26.01.2026
NACHLESE | FOLGE 3

Digitale Souveränität: „Autarkie ist ein Mythos“

Nachlese. Der Ruf nach digitaler Souveränität wird lauter, doch wie realistisch ist völlige Unabhängigkeit für Europa? In der neuen Folge von „No Hype KI“ erklären Experten, warum Unternehmen stattdessen auf „kontrollierte Abhängigkeit“ setzen sollten.
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Dietmar Wiesinger (Cancom), Gregor Dedl (base IT), Martin Hörmann (Microsoft) und Alexander Liebl (ACP)
Dietmar Wiesinger (Cancom), Gregor Dedl (base IT), Martin Hörmann (Microsoft) und Alexander Liebl (ACP) | Foto: brutkasten

„No Hype KI“ wird unterstützt von ACPEYITSVKEBA GroupLenovoMicrosoftONTEC AI und der Universität Graz.


Die geopolitische Weltkarte hat sich verändert und mit ihr die Anforderungen an die heimische Wirtschaft. In der neuen Folge der brutkasten-Serie „No Hype KI“ diskutieren Experten darüber, wie Unternehmen im Spannungsfeld zwischen globalen Tech-Giganten und europäischen Regularien bestehen können. Das Thema digitale Souveränität hat den Status eines abstrakten politischen Schlagworts verlassen und ist in den Vorstandsetagen angekommen.

Martin Hörmann, Director Government Affairs bei Microsoft, sieht die Ursachen nicht allein in der Geopolitik, sondern in einer generellen Verunsicherung durch unterbrochene Lieferketten und globale Krisen. Für ihn ist die Kernfrage, die sich Unternehmen heute stellen: „Fühle ich mich sicher im digitalen Raum?“ Das Thema habe in den letzten Jahren schlicht „an Bedeutung gewonnen“.

Der Wandel der Prioritäten in der IT

Dieser Stimmungswandel spiegelt sich in der täglichen Arbeit der IT-Dienstleister wider. Gregor Dedl, CEO von Base IT, beobachtet eine deutliche Verschiebung der Prioritäten. Stand früher oft die Geschwindigkeit im Vordergrund, geht es heute um Entscheidungsfreiheit. „Mit dem Thema Souveränität ist noch ein Aspekt dazugekommen, nämlich Entscheidungen treffen zu können, wie ich mich wieder etwas unabhängiger gegenüber den politischen beziehungsweise auch den technologischen Umsetzungskonzepten mache“, erklärt Dedl.

Entscheider wollen zunehmend selbst bestimmen, wie sie sich aufstellen. Doch der Begriff der Souveränität wird oft missverstanden und bedarf einer klaren Definition. Dietmar Wiesinger, Vorstand bei CANCOM Austria, warnt eindringlich: „Schlussendlich darf man nicht dem Irrglauben verfallen, dass Souveränität Autarkie bedeutet.“

Die Illusion der vollständigen Unabhängigkeit

Wiesinger verweist auf Analysen, die den technologischen „Stack“ von den Rohstoffen bis zur KI-Anwendung untersuchen. Das ernüchternde Ergebnis für den Standort Europa – es gibt nur wenige relevante europäische Akteure. Eine Unabhängigkeit von nicht-europäischen Playern sei „de facto nicht zu erzielen“.

Vielmehr müssen Organisationen ihre Abhängigkeiten bewerten und Maßnahmen ergreifen, um diese handhabbar zu machen. Alexander Liebl, Director Business Consulting bei ACP, plädiert dafür, den Begriff zu entmystifizieren. „Autarkie ist für uns oft der Mythos, auf den wir treffen, den gibt es nicht. Das ist eine Illusion“, stellt Liebl klar. Er bringt stattdessen einen pragmatischen Ansatz ins Spiel: „Viel maßgeblicher ist eigentlich die Fragestellung, wie begebe ich mich in eine geplante und gestaltete kontrollierte Abhängigkeit.“

Differenzierung nach Schutzbedarf

Nicht jedes Unternehmen benötigt das gleiche Sicherheitsniveau. Dietmar Wiesinger verdeutlicht dies mit einem anschaulichen Vergleich: „Wenn ich es ein bisschen flapsig formuliere, ist es wahrscheinlich für ein europäisches Rüstungsunternehmen wichtiger, sich über diese Themen, über diese Abhängigkeiten Gedanken zu machen, als vielleicht über einen lokalen Bäcker, der halt ähnliche Cloud-Dienste nutzt.“

Man könne das Thema daher „nicht über einen Kamm scheren“. Unternehmen müssen klassifizieren, welche Daten sie besitzen und wie sie diese kontrollieren. Alexander Liebl bestätigt, dass es für digitale Souveränität keinen Standard-Baukasten gibt: „Es gibt ja keine ISO-Zertifizierung für digitale Souveränität.“ Vielmehr müsse jedes Unternehmen seine Position selbst definieren. „Erst dann kann ich für mich bewerten, welche Maßnahmen muss ich daraus ableiten für meine Organisation“, so Liebl.

