✨ AI Kontextualisierung
Es ist Anfang Dezember am Nassfeld. Über die vergangenen Tage hat es 45 Zentimeter Neuschnee gegeben, über 30 Liftanlagen stehen bereit. Kärntens größtes Skigebiet, das operativ von drei Seilbahngesellschaften getragen wird, startet in die neue Saison. Der Auftakt ist ein besonderer: Am ersten Skitag der Saison nimmt auch eine neue 10er-Kabinenbahn den Betrieb auf und bringt die Gäste auf den Gartnerkofel. Rund 16 Millionen Euro wurden investiert, um eine moderne Anlage zu errichten, die Fahrzeiten verkürzt, den Komfort erhöht und den Betrieb effizienter machen soll.
Wasserkraftwerk im Skigebiet
Wer ins Skigebiet will, startet im Gailtal bei Tröpolach mit dem Millennium-Express. Mit über sechs Kilometern ist er die längste Seilbahn Österreichs. In rund 17 Minuten geht es von der Talstation hinauf auf die Madritsche auf 1.900 Meter Seehöhe. Die Fahrt führt über den Rudniggraben. In der Schlucht befindet sich das Wasserkraftwerk Tröpolach, das auf den ersten Blick kaum sichtbar ist, für die Stromproduktion im Skigebiet aber eine zentrale Rolle spielt.

Energie wird zur Chefsache
Für Christian Krisper, Vorstand der Bergbahnen Nassfeld Pramollo, war Energie über Jahre hinweg ein klassischer Kostenfaktor, aber kein strategisches Thema. Das änderte sich mit der Energiekrise abrupt. Innerhalb kurzer Zeit stieg der Strompreis von fünf bis sechs Cent pro Kilowattstunde auf zwischenzeitlich 40 bis 45 Cent. „Wir sind von ein paar hunderttausend Euro Energiekosten auf Millionenwerte gekommen“, sagt Krisper. „Das hat direkte Auswirkungen auf den Cashflow – und damit auch darauf, welche Investitionen überhaupt noch möglich sind.“

Für ein Skigebiet ist das besonders heikel. Energie wird nicht nur für den Liftbetrieb benötigt, sondern vor allem für die Beschneiung. Hinzu kommen Pistenpräparierung, Gastronomie, Werkstätten, Gebäude und Infrastruktur. „Die Schneeproduktion allein macht bei uns etwa fünfzig Prozent der Energiekosten aus“, sagt Krisper. „Wenn man hier keine Kontrolle über Kosten und Verfügbarkeit hat, wird es schwierig, langfristig zu planen.“ Dies trifft insbesondere auf eine Branche zu, in der Investitionen auf Jahrzehnte ausgelegt sind.
Die Idee der Energiegemeinschaft
Die Antwort auf diese Entwicklung ist am Nassfeld eine Erneuerbare Energiegemeinschaft (EEG), die seit November 2024 aktiv ist und gemeinsam mit dem Wiener Energy-Startup Nobile rund um das Gründer:innen-Duo Lorena Skiljan und Peter Gönitzer umgesetzt wird.

Aktuell umfasst die EEG Nassfeld 58 Zählpunkte, über die Erzeugung und Verbrauch der beteiligten Unternehmen erfasst und verrechnet werden. Gesellschaftsrechtlich wird die Energiegemeinschaft von drei Unternehmen getragen: Die Bergbahnen Nassfeld Pramollo AG halten 75 Prozent der Anteile, die Nassfeld-Liftgesellschaft GmbH & Co. KG 15 Prozent und die Madritschen Seilbahnen und Tourismus GmbH zehn Prozent.
Geschäftsführerin der EEG Nassfeld ist Elisabeth Guggenberger. „Die Umsetzung ist dann überraschend schnell gegangen. Wir sind im Herbst in die Gespräche gestartet und haben die Gesellschaft im November beziehungsweise Dezember gegründet – in rund eineinhalb Monaten“, erzählt sie.
Kostentransparenz und niedrigere Netzgebühren
Der Ansatz ist dabei bewusst pragmatisch. Ziel war es, einen wirtschaftlich sinnvollen Rahmen für die beteiligten Betriebe zu schaffen. „Wir beobachten gemeinsam die Strompreise und haben ein Modell gewählt, das für alle Beteiligten gut funktioniert“, sagt Lorena Skiljan. Die Abwicklung erfolgt vollständig über eine zentrale Plattform, über die Erzeugung, Verbrauch und Abrechnung transparent zusammengeführt werden.

