferenz-Technologien auch separat zu CoachFox nutzen wollten”, sagt die Founderin. Aus diesem Grund entschied sich das Team, sich vollständig auf die Entwicklung seiner Technologien zu fokussieren und diese als SaaS-Modelle über die neue Brand “MeetFox” zu vermarkten. “Dass wir uns in Österreich und Deutschland sehr schwer getan haben, Kund:innen von unserem Produkt zu begeistern, das war ein Problem. Aus diesem Grund war es auch schwer, ein Wachstum zu erreichen”, sagt Klepsch. 

Nachdem ein externer Vertriebspartner herangezogen wurde, realisierte MeetFox ein plötzliches Hoch. “Da war der Knackpunkt, wo ich mich dazu entschieden habe, nach Amerika zu ziehen und den Vertrieb unserer Produkte im amerikanischen Markt zu versuchen”, sagt die Founderin. Gesagt getan, zog die CoachFox- und MeetFox-Gründerin nach New York. Klepsch erklärt, dass durch den plötzlichen Start der Pandemie die Nachfrage an Terminvereinbarungs- und Videokonferenz-Lösungen weltweit stieg. “Wäre ich in Wien geblieben und hätte weiterhin Österreich und Deutschland als MeetFox-Kernmarkt bedient, hätten wir uns vielleicht während der Pandemie dort besser etablieren können”, erklärt sie weiter.

Dank Pandemie stieg Nachfrage an MeetFox-Technologie

Auch das Wiener Startup traf die Pandemie ohne Vorbereitung, als über Nacht die Nachfrage und die Zahlen in die Höhe schossen. “Wir waren nicht vorbereitet und hatten keine Zeit, neue Mitarbeiter:innen zu rekrutieren”, sagt Klepsch. Mit ihrem bestehenden kleinen Team arbeitete sie teilweise Tag und Nacht, um der Nachfrage nachzukommen. “Es war eine sehr intensive Zeit mit vielen schlaflosen Nächten”, erklärt die Gründerin weiter.

Als neue Startuplerin ohne Kund:innen, Metor:innen, Investor:innen und Kontakte in New York konnte Klepsch trotz allem sehr schnell in der Szene Fuß fassen. “Wir haben von den amerikanischen Accelerators sehr profitiert, da wir die Netzwerke, die wir nicht hatten, ausschöpfen konnten”, sagt die MeetFox-Gründerin. 

Welche Fehler die MeetFox-Gründerin Anfangs mit ihrem Startup gemacht hat und ob sie wieder gründen möchte, erklärt Susanne Klepsch im Podcast. 

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Peter Steinberger auf der Bühne des VivaTech Theater in Paris | Foto: Martin Pacher

Es ist der zweite Tag der VivaTech und Paris führt der Tech-Welt vor, wie groß ein Heimspiel sein kann. Seit 2016 lädt die Messe, gegründet von Publicis-Veteran Maurice Lévy und der Les-Echos-Gruppe, einmal im Jahr an die Porte de Versailles. Zur zehnten, der Jubiläumsausgabe, ist sie noch eine Spur größer: Europas wichtigstes Startup- und Tech-Event erwartet rund 180.000 Besucher:innen, 15.000 Startups, 4.000 Investor:innen und mehr als 450 Speaker:innen auf vier Bühnen. Das Leitthema klingt programmatisch: „Artificial Intelligence: impact, not illusion.“ Deutschland ist „Country of the Year“ und schickt die größte Delegation der VivaTech-Geschichte.

Über drei Stockwerke der neuen Halle 7 verteilt sich das Who-is-Who der Branche. Tags zuvor füllte Amazon- und Blue-Origin-Gründer Jeff Bezos, inzwischen auch Co-CEO der KI-Industrieschmiede Prometheus, das große VivaTech Theater. An diesem Donnerstag teilen sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Indiens Premierminister Narendra Modi die politische Bühne, Modi frisch vom G7-Gipfel im französischen Evian, wo er mit Donald Trump unter anderem über Künstliche Intelligenz beraten hatte. Dazwischen Konzernlenker:innen von LVMH bis Alibaba, EU-Kommissarin Henna Virkkunen und Deutschlands Digitalminister Karsten Wildberger.

Ein Österreicher unter den „Top Voices“

Wer auf die Website der VivaTech schaut, findet ihn unter den „Top Voices“: Gleich neben Jeff Bezos ist dort Peter Steinberger gelistet. Zwischen all den globalen Namen sticht der gebürtige Oberösterreicher ins Auge. In der Entwickler:innen-Szene seit Jahren als „steipete“ bekannt, hat er mit dem viralen Open-Source-Agenten OpenClaw internationale Bekanntheit erlangt und wird hier auf der VivaTech wie ein Popstar gefeiert. Vom Wiener Startup PSPDFKit, das er mehr als ein Jahrzehnt aufgebaut hatte, ist er längst weitergezogen: Seit Februar gehört er bei OpenAI zum Team rund um den Coding-Agenten Codex.

