23.08.2021

OeNPAY Idea Competition: Fintech-Ideen aus diversen Teams

An der WU Executive Academy rauchten am 12. und 13. August die Köpfe: MBA-Studierende aus 16 Ländern weltweit entwickelten innovative Ideen für die Finanz- und Payment-Branche.
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OeNPAY Idea Competition
Das Team der OeNPAY mit den Siegern der OeNPAY Idea Competition und Vertretern der WU Executive Academy sowie des Instituts für Entrepreneurship und Innovation der WU Wien. | Foto: © OeNPAY Financial Innovation HUB GmbH
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Kaum ein Wirtschaftsbereich ist derzeit so von Disruption und Umbrüchen betroffen wie der Finanzsektor. Online-Banken, Fintechs und digitale Payment-Services schießen aus dem Boden, der digitale Euro rückt mit der Zustimmung durch die Europäische Zentralbank in greifbare Nähe.

Doch wo findet man frische, innovative Business-Ideen – und wo die zugehörigen kreativen Köpfe? Am 12. und 13. August kamen an der WU Executive Academy daher 36 Studierende der MBA-Studiengänge „Marketing & Sales“ und „Entrepreneurship & Innovation“ zusammen, um im Rahmen der OeNPAY Idea Competition gemeinsam innovative Lösungen und Use Cases im Bereich Echtzeitzahlungen und e-ID entwickeln. Nicht nur der Ideenwettbewerb selbst war als kollaboratives Format aufgesetzt, auch die Organisation selbst entstand im Rahmen einer Kollaboration zwischen OeNPAY, der WU Executive Academy und dem Institut für Entrepreneurship & Innovation an der WU Wien.

„Mit der OeNPAY Idea Competition haben wir den Startschuss gesetzt, das Zusammenspiel verschiedener Player im Payment-Bereich zu fördern. Viele von diesen Ideen haben echtes Markt- und Anwendungspotenzial“, sagte Franz Deim, der mit Bernhard Krick die Geschäftsführung der frisch gegründeten OeNPAY Financial Innovation Hub GmbH innehat. OeNPAY ist eine 100-prozentige Tochter der Österreichischen Nationalbank, die mit der Vernetzung verschiedenster Stakeholder Innovation im Zahlungsverkehr vorantreiben will.

„Innovation entsteht besonders dann, wenn kreative Köpfe mit unterschiedlichen kulturellen und beruflichen Hintergründen miteinander Neues erarbeiten. Das Lernen voneinander und miteinander ist wesentlicher Bestandteil in unseren MBA- und Executive Education-Programmen. Daher war es für mich sofort klar, dass ich so ein kollaboratives, innovatives Format aus Überzeugung mittrage“, ergänzte Barbara Stöttinger, Dekanin der WU Executive Academy.

Kollaboration macht innovativ

„In Europa haben wir eine lange Tradition des Getrenntseins in Arbeitsprozessen. Dabei könnten Unternehmen gerade die sich ergänzende Unterschiedlichkeiten der MitarbeiterInnen und Teams für Innovation nutzen. Wir wollten Entrepreneurship und Innovation auch programmatisch für unsere Studierenden erlebbar machen“, sagt Nikolaus Franke, Vorstand des Instituts für Entrepreneurship und Innovation an der WU Wien und Akademischer Leiter des WU Professional MBA in Entrepreneurship and Innovation an der WU Executive Academy. „Wir hatten schon länger vor, interdisziplinär und kollaborativ eine Art Ideenwettbewerb umzusetzen. Als die OeNPAY bei uns angefragt hat, waren wir sofort dabei“, so Peter Keinz, stellvertretender Vorstand des Instituts für Entrepreneurship und Innovation.

Um in das Thema einzuführen, war Valentin Stalf, Co-Gründer und CEO des aufstrebenden Fintechs der ersten Stunde, N26, als Keynote-Speaker zu Gast. Der Ideenwettbewerb war nicht nur der erste seiner Art an der WU Executive Academy, sondern fand auch gleich im hybriden Format statt: Drei der acht Teams arbeiteten miteinander virtuell an Ideen und pitchten diese dann auch vor der Jury, die vor Ort anwesend war.

