15.09.2023

Niels Cimpa: „ChatGPT statt Bücher in der Schule“

Interview. Lerncoach Niels Cimpa sieht dringenden Änderungsbedarf beim österreichischen Schulsystem. Der Fokus liege darauf "etwas schnell zu lernen und wieder auszuspeiben". In seinem neuen Buch erklärt er, wie man ChatGPT für den Lernerfolg einsetzt.
/artikel/niels-cimpa-chatgpt-statt-buecher-in-der-schule
Autor Niels Cimpa mit seinem Buch "Erfolgreich lernen mit ChatGPT und aus der eigenen Lernhölle entkommen". © Daniel Schiel

Niels Cimpa wollte ursprünglich Lehrer werden, brach aber seine Ausbildung ab, da ihn das Studium „rein gar nicht auf ein modernes Unterrichten“ vorbereite.  Cimpa wurde stattdessen Lerncoach und gründete sein eigenes Lerninstitut, bei dem er jährlich 200 Schüler:innen berät.

Laut dem Wiener, wird es nicht mehr lange dauern, bis das heutige Schulsystem zusammenbricht und durch ChatGPT ersetzt wird. Er sieht die KI-Anwendung als neues, schnelles und kostenloses Lerninstrument, das genutzt werden sollte, da sie die neuen Generationen auch in Zukunft begleite. ChatGPT funktioniere intuitiv und könne genau so agieren, wie es Kinder und Jugendliche brauchen.

In seinem Buch „Erfolgreich lernen mit ChatGPT und aus der eigenen Lernhölle entkommen“ zeigt Cimpa, wie Schüler:innen mithilfe Künstlicher Intelligenz ihren Lernerfolg verbessern können. Bewährte Lernmethoden sollen in Kombination mit ChatGPT den Schlüssel zu guten Noten bilden. brutkasten hat mit dem Autor über die Rolle des KI-Tools und das Schulsystem in Österreich gesprochen.


brutkasten: Angenommen man lernt in der Schule mit ChatGPT– was wäre dann die Aufgabe der Lehrkräfte?

Niels Cimpa: Ich halte sie für unglaublich wichtig, um Dinge beizubringen, die über Fakten hinausgehen. Wir haben wirklich viele junge, aber auch ältere engagierte Lehrer:innen, die da viel Herzblut reininvestieren, die mit den Kindern interagieren und bei ihnen wirklich was bewirken. Es braucht eben eigentlich Lehrkräfte, die Social Skills, das Lernen selbst und Kommunikation beibringen. Bei Prüfungs- oder Präsentationsangst, braucht es Lehrer:innen, die wissen, was man dagegen tun und wie man daran arbeiten kann. Die logische Ebene kann KI mittlerweile perfekt abdecken. Was sie nicht abdecken kann, ist das Zwischenmenschliche.

brutkasten hat sich bei Lehrkräften umgehört. Da gibt es schon noch Skepsis. Vielen Schüler:innen fehle demnach noch die digitale Kompetenz und die Medienkompetenz.

Wenn man sieht, wie viel Zeit sie am Smartphone, auf TikTok verbringen, wie viele mittlerweile schon mit ChatGPT ihre Hausübungen schreiben lassen – also angekommen ist es schon, nur im Schulkontext nicht. Aktuell wird eher darüber diskutiert Handys und ChatGPT in den Schulen zu verbieten. Da denk ich mir nur: What the fuck? Die arbeiten jetzt nur mit Smartphone und Computern. In ihrem weiteren Leben werden sie auch alle mit KIs zu tun haben. Jetzt müsste man alle auf denselben Stand bringen.

Das ist die technische Seite. Sie müssen trotzdem lernen, Inhalte einzuordnen. Auf TikTok kursieren fragwürdige Persönlichkeiten wie zum Beispiel Andrew Tate, die zum Teil schon in den Klassenzimmern angekommen sind.

