22.12.2021

Österreich hat auch zwei Unicorns später ein Startup-Bewertungs-Problem

Es gibt zwei unterschiedliche Logiken, wie Startups zu bewerten sind. Die eine produziert viele Unicorns, die andere ist in Österreich gebräuchlich. Ein Plädoyer für mehr Risiko beim Risikokapital.
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Österreich hat ein Startup-Bewertungs-Problem - ein Plädoyer für mehr Risiko im Risikokapital
brutkasten-Redakteur Dominik Perlaki (c) Magdalena Schauer-Burkart | Hintergrund: (c) Adobe Stock - Stockwerk-Fotodesign
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Seit diesem Jahr haben wir sie endlich: Unsere ersten zwei Unicorns nach gängiger Definition (Atomicos „State of European Tech“-Report kommt auf sechs Stück, aber das ist ein anderes Thema). Außerdem gab es eine ganze Reihe an hohen Investmentrunden für weitere Startups, wie man es in Österreich bislang nicht gewöhnt war. Auch entstehen endlich heimische Fonds, die sich an das Thema Anschlussfinanzierung trauen – wenn auch noch nicht in der Unicorn-Kategorie. Man könnte also meinen, der Bann ist gebrochen: Die Startup-Finanzierung bleibt endlich nicht mehr irgendwo bei Seed- bis Serie A-Runden stecken.

Doch primär hat sich nur eines geändert: Es ist erheblich mehr Geld für Startup- und vor allem Scaleup-Investments im Markt – und das primär immer noch aus Übersee. Die ersten Unicorns Österreichs waren längst überfällig. Beide sind Unternehmen, die erst einmal aus eigener Kraft bzw. mit wenig externem Kapital (und letztlich mit für sie sehr vorteilhaften äußeren Umständen) extrem weit gekommen sind, bevor sie die Aufmerksamkeit der großen internationalen Fonds erregten, die dann zur Milliarden-Bewertung investierten. Bei den weiteren heimischen Unicorn-Kandidaten ist es ähnlich. Sie haben alle mit ein paar investierten Millionen ein beachtliches, gut laufendes Business aufgebaut, bevor wirklich große Summen flossen.

Verschiedene Logiken in der Bewertung

Nun kann man argumentieren, dass es ja irgendwie logisch ist, dass sich ein Startup erst beweisen muss, bevor es soviel Vertrauen in Form einer hohen Investmentsumme mit entsprechend hoher Bewertung verdient. Ja, das ist es. In Österreich und den meisten anderen europäischen Ländern. Hier gilt: Bloß nicht zu viel Risiko beim Risikokapital. Es gibt aber auch eine andere Logik: Jene, die in den USA und China, aber etwa auch im Vereinigten Königreich und immer stärker in Indien dazu führt, dass am laufenden Band nicht nur Unicorns, sondern Decacorns entstehen, die ihren globalen Mitbewerbern blitzschnell davonziehen. Es ist eine Logik, wie sie etwa in einem kürzlich publizierten, lesenswerten Gastbeitrag des US-Investors Scott Lenet im US-Magazin TechCrunch dargelegt wird.

Diese Logik besagt (stark verkürzt): Die Idee von Risikokapital ist es, in einen zukünftigen Erfolg zu investieren (was mit einem erheblichen Risiko verbunden ist). Ob dieser Erfolg eintritt, steht und fällt damit, ob schnell (sehr) viel Kapital da ist, oder nicht. Wenn man für die Bewertung eines Startups beim Investment klassische Parameter heranzieht, vernichtet man damit vielleicht gleich seine Chancen, ganz groß herauszukommen. Denn nach klassischen Kriterien ist ein Unternehmen ganz am Anfang, bevor es Umsätze macht, oder auch etwas später, wenn es gerade seine ersten Kunden betreut, wenig bis gar nichts wert, wie auch Lenet schreibt – auch wenn es das Potenzial hätte, das nächste Google oder Facebook zu werden. Es ist aber überhaupt nicht sinnvoll, für wenig Geld einen großen Anteil oder gleich das ganze Startup zu kaufen, wenn man will, dass es stark wächst.