„Wir waren überrascht, wie gut das funktioniert hat und wie viele wertvolle Ideen mit sehr hohem Niveau binnen kürzester Zeit entstanden sind“, sagte Peter Keinz. Am Ende des zweiten Tages kürte die Jury die beiden Gewinner-Teams. Zu den Jury-Mitgliedern zählten Thomas Labenbacher (Founder/CEO Assetera AG & Ventures), Irene Fialka (INiTS), Michael Müller (eQventure), Thomas Hillebrand (i5invest) und Hannah Wundsam (Austrian Startups).

Diversität als Motor

Als wesentlicher Innovationsmotor stellte sich die Diversität der Teams heraus: die 36 MBA-Studierenden kommen aus sechzehn Ländern weltweit und sind in den verschiedensten Branchen tätig. Auch die TeilnehmerInnen der OeNPAY Idea Competition selbst waren überrascht von der rasanten Ideenentwicklung in den Teams. „Für mich war die Arbeit im Team sehr bereichernd. Es war interdisziplinär zusammengesetzt: eine Frau in Mutterkarenz aus Chile, eine Managerin eines österreichischen Startups aus den USA, ein Experte aus der Pharmabranche in Mazedonien: Jeder von uns brachte eine andere, neue Perspektive auf den Tisch“, erzählte Augustin Coreth, dessen Team die hochkarätige Jury mit einer ausgefeilten Idee zu einem Unified Payments Interface überzeugen konnte.

„Wir sehen großes Potenzial darin, ein Meta-Konto zu entwickeln, über das der User nicht nur auf all seine unterschiedlichen Bankkonten zugreifen, sondern auch direkt Transaktionen tätigen kann. Unsere Vision dabei ist es, dass eine Rechnung nicht mehr per Post, PDF oder XML sondern lediglich als push notification auf das Handy zugestellt wird. Zeitgleich wird sie in einem cloudbasierten invoice repository abgelegt. Der User wählt das Zahlungskonto aus, gibt den Betrag frei und die Transaktion wird vollautomatisch im Hintergrund abgewickelt“, sagte Augustin Coreth.

Er selbst führt ein Familienunternehmen im Wein- und Obstbau in Norditalien und hatte beruflich keine Berührungspunkte mit der Fintechbranche, „aber ich sehe hier großes Innovationspotenzial. Der Finanzsektor ist eine der derzeit am stärksten vom digitalen Wandel betroffenen Branchen – eine sehr spannende Entwicklung ist die Blockchaintechnologie, die das gängige Geschäftsmodel von Retailbanken radikal aufbrechen und mittelfristig sogar obsolet machen könnte“, sagt er. An der Teilnahme hat ihn vor allem die Idea Competition in Form eines Hackathons gereizt, „und es war eine schöne Gelegenheit, die KollegInnen nach einer Reihe des Online-Studiums wieder vor Ort zu treffen“, erzählte er.

Irina Kirsanova, Teilnehmerin im zweiten Gewinner-Team, reizte vor allem „die Möglichkeit, mehr über Startups zu lernen und gemeinsam etwas Neues zu schaffen.“ Überrascht hat sie ebenfalls, „wie leicht und reibungslos wir trotz unserer unterschiedlichen Hintergründe zu gemeinsamen Schlussfolgerungen und Entscheidungen gekommen sind – und wie wir aus mehreren unterschiedlichen eine große gemeinsame Idee entwickelt haben.“ Die Idee mündete in einer Bank-App für ältere Menschen in Europa: „Sie soll älteren Menschen die Möglichkeit geben, die neuesten Technologien im Alltag und auch bei Zahlungstätigkeiten nutzen zu können“, sagte Irina Kirsanova.

Erwartungen bei allen Beteiligten übertroffen

Die OeNPAY Idea Competition hat bei allen Beteiligten die Erwartungen übertroffen. „Es hat zahlreiche exzellente Anwendungskonzepte gegeben – angefangen bei Cash-Flow-Lösungen, die sich Kryptowährungen zu Nutze machen, bis hin zu KI-getriebenen Identifikationsprozessen für Banken. Wir freuen uns sehr darüber, was bei der OeNPAY Idea Competition entstanden ist“, freute sich OeNPAY-Geschäftsführer Bernhard Krick.