Es wäre der falsche Weg, es daher zu verbieten. Ein Verbot löst das Problem nicht. Sie werden es trotzdem konsumieren. Vielleicht wird es dadurch sogar noch interessanter.  Stattdessen sollte man Medienkompetenz fördern – Themen wie Fake News oder Hassbotschaften im Klassenraum thematisieren. Kritisches Denken, eigenständiges Denken, Problemlösung – da ist die Schule gefragt.

Bei welchen Altersgruppen kann ChatGPT Ihrer Ansicht nach, genutzt werden?

Theoretisch kannst du es schon ab der Unterstufe einsetzen, da es so intuitiv ist. Wenn du den Prompt oder den Befehl richtig schreibst, kann ChatGPT so mit dir interagieren, wie ein Freund über WhatsApp. Also kommt es für jedes Kind infrage, das WhatsApp bedienen kann. Die KI spricht in ihrer Sprache und erklärt ihnen, was sie brauchen. Das ist viel zugänglicher für ein Kind als ein Buch aufzuschlagen.

Sport, Werken, Kunst – wären Fächer wie diese Ihrer Meinung auch mit ChatGPT umsetzbar?

Eher weniger – Hier könnte die Schule aber wieder ihrem Auftrag gerecht werden. Mehr körperliche Gesundheit, mehr Sport – das bekomme ich nicht vor dem Computer. Oder Kunst, wo ich mich mal mit meinen eigenen Händen mit etwas beschäftige oder etwas Kreatives mache – darauf würde ich mehr Fokus legen. Statt die Kunstgeschichte auswendig zu lernen, sollte es die Möglichkeit geben frei malen zu lernen, zu zeichnen oder zu musizieren. Das wäre ein Bildungssystem, wo man seine individuellen Stärken und Interessen ausbauen kann.

Bei ChatGPT ist man abhängig von einer Software, die ein einzelnes Unternehmen anbietet. Wäre es nicht besser, wenn bspw. eine öffentliche Stelle sich um ein Pendant kümmert?

In Deutschland wird genau an so etwas gearbeitet. ChatGPT macht zwar das meiste richtig und gut, aber es kann auch sein, dass es „halluziniert“. Es ist ein Large-Language-Modell, es lernt, Sprache zu imitieren und mit Personen zu interagieren. Es ist eigentlich nicht fürs Lernen ausgelegt, obwohl es das sehr gut kann. Wenn es ein Schul-GPT gäbe, dass dir einfach den gesamten Schulstoff inhaltlich richtig und so intuitiv wie ChatGPT erklären kann, wo auch klar ist, was in der Datenbank drin ist – das wäre eines der allergeilsten Dinge, die man überhaupt machen kann. Aktuell wird in der Bildungspolitik aber nur überlegt, ob man es verbieten soll oder nicht.

Sie haben es gerade angesprochen: ChatGPT ist nicht fehlerfrei, „halluziniert“, wenn eine Frage sein antrainiertes Wissen übersteigt und für unbezahlte Normalnutzung reicht der Informationsstand nur bis 2021. Soll man sich trotzdem darauf beim Lernen verlassen?

Gute Frage – ich sage mal so: Kann man sich auf irgendwas im Internet oder auf Wikipedia hundertprozentig verlassen?

Nein, aber man sollte sich auf Lehrer:innen verlassen können. Sie haben in ihrer Position die Verantwortung für den Lehrstoff.

Ganz gleich, ob ich von Wikipedia, YouTube oder einer anderen Person etwas lerne, muss ich immer im Hinterkopf behalten, dass es falsch sein kann. Die Wahrscheinlichkeit für Fehler bei Standard-Wissensfragen ist unglaublich gering, weil ChatGPT das in der Datenbank hat. Dort wo es um Meinungen oder um andere Dinge geht, die nicht erfasst wurden – da fängt ChatGPT dann an zu halluzinieren. Genauso wie bei Wikipedia kann ich aber zu 99 Prozent davon ausgehen, dass es stimmt.

