20.03.2023

Maderthaner zu New Work: „Kein Cherry Picking, bei dem Arbeitgeber als Idioten übrig bleiben“

Interview. Unternehmer, Berater und Podcaster Philipp Maderthaner spricht im brutkasten-Interview über die Arbeitswelt der Zukunft und erklärt, warum es eine Kombination der Freiheit der Selbstständigkeit mit der Sicherheit einer Anstellung nicht geben kann.
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Business Gladiator Live, maderthaner, ohswald, Schneider,
(c) brutkasten/schauer-burkart - Archivfoto

Dass Philipp Maderthaner wenig zu tun hat, kann man nicht gerade behaupten: Als Juror bei der TV-Sendung „2 Minuten 2 Millionen“ hat er sich zwar, wie berichtet, zurückgezogen. Und auch die Geschäftsführung seines „Campaigning Bureau“ hat er schon länger an Stefanie Winkler-Schloffer abgegeben. Mit der Politik hat der früher öfter als „Kanzlermacher“ bezeichnete Maderthaner ohnehin schon länger nichts zu tun. Langweilig wird Maderthaner aber dennoch nicht.

Mit seinem vor drei Jahren gestarteten Podcast „Business Gladiators“ ist er kürzlich in einem Voting des Radiosenders Ö3 am zweiten Platz der beliebtesten Podcasts Österreichs gelandet. Sein Bootcamp geht am 15. Mai in die zweite Runde – mit dem Programm begleitet und berät er acht Unternehmer:innen intensiv.

Und auch live kann man Maderthaner erleben: Am 15. April wird er in der Grand Hall am Erste Campus auftreten: Bei einem Abend, den er als „Gegenprogramm zur ‚Great Resignation'“ ankündigt. Vorab war Maderthaner im brutkasten-Büro zu Gast, um über New Work und seine Vorstellungen zur Arbeitswelt der Zukunft zu sprechen.


brutkasten: 4-Tage-Woche, Teilzeit, New Work. Wie stark ist die Veränderung in der Arbeitswelt schon jetzt – und was kommt noch auf uns zu?

Philipp Maderthaner: Wir sind mitten in einem extrem großen Umbruch. Und dieser Umbruch ist noch nicht zu Ende. Wir diskutieren aktuell viele Dinge von Woche zu Woche oder von Monat zu Monat. Aber es hilft manchmal rauszuzoomen und auf die ganz große Entwicklung zu schauen. 

Am Anfang der Industrialisierung vor 400 Jahren stand ein System, in dem Arbeiterinnen und Arbeiter ausgebeutet wurden. Seitdem hat es sehr viele positive Errungenschaften gegeben. Mein Eindruck ist, dass das eine Pendelbewegung ist – und das Pendel geht aktuell in Richtung Arbeiternehmerinnen und Arbeiternehmer. Es kann sein, dass wir es bald mit einer Überforderung von Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern zu tun haben. 

Der Bogen ist noch nicht überspannt, aber wir sind in diese Richtung unterwegs. Am Ende wird es aber kein Cherry Picking geben, bei dem die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber als Idioten übrig bleiben. Die heute oft postulierte Wunschvorstellung ist die Kombination der Freiheit der Selbstständigkeit mit der Sicherheit der Anstellung. Und das wird es nicht geben. Die Freiheit des Unternehmertums ist mit Risiko, Verantwortung und vielen weiteren Dingen verbunden.

Wie wird es jetzt weitergehen?

Das Prinzip von Angebot und Nachfrage gilt auch am Arbeitsmarkt. Aktuell sind wir in einem Arbeitnehmermarkt. Von dort kommt der Druck. Man darf aber nicht vergessen: Wenn der Druck von der Arbeitnehmerseite einen kritischen Punkt übersteigt, werden die ersten Arbeitgeber aus dem Markt aussteigen. 

Ich weiß noch nicht, was am Ende dieses Prozesses steht. Aber wir steuern auf einen Konflikt zu, der dazu führen wird, dass einerseits manche Unternehmen sich diese Entwicklung nicht leisten können. Andererseits werden manche vielleicht keine Lust darauf haben, sich damit zu beschäftigen.