Datenschutz und Klassifizierung als Fundament

Liebl sieht in der Datenklassifizierung das fundamentale Element jeder Sicherheitsstrategie. Ohne eine klare Einordnung der Daten lassen sich kaum sinnvolle Maßnahmen ableiten. „Das beginnt bei der Position, die ich als Unternehmen einnehmen möchte zu dem Thema“, sagt er.

Dabei spielen auch externe Vorgaben eine Rolle. „Es gibt heute kaum noch ein großes Regularium der Europäischen Union, das nicht direkte Auswirkungen auf die IT-Organisationen in den Unternehmen hat“, erläutert Liebl die Situation. Dennoch dürfe man nicht nur auf externe Regeln starren. Unternehmen müssten auch von innen heraus definieren, wie sicher sie sein wollen. Liebl vergleicht das mit physischer Sicherheit: „Die EU wird mir aber nicht vorschreiben, wie meine Zugangskontrollen ausschauen.“

Die Rolle globaler Plattformen und lokaler Sicherheit

Auch US-Anbieter reagieren auf das gesteigerte Sicherheitsbedürfnis in Europa. Martin Hörmann unterstreicht, dass Microsoft sich strikt an den strengen europäischen Rechtsrahmen hält: „Wir halten uns an die Gesetze. Und wenn neue Gesetze kommen, sind wir da die Ersten, die das in unsere Produkte auch noch einmal verstärkt mit einbringen.“

Über die gesetzlichen Pflichten hinaus bietet der Konzern mit der „EU Data Boundary“ eine Lösung an, bei der Daten von Kunden in Europa nicht nur hier liegen, sondern auch hier verarbeitet werden. Hörmann beschreibt dies als „vertrauensbildende extra Meile“. Er betont: „Wir verstehen, dass das Thema eine große Rolle spielt.“

Innovation trotz Regulierung

Die Diskussion um Souveränität darf jedoch nicht den Zugang zu Innovationen versperren. Hörmann warnt davor, sich aufgrund falscher Autarkie-Vorstellungen von technologischen Fortschritten zu isolieren. Digitale Souveränität soll auch die Chance bedeuten, an den Innovationen, die Technologie mit sich bringt, teilnehmen zu können“, fordert er.

Ein Turbinenhersteller etwa wolle primär die besten Turbinen bauen. „Um die bauen zu können, möchte er die besten Technologien, die es auf der Welt gibt, verwenden, aber er will sie sicher verwenden“, so Hörmann. Die Politik müsse daher Rahmenbedingungen schaffen, damit Unternehmen sich sicher fühlen, ohne einen „Bremsblock einzubauen“.

KI im Unternehmensalltag: Ernüchterung nach dem Hype?

Gregor Dedl beobachtet nach dem anfänglichen Hype um generative KI eine gewisse Ernüchterung in den Unternehmen. „Jetzt nach zwei Jahren ist in den Unternehmen ein bisschen eine Ernüchterung dazu eingetreten“, stellt er fest. Der Grund liegt für ihn darin, dass man die Menschen erst abholen muss.

Dedl plädiert für eine nahtlose Integration: „Aus meiner Sicht muss das so integrativ werden, dass der User gar nicht merkt, dass er jetzt eigentlich eine KI-Funktion ausgelöst hat und nicht wie früher klassisch einen Button gedrückt hat.“ Die Industrie sei mit Agent-Modellen auf dem richtigen Weg, aber es brauche noch Zeit. Alexander Liebl warnt in diesem Zusammenhang vor blindem Aktionismus: „Man kann nicht einfach mal losstarten und probieren und schauen, wie es funktioniert. Das sind dann die gescheiterten Projekte.“

Europas Platz in der KI-Weltordnung

Hinsichtlich der Entwicklung eigener großer Sprachmodelle (LLMs) sehen die Experten Europa im Hintertreffen. Gregor Dedl konstatiert nüchtern: „Ich glaube, dass wir uns in die Abhängigkeit schon begeben haben, nicht begeben werden.“ Andere Weltregionen seien schneller gewesen und hätten Technologien fokussierter vorangetrieben.

