22.09.2025
EUROPEAN AI BAROMETER

Österreichische Unternehmen nutzen KI-Vorteile im EU-Vergleich wenig

Die Zahl der heimischen Unternehmen, die positive finanzielle Effekte durch die Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) spüren, steigt. Im Europa-Vergleich ist sie aber sehr niedrig, wie der European AI Barometer 2025 von EY zeigt.
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(c) Ibrahim Boran via Unsplash

Die Frage, ob Künstliche Intelligenz (KI) unsere Lebenswelt und die Wirtschaft nachhaltig verändert, ist längst beantwortet. Nicht in letzter Konsequenz geklärt ist dagegen, wie groß (und quantifizierbar) und wie positiv (oder negativ) diese Veränderungen sind. Einen durchaus quantifizierbaren Aspekt untersucht das nun erschienene European AI Barometer 2025 von EY. Für dieses wurden bereits im Jänner und Februar – gemessen an der Geschwindigkeit der KI-Entwicklung also vor einer Ewigkeit – fast 5.000 Arbeitnehmer:innen in neun europäischen Ländern befragt, davon 500 in Österreich.

Durchschnittlich 6,24 Millionen Euro an zusätzlichen Gewinnen oder Einsparungen durch KI

Aber nun zu den Zahlen: Laut European AI Barometer 2025 erzielen Unternehmen durch KI durchschnittlich 6,24 Millionen Euro an zusätzlichen Gewinnen oder Einsparungen (Anm. in der Befragung waren alle Unternehmensgrößen von unter 50 bis über 1.000 Mitarbeiter:innen inkludiert). Mehr als die Hälfte der Unternehmen profitiert: 56 Prozent der Befragten geben an, dass ihr Unternehmen positive finanzielle Effekte durch KI verzeichnet – ein signifikanter Anstieg gegenüber dem Vorjahr (45 Prozent). Nur 15 Prozent sehen keine positiven Auswirkungen, während 29 Prozent die Entwicklung noch nicht abschließend beurteilen können.

Österreich bei Gewinnsteigerung und Kostensenkung durch KI weit hinter andren Ländern

Das sind die Zahlen für alle neun Länder in der Studie. Und wie sieht es hierzulande aus? Nachdem im Vorjahr nur 34 Prozent der Befragten angegeben hatten, dass ihr Unternehmen durch den Einsatz von KI in der Lage war, Gewinne zu steigern oder Kosten zu senken, waren es heuer schon 47 Prozent. Trotz der kräftigen Steigerung hinkt Österreich den anderen Ländern im Vergleich aber hinterher. Nur in Portugal ist der Wert mit 42 Prozent niedriger. Spanien kommt dagegen auf nicht weniger als 70 Prozent, gefolgt von Belgien (60 Prozent) und Deutschland (59 Prozent).

„Es ist noch nicht zu spät, sich strategisch mit KI auseinanderzusetzen“

Österreichische Unternehmen nutzen die Vorteile von KI finanziell also aktuell noch weniger, als jene in anderen europäischen Ländern. Doch Susanne Zach, AI & Data Lead Partnerin bei EY Österreich, beruhigt: „Wir stehen erst am Anfang dieser technologischen Revolution. Es ist noch nicht zu spät, sich strategisch mit KI auseinanderzusetzen.“ Und auch die weiteren Studienergebnisse legen nahe, dass man das tun sollte.

Angaben zu Produktivität durch KI divergieren

Aktuell geben 43 Prozent der Befragten an, durch KI produktiver zu arbeiten. Männer (48 Prozent) sehen diesen Effekt häufiger als Frauen (39 Prozent), Führungskräfte (56 Prozent) deutlich häufiger als Mitarbeitende ohne Führungsverantwortung (35 Prozent). Interessant auch: Während 57 Prozent der Führungskräfte eine Produktivitätssteigerung bei ihren Mitarbeitenden beobachten, bestätigen nur 32 Prozent der Mitarbeiter:innen eine gesteigerte Produktivität ihrer Vorgesetzten durch KI. In Österreich denken 49 Prozent, dass KI vor allem Zeitersparnis bringen wird, gefolgt von geringen Kosten (42 Prozent) und einer Reduktion etwaiger Fehler (42 Prozent).