Auch aus operativer Sicht bringt die Energiegemeinschaft Vorteile. „Innerhalb der Gemeinschaft können wir Erzeugung und Verbrauch besser aufeinander abstimmen“, ergänzt Peter Gönitzer. „Dieses gemeinsame Preis- und Energiemanagement senkt die Kosten, ohne die Versorgungssicherheit der Betriebe zu gefährden.“
Konkret funktioniert das über eine bilanzielle Zusammenführung von Erzeugung und Verbrauch: Der Strom wird weiterhin über das öffentliche Netz transportiert, gilt wirtschaftlich jedoch als regional genutzt. Weil dadurch vor allem untere Netzebenen beansprucht werden und das überregionale Netz entlastet wird, fallen geringere Netzgebühren an. Zusätzlich reduzieren sich bestimmte Abgaben und Steuern – ein Effekt, der sich direkt im laufenden Betrieb bemerkbar macht.
Was die Zahlen zeigen
Wie sich das Modell im laufenden Betrieb auswirkt, lässt sich inzwischen anhand konkreter Daten nachvollziehen. Am Tag des Ski-Openings lag der Autarkiegrad im Skigebiet bei 36,4 Prozent. Mehr als ein Drittel des Strombedarfs wurde an diesem Tag durch die eigenen Erzeugungsanlagen der Energiegemeinschaft gedeckt.
Noch deutlicher wird die Spannweite Ende März. Am Samstag, dem 29. März 2025, lag der Autarkiegrad bei 91,6 Prozent. Ursache dafür ist die Erzeugungscharakteristik des Wasserkraftwerks: „Mit der Schneeschmelze steigen im Frühjahr die Durchflussmengen deutlich an, wodurch mehr Strom produziert werden kann“, so Gönitzer.

Auf Monatsebene relativiert sich das Bild, bleibt aber stark. Im März 2025 lag der durchschnittliche Autarkiegrad bei 67,7 Prozent. Über die gesamte Wintersaison gerechnet werden rund 50 Prozent des Strombedarfs im Skigebiet durch die eigenen Erzeugungsanlagen gedeckt. Für die Betreiber ist genau diese langfristige Betrachtung entscheidend – weniger die einzelnen Spitzentage als vielmehr der Effekt über Monate hinweg.
KI im Liftbetrieb und PV an der Bergstation
Digitalisierung spielt am Nassfeld jedoch nicht nur bei Energiefragen eine Rolle. Bei neuen Anlagen kommt bereits künstliche Intelligenz zum Einsatz, etwa bei dem KI-gestützten Sechsersessellift Tröglbahn. Kameras und Sensoren überwachen dort den Ausstiegsbereich. Erkennt das System ungewöhnliche Situationen, wird der Lift automatisch verlangsamt oder im Ernstfall gestoppt. Ziel ist es, die Sicherheit zu erhöhen und das Personal gezielt dort einzusetzen, wo es tatsächlich benötigt wird.

Auch bei neuen Liftanlagen steht Effizienz im Fokus. Die Tröglbahn bringt bis zu 3.000 Skifahrer:innen pro Stunde auf den Berg – bei einer Fahrzeit von rund fünf Minuten. Wer oben an der Liftstation ankommt, erkennt die PV-Module, die an der Bergstation angebracht sind und ebenfalls Strom in die Energiegemeinschaft einspeisen. Der größte Teil des im Skigebiet produzierten Stroms stammt allerdings vom Wasserkraftwerk im Rudniggraben.
Modell mit Strahlkraft
Auch wenn es bereits Skigebiete mit Photovoltaikanlagen oder eigenen Kraftwerken gibt, ist die Energiegemeinschaft in dieser Form noch selten. Die Kombination aus Wasserkraft, mehreren Seilbahnunternehmen und gemeinsamer Organisation gilt als Besonderheit. Entsprechend groß ist das Interesse aus anderen Regionen, sowohl in Österreich als auch darüber hinaus.
Künftig soll sich die EEG Nassfeld zudem für weitere Betriebe öffnen. Hotels, Gastronomie und Handwerksunternehmen im Skigebiet könnten dann Teil des regionalen Stromsystems werden. Die Vision ist ein Energiemodell, das nicht nur Lifte, sondern eine gesamte Tourismusregion trägt.
Während draußen die neue Gartnerkofelbahn ihre Runden dreht und der Millennium-Express weiter Gäste auf den Berg bringt, läuft im Hintergrund ein leiser Umbau. Einer, der weniger sichtbar ist als neue Lifte – der aber darüber entscheidet, wie widerstandsfähig ein Skigebiet in Zeiten volatiler Energiepreise tatsächlich ist.