Denn erstens braucht man für sehr schnelles Wachstum eben sehr schnell sehr viel Geld (und natürlich auch den Willen, das durchzuziehen). Zweitens werden potenzielle weitere Investor:innen davon abgeschreckt, wenn die Gründer:innen zu einem relativ frühen Zeitpunkt schon zu große Teile ihres Startups abgegeben haben. Und drittens ist es für die Unternehmer:innen logischerweise deutlich motivierender, selbst diejenigen zu sein, die am meisten von ihrem Business profitieren.

„Wir tun so, als hätte das Startup einen Wert, damit alle eine Chance haben, zu gewinnen“

Lenet schreibt: „Wir tun so, als hätte das Startup einen Wert, damit das Team des Startups motiviert ist und alle Beteiligten eine Chance haben, zu gewinnen. In den meisten Fällen wird der Risikokapitalgeber auch nicht die Mehrheit an dem Startup übernehmen, denn eine Kontrollposition bedeutet, dass der Unternehmer ‚für die Investoren arbeitet‘. Die Philosophie des Risikokapitals besteht darin, dass der Unternehmer das Unternehmen führt und der Investor Kapital und Unterstützung im Austausch für eine Minderheitsbeteiligung und eine nicht-operative Rolle bereitstellt“.

Und wie bewertet der US-Investor Startups? Ähnlich wie im Immobilienbereich gebe es einen typischen Marktwert von Startups, der sich anhand mehrerer Parameter wie Unternehmensphase, vergleichbare Deals in der Branche und natürlich Umsatzprognosen ermitteln lasse, erklärt Lenet: „Für einen Venture Capitalist spielt es keine Rolle, ob ein Startup heute einen inneren Wert von Null hat, wenn die Chance besteht, das Zehnfache oder mehr unseres Geldes zu verdienen. Es ist das potenzielle Vielfache, das zählt, und nicht, ob wir traditionelle Finanzmetriken auf ein Startup anwenden können“.

Österreich braucht (noch immer) mehr Risiko beim Risikokapital

Vieles von dem werden heimische Investor:innen wohl auch unterschreiben. Bei den Summen und Bewertungen in der frühen Phase sind sie dann aber de facto erheblich vorsichtiger als ihre Kolleg:innen in Übersee. Dieses grundverschiedene Mindset führt zwar einerseits dazu, dass sie eine deutlich geringere Ausfallsquote unter ihren Investments haben. Andererseits sind die Erfolge der stärksten Startups im Portfolio dafür aber im Durchschnitt viel kleiner. Und das führt letztlich dazu, dass Europa keine Tech-Giganten hervorbringt, obwohl genug Startups das Zeug dazu hätten, und unser technologischer Alltag fest in US-amerikanischen und chinesischen Händen bleibt.

Natürlich hat das alles auch eine nicht zu unterschätzende politische Dimension. Die Gesetzgebung hierzulande ist der Entwicklung eines wirklich starken Risikokapitalmarkts definitiv nicht dienlich und Verbesserungen gab es in den vergangenen Jahren trotz Lippenbekenntnissen der Verantwortlichen kaum. Aber auch unter diesen Rahmenbedingungen wäre definitiv mehr drinnen. Dafür bräuchte es mehr Risiko beim Risikokapital. Doch Österreich hat auch zwei Unicorns später noch immer das selbe Startup-Bewertungs-Problem.

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© Niceshops -Firmensitz Niceshops.

Im ersten Halbjahr 2026 erzielte Niceshops, der Betreiber von rund 30 Nischen-Online-Shops in unterschiedlichen Produktkategorien in bis zu 18 Sprachen, einen Umsatz von 97,3 Millionen Euro und ein EBITDA von rund fünf Millionen Euro. Der Umsatz stieg damit um 23,6 Prozent, das EBITDA um 38,3 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2025. Während der österreichische Handel laut Wirtschaftskammer Österreich im ersten Halbjahr 2026 inflationsbereinigt um 0,7 Prozent schrumpfte, entwickelte sich Niceshops gegenläufig.