Chancen und Bedenken

Die größten Chancen durch KI sehen die Befragten in Effizienzsteigerung (30  Prozent), Ressourcenoptimierung (26 Prozent) und verbessertem Kundenservice (24 Prozent). Gleichzeitig werden Datenschutzbedenken (30 Prozent), ethische Fragestellungen (27 Prozent) und Arbeitsplatzverdrängung (25 Prozent) als größte Herausforderungen genannt. Vom AI Act der EU erwarten mehr als 61 Prozent der Befragten positive Auswirkungen auf ihr Unternehmen.

In Österreich haben sogar 33 Prozent der Befragten Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes, gefolgt von ethischen Problemen (28 Prozent) und der Sorge um eine Verdrängung von Arbeitsplätzen (25 Prozent). 53 Prozent sehen vor allem administrative Stellen am stärksten von KI betroffen, gefolgt von Stellen im Kundenservice und in der Technik.

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Kasia Sadowska und Stephan Kreiger vom Founder Institute Austria beim Vibecoding-Hackathon in der AI Factory Austria AI:AT. (c) brutkasten

Rund 30 Leute sitzen an einem Abend Ende September vor ihren Laptops und arbeiten konzentriert. Der Schauplatz ist die AI Factory Austria AI:AT im sechsten Stock in der Karl-Farkas-Gasse, von hier blickt man auf eine Skyline, die in den vergangenen Jahren rundherum entstanden ist. Hier findet an diesem Abend der Vibecoding-Hackathon des Founder Institute Austria statt. Das Publikum ist bunt gemischt, nach Alter wie nach Background. Die Jüngsten seien Studierende um die 19 Jahre, sagt Kasia Sadowska, die das Austria-Chapter gemeinsam mit Stephan Kreiger leitet. Daneben sitzen erfahrene Berufstätige. Sie alle haben 60 Minuten Zeit, um aus einer Idee eine funktionierende App zu bauen.

„Wir überzeugen die Leute davon, dass es sehr einfach ist, alles zu bauen, was sie wollen, eine App oder eine Website, indem sie einfach in Worten beschreiben, was sie bauen möchten“, sagt Sadowska. Gebaut wird mit dem KI-Tool Lovable, danach pitchen alle ihr Ergebnis. Laut Eventbeschreibung winkt der besten Idee ein Platz im Bootcamp des Founder Institute.

Für Kreiger, Director des Founder Institute Austria, zeigt dieser Abend, warum sich sein Programm neu erfinden musste. „Klassische Accelerator-Programme funktionieren eigentlich nicht mehr wirklich gut“, sagt er. Bis vor Kurzem war das Founder Institute selbst noch einer. Genau aus diesem Grund hat es sich weiterentwickelt, zu einem Company Builder, wie es sich inzwischen auch offiziell nennt.

Ein erstes Produkt zu bauen, sei für ein Startup „jetzt nicht mehr die große Hürde“, erklärt Kreiger. Teilnehmer:innen kämen heute mit einer Idee ins Programm und hätten nach kurzer Zeit einen Prototyp, ein MVP und oft schon erste zahlende Kund:innen.

Rund 30 Teilnehmer:innen bauten in der AI Factory Austria AI:AT in Wien ihre Prototypen mit dem KI-Tool Lovable. | (c) Founder Institute Austria

Was bleibt, ist Branchenwissen

Was verkauft ein Programm wie das Founder Institute also noch, wenn das Bauen so einfach geworden ist? Kreigers Antwort: Erfahrung. „Man kann relativ viel jetzt an einem Nachmittag bauen. Was aber bleibt, ist wirklich tiefe Expertise in einem gewissen Bereich.“

Deshalb richtet sich das Programm in erster Linie an erfahrene Berufstätige mit zehn bis 15 Jahren im Job. Wer lange in einer Branche gearbeitet und dort immer wieder dieselben Probleme gesehen hat, soll nun selbst die Lösung bauen. Das Programm läuft online und berufsbegleitend.

KI unterstützt dabei in vielen Bereichen, etwa bei Produktentwicklung, Marktrecherche und Businessplan. Für die Pitch-Vorbereitung gibt es ein eigenes KI-Tool: Man wählt, ob man vor Business Angels, VCs oder Freunden und Familie pitcht. Das Tool unterbricht, stellt Zwischenfragen und bewertet am Ende die Idee.

