22.05.2025
MILLIARDENMOTOR

Milliardenpotenzial im All: Österreich will Hightech-Standort mit ESA-Offensive stärken

In der Weltraumwirtschaft entscheiden sich nicht nur Fragen des Wirtschaftswachstums, sondern auch jene der Souveränität. Kann Europa auf dem globalen Markt mithalten?
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Vertreter:innen der Weltraumwirtschaft: Josef Aschbacher, Generaldirektor der ESA, Karin Tausz, Geschäftsführerin der FFG, Sabine Herlitschka, Vizepräsidentin der Industriellenvereinigung und Dieter Grebner, Präsident von Austrospace.
Vertreter:innen der Weltraumwirtschaft: Josef Aschbacher, Generaldirektor der ESA, Karin Tausz, Geschäftsführerin der FFG, Sabine Herlitschka, Vizepräsidentin der Industriellenvereinigung und Dieter Grebner, Präsident von Austrospace | Foto: Gerald Kührer

Im Kampf um die technologische Souveränität reicht der Blick mittlerweile bis ins All. Aber es geht nicht nur um geopolitischen Einfluss, sondern auch um ökonomische Vorteile. Die Weltraumwirtschaft gilt mittlerweile als wichtiger Sektor der heimischen Wertschöpfungskette.

Aber: „Österreich muss aufpassen, dass es nicht zurückfällt“, sagt Josef Aschbacher, Generaldirektor der European Space Agency (ESA). In puncto Forschung sei Österreich ein Vorreiter, allerdings hapere es zuweilen an der Industrialisierung. Expert:innen wie Aschbacher, Karin Tausz, Sabine Herlitschka und Dieter Grebner sehen großes Potenzial, immerhin verzeichnet die Branche bereits jetzt 250 Millionen Euro Jahresumsatz. Das kommunizieren sie auf einer gemeinsamen Pressekonferenz. brutkasten war vor Ort.

Wirtschaftsfaktor Weltraumwirtschaft

Eine aktuelle Studie des Economica Instituts belegt die volkswirtschaftliche Wirkung des Sektors: 198 Millionen Euro Bruttowertschöpfung bei rund 250 Millionen Euro Jahresumsatz, 150 Unternehmen – Tendenz steigend. Innovationsminister Hanke spricht von einer „Trägerrakete für den Standort“.

Tatsächlich kommuniziert auch die ESA gute Zahlen: Das Exportverhältnis der ESA-Investitionen liege bei eins zu vier, ein Euro Investition in den Weltraum bringe entsprechend vier Euro zurück. Auch fiskalisch rentiere sich die Investition, die eingesetzten Mittel würden nahezu vollständig in Form von Steuern zurückgezahlt werden. Und: „Man kann von einem sozioökonomischen Nutzen in Höhe von einer Milliarde Euro ausgehen“, sagt Sabine Herlitschka, Vizepräsidentin der Industriellenvereinigung und CEO von Infineon. Die Schätzung beruht darauf, dass der Weltraumsektor starken Einfluss auf andere Branchen hat.

Bis zu 320 Millionen Euro für ESA

Um den Standort zu stärken will Österreich beim nächsten ESA-Ministerrat im November bis zu 320 Millionen Euro zeichnen, so Hanke. Aktuell sind es 260 Millionen Euro. Das ESA-Budget ist zwar nur ein Teil des gesamten österreichischen Weltraumengagements, aber es ist der sichtbarste und strategisch wichtigste Hebel auf internationaler Bühne. So soll die heimische Hightech-Industrie gestärkt werden.

Tech-Souveränität Europas

Dabei geht es nicht allein um den Wirtschaftsfaktor. Angesichts der geopolitischen Lage kämpft Europa um Souveränität. „Die Auswirkungen der Russland-Ukraine-Krise zeigen, wie abhängig Europa ist – etwa davon, ob die USA es zulassen, dass sich die Ukraine wehren kann“, sagt Dieter Grebner, Präsident von Austrospace und Gründer von PeakTechnology.

