19.01.2026
INTERVIEW

Nextcloud-Gründer: „Digitale Abhängigkeiten bremsen die Innovationskraft“

Interview. Digitale Abhängigkeiten bremsen Europas Innovationskraft, warnt Nextcloud-Gründer Frank Karlitschek. Im Interview erklärt er, warum technologische Eigenständigkeit zur Voraussetzung für neue Ideen, Wertschöpfung und langfristige Wettbewerbsfähigkeit wird.
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Frank Karlitschek | (c) Nextcloud

Digitale Souveränität hat in Europa zuletzt stark an Bedeutung gewonnen. Geopolitische Spannungen und die wachsende Abhängigkeit von außereuropäischen Tech-Konzernen haben das Thema aus der IT-Ecke in den politischen und wirtschaftlichen Kern gerückt. Fragen nach Kontrolle über Daten, Infrastruktur und Wertschöpfung werden zunehmend als Voraussetzung für Sicherheit und Handlungsfähigkeit verstanden.

Diese Debatte schlägt sich immer öfter in konkreten Entscheidungen nieder. So betreibt das österreichische Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus seine digitale Zusammenarbeit seit 2025 mit Nextcloud auf eigener Infrastruktur in Österreich – ein Schritt hin zu mehr Unabhängigkeit und Datenschutz in der öffentlichen Verwaltung.

Nextcloud stammt aus Deutschland und entwickelt eine Open-Source-Kollaborationsplattform für Dateiablage, Kommunikation und Zusammenarbeit unter eigener Kontrolle. Gegründet wurde das Unternehmen von Frank Karlitschek, der sich seit den 1990er-Jahren für Open Source engagiert. Im Interview spricht er darüber, warum digitale Souveränität für Europas Zukunft zentral ist.


Wie stark ist aus Ihrer Sicht das Bewusstsein für digitale Souveränität heute in Europa ausgeprägt?

Das Thema ist definitiv angekommen. Das ist sehr deutlich spürbar. Ich arbeite seit den 1990er-Jahren mit Open Source, und lange Zeit wussten viele nicht genau, was das eigentlich bedeutet. Es war ein eher technischer Begriff, stark mit Lizenzfragen verbunden und für viele schwer greifbar.

Heute hat sich dafür der Begriff „digitale Souveränität“ etabliert – und der ist politisch wie gesellschaftlich deutlich wirksamer. Im Kern beschreibt er zwar etwas Ähnliches wie Open Source, ist aber verständlicher. Es geht um Abhängigkeiten und darum, souverän zu bleiben. Souveränität bedeutet, Abhängigkeiten kontrollieren zu können. Mit einem Vendor Lock-in ist das nicht möglich. Die Awareness dafür ist inzwischen sehr hoch.

Wir sind mit Nextcloud in fast allen europäischen Ländern aktiv, und diese Sensibilität ist überall spürbar – in Unternehmen, in der öffentlichen Verwaltung und zunehmend auch in der Politik. Die geopolitische Situation verstärkt dieses Bewusstsein zusätzlich.

Warum ist digitale Souveränität aus Ihrer Sicht so zentral für die Zukunft Europas?

Abhängigkeiten bringen enorme Nachteile mit sich – nicht nur technisch, sondern auch wirtschaftlich und gesellschaftlich. Wenn Organisationen ihre IT vollständig aus der Hand geben, verlieren sie die Kontrolle über ihre Daten und über ihre Prozesse. Digitale Abhängigkeiten bremsen die Innovationskraft.

Ein großes Problem ist, dass viele dieser Abhängigkeiten kaum mehr auflösbar sind. Wenn Daten in proprietären Systemen liegen und es keine echten Migrationsmöglichkeiten gibt, entsteht ein Lock-in, der langfristig massive Folgen hat. Man wird zum reinen Nutzer – oder besser gesagt: zum reinen Konsumenten.

Für Europa ist das besonders problematisch. Man sitzt dann ganz unten in der Wertschöpfungskette. Man bezahlt für Technologie, nutzt sie – hat aber kaum mehr Möglichkeiten, selbst Innovation zu schaffen oder Dinge weiterzuentwickeln. Genau diese Abhängigkeiten wurden über viele Jahre hinweg immer weiter verstärkt.