Auch Barbara Stöttinger zeigte sich erfreut über den Erfolg des Formats: „Die Studierenden haben echte Lösungsansätze mit Potenzial erarbeitet, die sicher Raum für Weiterentwicklung bekommen werden“, sagte sie. Diesen kollaborativen Ansatz sieht Nikolaus Franke auch als innovationsförderndes Element für Unternehmen: „Für Innovation braucht es auch in Unternehmen diese Aktivierungsenergie, die entsteht, wenn Menschen zusammenkommen und gemeinsam Neues erarbeiten. Diesen Energieschub könnten Unternehmen noch stärker nutzen.“

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Codesphere-Gründer Elias Schneider | (c) brutkasten / Dervisevic
Codesphere-Gründer Elias Schneider | (c) brutkasten / Dervisevic

„Es hat sich noch nie so echt angefühlt, wirklich eine Alternative zu den US-Hyperscalern bauen zu können”, sagt Elias Schneider, Gründer und CEO von Codesphere, im brutkasten-Talk über die aktuelle Dynamik auf dem europäischen Cloud-Markt. Das deutsche Scaleup will mit seinem Modell den großen US-Anbietern die Stirn bieten.

Deutsche Regierungsinstitutionen als Referenzkunden

„Wir bauen einen virtuellen Cloud-Provider, also nicht den gesamten Stack eines Hyperscalers mit Rechenzentren und Servern, sondern quasi nur die Software“, erklärt Schneider. Damit konnte man bereits denkbar namhafte Kunden gewinnen: Das System kommt etwa in unterschiedlichen souveränen Plattformen der deutschen Bundesregierung zum Einsatz. Über das Plattform-Modell funktioniere das Angebot wie ein App-Store für jegliche Infrastruktur, sagt der Gründer. Damit könne Software beschleunigt beschafft und im kritischen Infrastrukturmarkt betrieben werden.

Dass Codesphere als europäischer Technologieanbieter auch im direkten Wettbewerb mit etablierten US-Konzernen bestehen kann, erläutert Schneider an einer kürzlich erfolgten Großausschreibung: „Wir haben gemeinsam mit der Schwarz-Gruppe, der Telekom und anderen Partnern eine Ausschreibung für die KI-Plattform der deutschen Bundesregierung im Wert von 250 Millionen Euro gewonnen – und das auch gegen Google.“ Die zuletzt gewonnenen Rahmenverträge des Unternehmens beliefen sich auf ein Gesamtvolumen von mehr als 500 Millionen Euro. „Das eigentliche Hauptargument, heute keine europäischen Lösungen zu kaufen, ist, dass sie nicht so viele Managed Services anbieten können wie die US-Hyperscaler. Dieses Bundle aufzubrechen, geht nur mit starken Partnerschaften in Europa und wenn wir es schaffen, dass man alles zusammen macht.“

“Einer unserer größten Skalierungs-Blocker”

Die Motivation für die Nutzung souveräner Plattformen begründet Schneider mit zentralen Sicherheits- und Wirtschaftsfragen. „Es geht einmal um Autonomie und darum, dass die Infrastruktur der kritischen Infrastruktur dem Bund gehört und man nicht von US-Lösungen abgeklemmt werden kann.“ Gleichzeitig schränke die Aufsplitterung des europäischen Marktes das Wachstum heimischer Unternehmen bisher stark ein. In den USA existierten einheitliche politische Interessen und dieselbe Regulatorik für einen riesigen Markt. In Europa gebe es hingegen pro Land, Bundesland und Sektor unterschiedliche politische Interessen sowie abweichende Regeln. „Das ist einer unserer größten Skalierungs-Blocker, weil wir in Europa keinen Markt haben, der groß genug ist, um Unternehmen zu bauen, die 100 oder 1.000 Milliarden wert sind. Und das liegt daran, dass wir zu wenig miteinander arbeiten.“

Elias Schneider (r.) im brutkasten-Studio mit Dejan Jovicevic | (c) brutkasten / Dervisevic

Um diese Hürden zu überwinden, spiele die öffentliche Hand als Auftraggeber eine Schlüsselrolle. Vor der veränderten geopolitischen Lage habe sich Codesphere zunächst auf regulatorisch anspruchsvolle Nischen und die kritische Infrastruktur fokussiert – wie etwa beim Gefängnis-Telefoniedienstleister Lawful Intercept oder der Staatsbank Baden-Württemberg. „Bei der kritischen Infrastruktur konnten Kunden aus regulatorischen Gründen nicht mit US-Anbietern arbeiten, weil es zu unflexibel war.“ Als sich die geopolitische Lage drehte und der Wandel einsetzte, profitierte Codesphere davon, dass das eigene Produkt diese strengen Sicherheitsstandards und Zertifizierungen aus den Nischenprojekten bereits erfüllte und gehärtet war.