Dedl sieht das Problem vor allem in der Skalierung: „Die Herausforderung, die wir als Europäer haben ist die Frage, wie ich das in eine Multiplikation bringen kann?“ Alexander Liebl bestätigt die finanzielle Diskrepanz: „Das lässt sich follow the money oder schön am Investitionsvolumen festmachen, dass es in keinem Vergleich steht.“ Er sieht jedoch kein „Entweder-oder“, sondern befürwortet transatlantische Partnerschaften. „Es ist kein Oder, sondern ein Und“, so Liebl.

Die Chance: Anwendungsweltmeister werden

Einigkeit herrscht darüber, dass Europas Stärke in der Anwendung liegen könnte. Martin Hörmann plädiert dafür, bestehende Infrastrukturen als Fundament zu nutzen und darauf basierend Innovationen zu implementieren, anstatt „diesen ganzen Stack neu aufzubauen“.

Dietmar Wiesinger bringt es auf den Punkt: „Ich glaube, die Frage könnte auch sein, wie schafft es Europa, Anwendungsweltmeister in der KI zu werden.“ Wenn Hidden Champions durch den Einsatz von KI ihre Wettbewerbsvorteile ausbauen, sei viel gewonnen. Zudem sieht er Chancen in spezialisierten Modellen: „Da reicht vielleicht schon weniger Funding, um auch dort einen sehr speziellen Use Case abdecken zu können.“

Partnerschaften als Schlüssel zum Erfolg

Um die Komplexität der digitalen Souveränität zu bewältigen, führt kein Weg an Kooperationen vorbei. Alexander Liebl beschreibt ein „magisches Dreieck“ aus Kunde, Partner und Hersteller. „Das kann ich heute nicht mehr alleine gestalten, weder als großes Unternehmen noch als mittelständisches oder kleineres Unternehmen“, ist er überzeugt.

Gerade für den Mittelstand sei es kaum möglich, alle Sicherheitsaspekte allein abzudecken. Gregor Dedl rät dazu, sich Standards zu bedienen: „Selbst gerade als mittelständisches Unternehmen in Österreich werde ich das nicht bewerkstelligen können. Nämlich auf der gesamten Ebene aller Applikationen Sicherheit darzustellen.“

Handlungsempfehlungen für Entscheider

Zum Abschluss geben die Experten klare Ratschläge für die Praxis. Gregor Dedl sieht die Verantwortung ganz oben: „Wie hat das Management Souveränität für das Unternehmen definiert? Diese Frage ist als erste zu stellen.“ Ohne diese strategische Vorgabe wisse niemand in der Organisation, wie Souveränität zu leben sei.

Dietmar Wiesinger empfiehlt eine nüchterne Risikoabschätzung und gegebenenfalls den Einsatz europäischer Partner. „Da kann eine Komponente sein, dass ich auf europäische Partner auch vertraue, sagt er. Martin Hörmann fasst zusammen, worauf es ankommt: „Man muss sich intensiv mit dem Thema beschäftigen, soll aber immer das Ziel vor Augen haben der Innovation, die ich sozusagen nicht gebremst sehe durch das Thema Souveränität.“

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Lilly Eichinger, Gründerin und CEO von Satellives: Der erste Flug ihres modularen Satelliten ist für Q1 2029 geplant. | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Wer heute im All etwas anderes vorhat als Erdbeobachtung oder Kommunikation, stößt schnell an eine Wand. „Wenn du irgendetwas im All machen willst, egal ob Experimente, Manufacturing, Datenspeicherung oder eine Plattform für Quantenkommunikation, dann hast du keine Infrastruktur“, sagt Lilly Eichinger, Gründerin und CEO von Satellives. „Es gibt kaum Plattformanbieter.“ Bisher führe der Weg für solche Missionen im Wesentlichen über die ISS. Deren Betrieb soll 2030 enden, kommerzielle Nachfolgestationen sind in Entwicklung, aber noch keine im Regelbetrieb.

In diese Lücke will das Tullner Startup. Der Ausgangspunkt war das Ergänzungsstudium Extended Studies on Innovation am Innovation Incubation Center (i²c) der TU Wien, wo Eichinger die Idee entwickelte. Kunst und Philosophie hatte sie vor ihrem Physik- und Architekturstudium in Wien studiert.