Peter Steinberger (links) und OpenAI-Manager Thibault Sottiaux beim Panel „The Agentic Enterprise“ auf der VivaTech 2026 in Paris | Foto(c) Martin Pacher | brutkasten

Sein Panel findet im VivaTech Theater statt, dem größten Saal des Geländes. Wer einen Platz will, muss sich lange anstellen. Unter den Wartenden auch Fans, die in OpenClaw-Shirts extra aus Wien angereist sind, um ihr Idol zu sehen.

„Das ist nicht spezifisch fürs Coding“

Auf der Bühne dann ein Mann, der so gar nicht nach Rummel klingt. Steinberger spricht ruhig, zurückhaltend, bescheiden. Neben der technologischen Souveränität ist Agentic AI eines der großen Themen dieser Jubiläumsausgabe, und genau darum dreht sich sein Panel „The Agentic Enterprise: From Software Development to Everyday Work“, gemeinsam mit Thibault Sottiaux, der bei OpenAI Produkt und Plattform verantwortet.

Sottiaux‘ Kernthese: Was einen Coding-Agenten gut mache, sei nicht das Programmieren selbst, sondern die Fähigkeit, breiten Kontext zu erfassen und über lange Zeit präzise auf ein Ziel hinzuarbeiten. „Das ist nicht spezifisch fürs Coding“, sagt er. So solle aus dem Entwickler:innen-Werkzeug Codex ein Agent für Finanz-, Marketing- und Büroarbeit werden. Die Nutzung wachse nach seinen Worten derzeit schneller in Europa als in den USA.

Volles Haus: Peter Steinberger und Thibault Sottiaux (OpenAI) auf dem VivaTech Theater, der größten Bühne der Messe. Hier hatten zuvor auch Jeff Bezos und später Indiens Premierminister Narendra Modi gesprochen, der Saal war bis zum letzten Platz gefüllt | (c) Martin Pacher / brutkasten

Ein Agent für das Haus in Wien

Dann ist Steinberger an der Reihe, und er macht das Abstrakte greifbar, indem er von sich selbst erzählt. Er trenne bewusst mehrere Agenten-Kontexte: einen privaten, der alles über ihn wisse, einen für sein Haus in Wien, mit dem er etwa die Kameras kontrolliere und „manchmal meiner Putzfrau einen Streich spiele“, und einen für die Arbeit. Mit der heutigen Technik liefere ein spezialisierter Agent noch deutlich bessere und vorhersehbarere Ergebnisse als ein einzelner Alleskönner. Je mehr Kontext man dem Modell gebe, desto verlässlicher werde es.

„Das größte Hindernis ist die Vorstellungskraft“

Das größte Hindernis sei ohnehin nicht die Technik, sondern die Vorstellungskraft, „imagination“, wie er sagt. Die Lücke zwischen dem, was die Modelle könnten, und dem, was Menschen tatsächlich mit ihnen anstellten, sei so groß wie nie. Selbst ein Werkzeug wie OpenClaw hätte Monate früher entstehen können, sei aber schlicht niemandem eingefallen. Er verweist auf seinen eigenen, anfangs belächelten Blogpost vom Jahresende, in dem er beschrieb, Code zu schreiben, ohne ihn überhaupt zu lesen. Für das Jahr 2030 entwirft er daraus ein radikales Bild: eine Milliarde Programmierer:innen, die nicht wüssten, dass sie programmieren, weil sie ihre Agenten nur noch um Lösungen bäten.

Peter Steinberger unter seinen Fans bei der VivaTech 2026 in Paris. Fotos: brutkasten / Martin Pacher

Die Europa-Pointe zum Schluss

Und dann, fast beiläufig, die Pointe, die über der ganzen Messe schwebt. Auf Europa angesprochen, sagt ausgerechnet jener Mann, der zuletzt mit Verweis auf zu viel Regulierung in die USA gezogen ist, er liebe es, „dass wir Mistral haben“. In europäischen Startups stecke etwas „zutiefst Menschliches“, sie seien „in etwas Realem verwurzelt“. Als die Moderatorin fragt, ob er eines Tages zurückkehre, weicht Steinberger aus: „Vielleicht. Ich bin ohnehin ständig hier.“

Am Ende steigt er von der Bühne und wird sofort von Fans umzingelt, die Handys gezückt, Selfie um Selfie, bis das Sicherheitspersonal dazwischengeht. Peter lächelt und lässt den Rummel um seine Person über sich ergehen. Hinaus geht es schließlich über einen Seitenausgang.

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