Was heißt das konkret?

Ich habe in den letzten Monaten oft mit Leuten geredet, die am Anfang stehen und sich fragen, ob sie ihr Business wirklich mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufbauen wollen – oder ob es nicht besser ist, das in einem Netzwerk mit selbstständigen Partnerschaften zu denken.

Da kommt also ein Konflikt auf uns zu. Und den wird es auch brauchen, um die Situation aufzulösen. Es wird ein neues Modell brauchen, das viele Dinge berücksichtigt, die aktuell zu Recht diskutiert werden. Menschen haben keine Lust mehr auf sinnbefreite Jobs oder im Job auszubrennen. Damit bin ich zu 100 Prozent einverstanden. Gleichzeitig werden wir aber die andere Seite auch beleuchten müssen – was geht sich aus in einer Wirtschaft, die im Regelfall eher auf knappere Margen zusteuert als auf breitere.

Wie könnte so ein neues Modell aussehen?

Ich bin mir sicher, dass wir bei einem partnerschaftlichen Modell der Leistungsträgerinnen und Leistungsträger landen werden. Leistungsträgerinnen und Leistungsträger sind für mich Menschen mit Ambition, die etwas beitragen wollen und auch immer wieder die Grenzen verschieben wollen. Diejenigen, die sich entscheiden, weiter Leistungsträger zu sein, dürfen in Zukunft mit ‚mehr vom Kuchen‘ rechnen. Umgekehrt spielen diejenigen, die den berühmten Dienst nach Vorschrift schieben wollen, ein riskantes Spiel.

Ich hab für mich versucht, so ein Modell zu skizzieren, wie so ein System für ein Unternehmen aussehen könnte. Der innerste Kern des Unternehmens werden die Mitunternehmer:innen sein. Das sind die, die wirklich all in sind. Sie partizipieren am finanziellen Gesamterfolg. Die nächste Zwiebelscheibe sind selbstständige Partner:innen. Die sind mit viel Expertise dabei und partizipieren zum Beispiel am Projekt.

Die nächste Scheibe sind dann Lernende. Das sind Leute, die Mitunternehmer:innen oder selbstständige Partner:innen werden wollen. Die investieren jetzt richtig, um sich das Rüstzeug dafür zuzulegen. Der äußerste Kreis sind dann die rein transaktionalen Beziehungen, bei denen es nur darum geht, den Job zu erledigen. Da wird künftig nicht viel zu holen sein.

Manchmal wird argumentiert, dass Dinge wie der vermehrte Wunsch nach Teilzeit oder einer 4-Tage-Woche nur ein vorübergehendes Phänomen seien, das mit der guten Wirtschaftslage zusammenhänge – und dass sich das mit der nächsten Wirtschaftskrise von selbst erledigen würde. Wie siehst du das?

Ich wage es zu bezweifeln. Wir haben in den letzten Jahren gesehen, wie sich weite Teile der Wohlstandsgesellschaft in ihrer Mentalität entwickelt haben. Heute ist es so: Wenn mir was fehlt, ist mein erster Weg zum Arbeitgeber. Jemand reduziert die Arbeitszeit auf Teilzeit, kommt mit dem Geld nicht aus – und bittet dann in der Folge um Gehaltserhöhung. Diese geht sich nicht aus. Dann ist der zweite Weg zum Staat. Der muss dann einen neuen Gutschein oder eine Prämie erfinden. Aber das sind doch alles keine nachhaltigen Systeme.

Wirtschaft ist ein unglaublich schlichtes Konzept. Was du verdienst, kannst du ausgeben. Punkt. Auf Dauer kannst du nicht mehr ausgeben, als du einnimmst. Das gilt für Staaten. Und das gilt für Unternehmen. Das heißt, wir werden ein Konzept finden müssen, das die Dinge in Balance bringt.