An Anwendungen wie ChatGPT wird ja auch kritisiert, dass sie uns Arbeit abnehmen, die eigentlich schon wichtig wäre. Also es werden mittlerweile ganze Dissertationen oder Hausübungen, wie Sie sagen, damit geschrieben, die durchaus einen Sinn haben. Kann es dann nicht nachteilig sein für meine Ausbildung, wenn ich das so nutze?

Es ist wie bei allen Tools oder auch mit dem ganzen Internet: Ich kann damit verblöden oder mich weiterbilden. Gerade bei Arbeiten, die ChatGPT schreiben kann, sollte man wirklich überlegen, ob sie  überhaupt einen Wert haben. Worauf sich eine wissenschaftliche Arbeit oder Hausübung konzentrieren sollte, ist, dass beim Ergebnis mehr herauskommt, als etwas, das jede KI schon kann. Mit der industriellen Revolution oder dem Internet wurde uns auch viel abgenommen. Jetzt könnten Menschen von früher sagen: „Das ist ja Wahnsinn – da leben Leute, die können kein Essen mehr anbauen, kein Brot mehr backen, keinen Tisch bauen etc.“ – ja, aber wir haben es einfach ausgelagert. Wie sinnvoll man damit umgeht, ist eine andere Sache.

Man kann diese Verantwortung doch nicht einfach den Schüler:innen überlassen.

Ich muss es mit ihnen thematisieren – sie verwenden es so oder so. Wir leben im KI-Zeitalter, ein Verbot an der Schule schaffen wir nicht. Man muss sich jetzt überlegen, was die Schüler:innen motiviert, wieso sie in die Schule gehen und was sie interessiert. Statt einen Aufsatz über Napoleon zu schreiben, muss man bspw. ein Infovideo drehen, das kurz, knackig und auch spaßig ist. Da sind die Schüler:innen viel mehr dabei. Sie machen ihre eigenen TikTok-Videos und können sich auch viel mehr für später mitnehmen: wie präsentiere ich Dinge, wie komme ich zum Punkt – Fähigkeiten, die sie später auch im Leben brauchen.

Sie haben die Ausbildung zum Lehrer abgebrochen, weil sie „schlecht“ sei. Können Sie konkret schildern, was Sie daran zu bemängeln haben?

Mein Problem mit dem Lehramt-Studium ist quasi dasselbe, wie mit der Schule. Es geht vorwiegend um Faktenwissen. Ich habe zum Beispiel Deutsch und Geschichte auf Lehramt studiert. Im Seminar zur Antike, ging es einfach nur darum, Jahreszahlen oder Städte auswendig zu lernen – Dinge, die du einfach hinschreiben musst – ohne Kontextwissen. Es ist in der heutigen Zeit nicht mehr relevant, dass ich Fakten stupide auswendig lernen kann. Ich denke als Geschichtelehrer muss ich die Leute für Geschichte begeistern, Kontexte herstellen und mit der heutigen Zeit verbinden können.

In Ihrem Buch wird man jetzt nicht ein Loblied auf das Schulsystem finden. Was sollte anders sein?

Mein größter Kritikpunkt ist, dass der Fokus darauf liegt, etwas schnell zu lernen und wieder auszuspeiben. Die Themen, die wirklich wichtig sind, wie zum Beispiel Digitalisierung, der Umgang mit dem Handy, mentale Gesundheit, Finanzbildung, Lebensgestaltung, Zielsetzung, Jobfindung – all diese Sachen kommen fast nicht vor.  Das Bildungssystem orientiert sich nicht an der heutigen Zeit.

Wie sollte es denn Ihrer Vorstellung nach konkret sein?