Niceshops: „Nicht um jeden Preis“

„Wir wachsen nicht um jeden Preis. Dass unser EBITDA deutlich stärker steigt als der Umsatz, zeigt, dass wir unsere Prozesse mit dem Wachstum skalieren können und gleichzeitig unsere Margen verbessern“, sagt Geschäftsführerin Carina Hödl. „Gerade in einem Marktumfeld, in dem viele Händler mit rückläufigen Umsätzen und Margendruck kämpfen, ist diese Entwicklung ein deutlicher Beleg für die Stärke unseres Geschäftsmodells.“

Die aktuellen Zahlen markieren eine Erholung nach den schwierigen Jahren 2022 und 2023. Anfang 2024 musste Niceshops rund 90 der damals etwa 450 Mitarbeiter:innen abbauen. Das entsprach rund einem Fünftel der Belegschaft – brutkasten berichtete.

Der Weg aus der Krise erforderte erhebliche Einschnitte. Geschäftsführer Christoph Schreiner beschrieb die Lehren daraus im Mai im Podcast 123C unter anderem als Mischung aus „Größenwahn und Respekt vor dem Mitbewerber“ und sprach gar von 130 Kolleg:innen, die gehen mussten. Folglich setzte das Unternehmen dabei auf eine intensive Restrukturierung gemeinsam mit den finanzierenden Banken.

2025 erfolgreichstes Geschäftsjahr

2025 folgte das bislang erfolgreichste Geschäftsjahr der Unternehmensgeschichte: Niceshops erzielte 169 Millionen Euro Umsatz und rund acht Millionen Euro EBITDA. Für 2026 hat das Unternehmen erstmals mehr als 200 Millionen Euro Umsatz als Ziel ausgegeben.

„Unser mittelfristiges Ziel ist klar. Wir wollen unser operatives Tagesgeschäft aus einem starken eigenen Cashflow finanzieren und damit aus eigener Kraft weiter wachsen“, beschreibt Firmengründer und Geschäftsführer Roland Fink die strategische Stoßrichtung.

Trotz der Erfahrungen aus der Krise investiert Niceshops weiter in seine Infrastruktur. Im Juli erwarb das Unternehmen am Standort Saaz ein 23.000 Quadratmeter großes Grundstück. Damit sollen zusätzliche Möglichkeiten für die Weiterentwicklung der Logistik geschaffen werden.

Niceshops arbeitet an Robotiklösungen

Parallel bereitet Niceshops den gezielten Einsatz von Automatisierungs- und Robotiklösungen vor. Eine vollständige Automatisierung des Standorts ist in der aktuellen Unternehmenskommunikation nicht als Ziel formuliert; vielmehr spricht man von einem gezielten Einsatz entsprechender Technologien.

Auch im firmeninternen Portfolio gibt es Wachstumsimpulse. 3DJake bleibt innerhalb der rund 30 von Niceshops betriebenen Shop-Welten der größte Umsatzbringer. Das Unternehmen bezeichnet den Spezialisten für 3D-Druck als europäischen Marktführer im Onlinehandel seines Segments. Mit Peganto hat das Unternehmen im laufenden Jahr zudem einen weiteren Online-Shop auf den Markt gebracht.

DACH dominiert

International bleibt der DACH-Raum die umsatzstärkste Kernregion, wie aus der Aussendung hervorgeht. Gleichzeitig entwickeln sich die Märkte außerhalb Deutschlands, Österreichs und der Schweiz laut Niceshops noch dynamischer. Das größte relative Wachstum verzeichnete das Unternehmen zuletzt in Ungarn – genaue Zahlen dazu werden jedoch nicht genannt. Bis zum Frühjahr 2027 sollen zwei weitere Länder erschlossen werden.

Schreiner abschließend dazu: „Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, dass neue Märkte und Shop-Konzepte in die bestehende Technologie- und Logistikstruktur effizient integriert werden können.“

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