Das ist auch bei der ESA ein großes Thema. „Wir passen unsere Programme an die Bedrohungen im Osten und Westen an“, sagt Aschbacher. Kritische Technologien wie Sensortechnologie, Quantentechnologie und KI müssten stärker integriert werden. „Der Weltraum befindet sich derzeit in einer zweiten Revolution“, so der ESA-Generaldirektor.

Weltraumwirtschaft: Abwanderung ins Silicon Valley

Aber im Vergleich mit Amerika hinkt Europa wie so oft hinterher. „Etwa 100 Milliarden Euro werden weltweit jährlich für Raumfahrt ausgegeben – 60 Prozent davon in den USA, hauptsächlich durch NASA und Space Force, 15 Prozent in China, und nur zehn Prozent in Europa“, sagt Aschbacher. Das bedeutet: Europa investiert etwa ein Sechstel dessen, was Amerika in die Raumfahrt steckt. „Als Chef der europäischen Weltraumagentur beunruhigt mich, dass die besten Talente ins Silicon Valley abwandern. Die Drohung steht im Raum, dass wir sie verlieren“, sagt Aschbacher.

Bündnispartner USA?

Dass die USA als verlässlicher Bündnispartner wegfallen, kann die Entwicklung der Weltraumwirtschaft in Österreich vorantreiben. Nichtsdestotrotz muss sich der Standort vorbereiten. Kürzungen in der amerikanischen Forschung könnten auch ESA-Projekte treffen. Aschbacher wolle auf alle Szenarien vorbereitet sein. „Wir sind ein guter Partner und wollen die Kooperation mit der NASA fortführen – auch wenn die USA das NASA-Budget kürzen“, sagt er.

Neue Programme in Planung

Neue Programme wie European Resilience from Space (ERS) sollen Europa stärker machen. „Das ERS-Programm führen wir gemeinsam mit der Kommission durch – es ist vergleichbar mit dem amerikanischen Starshield“, erklärt Aschbacher. Bereits in wenigen Jahren sollen die ersten Satelliten starten. Neben den USA gilt auch China als starker Konkurrent.

Trotz der angespannten Lage wollen die Expert:innen weiterhin auf Zusammenarbeit setzen. SpaceTech sehen sie als globale Aufgabe. „Es wird nie alles aus Europa kommen – aber wir müssen unsere Stärken weiter ausbauen“, sagt Herlitschka.

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Startup-Coach Florian Kandler rät Gründer:innen, schon vor dem fertigen Produkt zu verkaufen | Foto: Bianca Perfahl

Florian Kandlers Startup Report erscheint heuer in elfter Ausgabe und wurde im Mai gemeinsam mit KPMG präsentiert. Er ist bewusst kein Datenwerk und kein politisches Papier: Die Zahlen bekomme man ohnehin auf Knopfdruck, so Kandler. Stattdessen befragt er jene Gründer:innen, die bereits Funding eingesammelt haben, nach ihren konkretesten Learnings. Kandler hat seit seiner Rückkehr aus dem Silicon Valley über 3.000 Gründer:innen begleitet, die zusammen mehr als eine Milliarde Euro aufgenommen haben, und ist bereits im achten Jahr offizieller Startup-Coach bei „2 Minuten 2 Millionen“.

Aus den Antworten lässt sich heuer eines klar herauslesen: Der Druck Richtung Traction steigt. Kapital konzentriert sich auf wenige Segmente, die Abstände zwischen den Runden werden länger, und Investor:innen wollen Proof from the Market sehen, nicht bloß eine gute Geschichte. Lukas Lauder von Repark bringt es im Report auf den Punkt: „Investors don’t invest in your product, they invest in momentum.“

Daraus ergibt sich ein Dilemma, das gerade First-Time-Founder kennen: Wie baut man Traction auf, wenn das Kapital dafür noch fehlt? Kandlers Antwort ist ein Mindset-Shift, den er „Sales before the product“ nennt.