Vermutlich würde es nicht mal Fächer geben, weil auch diese Idee heutzutage eigentlich veraltet ist. Statt dem klassischen Geschichte-Unterricht, will ich verstehen, wie die heutige Welt gewachsen ist, wie Machtstrukturen funktionieren, was wir in der Geschichte „probiert“ haben – politische Systeme, Konflikte, was ist da passiert und wie können wir heute daraus lernen. Darauf wird nicht der Fokus gelegt, sondern „Geschichte lernt man, weil man ein Bildungsbürger ist“ – das ist Bullshit. Ich sollte mir kein Allgemeinwissen aneignen, damit ich beim Pub Quiz besser performen kann, sondern erstmal, dass ich mein Leben auf die Reihe kriege. Wenn ich lerne, wie mein Gedächtnis funktioniert, kann ich eh lernen so viel ich will.

Was halten Sie von dem Vorschlag Soldat:innen gegen den akuten Lehrkraftmangel einzusetzen?

Ich finde, nichts stellt besser dar, was schiefläuft: Man schickt einen Soldaten, also jemand, der in einem sehr hierarchischen und sehr festgefahrenen System ist, eine klare Aufgabe und eine klare Struktur hat. Hauptsache, es steht jemand vorne. Ob der die Schüler:innen traumatisiert oder nicht, ist vollkommen wurscht. Ich kenne so viele Schüler:innen, die mir sagen, dass sie wegen ihrer Lehrkräfte Angst haben, in die Schule zu gehen. Da lasse ich mein Kind lieber zuhause mit ChatGPT lernen.

Deine ungelesenen Artikel:
08.09.2026

Gründen in 15 Minuten: Was Europa vom estnischen Startup-Wunder lernen kann

Noch immer kehren vielversprechende Startups Europa den Rücken, um in den USA zu skalieren. Um diese Abwanderung zu stoppen, fordert die Szene eine neue, grenzübergreifende Gesellschaftsform: die EU Inc. Während Brüssel noch über die Umsetzung debattiert, macht Estland seit über einem Jahrzehnt vor, wie es gehen kann: Ein Besuch in der Hauptstadt Tallinn liefert Antworten.
/artikel/gruenden-in-15-minuten-was-europa-vom-estnischen-startup-wunder-lernen-kann
08.09.2026

Gründen in 15 Minuten: Was Europa vom estnischen Startup-Wunder lernen kann

Noch immer kehren vielversprechende Startups Europa den Rücken, um in den USA zu skalieren. Um diese Abwanderung zu stoppen, fordert die Szene eine neue, grenzübergreifende Gesellschaftsform: die EU Inc. Während Brüssel noch über die Umsetzung debattiert, macht Estland seit über einem Jahrzehnt vor, wie es gehen kann: Ein Besuch in der Hauptstadt Tallinn liefert Antworten.
/artikel/gruenden-in-15-minuten-was-europa-vom-estnischen-startup-wunder-lernen-kann

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Um vom Flughafen in Tallinn in die Innenstadt zu kommen, bietet sich eine Fahrt mit dem Fahrdienst Bolt an. Die Autos, E-Scooter und Leih­räder des estnischen Unicorns prägen hier das Straßenbild. 2013 gegründet macht das Unternehmen mittlerweile mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz. Die Erfolgsgeschichte von Bolt ist in Estland kein Einzelfall: Bei 1,3 Millionen Einwohner hat der baltische Staat bereits zehn Unicorns hervorgebracht – eine der höchsten Konzentrationen pro Kopf weltweit. Das Auto wird per App bestellt, keine zwei Minuten später ist es da. Der Fahrer scherzt über die durchaus kühlen 16 Grad Mitte Juli: „Estonian summer!“, sagt er schmunzelnd, mit russischem Akzent. Ungewöhnlich ist das in Estland nicht, war man hier vor knapp 40 Jahren doch noch Teil der Sowjetunion.