Auch wenn zum Beispiel eine 4-Tage-Woche für manche Unternehmen funktionieren kann – bei anderen funktioniert sie nicht. Margen sind sehr unterschiedlich. Die Art und Weise, wie Wertschöpfung betrieben wird, ist sehr unterschiedlich. Wir brauchen aber ein dauerhaft wirtschaftliches Konzept für alle Branchen.

Welche Rolle spielt die demografische Entwicklung?

Der Geburtenjahrgang, der aktuell in Pension geht, sind 125.000 Leute. Der Geburtenjahrgang, der aktuell ins Berufsleben einsteigt, sind 75.000 Leute. Wenn diese 75.000 Leute dann auch nur 32 Stunden arbeiten wollen, also drei Viertel von dem, was wir vorher hatten – dann brauche ich das nur durchdeklinieren und ich komm auf 40 Prozent der Workforce von vorher. Das wird einen Unterschied machen.

Und wenn es dann heißt, dass man das mit mehr Effizienz kompensieren wird: An einer höheren Produktivität werden wir sowieso nicht vorbeikommen. Aber es wird ein neues Modell geben müssen, das stärker darauf hinausläuft, wo tatsächliche Leistung bezahlt wird.

Wir können uns natürlich darauf einigen, nur den produktiven Einsatz bezahlen und alle leeren Meter dazwischen nicht mehr. Aber das ist im aktuellen System nicht abbildbar, das Arbeitsrecht gibt dieses Modell nicht her.

Apropos Arbeitsrecht. Welche Rolle werden Interessensvertretungen wie Gewerkschaften oder Arbeitsgeberverbände in Zukunft spielen?

Wir erleben an vielen Stellen abstruse Extreme. Es gibt Leute, die kämpfen grad ums nackte wirtschaftliche Überleben. Und auf der anderen Seite gibt es Wohlstandsverwahrlosung. Es gibt eine ganze Generation, die man als Erbengeneration bezeichnet. Aber am Ende wird es auch hier darauf hinauslaufen, dass Angebot und Nachfrage das regeln werden.

Gewerkschafter werden sich wahrscheinlich mit Händen und Füßen gegen ein Konzept wehren, das mehr wie die heutigen Freelancer aussieht, wo man nur tatsächliche Arbeit bezahlt. Das würde man dann als Scheinselbstständigkeit abstempeln.

Gleichzeitig kannst du auch dort nicht ausschließen, dass irgendwann der Druck von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern kommt, in anderen Modellen tätig sein zu wollen. In solchen Systemen bewegt sich aber erst etwas, wenn der Schmerz groß ist. Ich bin recht zuversichtlich, dass wir auf großen Schmerz zusteuern.

Welche Unternehmen werden die Veränderungen in der Arbeitswelt am stärksten treffen?

Große Strukturen haben das größte Problem. Es kommt ein Revival der kleinstrukturierten Wirtschaft. Wenn man 100 Jahre zurückschaut, war es nicht selbstverständlich, dass die meisten Menschen für eine große Company arbeiten – im Gegenteil. Das war eine kleinstrukturierte Wirtschaft.

Die kommt jetzt wieder zurück, aber mit einem um ein Vielfaches höheren Vernetzungsgrad. Und diese kleinstrukturierte Wirtschaft hat die größten Chancen. Wirklich große Konzernstrukturen, die nach wie vor auf dem Prinzip der Ein- und Unterordnung der Bedürfnisse der Menschen aufbauen, haben ein Problem. Das geht dem Ende zu.

Was erwartet Besucher:innen deines Events am 15. April?

Es ist mir wirklich ein innerstes Anliegen, Menschen dazu zu ermutigen, sich aus der Deckung wagen und zu investieren. Und zwar ihre Zeit, ihre Leidenschaft und ihr Herzblut, um etwas zu bewegen und etwas aufzubauen. Für sich selbst, aber auch für andere. Das ist mir ein Herzensanliegen, denn wenn wir unsere Ambition verlieren, verlieren wir alles. Wir sind an diesem Wendepunkte, an dem man nicht weiß, ob es besser ist, sich zurückzulehnen – oder sich nach vorne zu lehnen und Gas zu geben.