Der Leporello-Satellit

Das Produkt ist ein flacher Satellit, der aus einzelnen Einheiten besteht: den Tiles, jede fünf Zentimeter hoch und etwa so groß wie eine Pizzaschachtel. „Es sieht aus wie Kacheln, im Grunde wie Solarpaneele, die sich im Orbit entfalten“, sagt sie. „Aber es sind keine Solarpaneele. Es sind voll funktionsfähige Satelliten.“

Der Kniff steckt im Scharnier. Die Einheiten sind verbunden und übereinander gestapelt, ähnlich einem Leporello. Gestapelt passen sie in einen handelsüblichen CubeSat-Dispenser, was die Startkosten drückt. Im Orbit entfalten sie sich zu einer langen Kette: „Wir nennen sie Mosaics Satellites.“

Ein Mosaic von Satellives | (c) Satellives

Der technische Kernclaim betrifft Energie. Pro Einheit könne man bei gleichem Gewicht viermal so viel Energie speichern wie ein durchschnittlicher CubeSat, sagt Eichinger. Der Wert beruht auf eigenen Berechnungen und ist im Flug nicht demonstriert. „Das Einzige, was es im All unbegrenzt gibt, ist Energie.“ Nur lasse sie sich kaum nutzen: Bei CubeSats sei nicht das Einsammeln das Problem, sondern der fehlende Platz für Batterien. Wer energiehungrige Missionen fliegen wolle, habe deshalb nur schlechte Optionen. „Entweder du baust einen 50-Millionen-Dollar-Satelliten, was fast niemand kann, oder du kannst es nicht.“

Dazu kommt Modularität. „Die meisten Satelliten sind One-Trick-Ponys“, sagt Eichinger. An die Plattform lassen sich dagegen Produktionsboxen andocken. Zwei Tiles würden nach ihrer Rechnung reichen, um einen kleinen 3D-Drucker dauerhaft zu versorgen und gleichzeitig als Plattform für Quantenkommunikation oder Datenspeicherung zu dienen.

Flache Satelliten an sich sind nicht neu, das räumt Eichinger ein: Starlink stapelt sie längst, weil sich so Startkosten sparen lassen. Neu sei die Kombination aus flachem Formfaktor und echter Modularität. Das Patent dafür ist nach ihren Angaben bei der WIPO und in Österreich angemeldet, zunächst bewusst auf ihren Namen und nicht auf die Gesellschaft. Ende Juli wurde es an die Gesellschaft übertragen. Ab einem gewissen Punkt, sagt sie, mache staatsnahe oder fremdgehaltene IP ein Unternehmen für Investor:innen unattraktiv.

Gegen den Hype

Rechenzentren im Orbit sind für Satellives selbst ein Zielmarkt. Beim Hype darum bremst Eichinger trotzdem. „Alle sagen: Bringt die Datenspeicher ins All, dort ist es kalt. So funktioniert das nicht.“ Kühlung sei auch oben nötig. Wäre das der einzige Punkt, sagt sie, bräuchte es den Orbit gar nicht: „Warum bringt man die Daten dann nicht in die Arktis? Dort kann man sie kühlen.“ Der größte Engpass sei das Wärmemanagement: Im Vakuum lasse sich ein Rechenzentrum nur schwer kühlen. Dazu kämen Verarbeitung und Downlink per Laserkommunikation, beides brauche kontinuierlich hohe Energie. Ein riesiges und künftig sehr relevantes Geschäftsfeld sei es dennoch.

Satellives-Gründerin Lilly Eichinger im Gespräch mit brutkasten-Chefredakteur Martin Pacher. (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Verglühen lassen will sie nichts. „Wir planen, zu 100 Prozent nachhaltig zu operieren.“ Der übliche Wiedereintritt am Missionsende erzeuge giftige Gase. „Okay, nicht ein einzelner CubeSat. Aber wenn es eine Million sind oder zehntausend im Jahr, dann summiert sich das.“ Beschädigte Tiles sollen stattdessen über einen Reentry-Service zurückkommen und recycelt werden.

Kapitalbedarf

Firmensitz ist Tulln, weil Satellives über das AplusB-Scale-up-Programm vom accent Inkubator begleitet wird, bis Ende Januar 2027. Das Headquarter soll langfristig in Wien liegen. Das Kernteam umfasst laut Website vier Personen: neben Eichinger als CEO ein Technical Co-Founder, ein Operations Co-Founder und eine weitere Person im Bereich Operations.

Der Kapitalbedarf: rund 1,6 Millionen Euro für 18 Monate. Die Hälfte davon soll aus Förderungen und von Business Angels kommen. „Wir arbeiten da gerade wirklich zehn Stunden am Tag dran“, sagt Eichinger. Erst mit dem Geld könne man Ingenieur:innen einstellen und vom Prototyping in den echten Bau wechseln. Dazu sucht das Startup 25.000 bis 50.000 Euro für die Patentanmeldung in weiteren Ländern.

Das Ziel: zwei Einheiten, erste On-Orbit-Demonstration in Q1 2029, die bereits Pilotkund:innen bedienen soll. Das Fernziel formuliert sie größer. „Österreich kann für Space das werden, was Estland für die Digitalisierung ist. Es ist ein kleines Land, niemand hätte erwartet, dass Estland zum digitalen Hub wird. Aber sie sind es geworden, und sie rocken es.“

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