„Das Land hatte es natürlich nicht einfach. Als es 1991 unabhängig wurde, standen die Esten erst mal vor dem Nichts. Aber sie hatten auch die Chance, von null anzufangen – und haben dann aufs richtige Pferd gesetzt: die Digitalisierung“, sagt Tim Schnöckelborg, ein Deutscher, der seit eineinhalb Jahren in Estland lebt und hier bereits mehrere Unternehmen gegründet hat.

Der digitale Staat

An diesem sonnigen Tag tummeln sich auf dem Rathausplatz in der Mitte Tallinns viele Menschen. Schnöckelborg ist einer von ihnen. Vom digitalen Staat hat er vor allem bei der Gründung seiner Unternehmen profitiert. Bei einem Kaffee erklärt er, was den Kern des Systems ausmacht:

„Der große Vorteil kommt dadurch zustande, dass hier die gesamte Administration des Landes digitalisiert ist. Du kannst also mit der elektronischen Unterschrift alles nutzen, was ein Staat an Dienstleistungen bietet.“

© Hannah Fasching – Tim Schnöckelborg.

Wer sich einen Überblick verschaffen will, kann das e-Estonia Briefing Centre aufsuchen, ein eigenes Besucherzentrum, das über den digitalen Staat informiert. Ein Besuch zeigt: Die digitale Gesellschaft basiert zunächst auf Wissen. Durch landesweite Schulungsprogramme und Initiativen für Senior wurde die gesamte Bevölkerung mitgenommen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Transparenz: „Die Behörden können auf sehr viel zugreifen, theoretisch auch auf mein Bankkonto. Wichtig ist aber: Niemand kann deine Daten geheim abrufen. Ich kann online einsehen, wer wann mit welcher Begründung welche Daten von mir von einer Behörde in die andere transferiert hat. Das schafft Vertrauen“, beschreibt Schnöckelborg seine Erfahrung.

Unternehmensgründung aus der Ferne

Schnöckelborg hat in Estland schon mehrere Unternehmen gegründet, er ist ein sogenannter „e-Resident“. Das estnische e-Residency-Programm ermöglicht ausländischen Staatsangehörigen einen sicheren Zugang zu den elektronischen Behördendiensten Estlands. So lässt sich aus fast allen Ländern der Welt in rund 15 Minuten ein estnisches Unternehmen gründen.

„Anfangs dachten wir, es wäre vor allem für Menschen außerhalb der EU attraktiv, da ein estnisches Unternehmen ihnen den EU-Binnenmarkt öffnen würde. Nach etwa der Hälfte der Zeit stellten wir fest, dass es aufgrund der geringen Bürokratie auch für EU-Bürger sehr attraktiv ist“, erzählt Liina Vahtras, Managing Director von e-Residency. Seit dem Start des Programms 2014 haben mehr als 133.000 Personen aus 185 Ländern den e-Residency-Status erhalten und zusammen etwa 39.000 Firmen gegründet. So auch Tim Schnöckelborg:

„Ich habe mein erstes Unternehmen als e-Resident an einem Freitagabend gestartet, und am Samstagmorgen war die Firma da“, blickt er nach wie vor verblüfft zurück.

Was Gründer zusätzlich nach Estland zieht, ist das Steuersystem. „Wir besteuern Unternehmen nicht, solange sie das Geld im Unternehmen belassen. Es gibt also keine Körperschaftsteuer auf einbehaltene Gewinne. Steuern fallen erst an, wenn man Geld aus dem Unternehmen entnimmt, und davon profitieren auch wir: Im vergangenen Jahr zahlten e-Residency-Unternehmen Steuern in Höhe von über 125 Millionen Euro in Estland“, so Vahtras. Im „International Tax Competitiveness Index“ der US-Denkfabrik Tax Foundation, der die OECD-Länder vergleicht, liegt Estland seit zwölf Jahren auf Platz eins.

Europa, der zersplitterte Markt

In den Gesprächen, die von Euphorie über das estnische System geprägt sind, schleicht sich immer wieder Frustration ein. Denn so gut das System hier funktioniert: Im europaweiten Markt stoßen die Gründer dennoch auf Blockaden. Hedi Mardisoo, Board Member der Estonian Founders Society, kennt die Probleme.