Ich lese Interviews mit Menschen, die finden, dass es sich für sie nicht auszahlt, arbeiten zu gehen – oder von Leuten, denen 20 Stunden auch reichen. Diese Menschen nehmen sich die Chance, ihren Ambitionen freien Lauf zu lassen – und damit auch auf viel Glück und Freude im Leben. Ich meine die Erfüllung, etwas zu schaffen, das größer ist als man selber – etwas, das bleibt, das andere Menschen Nutzen stiften und Freude bereitet. Und da möchte ich etwas zünden. 

Deshalb heißt der Abend “Hoch hinaus – jetzt erst recht”. Es ist ein zweistündiges Bühnenprogramm von mir und mit mir live on stage in der Grand Hall der Erste Bank. Ich will die Menschen erreichen, in denen zumindest ein kleines Feuerchen lodert – oder auch gerne ein großes. Gemeinsam zünden wir dann einen Abend ein großes Feuer und senden ein Signal – und zwar dafür, dass es sich lohnt, was zu tun.

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Bild KI-generiert

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Der Fokus im österreichischen KI-Diskurs ist meist auf die AI-Mächte in Übersee und im Osten beschränkt. Dabei wäre ein Blick zum Nachbarkontinent im Süden bemerkenswert und würde Möglichkeiten für die heimische Innovationsszene bieten.

Afrika ist gesamtkontinental schwer zu fassen, dennoch lässt sich festhalten: Die KI-Entwicklung befindet sich hier in einer Phase vergleichbar mit dem unerwarteten Boom der Telekommunikation und des mobilen Bezahlens in den frühen 2000er-Jahren.

Das ist auch die Analogie von Kwame Odame-Darkwah, Consultant des Distributed AI Research Institute (DAIR) und Fellow des International Strategy Forum (ISF), einer von Eric und Wendy Schmidt gegründeten globalen Fellowship an der Schnittstelle von Technologie, Geopolitik und Demokratie: „Ein bekanntes Beispiel aus der frühen Mobilfunkära zeigt, wie schwierig es ist, die Verbreitung neuer digitaler Infrastrukturen linear vorherzusagen. Anfang der 80er-Jahre wurde das Potenzial von Mobiltelefonie deutlich unterschätzt. Afrika wurde später zu einem der stärksten Gegenbeispiele zu solchen Annahmen; nicht, weil der Kontinent einfach bestehende Modelle kopierte, sondern weil mobile Netze, Mobile Money, digitale Durchdringung und finanzielle Inklusion eigene Leapfrogging-Dynamiken entwickelten. Beim Roll-out von KI sehen wir heute eine ähnliche Möglichkeit. Der Ausgangspunkt ist infrastrukturell herausfordernd, aber das Wachstum kann sehr schnell kommen, wenn die Technologie reale lokale Probleme löst“, sagt Odame-Darkwah.

Kwame Odame-Darkwah | Foto bereitgestellt

Afrika umfasst 55 Länder mit diversen Entwicklungsständen. Faktoren wie der Zugang zu Elektrizität beeinflussen Industrialisierung und Automatisierungsmöglichkeiten weiterhin. „Andererseits merkt man im Austausch mit Regierungsvertretern und Akteuren aus dem Privatsektor eine große Begeisterung. Diese wollen von bloßem Enthusiasmus zu konkretem Handeln übergehen“, so Odame-Darkwah.

OpenAI und Anthropic in Afrika

Auf staatlicher Ebene entstehen Partnerschaften mit lokalen wie internationalen Unternehmen. OpenAI etwa hat eine starke Präsenz bei afrikanischen Regierungen und bietet Zugangsstufen wie „Lower-Cost-Access“ für Studierende in Schwellenländern. Anthropic arbeitet mit der Regierung von Ruanda zusammen, um KI-Systeme in das Bildungssystem zu integrieren.