Er wünsche sich, dass der Staat jungen Unternehmen frühzeitig als verlässlicher Ankerkunde zur Seite stehe, sagt Schneider. „Der Staat kann sehr helfen, gerade bei frühphasigen Startups, um die Sicherheit aufzubauen, dass das Startup nicht in sechs Monaten pleite ist. Es braucht keine Förderungen, sondern echte Aufträge, die dazu führen, dass man die Referenz hat, um den Rest der kritischen Infrastruktur zu gewinnen.“

“Sollten Importweltmeister von europäischen Lösungen werden”

Kritisch bewertet Schneider die europäische Neigung, digitale Souveränität primär über Regulierungen und Risikovermeidung zu definieren. „Wir denken viel zu viel darüber nach, was schiefgehen könnte, wenn wir in moderne Technologie investieren. Unsere Währung ist viel zu sehr Blame und wir haben viel zu viel Angst, etwas falsch zu machen.“ Anstatt sich lediglich auf Anwendungsschichten oder Regularien wie die DSGVO zu beschränken, müsse Europa mutig in Kerntechnologien wie Cloud-Infrastrukturen, Kernfusion oder eigene KI-Modelle investieren.

Schneider erzählt eine Anekdote: Auf einer Konferenz habe eine Meta-Vertreterin gefordert, Europa solle bloß „Adoption-Weltmeister“ werden, worauf sein Chief of Staff sarkastisch gefragt habe, ob man stattdessen “Importweltmeister” werden wolle. Schneider warnt davor, sich mit einer reinen Konsumentenrolle abzufinden: „Ich glaube schon, dass Deutschland Importweltmeister werden sollte, allerdings von europäischen Lösungen.“ Dafür müsse ein offener Binnenmarkt geschaffen werden, damit globale Player entstehen können.

Von den USA zurück nach Europa

Seinen Firmensitz verlegte Codesphere über einen sogenannten Reverse Flip bewusst von den USA als Europäische Aktiengesellschaft nach Europa zurück – vor allem, weil Schneider durch die geopolitische Wende im europäischen Staats- und Sicherheitssektor eine enorme Marktchance sah. Unabhängig davon bleibe der Kapitalmarkt ein Nadelöhr für das Wachstum europäischer Scaleups. Dabei konnte Codesphere selbst bisher rund 40 Millionen Euro an Gesamtkapital aufnehmen – darunter knapp 30 Millionen Euro in einer Series-A-Finanzierungsrunde unter Führung des Investors Creandum.

Dennoch bestehe beim Thema Wachstumskapital in Europa weiterhin Nachholbedarf: „Wir haben wahrscheinlich ungefähr zehn große europäische Wachstumsinvestoren – das ist schlichtweg zu wenig, um als Gründer echten Wettbewerb in den Verhandlungen zu haben.“ Zwar sei es vorübergehend akzeptabel, internationales Kapital ohne Kontrollrechte zu nutzen, doch brauche Europa nachhaltige eigene Strukturen. „Wir brauchen unbedingt einen europäischen Kapitalmarkt, und zwar so schnell es geht. Wir müssen dahin kommen, dass wir einen Börsengang mit einem attraktiven Bewertungsmultiple machen können, was die Börse in Frankfurt heute nicht bietet.“

Trotz der Herausforderungen blickt Schneider aber optimistisch auf die Zukunft des Standorts. Durch grenzüberschreitende Kooperationen und gemeinsame Beschaffung lasse sich das vorhandene Talent in Europa erfolgreich nutzen. „Wir müssen mehr zusammenarbeiten, uns mehr gegenseitig unterstützen, mehr voneinander einkaufen – sowohl politisch als auch in der Industrie.“ Wenn die Politik helfe, Barrieren abzubauen und grenzüberschreitend zusammenzuarbeiten, könnten in Europa auch echte globale Player skalieren.

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