Sie sprechen oft davon, dass uns diese Entwicklung auch Innovationskraft kostet. Können Sie das näher erklären?

Viele Menschen nehmen das gar nicht bewusst wahr, weil IT sehr intransparent geworden ist. Man kann es mit Alltagsbeispielen vergleichen: Wasser kommt aus der Leitung, Strom aus der Steckdose, Lebensmittel aus dem Supermarkt. Man konsumiert, ohne sich mit der Herkunft zu beschäftigen.

In der IT sind wir in eine ähnliche Rolle geraten. Wir sind zu reinen Konsumenten geworden. Übertragen auf das Lebensmittelbeispiel wäre das so, als könnten wir keine eigenen Lebensmittel mehr produzieren, sondern nur noch das kaufen, was im Regal liegt.

Dadurch gehen ganze Bereiche an Wissen und Kompetenz verloren. Menschen, die Systeme gestalten, weiterentwickeln oder Innovation schaffen könnten, werden abgeschnitten. Am Ende kauft man nur noch fertige Produkte – ohne Einfluss auf ihre Entstehung, Weiterentwicklung oder Kontrolle. Das ist ein massiver Innovationsnachteil.

Was unterscheidet Open-Source-Lösungen hier grundlegend von proprietären Systemen?

Open Source bedeutet, dass man etwas in die Hand bekommt, mit dem man arbeiten kann. Man kann hineinschauen, man kann den Code auditieren, man kann ihn selbst weiterentwickeln oder anpassen. Es gibt viele Organisationen und Communities, die genau das tun.

Diese Freiheiten sind entscheidend. Man kann überprüfen, ob es Sicherheitslücken gibt, ob potenzielle Backdoors existieren, und man behält die Kontrolle darüber, was im System tatsächlich passiert. Genau darum geht es bei digitaler Souveränität.

Nextcloud ist im Kern eine Software, die die Kontrolle über die IT wieder zu den Nutzerinnen und Nutzern zurückbringt.

Welche Rolle spielt dabei die aktuelle geopolitische Lage?

Sie verschärft das Thema massiv. Digitale Abhängigkeiten sind kein abstraktes Zukunftsproblem mehr, sondern ein sehr reales Risiko. Wenn Verbindungen gekappt werden oder Dienste nicht mehr verfügbar sind, muss Europa trotzdem handlungsfähig bleiben.

Deshalb ist mir wichtig zu betonen: Digitale Souveränität ist kein reines IT-Thema, sondern ein Sicherheitsthema. Es gehört ganz oben auf die politische Agenda. Kritische Infrastruktur muss entweder auf Open-Source-Lösungen basieren oder zumindest lokal und unabhängig betrieben werden können.

Was würden Sie sich konkret von der europäischen Politik wünschen?

Ein stärkeres Verständnis dafür, dass digitale Infrastruktur Teil der sicherheitsrelevanten Grundversorgung ist. Denkbar wäre eine europäische Gesetzgebung, die für bestimmte Bereiche vorschreibt, dass sie digital souverän betrieben werden können müssen.

Es wird derzeit viel diskutiert, und die Awareness ist definitiv da. Ich spreche kaum noch mit jemandem, der das Grundproblem nicht erkannt hat. Was oft noch fehlt, sind die konkreten nächsten Schritte in der Umsetzung.

Wie sehen Sie die möglichen Zukunftsszenarien für Europa?

Es gibt ein positives und ein negatives Szenario. Im positiven erkennt Europa, wie kritisch digitale Abhängigkeiten sind – ähnlich wie bei Energieabhängigkeiten in den vergangenen Jahren. Dann könnte ein echter Ruck durch Europa gehen.

Öffentliche Institutionen könnten als Leuchtturmprojekte vorangehen. Man sieht, dass es funktioniert, und das Modell breitet sich weiter aus. In drei bis fünf Jahren ließe sich sehr viel bewegen, wenn der politische Wille vorhanden ist.