„Eine übergreifende kontinentale KI-Strategie wird von der Afrikanischen Union vorangetrieben, die mit der ‚Agenda 2063‘ verknüpft ist“, erklärt Odame-Darkwah. Diese Strategie zielt auf Wohlstand, Einheit und nachhaltiges Wachstum bis 2063. „Auch im Privatsektor entstehen zunehmend sogenannte Talent-Hubs.“

Afrika zwischen individuellem Handeln und Kontinental-Agenda

Während Europa auf eine einheitliche Herangehensweise setzt, kristallisiert sich in Afrika eine Mischform heraus: eine kontinentale Strategie als Rahmen, ergänzt durch nationale Ansätze. „Ein weiteres Beispiel ist der südafrikanische Entwurf einer nationalen KI-Policy, der auf mehr als drei Jahren gesellschaftlicher Konsultation basiert“, erklärt Odame-Darkwah. „Er steht im Einklang mit der Strategie der Afrikanischen Union, ist aber zugleich auf die spezifischen Bedürfnisse Südafrikas zugeschnitten. Auch Ghana hat inzwischen seine nationale KI-Strategie vorgestellt.“

Zentrales Thema ist die Datensouveränität. Afrikanische Datensätze sind in globalen KI-Modellen unterrepräsentiert; gleichzeitig wollen Regierungen Ausbeutung verhindern. „Afrikanische Regierungen machen nun Souveränitätsansprüche geltend, indem sie Gesetze erlassen, die sicherstellen, dass einheimische Datensätze nicht ausgebeutet werden. Sie verlangen beispielsweise, dass Daten von lokalen Bankkunden auch in Rechenzentren innerhalb des Landes verbleiben“, so Odame-Darkwah.

Wunsch nach Unabhängigkeit

Initiativen wie die „Africa’s AI Factory“ des Telekom-Milliardärs Strive Masiyiwa zielen auf lokale Rechenzentren und GPU-Infrastruktur. Auch Startups mischen mit: Terra aus Nigeria baut eine KI-gestützte nationale Verteidigungsinfrastruktur auf und konnte prominente Backer aus dem Silicon Valley gewinnen.

Die im Juli 2024 verabschiedete „Continental Artificial Intelligence Strategy“ der Afrikanischen Union sowie ergänzende Initiativen positionieren KI gezielt als Treiber sozioökonomischen Fortschritts: durch massive Investitionen, lokale Expertise, digitale Infrastruktur und afrikanische Datensätze – um technologische Abhängigkeiten zu vermeiden und ethisch fundierte Governance-Strukturen zu etablieren.

60-Milliarden-AI-Fonds

Verstärkt wird dies durch die „Africa Declaration on Artificial Intelligence“ und einen geplanten Africa AI Fund von rund 60 Milliarden US-Dollar, die explizit das Leitprinzip „KI mit Afrika, durch Afrika und für Afrika“ verfolgen, wie Carnegie Europe im September 2025 beschrieb. Laut dem „Daily Africa AI Intelligence Report“ von April 2026 ergänzt das Africa AI Policy Lab diesen Ansatz, indem es eine „Dekolonisierung der KI“ vorantreibt und kontextspezifische, auf afrikanischen Werten wie Ubuntu basierende Regulierungsmodelle entwickelt.

Codeswitching

Doch wo liegen die größten Hebel im Alltag? Unter anderem in der Sprache: Viele Menschen wachsen zweisprachig auf und wechseln fließend zwischen Amtssprache (Englisch, Französisch) und lokaler Sprache – eine Art „Codeswitching“.

Odame-Darkwah dazu: „Der gemeinsame Nenner ist der Zugang zu KI-Modellen in lokaler Sprache, die den Kontext nicht nur auf Englisch oder Französisch, sondern in den indigenen Sprachen des Kontinents verstehen. Wenn man KI-Agenten hat, die darauf trainiert sind, Menschen etwa über WhatsApp in einer lokalen Sprache zu antworten, kann man seine Dienstleistungen massiv ausbauen.“

Emerging Markets im Fokus

Deepali Nangia, Speedinvest-Partner Emerging Markets Fintech und „EIF Empowering Equity“-Mentor, wuchs in Indien auf und kennt die Dynamik von Schwellenmärkten. Sie baut den Bereich Emerging Markets bei Speedinvest auf, mit Fokus auf Afrika.