Dazu kommen Mentor:innen, in erster Linie selbst Gründer:innen oder Investor:innen. Kreiger nennt etwa Ferdinand Dietrich, Mitgründer von Storebox, und Annu Gmeiner von xista Science Ventures. Auch Gregor Zehetner gehört dazu. Der Tapkey-Mitgründer baut sein neues Startup Fractionista allein mit Claude Code, laut Founder Institute sind es inzwischen über 70.000 Zeilen Code.

Der Preis: Gebühr, Equity und eine hohe Hürde

Umsonst ist das nicht. Teilnehmer:innen zahlen eine Eintrittsgebühr, laut Founder Institute derzeit 1.149 US-Dollar. Damit werden die laufenden Programmkosten gedeckt. „Wir haben nämlich keinen großen Sponsor im Hintergrund oder eine andere Organisation“, sagt Kreiger. Wer abschließt und tatsächlich gründet, gibt außerdem 2,5 Prozent Equity ab. Daran sind die Direktor:innen und die Mentor:innen beteiligt.

Beim Vibecoding-Hackathon des Founder Institute Austria hatten die Teilnehmer:innen 60 Minuten Zeit, um aus einer Idee eine App zu bauen. (c) brutkasten / Martin Pacher

Eine österreichische Gesellschaft gibt es nicht. Rechtlich ist das Founder Institute im Silicon Valley angesiedelt, Kreiger vergleicht das Modell mit einem Franchise. Abschließen ist dabei keine Formsache: Nach Angaben des Founder Institute schaffen weniger als 40 Prozent der Gründer:innen das Programm.

Auch der Hackathon gehört zu dieser Rechnung. Er ist kostenlos und offen für alle. Vor allem soll er zeigen, wie schnell man heute von der Idee zum MVP kommt. Kreiger sagt aber auch ganz offen, dass er für das Founder Institute ein Marketing- und Recruiting-Event ist.

Die Bilanz nach zwei Jahren

Das Founder Institute gibt es seit 2009, das Austria-Chapter startete im Herbst 2024. Seither hat das Wiener Team 27 Startups gelauncht, das jüngste erst eine Woche vor dem Hackathon. Viele davon kommen allerdings nicht aus Österreich, sondern etwa aus Frankreich, Benelux oder der Schweiz. Denn das Team betreut auch Frankreich und Benelux, wo es kein eigenes Chapter gibt. Das Headquarter habe ihnen diese Länder übertragen, „nachdem wir anscheinend eh einen gut genug Job machen“, so Kreiger.

Fünf der 27 Startups haben laut Kreiger österreichische Gründer:innen, eines davon ist als Delaware C-Corp in den USA gegründet. Sie arbeiten in MedTech, AdTech, EdTech und im Projektmanagement für Softwareentwicklung. Kennt man sie schon? „Nein, die sind noch nicht so groß“, sagt Kreiger. Die ältesten seien eineinhalb Jahre alt.

Auch das Chapter selbst ist nicht der erste Versuch. Laut Kreiger war das Founder Institute rund um 2020 schon einmal in Österreich aktiv, aber nur kurz. Für den Neustart ging das Headquarter auf Sadowska zu, die als Executive in mehreren Tech-Startups gearbeitet hat. Sie holte Kreiger für das operative Geschäft dazu. Er hatte zuvor am i²c der TU Wien sein erstes Startup gebaut. Und warum Wien? Ganz pragmatisch: Beide leben hier.

Die Hürde hat sich verschoben

Für das Ende des Abends rechnet Sadowska mit rund 20 Pitches. Bei der ersten Auflage im Juni in der ÖBB Open Innovation Factory waren es nach 60 Minuten 16. Abgestimmt wird über ein Voting-Tool, das ebenfalls mit Lovable gebaut wurde.

Ob aus den Prototypen des Abends Startups werden, entscheidet sich woanders. Das Founder Institute setzt darauf, dass sich die Hürde verschoben hat: weg vom Bauen, hin zur Frage, ob jemand ein Problem löst, für das Kund:innen zahlen. Ob diese These trägt, müssen die nächsten Batches zeigen.


Info:

Bewerbungsschluss für den Herbst-Batch des Founder Institute Austria ist der 6. Oktober, Programmstart der 21. Oktober. Bewerbung über fi.co/apply/austria.

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