Im negativen Szenario verliert man sich in endlosen Diskussionen, verschiebt Entscheidungen – während geopolitischer Druck weiter zunimmt. In einem solchen Fall könnte Europa sehr schnell unter Druck geraten.

Braucht Europa mehr eigene Infrastruktur, etwa Rechenzentren?

Server zu kaufen und Rechenzentren zu bauen ist nicht das eigentliche Problem. Das können europäische Anbieter genauso. Entscheidend ist die Nachfrage.

Wenn öffentliche und private Akteure konsequent europäische Anbieter nutzen würden, könnten diese auch im gleichen Ausmaß investieren. Marktmacht entsteht nicht durch Gebäude, sondern durch Kundinnen und Kunden.

Fehlt Europa aus Ihrer Sicht auch Selbstvertrauen?

Ja, das nehme ich häufig so wahr. In Europa blickt man sehr oft in die USA und sieht dort alles als groß, glänzend und überlegen. Gleichzeitig macht man sich selbst kleiner, als man eigentlich ist.

Es fehlt manchmal der Glaube an die eigene Leistungsfähigkeit – an die eigenen Fachkräfte und an die eigene Wirtschaft. Auch das spielt in dieser Debatte eine wichtige Rolle.

Wie entwickelt sich Nextcloud aktuell?

Wir sehen seit Anfang letzten Jahres eine deutliche Beschleunigung bei den Anfragen – etwa um den Faktor drei. Aktuell arbeiten wir ausschließlich mit Inbound-Anfragen, weil wir schlicht keine Kapazitäten für aktive Akquise haben.

Gleichzeitig ist das Bild ambivalent. Wir sind rund 150 Mitarbeitende. Natürlich sind wir zufrieden mit der Entwicklung, aber angesichts der aktuellen Lage könnte man erwarten, dass sich noch deutlich mehr Organisationen bewegen.

Wo sehen Sie Nextcloud in zehn Jahren?

Heute ist Nextcloud bereits ein sehr umfassendes Kollaborationstool. Der nächste Schritt besteht darin, stärker in Geschäftsprozesse hineinzugehen – insbesondere in der öffentlichen Verwaltung.

Mit Nextcloud Flow lassen sich Verwaltungsprozesse automatisieren. Darauf aufbauend können auch KI-Funktionen integriert werden – eingebettet in transparente, kontrollierbare und digital souveräne Systeme. 

KI ist ein sehr mächtiges Werkzeug. Entscheidend ist, dass sie in Strukturen eingesetzt wird, die unter eigener Kontrolle stehen.

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Bild: KI-generiert / Google Gemini

Die europäischen NATO-Länder werden ihre Verteidigungsausgaben in den kommenden zehn Jahren massiv erhöhen. Neben den direkten Verteidigungsausgaben, die auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen sollen, sind weitere 1,5 Prozent des BIP für sicherheitsrelevante Investitionen vorgesehen: etwa für die Anpassung der Verkehrsinfrastruktur, für den Bevölkerungsschutz oder für Cyber- und Netzwerksicherheit. Europaweit entspricht das jährlich rund 320 Mrd. Euro.

Auch für Österreich als Nicht-NATO-Staat hat das Folgen. Legt man das 1,5-Prozent-Ziel als Referenzmaßstab zugrunde, ergibt sich ein potenzieller jährlicher Investitionsbedarf von rund 7,5 Mrd. Euro. Das geht aus der Studie „Verteidigungsrelevante Infrastruktur als Rückgrat souveräner Sicherheitsvorsorge“ von EY und der deutschen DekaBank hervor.

Jeder Euro löst 2,45 Euro aus

Die Investitionen stoßen laut Studie in den europäischen NATO-Ländern eine Produktion von insgesamt 822 Mrd. Euro pro Jahr an, 17 Mrd. Euro davon entfallen auf Österreich. Jeder investierte Euro führt demnach zu einem gesamtwirtschaftlichen Impuls von etwa 2,45 Euro. Profitieren dürften vor allem Bauunternehmen, Informations- und Kommunikationsunternehmen, Logistikfirmen sowie die Elektronik- und Elektrotechnikbranche.