Deepali Nangia | Foto bereitgestellt

Die afrikanischen Portfoliounternehmen setzen laut ihr verstärkt KI ein – für Kreditwürdigkeitsprüfungen, Forderungsmanagement, Automatisierung. „Zum Beispiel nutzt unser Portfoliounternehmen Leta, eine Logistiksoftware-Firma in Kenia, KI zur Optimierung von Fahrzeugauslastung und Fahrereinsatz und trainiert seine Modelle anschließend anhand von Dispatcher-Feedback weiter“, erklärt Nangia. „Außerdem wird KI eingesetzt, um Bestellungen für Lieferungen, die per E-Mail oder in anderen Formaten eingehen, in Echtzeit zu erfassen, wodurch die manuelle Eingabe reduziert wird.“

Zu wenig grundlegende KI-Technologie

Agnes Aistleitner Kisuule indes ging 2019 nach Uganda. Sie bemerkte Fintech-Aktivität, aber zu wenig Early-Stage-Kapital. Mit Selma Ribica gründete sie 2022 First Circle Capital. Unterstützt wurde sie u. a. von Michael Ströck (Calm/Storm Ventures), PSPDFKit-Gründer Peter Steinberger, Hermann Futter und Oskar Obereder.

„Wenn man heute auf afrikanische Märkte blickt, zeigen sich spannende Entwicklungen vor allem in Ländern wie Südafrika, Ägypten und Marokko sowie punktuell in Subsahara-Afrika“, sagt sie. „Allerdings gibt es insgesamt noch zu wenig Aktivitäten und vor allem deutlich weniger Kapital als in Europa. Was derzeit aufgebaut wird, ist häufig weniger fundamental; viele Startups arbeiten eher mit sogenannten ‚LLM Wrappers‘ – also Anwendungen auf bestehenden Modellen – statt an grundlegender KI-Technologie.“

Regulierung sei oft schwach oder schwer umzusetzen. „Ein wichtiger Grund ist, dass es oft an technischem Wissen und Kapazitäten fehlt. KI spielt in politischen Diskussionen noch keine große Rolle und Regeln werden deshalb häufig nicht durchgesetzt. Oft wird KI einfach laufen gelassen.“ Es gebe Ausnahmen, etwa Kenia, wo ein Datenerfassungsprojekt zum Schutz von Identitäten gestoppt wurde. „Aus afrikanischer Sicht wirkt Europa teilweise überreguliert, während KI in Afrika eher als Chance gesehen wird, besonders wegen der jungen Bevölkerung.“

Kleiner Markt, globales Mindset

Aistleitner Kisuule weiter: „Vor allem im Fintech-Bereich gibt es Investitionen; andere Bereiche sind weniger entwickelt. KI-Tools wie Claude können lokalen Startups helfen, weil die Kosten sinken und der Einstieg leichter wird. Auch Chinas Einfluss wächst, obwohl chinesische KI wegen Sprachproblemen noch weniger genutzt wird. Die Konkurrenz zwischen China und den USA ist aber deutlich spürbar.“

Agnes Aistleitner Kisuule | (c) First Circle Capital

Nangia ergänzt: „In der Regel muss Regulierung mit der Innovation Schritt halten, denn Unternehmer warten auf niemanden. Eine leichte Regulierung ist kurzfristig hilfreich, um schnell zu entwickeln und zu iterieren.“ Langfristig brauche es Compliance, Leitplanken und Datenschutz – auch für Folgefinanzierungen. „Einige afrikanische Märkte arbeiten deshalb derzeit an KI-Gesetzen und -Rahmenwerken, darunter Kenia, Ruanda, Ägypten, Nigeria und andere.“

Es bestehe digitale Abhängigkeit; lokale Infrastruktur und stabile Energieversorgung seien nötig. „Rechenzentrum-Infrastrukturen sind kapitalintensiv und müssen finanziert werden. Hinzu kommt die Koordination über verschiedene Rechtsräume hinweg sowie die Sicherstellung hochwertiger, strukturierter Daten für das Training von Modellen. Veränderungen kommen – aber angesichts des Umfangs und der erforderlichen Investitionen wird es Zeit brauchen, diese digitale Abhängigkeit zu reduzieren“, so Nangia.