Mardisoo ist Gründerin des Insurtechs Cachet, das sie von Estland aus in elf Länder skalierte. Heute setzt sie sich in der Society für die nächste Generation von Gründer:innen ein und versucht, Blockaden europaweit abzubauen. „Wenn ich mit meinem Unternehmen in Europa expandieren will, begegne ich 27 verschiedenen Arten der Unternehmensregistrierung, 27 verschiedenen Notar- und Gerichtssystemen. Wenn du als kleines Startup ein globales Unternehmen aufbauen willst, bist du oft besser dran, woanders hinzugehen, meist in die USA. Das tun viele Startups – und das ist nicht gut für Europa“, so Mardisoo.

© Mardisoo – Hedi Mardisoo, Board Member der Estonian Founders Society.

Auf die Frage, warum die EU für Unternehmensgründungen so unattraktiv sei, antwortet Mardisoo ohne Zögern: „Zu 100 Prozent das Geld. Die Hauptprobleme sind das Geld, die Investor:innen und die Investitionen.“

Vahtras von e-Residency ergänzt: „Investoren sagen sehr oft: ‚Gründe eine Firma in Delaware, weil das für mich einfacher ist‘“ – einfacher, als sich mit den unterschiedlichen Rechtsordnungen der EU-Mitgliedstaaten auseinanderzusetzen. Um diesen Kapital- und Talentabfluss zu stoppen, ruht die Hoffnung nun auf einem Konzept aus Brüssel: der EU Inc.

Das „28. Regime“

Hinter der EU Inc. steht die Forderung nach einer einheitlichen europäischen Gesellschaftsform, dem sogenannten „28. Regime“: Neben 27 nationale Rechtsformen soll eine 28. treten, die eine schnelle, vollständig digitale Gründung ohne Mindeststammkapital ermöglicht.

Nachdem die Forderung nach der EU Inc. über die Jahre von Tausenden europäischen Gründer getragen wurde, verkündete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 20. Jänner 2026 beim Weltwirtschaftsforum in Davos das Vorhaben. Ziel sei eine wahrhaft europäische Unternehmensstruktur mit einheitlichen Kapitalregeln in der gesamten EU: „Unsere Unternehmer, die innovativen Firmen, werden ein Unternehmen binnen 48 Stunden in jedem Mitgliedstaat anmelden können, komplett online. Letzten Endes brauchen wir ein System, in dem Unternehmen nahtlos in ganz Europa Geschäfte machen und Finanzmittel beschaffen können, genauso einfach wie auf einheitlichen Märkten wie den USA oder China.“

Am 18. März 2026 legte die Kommission den Verordnungsentwurf erstmals vor. In der europäischen Startup-Szene stieß er auf heftige Kritik, weil zentrale Forderungen wie die freie Wahl des Registrierungssitzes von Unternehmen nicht erfüllt wurden. Eine Überarbeitung fordern europaweit Vertreter der Szene mit der Initiative „EU-INC“.

Estland als Weg zur EU Inc.?

Zurück im baltischen Staat: Was mit dem 28. Regime gefordert wird – also der Digital-first-Ansatz, geringes Startkapital sowie eine schnelle und grenzüberschreitende Unternehmensgründung –, setzt Estland mit e-Residency bereits seit mehr als zehn Jahren um. Warum das Konzept also nicht einfach kopieren?

© Vahtras – Liina Vahtras, Managing Director von e-Residency.