Du machst den Report seit elf Jahren. Welcher Trend sticht heuer am stärksten heraus?

Die starke Verschiebung hin zu Traction. Die Leute wollen immer mehr Momentum und Proof from the Market sehen, nicht nur den Beweis, dass jemand eine gute Geschichte erzählen kann oder dass theoretisch Potenzial da ist. Stefan Steiner von Don’t Call it Deo sagt es so: nicht nur auf die Idee fokussieren, sondern auf Market Traction. Storytelling ist für Pitch Competitions oder Community Pitches nett, aber wenn du mit Investor:innen sprichst, musst du in einen anderen Gang schalten. Da zählt Groove.

Zieht sich das durch alle Phasen?

Durch alle Fundingphasen, von den ganz Kleinen bis zu den Großen. Nur bedeutet Traction in jeder Phase etwas anderes, und es verschiebt sich, was dort durchschnittlich und was überdurchschnittlich ist. Was sich nicht verschiebt: Es muss heute einfach mehr an Traction da sein als noch vor einigen Jahren. Eine Idee und eine tolle Vision allein, und dann kommt das Geld, das funktioniert nicht mehr.

Das klingt nach einem Dilemma: Ohne Kapital ist Traction schwer aufzubauen.

Das ist einer der großen Denkfehler, die ich bei jungen Gründer:innen immer wieder sehe. Viele kommen mit: „Ich hatte vor Jahren die Idee, habe daran gebastelt, das Potenzial ist riesig, und jetzt suche ich einen strategischen Investor, der mich bei Marketing und Vertrieb unterstützt.“ Bastler mit Idee, null Market Validation. Oder: „Ich kann ja nichts verkaufen, ich habe das Produkt noch nicht.“ Das ist grundfalsch. In der Sekunde, in der du die Idee hast, überlegst du: Wer ist die ideale Zielgruppe? Du baust deine Hypothese darum, gehst raus und sprichst mit diesen Leuten, auch wenn dein Produkt erst in drei Jahren fertig ist. Die Traction, die du aufbaust, ist das Interesse, das du dort erzeugst.

Hast du ein Beispiel?

Ich betreue gerade einen Gründer, der schon jetzt Pre-Orders schreibt und pro Kunde 10.000 Euro kassiert, damit sich diese das Recht sichern, die ersten Pilotkunden werden zu dürfen. Das Produkt ist noch lange nicht fertig, er hat aber ganz klar einen Nutzen bei den Kunden identifiziert und mit smartem Verkauf FOMO erzeugt. So konnte er schon Aufträge erhalten, bevor das Produkt fertig ist. Das ist Traction.

Und im Consumer-Bereich?

Da sage ich den Leuten bei „2 Minuten 2 Millionen“: Der Pitch ist so gut, wie er sein kann. Aber bis du in sechs Wochen im Studio bist, mach eine einzige Sache. Geh raus in alle Mom-and-Pop-Shops, die dein Produkt brauchen können, verkauf es ihnen, gib es ihnen auf Kommission, erzeug Traction. Wenn das Produkt noch nicht fertig ist, hol dir zumindest ein Stück Papier, etwa eine unterzeichnete Absichtserklärung, das zeigt: Die Leute wollen das. Erst letzte Woche hat ein Gründer aus Tirol, der sich gerade auf seinen großen Auftritt im Studio vorbereitet, genau das umgesetzt. Fünf Tage später schickte er mir eine aufgeregte WhatsApp-Nachricht, dass er über sein altes berufliches Netzwerk bereits zwei Vorbestellungen gewinnen konnte.

Was braucht es, damit das gelingt?