Dazu kommen die Beschäftigungseffekte: Sofern die Infrastrukturinvestitionen wie vorgesehen zu ohnehin geplanten Projekten erfolgen, entstehen europaweit 4,4 Millionen Arbeitsplätze. Knapp 1,8 Millionen davon direkt in der Infrastrukturindustrie, ähnlich viele bei Zulieferern. In Österreich wären es rund 75.000 Jobs.

„Investitionen in Infrastruktur, von Mobilität über Energie bis zu Häfen, Flughäfen, Schutzräumen und Cyber-Sicherheit, bilden das Rückgrat militärischer Fähigkeiten“, sagt Axel Preiss, Partner bei EY Österreich und Defence Leader Europe. Die Effekte gingen über den Rüstungssektor hinaus: Solche Investitionen könnten die Konjunktur stärker ankurbeln als Rüstungsinvestitionen im engeren Sinn und bieten zugleich die Chance auf eine Modernisierung von Logistik, Verkehr und Energie.

Investitionsstau und knappe Kassen

Der Bedarf trifft allerdings auf strukturelle Engpässe. In Österreich wie in ganz Europa besteht bereits heute ein hoher Investitionsstau, die zugesagten Mittel müssten zusätzlich und möglichst kurzfristig aufgebracht werden.

Für Matthias Danne, stellvertretender Vorsitzender des Vorstands der DekaBank, führt daran kein Weg vorbei: „Der Staat wird die hohen Kosten der militärischen Infrastrukturinvestitionen nicht allein schultern können, ohne privates Kapital ist eine ausreichende Resilienz nicht erreichbar.“ Er verweist auf ÖPP-Modelle, die bei deutschen Behörden unbeliebt, international aber etabliert seien. Besonders bei Dual-Use-fähiger Infrastruktur in den Bereichen Energie, Netze, Logistik und Kommunikation ermögliche privates Kapital eine zügigere Skalierung. Auch in Österreich werde verstärkt diskutiert, wie sich privates Kapital für öffentliche Zukunftsprojekte mobilisieren lässt, ergänzt Preiss.

Als weitere Hürden nennt der EY-Partner lange Vorlaufzeiten, komplexe Genehmigungsverfahren und begrenzte kurzfristige Skalierbarkeit. Nötig seien daher beschleunigte Genehmigungen, eine koordinierte zivil-militärische Planung und eine stärkere europäische Abstimmung bei grenzüberschreitender Infrastruktur.

Was das für die heimische Szene bedeutet

Für Österreichs Technologieunternehmen trifft der erwartete Investitionsschub auf ein Feld, das sich gerade erst öffnet. Reine DefenseTech-Startups gibt es hierzulande kaum, die meisten agieren im Dual-Use-Bereich, also mit Produkten, die sich zivil wie militärisch einsetzen lassen. Genau dort setzt auch die Studie an, wenn sie Dual-Use-fähige Infrastruktur in Energie, Netzen, Logistik und Kommunikation als bevorzugtes Feld für privates Kapital nennt. Bewegung kommt zusätzlich von politischer Seite: Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer hat angekündigt, gesetzliche Hürden für die heimische Rüstungs- und DefenseTech-Branche abzubauen, unter der Bedingung, dass die Neutralität gewahrt bleibt.

Erste Finanzierungsrunden zeigen, dass das Thema auch bei Investor:innen ankommt. Das 2025 gegründete Grazer Startup GuardAero, dessen Systeme Drohnenbedrohungen an Militärfahrzeugen autonom erkennen und neutralisieren, holte sich zuletzt ein Seed-Investment im niedrigen Millionenbereich von Angels United und der Beteiligungsgesellschaft von Bernhard Klemen. Zuvor hatte das Team die „Austrian Defence Innovation Garage 2025“ gewonnen und kooperiert bei Entwicklungstests mit dem Bundesheer. Ob die von EY skizzierten Milliarden tatsächlich auch bei heimischen Startups landen, wird weniger von den Zusagen abhängen als von Genehmigungsverfahren, Vergabepraxis und der Frage, wie schnell Österreich seinen eigenen regulatorischen Rahmen nachschärft.

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