„Wir haben zur Kommission gesagt: ‚Schaut euch unser Programm an, schaut, wie wir das gelöst haben; vielleicht könnt ihr es wiederverwenden‘“, sagt Vahtras, und weiter: „Unser System ist nicht zu 100 Prozent das, was die EU Inc. sein soll, aber auch, wenn wir nur 50 Prozent der Lösungen bereits umsetzen, sind wir bereit, das zu teilen. Ich hoffe, dass die EU Inc. funktionieren wird – und dass sie die estnische e-Residency als eine Art Blaupause in Betracht ziehen; einfach, um zu sehen, was für uns funktioniert.“

Starken Gegenwind bekommt die EU Inc. von lokalen Akteuren wie Gewerkschaften und Notariatskammern. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand Angst vor der EU Inc. haben sollte“, erklärt Hedi Mardisoo. „Einige große Länder blockieren die Umsetzung immer noch und versuchen, viele der wichtigsten Punkte zu verwässern. Man muss sich die Frage stellen: Will man das Alte tatsächlich verändern – oder will man die neue Regulierung einfach so hinbiegen, dass sie zum eigenen System passt? Das kann nicht funktionieren. Wenn man neue Innovationen regulieren will, kann man sie nicht in die alten Rahmenbedingungen quetschen.“

Um mit der EU Inc. erfolgreich zu sein, brauche es einen Mentalitätswandel, sagt Mardisoo: „Was wir aus Estland mitgeben können, ist, alles so einfach wie möglich zu gestalten. Ich war in anderen Ländern tätig, wo die Menschen Angst vor den Behörden hatten. Das zu ändern ist das Erste, was wir anstreben sollten. Dann wird das Umfeld für Unternehmen viel günstiger, die aus der Komfortzone heraustreten und etwas Neues und Innovatives aufbauen wollen.“

Die Währung Vertrauen

„Selbst wenn es eine EU Inc. geben würde, würde ich jedes Mal wieder hier in Estland gründen. Ich sehe den positiven Ansatz der EU-Initiative, aber ich glaube, dass sie in der Realität bei Weitem nicht konkurrenzfähig zu dem Modell ist, das man hier über Jahrzehnte aufgebaut hat“, zieht Tim Schnöckelborg sein Fazit.

Dass Estland heute die Früchte seiner radikalen Digitalisierungsstrategie aus den 90er-Jahren erntet, steht außer Frage. Dennoch ist jede Gesellschaft ein Resultat ihrer Vergangenheit, und in Europa gibt es 27 verschiedene davon. Die Umsetzung einer EU Inc., die den Vorstellungen aller entspricht, bleibt eine Herkulesaufgabe. Estland kann keine Lösung für alle sein, aber der Besuch im baltischen Staat zeigt: Es kann anders gehen, und das mit Erfolg. Das kleine Land profitiert dabei vor allem vom wichtigsten Gut, das man braucht, um Strukturen zu verändern: Vertrauen. Vielleicht ist es genau dieses Vertrauen, das erst geschaffen werden muss, bevor eine EU Inc. für alle und damit eine europaweite Verbesserung der Gründungsbedingungen gelingen kann.


Dieser Beitrag ist im Rahmen von „eurotours 2026“ entstanden, einem Projekt des Bundeskanzleramts, finanziert aus Bundesmitteln.

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

AI Summaries

Niels Cimpa: „ChatGPT statt Bücher in der Schule“

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Niels Cimpa: „ChatGPT statt Bücher in der Schule“

AI Kontextualisierung

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Niels Cimpa: „ChatGPT statt Bücher in der Schule“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Innovationsmanager:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Niels Cimpa: „ChatGPT statt Bücher in der Schule“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Investor:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Niels Cimpa: „ChatGPT statt Bücher in der Schule“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Politiker:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Niels Cimpa: „ChatGPT statt Bücher in der Schule“

AI Kontextualisierung

Was könnte das Bigger Picture von den Inhalten dieses Artikels sein?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Niels Cimpa: „ChatGPT statt Bücher in der Schule“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Personen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Niels Cimpa: „ChatGPT statt Bücher in der Schule“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Organisationen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Niels Cimpa: „ChatGPT statt Bücher in der Schule“