Zwei Dinge. Erstens ein Produkt, das wirklich mit dem Markt resoniert. Wenn du das nicht hast, hast du ohnehin kein Anrecht auf Kapital. Und zweitens die Fähigkeit und die Bereitschaft, rauszugehen. Die fehlt vielen, teils weil sie es nicht können, teils weil sie es nicht wollen. Aber das lässt sich mit Kompetenzaufbau ganz gut heilen: Sobald du merkst, das funktioniert und die Leute finden es geil, kriegst du auch Mut. Ich sehe das regelmäßig in meinen Beratungen, wie meine Gründer dann plötzlich Eigendynamik entwickeln. „Sales before the product“ ist einer der größten Mindset-Shifts, die junge Gründer:innen verstehen müssen. Wenn man die Methoden einmal kennt, kann das wirklich jeder umsetzen.

Und wenn diese Bereitschaft im Team fehlt?

Dann wird es schwierig. Wenn alle Angst vor dem Kunden haben, fehlt genau die Person, die keine Angst hat, und die braucht es. Die anderen verkriechen sich hinterm Computer, denken sich digitale Ad-Kampagnen aus oder gehen zum Investor und sagen: „Ich brauche 300.000 Euro, davon 150.000 fürs Marketing.“ Das gibt dir niemand, solange du nicht im Kleinen getestet hast, ob die Leute es überhaupt brauchen. In 99 Prozent der Fälle gibt es Growth Hacks, mit denen du ohne Cash-Budget Staub aufwirbeln und sehen kannst, ob es funktioniert oder nicht.

Konkret: Wie geht man mit einem unfertigen Produkt im B2C auf Kund:innen zu?

Ein möglicher Weg im Consumer-Bereich ist, die Leute auf Social Media abzufangen. Ich betreue gerade eine Gründerin, die eine sehr intelligente Functional-Cosmetics-Brand aufbaut. Jeder Investor hofft, dass jemand im Team versteht, daraus auf Social Media Buzz zu bauen. Wenn dein Produkt neuartige Eigenschaften hat, musst du es so vermarkten, dass die Leute heiß werden und du vielleicht einen Pre-Sale machst, wie beim Fashion Drop: Die Kollektion kommt erst im September, aber die Leute zahlen heute schon. Irgendjemand muss diese Message rüberbringen, ob als Person und Fürsprecherin, wie coole Food-Gründerinnen, die vor der Kamera ihr Produkt zeigen, oder abstrakter über Content und meinetwegen KI-generierte Avatare. Und das ist nur einer von mehreren möglichen Wegen, die man je nach Unternehmen und Situation einschlagen kann.

Und im B2B?

Da musst du ran an den Speck, und Networking ist entscheidend. Ich gebe in Workshops eine Übung: Nimm dein Telefon, schau, wer da drin ist und wer von denen wen kennen könnte. Ruf deine zehn besten Freunde an, die dich mögen, dir Gutes wollen und die wissen, dass du kein Depp bist, und sag: „Ich suche jemanden in dem und dem Bereich, kennst du wen?“ Du wärst überrascht, wie schnell die ersten Termine stehen. Funktioniert auch auf Konferenzen und Events, wo diese Menschen herumlaufen. Aber weg von diesen drögen Kundeninterviews à la „Würdest du das kaufen?“. Das ist fast wertlos, für die Unternehmer:innen wie für Investor:innen. Wer es ernst meint, liest „The Mom Test“, denkt den Inhalt dieses Buchs konsequent wie ein Verkäufer weiter und baut aus dem Gespräch direkt einen Sales-Funnel. Im besten Fall ist das eine Pre-Order mit Cash, im nächstbesten eine Pre-Order ohne Cash, dann ein Letter of Intent.


Info: Fundraising Winter Camp™ 2026

Jeden Winter bereitet Florian Kandler eine kleine Gruppe von zehn Startups in drei Wochen online auf ihre Investor:innen-Suche vor. Das Camp 2026 startet am 14. Jänner.. Die Sommer-Version des Camps läuft seit 10 Jahren immer im Juli. Die Plätze sind jedes mal ausgebucht. Wer beim nächsten Durchgang dabei sein will, kann sich über Florian Kandlers Newsletter auf www.GetFunding.how/camp voranmelden und wird zum nächsten Camp eingeladen.

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