Folgen für Österreich

Mit all diesen unterschiedlichen Entwicklungen im afrikanischen KI-Sektor im Hinterkopf stellt sich die Frage, was das für die österreichische Innovationsszene bedeutet und welche Chancen sich für die heimische Startup-Welt erschließen lassen.

Odame-Darkwah sieht klare Ansatzpunkte: „Es gibt das Gesundheitswesen, die Bildung, die Landwirtschaft – das sind die Kerndienstleistungen, auf die jeder Bürger angewiesen ist. Die Bereitstellung dieser Dienste über mobile Netzwerke ist eine großartige Möglichkeit für Zusammenarbeit. Generell gibt es in fast allen afrikanischen Branchen die Chance, Werte zu schaffen. Man trifft auf Regierungen, die so viel wie möglich digitalisieren wollen, und auf eine digital sehr versierte Bevölkerung.“

Der Bericht „Global VCs Entering African AI Markets“ von „aireports.africa“ (Juni 2025) zeigt einen deutlichen Aufschwung: Obwohl diese Summe nur ein Prozent der globalen KI-Investitionen 2022/23 war, flossen rund 641 Millionen US-Dollar in über 100 Deals. Sequoia Capital, Andreessen Horowitz, Microsoft, Google und IBM steigen verstärkt ein. Im Zentrum: Fintech, Agtech, Healthtech. Dabei bleiben jedoch strukturelle Hürden bestehen, etwa der Frühphasen-Fokus, fehlende Cloud-Infrastruktur, und eine unklare Regulierung; zudem gehen nur rund zwei Prozent des Kapitals an von Frauen geführte Startups.

Afrika unter prüfenden Blicken

Nangia verweist an dieser Stelle auf Unternehmen wie Moove, LemFi oder Taptap Send, die weit über Afrika hinaus skalieren. „Manche unserer europäischen Portfolio-Unternehmen prüfen Afrika als potenziellen Wachstumsmarkt. Wir erwarten, dass sich dieser Trend verstärkt, da Schwellenmärkte nicht länger ignoriert werden können. Es gibt noch andere Wege der Zusammenarbeit mit Europa jenseits von Kapital: Wir bringen jahrelanges Skalierungs-Know-how und Erfahrung ein und unterstützen Gründer sowie Fonds.“ Mit dem Micro GP Summit in Wien bringt Speedinvest etwa Erst- und Zweitfondsmanager weltweit zusammen.

Afrika blickt auf große Märkte, aber …

Für Aistleitner Kisuule hingegen können kleinere europäische Märkte wie Österreich in Afrika perspektivisch tatsächlich eine wichtige Rolle spielen; aktuell sei diese aber noch begrenzt, warnt sie. Hohe Markteintrittskosten, begrenzte Rechenkapazitäten in vielen afrikanischen Märkten sowie die noch frühe Entwicklungsphase zahlreicher Ökosysteme stellen heute zentrale Herausforderungen dar.

„In den nächsten zehn Jahren könnte sich dies allerdings ändern“, sagt sie. Südafrika sei weit entwickelt, besonders in Healthtech. Fintech bleibe der spannendste Sektor. Chancen für österreichische Startups sieht sie bei Prozessautomatisierung, Analytics und Enabler-Technologien.

„Die Regulierung wird sich kurzfristig nicht grundlegend verändern, während die Dynamik auf der Innovationsseite hoch ist“, fasst Aistleitner Kisuule zusammen. „Insgesamt ist es aber noch ‚too soon to say‘, wie sich das Kräfteverhältnis langfristig entwickeln wird. Zugespitzt gesagt spricht aktuell vieles dafür, stärker auf die Innovationsgeschwindigkeit afrikanischer Märkte zu setzen als auf europäische Regulierungskompetenz.“

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